Wilde Plakate

btwwildplakat

Die Stadt Nürnberg geht seit kurzem massiv gegen freies Plakatieren vor. Das halte ich angesichts des Mangels an Alternativen für kleine non-profit Veranstalter*innen nicht nur für unverhältnismäßig, sondern für blanken Hohn.

Als es vor ein paar Jahren darum ging, ob es Sinn mache, es Hamburg gleichzutun, und sich zu einer Gruppe von Konzertveranstalter*innen zusammenzutun, um seine Kräfte für Anliegen gegenüber der Stadt besser bündeln zu können, ging es erst mal drum, was es denn eigentlich für Anliegen gäbe. Als Veranstalterin in einem freien non-profit Kollektiv in Nürnberg, dem Musikverein, war eines der ersten, die mir einfielen: Von der Stadt zentrale kostenlose Plakatierflächen zu fordern.

Ich weiß nicht mehr, wie lange es her ist, aber ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen in Nürnberg noch nicht alle Werbeflächen privatisiert oder unter städtischer Hand verkauft wurden. Als auch noch kulturell, sozial oder politisch engagierte Bürger*innen ihre Poster und Flyer an öffentliche Werbeflächen mitten in der Stadt hängen konnten und das war ganz schön interessant und großartig. Heute ist diese freie Kultur aus dem Nürnberger Stadtzentrum so gut wie komplett bereinigt: Dort ist nur noch Platz für die, die Geld haben, sprich Werbung für kommerzielle Massenkultur und -produkte. Der Rest ist im öffentlichen Raum unsichtbar.

Als wir das letzte Mal vor vielen Jahren für ein Konzert im Festsaal über offizielle Wege Plakatfläche buchten, kostete das bereits über 600€ für 100 DIN A1 Poster, die eine Woche lang hängen. Kleiner dürfen sie auch nicht sein. Das haben wir seitdem nicht mehr gemacht, weil wir es uns einfach nicht leisten können. Wenn ihr unsere Konzerte kennt, wisst ihr, dass wir meist so zwischen 7-10€ verlangen, wenn dann mal an einem Abend 50 Gäste da sind, heißt das, es kommen an der Tür ca. 400-500€ rein. Das reicht nicht mal für angemessene Band- und Technikerbezahlung. Von der Pacht und den Nebenkosten, die wir zahlen müssen, mal ganz abgesehen, um nur ein paar der Kosten zu erwähnen, die auch bei einem ehrenamtlich veranstalteten Konzert so anfallen.

Da es den meisten so geht, wird in Nürnberg in erster Linie in Konzertlocations selbst, in Kneipen und wenigen Geschäften plakatiert, die das erlauben – man unterstützt sich gegenseitig. Poster und Flyer drücken ja auch eine Zugehörigkeit der Kneipe oder des Geschäftes zu einer bestimmten Kulturszene aus. Sogenanntes Wildplakatieren ist in Nürnberg nicht nur verboten, sondern die Veranstalter*innen haften in jedem Fall, wenn ein Plakat, Flyer oder Aufkleber von einer ihrer Veranstaltungen an nicht dafür vorgesehenen bezahlten Werbeflächen im Stadtbild auftaucht – egal ob sie das selbst verteilt haben, oder es Fans der Bands oder DJs waren. Es gilt nicht einmal, wenn Ladenbesitzer*innen es ausdrücklich erlauben, dass an ihrer Hauswand etwas aufgehängt wird: Die Polizei ist in letzter Zeit massiv unterwegs und haut Anzeigen gegen alle möglichen kleinen Veranstaltergruppen raus.

Grund ist anscheinend, dass es der Stadt zu viel Guerrilla Marketing auch von größeren kommerziellen Firmen und Clubs gibt. Genaues weiß ich nicht. Wäre interessant zu erfahren, aber die Zeitungen in Nürnberg geben ja traditionell nur das weiter, was ihnen von Polizei und Stadtverwaltung vorgekaut wird oder als ein Mainstreamanliegen erscheint, so dass hier wohl auch keine kritische Berichterstattung zu erwarten ist. Oder?!

Die Stadtverwaltung muss hier in aller Deutlichkeit für ihre Unverhältnismäßigkeit kritisiert werden. Sie hat das komplette Stadtbild mit überteuerten Werbeflächen zugeballert, ohne dass die Bürger*innen sich gegen diese Inanspruchnahme des öffentlichen Raums, ihres öffentlichen Raums, wehren können. (Bis wir uns einmal Ad-Blocker für IRL-Werbung als App auf unsere AR-Brillen laden können, würde sich eigentlich durchaus auch mal ein Protest gegen die Durchkommerzialisierung des Öffentlichen Raums lohnen.)

Nachdem denen, die sich – oft in ihrer Freizeit – für ihre Art von Kultur engagieren, und die keine andere Möglichkeit mehr haben, als hin und wieder auch wild zu plakatieren, weil die Stadt alles andere unerschwinglich und damit schlicht unmöglich gemacht hat, ist es doch wirklich blanker Hohn sie jetzt dafür auch noch anzuzeigen. In welche Nischen sollen wir uns denn noch zurückziehen, in dieser Stadt, die alle Kreativität, die sich nicht unter die städtische Fuchtel bringen lassen will, und sich nicht für’s Stadtimage vermarkten lässt, mal mehr, mal weniger subtil auszumerzen versucht? Wer hier Freiheit will, kann sich ja bei der Blauen Nacht anstellen. Aber bitte innerhalb der dafür vorgesehenen Markierungen.

Davon abgesehen ist es auch doch ganz schön ignorant und kleinstädtisch gedacht, die ganzen liebevoll gestalteten Poster- und Flyer in ihrer gestalterischen Vielfalt nur als (unerwünschte) Werbung, und nicht (auch) als Ausdruck eines Zeit- und Gesellschaftsbildes in urbaner Kreativität zu schätzen. Aber es wird wohl immer Leute geben, die das erst 20 Jahre später anerkennen können, wenn sie sich dieselben Poster und Flyer dann im Museum oder in einem Fotoband angucken können, und denen lebendige Undergroundkultur ein Dorn im Auge ist.

Der Zusammenschluss von Konzertveranstalter*innen in Nürnberg, den ich eingangs erwähnte, ist nun längst gegründet: Er heißt Kulturliga und tümpelt so vor sich hin. Wir (musikverein) waren auch eine Weile dabei, aber sind wieder ausgetreten, weil uns da zu lange zu wenig geschah und wir neben all dem, was wir tun, einfach nicht die Zeit haben, uns jenseits konkreter Anliegen mit noch einem Verein zu beschäftigen. Und weil vielleicht auch einfach zu wenig Gemeinsamkeiten da waren. Was sich für mich z.B. an der Idee der Forderung nach kostenlosen Plakatflächen für nicht-kommerzielle kleine Veranstaltergruppen zeigte: Statt einer Umsetzung dieser gibt’s jetzt ein monatliches gemeinsames Übersichtsposter von Mitgliedern der Kulturliga. Das ist leider so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich mir darunter vorgestellt hatte: mehr corporate branding der Kulturliga statt Hilfe für den ganzen kulturell engagierten Underground dieser Stadt.

Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass die Kulturliga ihre Relevanz nun beweist, und es als ihren ersten großen Auftrag annimmt, jetzt engagiert gegen das völlig unverhältnismäßige Vorgehen der Stadt gegen freie Plakatiererei anzutreten und endlich kostenlose Werbeflächen im zentralen öffentlichen Raum für non-profit Kultur zu fordern!

NOSTALGIE DER STRASSENFOTOGRAFIE – TEIL 2: Privates im Öffentlichen

Espen Eichhöfer, ein deutscher Straßenfotograf, ist von einer Frau verklagt worden, die das Objekt eines seiner Bilder war und sie hat gewonnen. Irgendwie. Die Diskussion um den Fall klang in etwa so: “OMFG, das Ende der Kunstfreiheit! Die Straßenfotografie hierzulande ist dem Untergang geweiht!” In Nachrichtenmedien, Blogs und Social Networks kümmerte sich kaum jemand um die Position der Frau. Weil nichts gar so einfach sein kann, wurde ich neugierig, begann ein wenig darüber zu lesen und wurde hineingesogen. Die Querelen um Straßenfotografie machen Spannungen sichtbar, die mit unseren immer stärker überwachten und digital durchdrungenen Leben zugenommen haben. Während manche Straßenfotografen argumentieren, dass die Gesetze zu unserem Persönlichkeitsrecht veraltet seien, könnte das eigentlich auf sie selbst zutreffen.

