Heute bin ich Filmpat*in für No Other Choice im Filmhauskino Nürnberg. Leider haben mir die Reste einer Grippe aber meine Stimme geraubt: Bin stockheiser und muss leider absagen. Aber wenigsten habt ihr hier die paar Worte, die ich zu diesem Film sagen wollte:
Hallo, ich freu mich, dass ich Patin für einen der Filme in der wunderbaren Reihe Around The World In 14 Films sein darf – danke ans Filmhaus! Und für was für einen guten Film ich hier stehen darf: No Other Choice!
Park Chan-wook ist bekannt für Filme wie Oldboy, Lady Vengeance oder The Handmaiden, und als Produzent mit eigenem Filmstudio Moho Film hat er z.B. die Science Fiction-Dystopie Snowpiercer zu verantworten, einen meiner Lieblings-kapitalismuskritischen Filme.
Park Chan-wook, 1963 geboren und studierter Philosoph, wolle erst Filmkritiker werden, aber sagt, seine Begeisterung für Hitchcocks Vertigo war für ihn der Zünder, es dann doch mal selbst als Filmemacher zu versuchen. Zu unser aller Glück.
No Other Choice basiert auf einer Costa-Gavras Verfilmung von Donald E. Westlakes Roman “The Axe”, wird von Park Chan-wook aber meisterhaft in die Zeit des hochtechnologisierten Hyperkapitalismus neugeschrieben.
Für No Other Choice versuchte er zwölf Jahre lang Hollywood zu begeistern, aber fand dort keine Finanzierung- In einem Interview in der New York Times erzählt er, dass der Film für ihn eigentlich in die USA gehört hätte, weil es eine Geschichte über das kapitalistische System ist, und Amerika das Herz des Kapitalismus sei. Letztendlich machte er den Film in Südkorea, was ihm dafür die Chance gab, mit Lee Byung Hun zu arbeiten, dem koreanischen Superstar, hier bekannt für seine Rollen in Squid Game und KPop Demon Hunters.
No Other Choice entwickelt das weiter, was auch andere Filme von Park Chan-wook schon auszeichnete: schwarzer Humor, Grenzen ins Absurde und Groteske überschreitend, Auseinandersetzung mit toxischen gesellschaftlichen Männlichkeitserwartungen, den brutalen Tanz von Technologie und Umwelt, und natürlich immer wieder extreme Gewalt, aber auch Momente voller sanfter Sensibilität und Bilder voller ausdruckstarker Schönheit – auch pointensetzende Bilder, da merkt man auch manchmal den Hitchcock-Fan in ihm. Und den großartigen Einsatz von Musik in diesem Film möchte ich auch noch erwähnen
Ich hab No Other Choice selbst erst vor ein paar Tagen sehen können, und direkt danach – noch voll aufgewühlt vom Eindruck, den der Film in mir hinterließ – sah ich auf Mastodon einen Hinweis auf ein Whistleblower-Posting von einem Entwickler einer großen Essens-Lieferservice-App. Daraus will ich hier kurz zitieren, weil es für mich diesen Film so brutal im realen Arbeitsleben nachhallen lässt (edit: Casey Newton thinks it might be a hoax):
“Ich bin Backend-Entwickler. Ich nehme an den wöchentlichen Sprint-Planungsmeetings teil, in denen Produktmanager darüber diskutieren, wie sie weitere 0,4 % Marge aus den „menschlichen Ressourcen” herausholen können (so werden die Fahrer in den Datenbankschemata wörtlich bezeichnet). Sie sprechen über diese Menschen, als wären sie Rohstoffquellen in einem Videospiel und nicht Väter und Mütter, die versuchen, ihre Miete zu bezahlen.
(…) was mich wirklich krank macht – und der Hauptgrund, warum ich kündige – ist der „Desperation Score“ (Verzweiflungsindex). Wir haben eine versteckte Metrik für Fahrer, die anhand ihres Annahmeverhaltens erfasst, wie dringend sie Geld benötigen.
Wenn sich ein Fahrer normalerweise um 22 Uhr einloggt und jede noch so schlechte 3-Dollar-Bestellung sofort und ohne zu zögern annimmt, wird er vom Algorithmus als „hochgradig verzweifelt” eingestuft. Sobald sie markiert sind, zeigt das System ihnen bewusst keine hochbezahlten Aufträge mehr an. Die Logik dahinter lautet: „Warum sollten wir diesem Fahrer 15 Dollar für eine Fahrt zahlen, wenn wir wissen, dass er verzweifelt genug ist, um sie auch für 6 Dollar zu machen?” Wir heben uns die guten Trinkgelder für die „gelegentlichen” Fahrer auf, um sie an uns zu binden und ihre Erfahrung zu gamifizieren, während die Vollzeitfahrer zu Staub zermahlen werden.”
No Other Choice, “keine andere Wahl”, das ist ein Titel der an den Mythos der Alternativlosigkeit des neoliberalen Kapitalismus erinnert: Das TINA-Prinzip, benannt nach der Aussage der UK-Premierministerin Thatcher: “There is no alternative”, “Es gibt keine Alternative”, mit dem immer wieder Sozialkürzungen, Privatisierung öffentlicher Einrichtungen und Infrastruktur, der Abbau staatlicher Regulierung und das Primat individueller Verantwortung gerechtfertigt werden. Jeder für sich, alle gegen alle, das ist an Stelle einer solidarischen Gesellschaftsvorstellung getreten, das ist nicht neu, aber die Optimierung für den Markt wird durch algorithmische und AI-gestützte Automatisierung noch mal so krass verschärft, dass einzelne Menschenleben und menschliche Entscheidungen bis ins Absurde hinein als irrelevant und ohnmächtig verzerrt erscheinen. Unter diesen Vorzeichen guckt No Other Choice einfach mal, wie weit ein höherer Angestellter einer Papierfabrik für einen Arbeitsplatz gehen würde, mit dem er seine Familie unterstützen und seinen Status bewahren kann. Ich wünsch euch einen ganz wunderbar düster-amüsanten Filmgenuss!