Anlässlich dem Ende von Stranger Things

Nein, ich schreibe nicht wirklich über das Serienende von Stranger Things, das hat Jasper Nicolaisen hier auf Lazer Medusa schon wunderbar erledigt: “Die Geschichten, die wir verdienen. Zu Stranger Things.” Ich hab die Serie seit der dritten Staffel nicht mehr weitergeguckt, aber Jaspers Text hat mich so angesprochen, dass ich ihn zum Anlass nehme, was ich 2019 zur dritten Staffel für die ak geschrieben hatte, hier auch mal zu bloggen:

Stranger Things 3 – das 80s-Meme als Serienstaffel

Diie erste Staffel der Netflix-Serie »Stranger Things« vor drei Jahren war gelungene Nostalgie, die sich an Material aus den 1980ern orientierte: eine US-Kleinstadt im Jahr 1983, ein paar Fantasy-verrückte Zwölfjährige, ein Junge, der auf unerklärliche Weise verschwindet, seine Mutter, die sich damit nicht abfindet, ein immer misstrauischer werdender Polizist, ein Mädchen mit übersinnlichen Kräften, geheime Regierungslabors, Paralleldimensionen, blutrünstige Monster, schließlich der Showdown zwischen El, dem mysteriösen Mädchen, und dem Monster in der örtlichen Highschool.

Die Figurenkonstellationen und Bilder beschworen Erinnerungen an Filme wie »Stand By Me«, »E.T.«, »Poltergeist«, »Lost Boys«, »Goonies«, »Fright Night« und ähnlichen herauf, die Sorte Coming-of-Age-Filme, bei denen innerfamiliäre Probleme auf ein bedrohliches Fremdes ausgelagert wurden, das stets Elemente des Unerklärbaren in sich trug. Diese symbolische Ebene hat die Serie inzwischen komplett verloren. Der spielerische Dialog mit anderen Filmen ließ Raum für Assoziationen und war ein schöner Effekt, um die Story emotional zu verstärken.

In der aktuellen dritten Staffel ist daraus ein Schwall von Zitaten geworden. Vom russischen Bösewicht, der sich in Terminator-Pose wirft, bis zum Mind Flayer, dem neuen Monster, der in Nancys Gesicht atmet wie das Alien in Ripleys »Alien 3«. Anstelle des Spiels mit der Nostalgie ist ein checklistenhaftes Triggern des Wiedererkennens getreten. Weniger »Super 8«, mehr »Real Player One«. »Stranger Things« ist so zum nervigen Only-80s-Kids-Will-Understand-Meme geworden. Haste gecheckt, der Dialog in der Szene mit den Blueprints ist voll wie in »Sneakers«?! Den »Slammer«, einen elektrischen Hammer, mit dem Dustin aus dem Labor zurückkommt, hat auch schon der Vater in »Gremlins« gebaut. Bingo! Wer die meisten Anspielungen erkennt, hat gewonnen. Nur was?

Der Charakterentwicklung, den Veränderungen von Freundschaften wird kaum mehr Zeit gewidmet. Die Figuren wirken hölzerner. In »Stranger Things« 1 gab es noch Raum dafür, dass traumatische Erfahrungen Spuren hinterlassen. Wenn die Kinder in Staffel 3 nicht nur nicht traumatisiert, sondern nicht mal zumindest etwas misstrauischer sind, verliert die Geschichte an Plausibilität. Das wird noch verstärkt, wenn in wichtigen Szenen, zum Beispiel wann immer El ihre Kräfte einsetzt, es so wirkt, als hielten die Serienmacher*innen die Szene extra einen Sekundenbruchteil länger, um dem Publikum reinzuwürgen, dass sie teilbarer Content ist. Und natürlich gibt es inzwischen das Robin-Holding-A-Whiteboard-Meme. So werden Fans für zusätzliche Werbung auf Social Media aktiviert, die passenden GIFs stellt Netflix auf Giphy.com zur Verfügung. Natürlich gehört das inzwischen dazu, aber muss es so nervig-platt gemacht sein? Der Trick bei sowas ist eigentlich, dass du dich nicht manipuliert fühlst.

Dazu kommt etwas, wofür ich noch keinen Begriff kenne, aber es hoffentlich bald einen gibt: Das Gefühl, wenn Entscheidungen von Algorithmen spürbar werden – und so daneben liegen, dass du dich fragst, für wie blöd dich die künstliche Intelligenz eigentlich hält. Ein Zuviel an Dingen, die du eigentlich mal mochtest. Wie wenn du einen Wasserkocher auf Amazon kaufst und dir die Plattform die nächsten paar Monate wie ein kleiner Pinscher um die Beine springt: »Ich weiß, was du willst! Guck mal hier, ein Wasserkocher!« »Stranger Things« 3 ist so ein Fall, bei dem ich neugierig wäre: Wieviel davon ist aus Auswertungen von Netflix-Userdaten und Social-Media-Statistiken über die vergangenen Staffeln entstanden?

Es ist nicht neu, dass Serien auf Grundlage solcher Auswertungen weitergeschrieben werden, aber die Daten, die dabei zur Verfügung standen, waren noch nie so umfassend. Und Behaviorismus war auch lange nicht mehr so hip. »Stranger Things« 3 ist also vor allem eine Geschichte darüber, wieso die Netflix-AI das wahre Monster, der eigentliche Mind Flayer ist. Als ob eine unreife AI daraus, dass das Publikum die Achtzigerbezüge der ersten Staffel mochte, schloss, sie bis zum Erbrechen einzubauen. Userdaten fressend, spuckt sie die eklige Schleimversion einer TV-Serie aus, die du hättest mögen wollen. Ich habe nichts gegen trashiges Entertainment, aber »Sharknado« war wenigstens sechs Filme durch konsequent.

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