Ich werde diese Woche ein paar bescheidene Gedankene zu ein paar Aspekten dieses gewaltigen Themas in ein 3-4 Teilen posten, weil es zu lang für einen Text geworden ist. Hier ist der zweite Teil.
(Die englische Version gibt es hier. Die Fotos sind von mir.)

Privates im Öffentlichen

Lasst uns einen näheren Blick auf das Urteil im Eichhöfer-Fall werfen, in dem viele deutsche Zeitungen und Blogs den Untergang der Straßenfotografie gedämmert haben sehen. Das Urteil besagt, dass, obwohl die Klägerin sich als das Foto gemacht wurde in einem öffentlichen Raum befand, sie offensichtlich in einer völlig privaten Lebenssituation war (das bedeutet: nicht als Teil einer großen Menschenmenge bei einem öffentlichen Ereignis wie einem Straßenfest, einer Demo oder einem Sportevent). So hat der Richter entschieden, dass in diesem Fall deine Privatheit, dein Persönlichkeitsrecht, Schutz verdient, auch wenn du dir dessen bewusst bist, dass du, sobald du öffentlichen Raum betrittst, potentiell unter irgendeiner medialen Überwachung stehen könntest. (BGH v. 17.2.2009, VI ZR 75/08, juris Rn. 13) Der Grund, den der Richter für seine Entscheidung angibt, ist, dass es eine beträchtliche Einschränkung deines Rechts auf freie Persönlichkeitsentfaltung bedeuten würde, wenn du dich wegen der Möglichkeit, dass du gegen deinen Willen fotografiert und publiziert werden könntest, nicht ungehemmt in der Öffentlichkeit bewegen könntest. Weil die Grenzen zwischen der Funktion des Fotos als Kunst, Dokumentation und Werbung verschwimmen, finde ich es wichtig, zu erwähnen, dass sich das Urteil bei diesem Punkt nicht auf das Bild im Kunstkontext der Galerie bezogen hat, sondern darauf, dass die Frau überlebensgroße auf einem Poster an einer großen vielbefahrenen Straße öffentlich aushing und auf diese Weise aus ihrer Anonymität gerissen wurde.

Ich kann durchaus nachvollziehen, dass Fotograf*innen mit dieser Entscheidung nicht glücklich sind, aber ich finde sie eigentlich fair. Die Berücksichtung des Punktes “in einer völlig privaten Lebenssituation” zeigt Respekt für kontextuelle Integrität und Konsens. Es drückt aus, dass auch wenn du das Opt-In für die Terms of Service dieses Staates dadurch geklickt hast, dass du hier lebst, du eine Chance bekommst, dagegen zu kämpfen, wenn jemand seine oder ihre Freiheit dazu missbraucht, dir potentiell zu schaden. So etwas zu entscheiden verdient eine vorsichtige singuläre Entscheidung statt einer allgemeinen Freiwild-Regelung zum Vorteil der Straßenfotograf*innen. Diese wäre nichts als ein “wenn du nicht fotografiert werden willst, bleib halt daheim”-Mittelfinger ins Gesicht aller Bürger*innen.

“Öffentlich” wie in “entanonymisiert”

Im öffentlichen Raum war die Standardeinstellung Anonymität; das war ein wichtiger Faktor darin, was Generationen junger Menschen suchten, wenn sie ländliche Gegenden verließen um in Großstädte zu ziehen. Die Macht selbst entscheiden zu können, wer uns kennenlernt und wer nicht. Der süße Duft der Freiheit Dinge ausprobieren zu können, die dir Anonymität verspricht. Vor Social Networks und intelligenten Bilder-Suchmaschinen, hätte flüchtige Wiedererkennbarkeit auch nicht so viel bedeutet. Heute sind wir keine Menschenmenge mehr, sondern wir sind eine Menge von singularen Gesichtern, die von einer Software identifiziert werden können. Selbstverständlich sehnen sich Leute mehr nach Anonymität, je mehr sie getrackt und überwacht werden. Deswegen denke ich, das Urteil im Eichhöfer-Fall war fair: Es geht nicht um “öffentlich vs privat” wie in “eine Straße überquerend vs im Wohnzimmer sitzend” (wie es die Straßenfotografen und ihre Verteidiger aussehen lassen wollen). Es geht um “öffentlich” wie in “entanonymisiert”.

Nostalgie nach dem Schweigen der einfachen Leute

Die digitale Durchdringung unserer Leben bringt natürlich einen neuen Dschungel von richtig und falsch mit sich, und es ist schwer, die Gesetze angemessen neu zu justieren, während wir noch mitten in den großen Veränderungen stecken. Wie Sixtus schreibt, hat das in der Straßenfotografie zu so etwas wie einem gesetzlichem Vakuum geführt und das hat einem Menge damit zu tun, dass Menschen endlich dessen gewahr werden, das Online und Offline, ebenso wie privat und öffentlich, tief ineinander verwoben und keine Gegensätze sind. Wenn du ein Bild deines Schlafzimmers auf Facebook postest – ist das privat oder ist das öffentlich? Hängt es davon ab, wer das Bild gemacht hat? Oder davon, mit welcher Privatheitseinstellung es gepostet wurde, so wie Facebook will, dass du denkst? Oder auf den Kontext, in dem es gemacht wurde? Sixtus beklagt, dass die Menschen sich, weil die Gesetze immer komplizierter werden, einer “Esoterik” zuwenden. Ich würde da “so er” aus “Esoterik” streichen, ein “h” kaufen und stattdessen lösen als: “Ethik”. Ethik hat die Qualität einer “gefühlten Wahrheit” und baut auf gesellschaftlichen Konsens auf und ändert sich leichter als Gesetze. Ethik ist fließender als Gesetze, aber sie als esoterisch abzutun wird ihr nicht gerecht.

Rechtliche Unklarheit für ein “wenn es möglich ist, dann tu’s einfach” Verhalten auszunutzen und das in “Freiheiiiit!”-Waschzettel einzuhüllen, die Mel Gibson blass aussehen lassen würden, erinnert mich an die Cyberspace-Wild-West-Romantik, die von einer alten Tech-Elite über die goldene Ära des Internets erzählt wird. Sie scheinen ähnlich blind für systemische Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten. Straßenfotografie war nie unproblematisch, es ist nur so, dass wir jetzt an einem Punkt sind, an dem die Stimmen ihrer Objekte auch gehört werden. Straßenfotograf*innen und Journalist*innen beschweren sich über diese lästigen Leute, die einst ein stilles Publikum waren oder sich geehrt fühlten, Objekte ihrer Arbeit sein zu dürfen. Diese Nostalgie nach ihrer einstigen Autorität, als Gatekeeper und als Expert*en mit besonderen Fähigkeiten dafür, die Welt einzufangen wie sie “wirklich” ist, ist nichts als Nostalgie nach dem Schweigen der einfachen Leute. Wenn ich eine Sache daraus gelernt habe, Artikel und Blogposts für diesen Beitrag hier zu lesen, dann ist es: Straßenfotografie ist narzisstischer als es Selfies jemals sein könnten. Es geht nicht darum, was du auf dem Foto siehst, es geht darum, was sein Zweck für den eigenen Status ist.

DER Öffentliche Raum hat sich verändert

Wir stehen immer noch am Anfang der Digitalen Revolution, besonders in Deutschland mit all seiner Technophobie. Es ist nicht gerade hilfreich, dass Straßenfotografen und Journalist*innen, die zur digitalen Elite gehören, ihren Status Quo als neue Norm setzen wollen, während es da draußen noch so vile gibt, die neuen Technologien (noch) nicht trauen, weil sie Angst vor Überwachung und Big Data haben. Straßenfotografie hat viel mit diesen Ängsten und dieser Sehnsucht nach Privatheit zu tun, aber sie nimmt diese nicht ernst. “Heutzutage ist Fotografie – und Straßenfotografie insbesondere – eine umstrittene Sphäre, in der all unsere kollektiven Unsicherheiten zusammenlaufen: Terrorismus, Pädophilie, Zudringlichkeit, Überwachung. Wir bestehen auf dem Recht auf Privatheit und, gleichzeitig, fotografieren wir alles, was und alle, die wir sehen und alles, was wir tun – im Öffentlichen und im Privaten – mit unseren Smartphones und Digitalkameras. Einerseits sind wir deswegen jetzt alle Straßenfotograf*innen, aber gleichzeitig sind wir die meistfotografierte und gefilmte globale Bevölkerung ever,” schreibt Sean O’Hagan, nicht über “öffentlich” und “privat” als Gegensatzpaar hinauskommend. Den Wunsch nach Anonymität mit dem Wunsch nach Zensur gleichsetzend, meint Sebastian Graalfs, der Anwalt Espen Eichhöfers: “es geht auch um die Frage, ob diese Gesellschaft noch einen öffentlichen Raum erlaubt?!, in dem Kunst – z.B. Straßenfotografie – stattfinden kann. Oder ob dieser öffentliche Raum atomisiert wird – in Millionen kleine Privatsphären. Das wäre dann die Entfesselung einer allmächtigen Privat-Zensur, die solche Ausstellungen und eine Kunstgattung unmöglich machten.” Georg Diez bemerkt eine wachsende “Kunstfeindlichkeit, das verzerrte und mit Misstrauen belegte Bild von Öffentlichkeit und die Ausdehnung des Privaten bis zur Usurpation noch der letzten Straßenecke. Die Stadt als Bühne verschwindet in dieser Argumentation, die Vorstellung der Straße als Ort der Gleichheit, der Sichtbarkeit, des Alltags, der sozialen Realität, der Geschichtsschreibung, der Erinnerung, der Kunst.”

Was sie zu vergessen scheinen ist, dass die Stadt als urbaner öffentlicher Raum schon viele dieser Qualitäten durch Überwachung, Kommerzialisierung und druckvoller Stadtplanung verloren hat, damit eine Vision der Stadt als Marke Wirklichkeit wird. Städte sind auf dem besten Weg für globalen Konsumerismus standardisiert zu werden und der öffentliche Raum ähnelt nicht mehr dem romantischen Bild einer offenen Zone, die für soziale Interaktionen und die Entfaltung lokal-orientierter Entwicklungen da ist. Das Misstrauen der Menschen ist nicht ohne Grund gewachsen. Wie die Architektin Selena Savić in einem Essay über defensive Architektur schreibt: “zeitgenössischer urbaner Raum wird komplett in Mikro-Zonen für singulare Nutzungsszenarien aufgeteilt. … Letztendlich, verteidigt uns unangenehmes Design oder defensive Architektur aber nicht von wirklichen Bedrohungen: einem systematischen Verfall von Privatheit und Anonymität in öffentlichen Interaktionen; überall Überwachung und TRacking; Missbrauch von Metadaten und anderen Arten privater Informationen; strukturelle Bedrohungen bürgerlicher Freiheiten durch das Koppeln von privatwirtschaftlichen Interessen und schwachen öffentlichen Institutionen. Das sind die wahren Bedrohungen für unsere Gesellschaft heute.” Das ist das öffentliche Szenario, das der Straßenfotograf heute betritt und an dessen sich verändernde Gegebenheiten er sich eben anpassen muss, so wie alle anderen auch.

Wenn überhaupt, dann ist Straßenfotografie am ehesten durch ihre Demokratisierung gefährdet. Mehr dazu im nächsten Teil.

TO BE CONTINUED.

Nostalgie der Straßenfotografie – Teil 1: Straßenfotografie im Kampf gegen das Gesetz

“My best pictures have always been those that I have never made.”
Elliot Erwitt

Espen Eichhöfer, ein deutscher Straßenfotograf, ist von einer Frau verklagt worden, die das Objekt eines seiner Bilder war und sie hat gewonnen. Irgendwie. Die Diskussion um den Fall klang in etwa so: “OMFG, das Ende der Kunstfreiheit! Die Straßenfotografie hierzulande ist dem Untergang geweiht!” In Nachrichtenmedien, Blogs und Social Networks kümmerte sich kaum jemand um die Position der Frau. Weil nichts gar so einfach sein kann, wurde ich neugierig, begann ein wenig darüber zu lesen und wurde hineingesogen. Die Querelen um Straßenfotografie machen Spannungen sichtbar, die mit unseren immer stärker überwachten und digital durchdrungenen Leben zugenommen haben. Während manche Straßenfotografen argumentieren, dass die Gesetze zu unserem Persönlichkeitsrecht veraltet seien, könnte das eigentlich auf sie selbst zutreffen.

Ich werde diese Woche ein paar bescheidene Gedankene zu ein paar Aspekten dieses gewaltigen Themas in ein 3-4 Teilen posten, weil es zu lang für einen Text geworden ist. Hier ist der erste Teil.
(Die englische Version gibt es hier. Die Fotos sind von mir.)

STRASSENFOTOGRAFIE IM KAMPF GEGEN DAS GESETZ

Anders als in vielen anderen Ländern ist in Deutschland das Persönlichkeitsrecht eher so gewichtet, dass es die Fotografierten schützt: Anstelle eines Gesetzes im Geiste von “öffentlich ist öffentlich” haben Menschen das Recht zu entscheiden ob und in welchem Kontext Bilder von ihnen veröffentlicht werden. Wie Andrea Diener erklärt, wird auf der Ebene von Einzelfällen abgewogen, ob der Wert eines Fotos als historisches Dokument oder als Kunstwerk das Persönlichkeitsrecht überwiegt. In einem Blogpost verdammte Günter Hack vor kurzem dieses Recht am eigenen Bild als “Nemesis jedes Street Photographers”. Für ihn und andere ist es veraltet und passt heute nicht mehr, weil es aus einem anderen historischen Kontext kommt. Sixtus schreibt, dass dieses Recht “aus der vordigitalen Zeit [stammt], aus einer Ära, als die ‘Veröffentlichung’ eines Fotos noch ‘Zeitung’ oder ‘Zeitschrift’ bedeutete, als sie die Ausnahme war und nicht die Regel. Aus einer Zeit, als noch nicht jeder Mitmensch eine Fotografiermaschine mit eingebauter Publikationstaste permanent in den Händen hielt.” Und tatsächlich basiert dieses Kunsturhebergesetz auf einen Fall von 1889, als zwei Paparazzi jemanden für die Möglichkeit bestachen, Fotos vom sterbenden Reichskanzler Otto von Bismarck zu machen.

Die Diskussion um die Dos und Don’ts der Straßenfotografie hat sich erhitzt, als vor ein paar Monaten eine Frau einen Straßenfotografen dafür verklagte, dass er ein Bild von ihr ausstellte. Viele Zeitungen und Blogs haben darüber geschrieben, und auch auf Twitter war es ein Thema. Der Fotograf, Espen Eichhöfer, hatte sie ohne ihr Wissen fotografiert und ihr Bild in einer Galerie ausgestellt, hieß es. Das Bild zeigt sie wohl als dominanten Teil einer Straßenszene, während sie in einem Leopardenmantel vor einer Pfandleihe über die Straße eilt. Eichhöfer nahm das Bild ab, als sie sich beschwerte, aber sie klagte dennoch. Sie bekam zwar kein Schadensgeld zugesprochen, aber das Gericht entschied, dass der Fotograf ihr Persönlichkeitsrecht verletzt hat und deswegen die Verfahrenskosten tragen muss. Das löste eine Empörungswelle unter Fotografen, Kunst- und Medienmenschen aus, die um nichts weniger fürchten als um die Kunstfreiheit und die Zukunft der Dokumentation des Lebens auf öffentlichen Plätzen: sie bangen um die Zukunft der Straßenfotografie. Eichhöfer bekam einen Haufen Publicity (darunter ein von ihm selbst verfasster VICE Artikel), die ihm nun die Berufung vor der nächsthöheren Instanz, dem Bundesverfassungsgericht, ermöglicht. Er möchte ein Grundsatzurteil gegen die “Kriminalisierung” von Straßenfotografie. Sein Crowdfundingziel waren 14.000€, er hat 18.000€ zusammenbekommen.

Ein weiterer Fall, der die Gemüter erhitzte, war das “Lex Edathy”, eine Gesetzesänderung, die es in relativ vager Formulierung strafbar macht, unbefugt von einer anderen Person eine Bildaufnahme anzufertigen oder zu verbreiten, die “geeignet ist, dem Ansehen der abgebildeten Person erheblich zu schaden.” Dagegen wurden natürlich Beschwerden laut, dass diese Formulierung dafür missbraucht werden könnte, kritischen Fotojournalismus unmöglich zu machen.

FÜR DIE FREIHEIT DER KUNST

Eichhöfer sieht sich selbst in der Tradition von Künstlern wie Henri Cartier-Bresson, Garry Winogrand oder Robert Frank: “Meine Fotos sind in dieser Tradition entstanden, sie halten spontane Alltagssituationen fest, die sich ungestellt vor der Kamera abspielen. Eine gelungene Straßenfotografie ist eine Verdichtung oder Zuspitzung vom Leben auf der Straße, im besten Falle ist sie Zeitdokument, Bestandteil des kollektiven Bildgedächtnisses.” Diese Art von Dokumentation ist viel bedeutender für ihn als der Wunsch der abgebildeten Person, obwohl er sagt, dass er es schon verstünde, dass manche Menschen ihr Foto nicht öffentlich ausgestellt sehen wollen.
Die Sorgen der Straßenfotograf*innen sind schnell aufgezählt und sie tauchen in Diskussionen in Blogs überall im Netz immer wieder auf. Hier sind einige, die Sixtus zusammengetragen hat:

  • Es ist technisch unmöglich, jede Person auf der Straße um ihre Erlaubnis zu fragen.
  • Sogar wenn es möglich wäre, Leute um Erlaubnis zu fragen, würden die meisten es dennoch nicht tun, da es den dokumentarischen Aspekt ihres Bilder zerstören würde: Sobald Menschen wissen, dass sie fotografiet werden, verändern sie ihr Benehmen und das Bild würde nicht länger eine authentische Szene zeigen.
  • Heutzutage hat jede*r Smartphones und macht und teilt die ganze Zeit Bilder öffentlich.
  • Bilder zu machen und zu teilen ist zur Kommunikationsart geworden, also käme ein Fotografieverbot einem Kommunikationsverbot gleich.

Günter Hack fügte das Überwachungsargument hinzu:

  • Kommerzielle und staatliche Überwachung sind allgegenwärtig. Kritisiert erst mal sie, denn sie könnten euch viel mehr schaden und haben dazu beigetragen, diese Situation zu normalisieren. Warum sollten Bürger*innen weniger Freiheit haben als der Staat?

FÜR DIE FREIHEIT DES WEGLASSENS

Während ich mit vielen dieser Punkte überhaupt nicht uneinverstanden bin, beschäftigte es mich, dass ich nur auf Artikel stieß, die auf der Seite des Fotografen waren. Die Frau, die Eichhöfer verklagt hatte, blieb in der öffentlichen Diskussion ein stummes Objekt, das Schlagzeilen wie “Wem gehört das Gesicht der Frau im Leopardenmantel?” abbekam, für Artikel, die sich nur um die Meinungen von Kurator*innen, Straßenfotografen und Eichhöfers Anwalt zu scheren schienen. Da Sachen niemals so eindeutig sind, wurde ich neugierig und begann ein bisschen rumzulesen und wurde in dieses Thema hineingesaugt. Einige dieser Artikel, und sogar Eichhöfers Crowdfunding-Versprechen drehen sich nur um die Version des Fotos, das in der Galerie ausgestellt hing. In Jörg Heidrichs Text las ich dann aber, dass das Bild auch für ein überlebensgroßes Poster verwendet worden war um die Ausstellung zu bewerben. Das führt mich dann dazu, mal das tatsächliche Urteil zu überfliegen (das gibt es hier). Es erwähnt noch ein Detail: Das Foto war auch auf der Facebookseite der Galerie zu sehen. Diese Punkte wurden in den meisten Texten zu diesem Thema weggelassen.

Ich denke, dass sie wichtig sind, denn sie bedeuten verschiedene Kontexte und verschiedene Abstufungen von Öffentlichkeit. In einer Galerie diskutierst du es als ein Kunstwerk in einem Kunstrahmen. Auf einem riesigen Poster auf einer öffentlichen Straße wird es in einem Werbungskontext verwendet und entanonymisiert die Frau viel mehr. Wenn ihr Bild auf einer öffentlichen Facebookseite auftaucht, wird ihr Gesicht von Gesichtserkennungssoftware erfasst. Diese könnte helfen, weitere Bilder von ihr zu finden und das könnte dazu genutzt werden Informationen über sie zu herauszubekommen. Um das richtig in Farben einer digital-durchdrungenen Welt auszumalen: Dass sie vor einer Pfandleihe abgebildet wurde, könnte zu einem schlechteren Schufareport führen. Sie könnte dafür getrollt werden, dass sie Pelz trägt. Sie könnte sich vor einem Ex-Ehemann verstecken, der sie verprügelt hat, und das Foto könnte ihm behilflich sein, sie aufzuspüren. Und, wie es so schön heißt: was einmal im Internet landet, kursiert dort für immer, so können mögliche zukünftige Konsequenzen noch gar nicht vorausgesehen werden. Jaja, ich übertreibe, aber das tun auch all die Texte, die sich nicht das kleinste bisschen um die Perspektive der Frau scheren. All diese möglichen Konsequenzen mitgedacht würde ich sagen, dass das Persönlichkeitsrecht in seiner deutschen Form zwar aus vordigitalen Zeiten stammen mag, aber besonders mit dem Ansatz nicht zu verallgemeinern, sondern anhand des jeweiligen Einzelfalles zu entscheiden, erscheint es mir gar nicht so unangebracht.

 

MAN BRAUCHT EIER

Die Geschichte der Leichtigkeit, mit der sich Social Photography (das Fotografieren und anschließende Teilen der Fotografie mit anderen auf Social Networks oder in Messenger-Apps) in vielen Teilen der Welt so weit verbreitet hat, ist auch die Geschichte der Dominanz der sozialen Gruppen, die am wenigsten davon zu befürchten haben, fotografiert zu werden. Ihre Stimme prägt auch den medialen Diskurs dazu. Leute, die es ablehnen, in der Öffentlichkeit fotografiert zu werden, werden als eitel betrachtet und in den meisten deutschen Artikeln, die ich zum Eichhöfer-Fall gefunden habe, zeigt der Tonfall wie auch der Inhalt keinerlei Sympathie für die fotografierte Frau. Es dreht sich nur um die Fotografen: Sie brauchen Freiheit, um tun zu können, was sie wollen, weil sie wichtige Kunst und wichtige Dokumentationsarbeit für die ganze Menschheit leisten. Meike Laaf sorgt sich um die Selbstzensur dieser wichtigen Künstler*innen ohne die Selbstzensur zur Kenntnis zu nehmen, die es für deren Objekte bedeuten kann: “Tanz, als ob dir niemand dabei zusähe” ist zu “geh nicht aus dem Haus, wenn du nicht willst, dass jemand von dir ein Bild macht, dass dich aus deinem Alltagsmoment reißt und vor einem großen Publikum öffentlich zur Schau stellt” geworden.

“Um heutzutage ein Straßenfotograf zu sein, brauchst du Bessenheit, Hingabe und Eier”, hat der Straßenfotograf Martin Parr einst gesagt, und tatsächlich scheint es eine recht maskuline Sphäre zu sein, wenn du den Tonfall betrachtest, mit dem die Fotografierten beschrieben werden. Eichhöfer prangert die Versuche von Leuten wie der Frau, die ihn verklagt hat, als “hysterisch” an. Günter Hack nennt sie “selbsternannte Opfer”, und verspottet sie: “ich stehle keine Seelchen, meine lieben, zarten Eingeborenen, mich interessiert nur wie das Licht auf belebte und unbelebte Körper fällt, auf dass die Nachwelt sich davon ein Bild machen kann, wie wir gelebt haben!” Als ob ein Fotograf in seinem Anspruch auf das Recht der Zudringlichkeit und Inbesitznahme weniger selbsternannt wäre. Als ob die Angst davor, dass eine*m die Seele gestohlen wird nicht tatsächlich eine gute Metapher für die Angst davor wäre, angeprangert, geoutet, getrollt, gestalkt usw zu werden. Auch Sixtus verhöhnt die möglichen Einwände seiner Objekte sarkastisch; dies ist einer der Untertitel zu einem Bild, dass er in seinem Text zum drohenden Untergang der Straßenfotografie verwendet: “Auch diese Dame wollte vermutlich nicht fotografiert werden. Zumindest entnehme ich das ihrem Blick. Im Dienste der Kunst habe ich ihren Wunsch jedoch ignoriert.” Sixtus wählt das “das machten doch alle”-Argument und verweist auf die Allgegenwärtigkeit von digitaler sozialer Fotografie, der zukünftigen Omnipräsenz von Life-Logging und Google Glass. Er ignoriert, dass dies (noch) nicht die Realität von allen um ihn herum ist. Während es langsam zur Realität wird, werden mehr und mehr Leute sensibel dafür und sehnen sich nach neuen Definitionen davon, was akzeptabel ist, was hingenommen werden muss.

TO BE CONTINUED.

“Network of blood” – Nathan Jurgensons Webtheorien

Illustration von Martin Müller www.183off.com
Illustration von Martin Müller www.183off.com

 

Once upon a pre-digital era, there existed a golden age of personal authenticity, a time before social-media profiles when we were more true to ourselves, when the sense of who we are was held firmly together by geographic space, physical reality, the visceral actuality of flesh.

Märchenstunden dieser Art kennen alle aus dem Feuilleton oder von YouTube-Clips wie “I forgot my phone” oder “Look up”. Parallel zur Verbreitung der Smartphones hat sich eine Bewegung entwickelt, die sie als sozial isolierend verdammt und jeden im Netz verbrachten Moment als einen betrachtet, den du im „echten“ Leben verpasst. “Digital Detox”, “Unplugging”, “Disconnecting” – die Abstinenz vom Netz, und sei es nur eine gemeinsame Mahlzeit im Freundeskreis lang, wird mit großen Gesten zelebriert und findet sich oft in das Umfeld von Wellness und ethischem Konsum eingebettet. Das gipfelt in Auswüchsen wie der Tap Project App von Armani und Unicef: Diese App misst, wie lange du es aushältst, dein Smartphone nicht zu checken, und pro zehn Minuten, die du offline verbringst, bekommt ein Kind in einer notleidenden Region für einen Tag den Wasservorrat, den es zum Überleben benötigt. Wenigstens wird dir dabei nicht ein sterbendes Kind – Tamagotchi-Style – angezeigt, falls du doch vorzeitig wieder online gehst. Bei so viel Besorgnis gegenüber digitaler Vernetzung ließe sich meinen, “unsere Integrität als Menschen stünde auf dem Spiel.” So Nathan Jurgenson, ein junger US-amerikanischer Soziologe, der sich intensiv damit auseinandersetzt, wie neue Webtechnologien uns und die Gesellschaft verändern.

Er schreibt seit Jahren gegen dieses Denken an, das er als “Digitalen Dualismus” bezeichnet. Dieser stellt eine falsche Nullsummenrechnung an: Die Zeit, die wir online verbringen, fehlt uns angeblich offline. Als würden wir aus der Offline-Welt verschwinden, sobald wir online gehen. Da wir aber nicht in der Filmwelt von Tron leben, tun wir das ebenso wenig, wie wenn wir telefonieren oder ein Buch zur Hand nehmen. Jurgenson sieht dies als konzeptionellen Fehlschluss: “Technologie, vor allem Social Media, wird als zu abgetrennt von denen betrachtet, die sie nutzen.”

Augmented Reality

Vor allem dank mobilem Web stehen unser Online- und unser Offline-Leben in einer immer stärkeren gegenseitigen Wechselbeziehung, die Jurgenson als “Augmented Reality”, als erweiterte Realität, bezeichnet: eine weiter gefasste “konzeptionelle Perspektive, die unsere Realität als Nebenprodukt der gegenseitigen Durchdringung von On- und Offline erschafft.” Der Begriff stammt ursprünglich von Technologien, bei denen das Digitale und das Physische sich überlagern, zum Beispiel in Form einer Reiseführer-App, bei der du zu einem Gebäude, das du durch die Fotolinse deines Smartphones betrachtest, Informationen eingeblendet bekommst. Augmented Reality ist von Jurgenson nicht als Gegenpol oder kulturhistorischer Nachfolgebegriff zum Digitalen Dualismus gemeint, sondern ersetzt eine von Beginn an falsch konzipierte Beziehung zur Technologie:

Diese Digital Dualists entwerfen das Web ähnlich wie in dem Film Matrix (1999), in dem On- und Offline getrennte Räume sind. Dagegen hält die Perspektive der Augmented Reality, dass unsere Realität da entsteht, wo On- und Offline verschwimmen, wie es im Film vielleicht am besten in Cronenbergs Body-Horror Film Videodrom (1983) veranschaulicht wird, der die Implosion von Technologie, Medien und materiellem Körper aufzeigt.

Wem an dieser Stelle Cyborgs in den Sinn kommen: Nicht von ungefähr heißt der Blog, den Jurgenson zusammen mit PJ Rey ins Leben gerufen hat, Cyborgology.

Das Facebook-Auge

Die Struktur und Logik von Social Networks und Smartphones verändert die Art, wie wir die Realität wahrnehmen und strukturieren – auch offline. Jurgenson erklärt das in “The Facebook Eye” am Beispiel des “Kamera-Auges”, das Fotograf*innen entwickeln: Das Auge wird zum Sucher, und auch wenn sie ohne Kamera unterwegs sind, sehen Fotograf*innen überall mögliche Motive und nehmen den Lichteinfall wahr. Social Networks wie Facebook beeinflussen uns in ähnlicher Weise, da sie uns “die Welt immer als potentielles Foto, als Tweet, als Check-In oder als Statusupdate erleben lassen.” Das bezeichnet Jurgenson als “Facebook-Auge”. Nebenbei sei hier auch mit dem Vorurteil vom unsozialen Netzmenschen aufgeräumt: “Und eben weil Social Media unsere Offline-Leben erweitern (nicht ersetzen), zeigen Untersuchungen, dass Facebook User mehr Offline-Kontakte haben als Nicht-User, sich mehr engagieren, und so weiter.”

Augmented Dissent

Nathan Jurgenson ist davon überzeugt, dass es nicht als historischer Zufall betrachtet werden wird, sondern dass “das Aufkommen von Mobiltelefonen und Social Media für immer mit globalen Massenmobilisierungen von Menschen im physischen Raum verbunden sein wird.” Vom Arabischen Frühling über Occupy bis zu den Gezi-Park-Protesten spielten Social Media eine große Rolle und manifestieren par excellence “Augmented Dissent.” Wo andernorts politisches Engagement im Netz oft als “Slacktivism” zerredet wird, also als faules und letzlich wirkungsloses Engagement, betont Jurgenson auch hier die dialektische Verschränkung von On- und Offline. Ob zur Organisation lokaler Besetzungen, großer Proteste oder um Neuigkeiten zu verbreiten, ob als Hashtag-Aktion auf Twitter, ob als Fotos oder Smartphone-Filme auf YouTube: Ohne auf traditionelle Medien angewiesen zu sein, haben Social Media Proteste und Protestformen in vielschichtiger Weise durchdrungen und geprägt. Diese sind durch das Netz partizipatorischer denn je geworden, und auch die Solidarität und Teilnahme Außenstehender wird besser wahrnehmbar. “Eine tiefliegende Bedrohung für jede Protestbewegung besteht darin, dass der Ehrgeiz und die Motivation sowie das Gefühl der Hoffnung, jedes Individuum könne etwas bewegen, schwindet. Mit Social Media können Leute den Unterschied, den sie machen, auch sehen. Sie konsumieren Dissenz nicht nur passiv, sondern beteiligen sich aktiv daran, ihn zu schaffen.” Social Networks bieten ein Publikum für Inhalte:

Protestierende rufen nicht mehr nur in den (aus Atomen bestehenden) Wind, sie rufen auch in ein (aus Bits bestehendes) Netzwerk.” Ebd. Facebook-Kommentare, Twitter-Retweets und -Replies stärken uns: “Erweitert um das Internet scheint das, was wir tun, mehr zu zählen. Das ist die nicht-mehr-ganz-so-geheime Waffe der ‘Augmented Revolution’.”

Utopia for whom?

Das Netz wurde lange Zeit eher als Ort, denn als Werkzeug für Alternativen gesehen. Die trügerische Wild-West-Verheißung des frühen Internets: ein neuer freier Raum zu sein, in dem sich etwas Großartiges , jenseits der unterdrückenden Realitäten von Geschlecht, Hautfarbe, körperlicher Fähigkeit, Ressourcenknappheit aufbauen lasse, in dem alte einengende Strukturen von heldenhaften Cyberpunks und Hacker-Cowboys weggefegt werden würden … ja, genau, unterbricht Jurgenson seine eigene Beschreibung schneidend: “Those were boy’s clubs”. Diese alte Utopie wischt er beiseite, denn: Nichts davon hat es jemals außerhalb der alteingesessenen sozialen Konstruktionen, Institutionen und Ungleichheiten gegeben, nein, diese sind der Technologie sogar ins Innerste eingeschrieben.

Als Beispiele nennt er die versteckten Profitmotive der Open-Source-Bewegung, wie sie Fred Turner aufgezeigt hat oder die Tatsache, dass Wikipedia die Kreation von Wissen ein paar weißen Männern aus den Händen genommen hat, nur, “um sie in die Hände von ein wenig mehr weißen Männern zu legen.” Er führt Lawrence Lessig und Saskia Sassen an, die die soziale und historische Bedingtheit von Computer Code erläutern, oder Danah Boyd, die gezeigt hat, wie stark Coding-Entscheidungen auf sozialen Netzwerkseiten aus den Voreingenommenheiten der (zum Großteil männlichen) Webingenieure resultieren – und das nicht selten zum Nachteil weniger mächtiger und verletzlicherer Menschen. Dass, wie Jurgenson meint, dominante Gruppen sich selbst als “neutrale” bzw. “natürliche” Menschen betrachten, hat eine lange Tradition. Und wer behauptet, Technologie sei objektiv und entsprechend in ihrem Rahmen handelt, ist ein Teil davon: Die Annahme einer Objektivität des Netzes und generell von Technologie ist ebenso wie der gesamte Digitale Dualismus nicht einfach nur falsch; sie ist auch gefährlich, da auf diese Weise Formen sozialer Ungleichheit unsichtbar gemacht werden.

Nathan 1

“Im Falle von Onlinedrohungen gibt es eine Person, die die Realität des Internets ganz intuitiv zu spüren bekommt: Die, die bedroht wird”, sagt Jurgenson. “Dass das, was im Netz passiert, nicht real sei, ist eine Konstruktion, die denen, die eine Drohung äußern, und denen, die sie rechtlich untersuchen, viel leichter fällt, als denen, die von ihr unmittelbar betroffen sind. Einer Frau zu sagen, sie solle doch ihr Laptop einfach eine zeitlang nicht mehr benutzen, ist, als würdest du ihr empfehlen, ihre Familie eine zeitlang nicht mehr zu sehen.” Trotzdem wird genau dieser Ratschlag von nicht besonders netz-affinen Polizist*innen nicht selten Frauen erteilt, die eine Internet-Vergewaltigungsdrohung zur Anzeige bringen wollen. Die Journalistin Amanda Hess erklärt: “Das ist für viele Frauen aber keine Option: Digitale Netze werden verwendet, um Communities zu finden, die sie unterstützen, um Geld zu verdienen oder um Auffangnetze zu spannen. Für eine Frau wie mich, die alleine lebt, ist das Internet kein Zeitvertreib zum Spaß oder zur Zerstreuung. Es ist eine notwendige Ressource für die Arbeit und gibt mir die Möglichkeit mit Freund_innen oder meiner Familie Kontakt zu halten.” Nathan Jurgenson kritisiert: “Silicon Valley hat die Macht, die Gesellschaft nach seinen Werten zu formen, die Offenheit und Konnektivität priorisieren. Aber warum wird es Ingenieuren [zum Großteil sind es Männer, Anm. E.M.] in Kalifornien überlassen, für Menschen überall auf der Welt zu entscheiden, was eine Belästigung ausmacht?”

Auch hier zeigt sich von welch großer Bedeutung die Perspektive der Augmented Reality ist: “Wenn wir begreifen, dass Politik, Strukturen und Ungleichheiten der physischen Welt ebenso Teil der digitalen Sphäre sind – einer Sphäre, die von Menschen mit Geschichten, Standpunkten, Interessen, Moralvorstellungen und Voreingenommenheiten errichtet wurde – dann ist das der erste Schritt um sie sichtbar zu machen und reflektieren zu können.” Und erst von diesem Punkt aus kann sinnvoll kritisiert und wirkungsvoll interveniert werden. Netzabstinenz aber ist weder eine Lösung für Belästigung im Netz noch um wieder in “Einklang” mit unserem vermeintlich “authentischen” Selbst zu gelangen.

The Liquid Self

“And our selves are not separated across these two spheres as some dualistic “first” and “second” self, but is instead an augmented self. A Haraway-like cyborg self comprised of a physical body as well as our digital Profile acting in constant dialogue.”*

Zwischen Konzepten des Selbst als vermeintlich authentischem Ausdruck einer seelenhaften Essenz und dem Selbst als Produkt sozialer Konstruktion und Performanz besteht ein Konflikt, den Jurgenson weit vor die Zeit der Social Networks zurückverfolgt: Von Max Weber über Zygmunt Bauman, von Jean Baudrillard bis zur Frankfurter Schule gibt es eine lange Tradition, die davon ausgeht, dass, wann immer die „natürliche“ Welt im Namen von Bequemlichkeit, Effizienz oder Sicherheit eine Veränderung erfährt, dies stets mit einem Verlust eines Teils ihrer Essenz oder Wahrheit einhergeht. Ganz besonders gilt das für Identitätstheorien. Von Cooleys „Looking Glass Self“ über Foucaults „Arts d’existence“ bis zu Butlers „Identitätsperformativität“: Theorien des Selbst setzen sich schon lange mit der Spannung zwischen Realem und Pose auseinander. Die genannten Theorien sind sich, so Jurgenson, auch einig darin, dass Menschen in der westlichen Gesellschaft generell ungern zugeben, dass das, was sie sind, strukturiert oder performt wird: „Poser“ oder „Selbstdarsteller*in“ genannt zu werden, stellt eine Beschimpfung dar; sich selbst treu sein dagegen drückt eine fixe Wahrheit des Selbst aus.

Der Diskurs der Digitalenthaltsamkeit nimmt genau diese Spannung auf: „Wenn das Digitale als ausschließlich virtuell missverstanden wird, dann fühlt sich das Ausklinken wie ein mutiges Wiedereintauchen in die Wildnis und Natur der Realität an. Wenn Identitätsperformance als Nebenprodukt von Social Media abgetan werden kann, dann haben wir eine neue Lösung für das alte Problem der Authentizität: „Klink dich aus! – Deine Menschlichkeit steht auf dem Spiel!“ Als ob durch die Abkehr von Technologie ein fixes authentisches Selbst wiederhergestellt werden könne. Jurgenson hält fest: „Wir können nicht weiterhin die Person als das zeitlich und kausal Vorgängige ansehen, und das Profile als etwas, das nur eine Darstellung derselben ist. Wir haben klare stichhaltige Belege dafür, dass die Person vom Profile* mitkonstruiert wird. Das Erleben erschafft die Dokumentation, und die Dokumentation erschafft das Erleben.“

Umso wichtiger ist es, ein dynamischeres Verständnis des Selbst durchzusetzen: „Anstelle eines einzigen, sich nicht verändernden Selbst, sollten wir uns ein fließendes Selbst, ein ‚Liquid Self’ vorstellen, eines das mehr Verb als Substantiv ist.“ Je mehr wir allerdings darauf beharren, dass digitale Vernetzung unser authentisches Selbst bedroht, desto mehr stärken wir die Fiktion eines fixen Selbst.

Pathologisierung des Digitalen

The smartphone is a machine, but it is still deeply part of a network of blood; an embodied, intimate, fleshy portal that penetrates into one’s mind, into endless information, into other people. These stimulation machines produce a dense nexus of desires that is inherently threatening. Desire and pleasure always contain some possibility (a possibility — it’s by no means automatic or even likely) of disrupting the status quo.

Der Aufruf zur digitalen Abstinenz geht oft mit einer Pathologisierung einher, wie Jurgenson feststellt. Kaum verwunderlich, wenn du bedenkst, dass es ja letztlich bei der Authentizitätsbesessenheit um eine Festschreibung dessen geht, was als normal gelten soll. Und was ist das Normale anderes, als eine Form des Gesunden? An Foucault erinnernd, der gesagt hat, beim Diagnostizieren einer Krankheit ginge es immer gleichermaßen darum, festzulegen, was gesund sei, fragt Jurgenson, was hier als neue Formen von Gesundem, von Normalität erschaffen werden soll. Es soll uns eine Technologieverantwortlichkeit auferlegt werden, die einen neuen Typus der Regulierung von Lust darstellt: Das digitale Verlangen gehört, gesehen und informiert zu werden, soll kontrolliert werden.

Digitale Enthaltsamkeit ist ein Polizist, den wir uns in unsere Köpfe heruntergeladen haben und der uns immer unser persönliches Verhältnis zu digitalem Verlangen bewusst macht.“ Der Angst vor dem Kontrollverlust wird durch Regulierung ein Riegel vorgeschoben: Neue Tabus werden errichtet, damit auch das digitale Verlangen nicht die Grenzen dessen überschreitet, was als „natürlich“, „menschlich“, „real“, „gesund“ und „normal“ gelten soll – „authentischer Widerstand gegen anderer Leute ungesundes und unauthentisches Sein“. Er führt aus: „Um ein Verlangen zu neutralisieren, muss ein moralisches Problem daraus gemacht werden, dessen wir uns ständig bewusst sind: Ist es okay, hier auf einen Bildschirm zu starren? Wie lange? Wie hell darf er sein?“

Das kennen wir zum Beispiel von den Beschwerden über hochgereckte Smartphones bei Konzerten. Das Unsound Festival hatte 2013 sogar ein Smartphoneverbot ausgesprochen – ein Statement für das authentische Erleben? Jurgenson stellt das in einem Interview mit Jason Farman in Frage: Wenn wir jede Technologie als etwas sehen, das uns am „echten“ Erleben hindert, sollten wir einmal unsere Handies wegstecken und eine Liste der Dinge erstellen, durch die das Konzert immer noch durch Technologie vermittelt erfahren wird. Die Architektur des Raums, dass wir Richtung Bühne blicken, ist eine Technologie, die unser Erlebnis formt. Auch was wir zum Konzert anziehen, markiert eine Technologie der Selbstpräsentation. Jurgenson wehrt sich dagegen, dass wir gegenseitig unsere Authentizität kontrollieren oder einander bewerten, wer nun authentischer und damit menschlicher ist. Wir sind alle Poser, selbst jene Leute, die bewusst keine Fotos auf Konzerten machen, um uns zu damit zeigen, dass sie für den Moment leben. Ein Konzertfoto oder Selfie heischt nicht unbedingt eitel um Aufmerksamkeit, sondern kann auch einfach der Kommunikation dienen; kann sagen, wo wir gerade sind oder dass wir es schön fänden, wenn noch andere da wären. Wir sollten Leuten gegenüber Verständnis haben, die ein soziales Erlebnis kommunizieren, ganz gleich auf welche Weise sie das tun. Besteht nicht, fragt Jurgenson, der eigentliche Narzissmus der Social Media in der kollektiven Vertiefung darin, sie regulieren zu wollen und zu entscheiden, was für andere erlaubt und gesund sei?

Die digitale Regulierungswut äußert sich oft unreflektiert. Ein Beispiel dafür lässt sich dort finden, wo sich sexuelles und digitales Verlangen vermengen: Sexting, das, vor allem wenn es um Jugendliche oder Frauen, geht, geradezu dämonisiert wird. Jurgenson enlarvt das als Teil einer gesellschaftlichen Tendenz, die sexuelle Handlungsmacht von Jugendlichen und Frauen auszublenden: als ob Sexting automatisch etwas wäre, das ihnen angetan oder von der Technologie auferlegt wird. Als ob es auf keinen Fall als Handlungsmöglichkeit betrachtet werden könne, bei der sie sich aus eigener Entscheidung spielerisch ausprobieren. Dass Sexting gerade für sozial verletzlichere Menschen eine sicherere Option sein kann, als sich auf körperliche sexuelle Interaktion einzulassen, wird dabei meist ignoriert.

Was hier eigentlich reguliert werden soll, ist das sexuelle Verlangen von Jugendlichen und Frauen: „Die Probleme, die mit Sexting assoziiert werden, haben mehr mit Sexismus als mit Sex oder Technologie zu tun.“ Jurgenson fordert stattdessen mehr Respekt im Umgang mit Privatsphäre und dem sexuellen Einverständnis, das an die Stelle von Victim-Blaming treten soll, wenn beim Sexting die Privatsphäre verletzt wird. Das wiederum verlangt nach einer Kritik der Geräte und sozialen Plattformen, die dafür zur Verantwortung gezogen werden sollten, wie viel Kontrolle sie den Nutzer*innen darüber einräumen, wie, mit wem und für wie lange sie etwas teilen.

Mehr Privatheit denn je

Es besteht kein Zweifel, dass wir durch Social Media öffentlicher geworden sind: Wir posten mehr Informationen über uns. Durch Smartphones sind wir häufiger mit dem Netz verbunden als früher, und ständig werden neue Informationsschichten erfunden: vom geographischen Check-In bis zum Herzschlagmesser der Health-App. Stärker noch als zu der Zeit, als Anonymität und Fakenamen noch üblich waren, sind unsere Onlineaktivitäten bei Facebook, wo die meisten Nutzer*innen mit ihrem Realnamen angemeldet sind, oder beim Online-Shopping mit unserer physikalischen Welt verknüpft. Jurgenson behauptet allerdings, dass mit unserer wachsenden Öffentlichkeit auch unsere Privatsphäre gewachsen sei: „Wir stellen uns Privatheit und Öffentlichkeit als Konflikt vor. Tatsächlich aber sind sie wie der Fächertanz ein sich gegenseitig verstärkendes System.“ Jurgenson und PJ Rey zitieren dazu den frühen Hacktivisten Eric Hughes: „Privatheit bedeutet, die Macht zu haben, selbst zu wählen, was der Welt von uns gezeigt wird.“

Um ihre Position zu illustrieren, greifen sie zu einem Bild aus der Burleske: dem erotischen Fächertanz. Nicht der komplett entblößte oder gänzlich verhüllte Körper des/der Tanzenden kennzeichnet ihn. Sein Reiz entsteht aus dem kreativen Wechselspiel, bei dem manches gezeigt und anderes verdeckt wird. Privatsphäre liegt in der dialektischen Performance und ist kein fixer, vor den Augen der anderen verborgener Ort. Wie aber kommt Jurgenson darauf, dass dies bedeute, dass mit unserer Öffentlichkeit auch unsere Privatsphäre wächst? Jedes Stück Information, das wir preisgeben, verbirgt genauso viel von uns, wie es enthüllt. Auf Bataille zurückgreifend erklärt Jurgenson, dass immer, wenn wir etwas Neues lernen, zugleich unser „Vorrat an Nicht-Wissen“ anwächst. Mit jeder neuen Information können wir Fragen stellen, die wir zuvor nicht hätten stellen können. Genauso verhält es sich mit unseren Informationen im Rahmen der Social Media: Wenn jemand ein Foto postet, können wir uns fragen, wer es gemacht hat, wer dabei noch anwesend war, wie es in Verbindung zu anderen in einem Album steht. Auch wenn wir uns diese Folgefragen nicht bewusst stellen, wissen wir doch stets, dass jede einzelne Information nicht die ganze Geschichte eines Ereignisses enthalten kann.

Ethik der Straßenfotografie

Neben der Kontrolle darüber, was wir zeigen, gehört zu einer funktionierenden Privatsphäre auch die darüber, wann und wo wir das tun. Nathan Jurgenson erläutert, wie die Überwachung durch Konzerne und Regierungen genau so wie allgegenwärtige Handyschnappschüsse zu einer kulturellen Perspektive geworden sind, bei der die Welt mit der Ethik von Straßenfotograf*innen behandelt wird: „Menschen in der Öffentlichkeit sind Objekte, die für sich beansprucht und ausgestellt werden können.“ Der Blick des oder der Straßenfotograf*in fängt ein, was provokativ oder catchy an jemandem ist – ihre Viralität, in Webspeak ausgedrückt. Im richtigen Moment wird abgedrückt und das Flüchtige eingefangen, um es in etwas Produktives zu verwandeln: Es wird gesammelt, zur Schau gestellt und sogar zu Geld gemacht.

Dieses „public’s public“-Denken, das alles Öffentliche als dokumentarisches Freiwild betrachtet, bleibt nicht auf den Bereich der Fotographie beschränkt: Tweets werden aus ihrem Zusammenhang, ihrem Stream, gerissen und auf News-Sites gepostet. Jurgenson erzählt auch von einer App, die öffentlich gepostete Facebook- und Foursquare-Daten dafür nutzte, um Frauen in der Nähe anzeigen zu lassen. Kritik erfolgt meist ähnlich wie beim Sexting als Victim-Blaming. Jurgenson zitiert dazu aus einem Artikel von Kashmir Hill aus der Forbes: „’You’re too public with your digital data, ladies,’ may be the new […] ‘your skirt was too short and you had it coming.’“ Einen Höhepunkt dieser Logik sieht er mit Google Glass erreicht, denn hier ist nicht einmal mehr erkennbar, ob du gerade gefilmt wirst oder nicht. Inzwischen gibt es vermehrt auch kritische Stimmen, z.B. die Datentheoretikerin Helen Nissenbaum, die Einwilligung und kontextuelle Integrität fordern, also dass Erwartungen, die dadurch entstehen, wo etwas gepostet wird, auch eingehalten werden. Denn: Öffentlich ist eben nicht gleich öffentlich.

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Endloses Archiv

Ein anderer Zenit ist im Überhandnehmen des Dokumentierten erreicht. „Ein Foto“, so Jurgenson, „ist genauso aus Zeit gemacht wie aus Licht.“  Theoretiker wie Andreas Kitzmann („museale Geste“) oder Jean Baudrillard („Museumifizierung“) haben die Logik der Kamera als Inbesitznahme eines Erlebnisses interpretiert. Wo früher nur wichtige Ereignisse fotografisch festgehalten wurden, ist heute infolge der Allgegenwart von Fotografie der Punkt erreicht, an dem es einem besonderen Augenblick letztlich mehr Gewicht verleiht, ihn nicht zu dokumentieren, als ein Foto davon zu machen. Je mehr Fotografien es gibt, desto weniger bedeuten sie. Instagram mit seinen nostalgischen Faux-Vintage-Filtern sieht Jurgenson als einen exemplarisch gescheiterten Versuch, Bildern durch optische Angleichung an historische Fotos wieder mehr Gewicht zu verleihen: zu „versichern, dass gegenwärtiges Leben genauso authentisch und nostalgiewürdig ist wie die scheinbar seltenen Bilder unserer analogen Vergangenheit.“

Das Festhalten an einem kategorisierbaren archivierten Selbst, wie es unsere Selbstdarstellung auf Social Networks wie Facebook verlangt, engt uns ein. „Dahinter steht eine Philosophie, die das Unordentliche und die Fluidität des Selbst nicht einfängt und daran scheitert, Wachstum zu feiern, und die vor allem schlecht für die am sozial Verletzlichsten ist.“ Nostalgie ist für Jurgenson eine Form der Besitzstandswahrung: Ihr gehe es darum, das Leben anzuhalten, zu behalten, in soziales Kapital umzumünzen – im Gegensatz zu einer Perspektive, für die es in Ordnung ist, dass Dinge vergehen, weil es Raum für Veränderung schafft. Bei den meisten Social Networks gehe es jedoch nur darum, die Gegenwart als zukünftige Vergangenheit zu fixieren. Facebook prägt unser Erleben dahingehend, dass wir unser Leben als etwas betrachten, bei dem wir jederzeit kurz die Pausetaste drücken können, um es zu dokumentieren, als wären wir sammelwütige Museumskurator*innen. Unser Leben wird in die statischen Kategorien des Profils gepackt. Schon immer gab es eine Spannung zwischen dem Erlebnis um seiner selbst willen und dem Erlebnis zum Zwecke seiner Dokumentation, aber Social Media haben sie bis zum Zerreißen ausgereizt.

Temporäre Social Media

Als einen radikalen Einschnitt empfand Jurgenson Snapchat, eine App, mit der sich Leute gezielt Bilder zusenden können, die nur für wenige Sekunden sichtbar sind, bevor sie automatisch wieder gelöscht werden: temporäre Fotographie. Auch Snapchat ist ein „Versuch der Re-Inflation“. Nathan Jurgenson sieht Parallelen zu temporärer Kunst wie sie Eisskulpturen oder Objekte der Decay Art darstellen. Solche Fotos würden nicht gemacht, um gesammelt oder archiviert zu werden. Sie sind schwer fassbar und entziehen sich der Systematisierung und Taxonomie im Rahmen eines Bewertungsschemas. Sie lassen die Gegenwart dort, wo du sie vorgefunden hast, statt sie als zukünftige Vergangenheit einzufangen. „Temporäre Fotografie fühlt sich mehr wie das Leben selbst, und weniger wie eine Dokumentation desselben an. … Als solche, ist die temporäre Fotografie zwangsläufig weniger sentimental und nostalgisch. Indem sie schnell ist, ist temporäre Fotografie ein kleiner Protest gegen die Zeit.” Archivierte Social Media fokussieren auf die Details eines Fotos, während temporäre Social Media darauf fokussieren, was es bedeutet und in dir bewegt hat. Sie inspirieren die Erinnerung, weil sie die Möglichkeit des Vergessens feiern.

Derzeit ist Archivierung die Standardeinstellung der Social Networks und Angst vor Inkonsistenzen prägt die damit einhergehende Identitätspolitik. Temporäre Social Networks könnten dazu beitragen, dass wir unsere Identität weniger als archivierte (bzw. als die Möglichkeit zur Archivierung implizierende) begreifen, und stattdessen eine mehr in der Gegenwart verortete Identität annehmen.

„Die Standardeinstellung von Social Media-Nutzer*innen die danach verlangt, sich ständig aufzunehmen und zur Schau zu stellen, beeinträchtigt die unschätzbare Bedeutung des Spiels mit Identitäten. Anders gesagt: Viele von uns sehnen sich nach Social Media, die weniger wie ein Kaufhaus und mehr wie ein Park sind. Viel weniger standardisiert, eingeschränkt und kontrolliert, ja, der Park ist ein Ort, an dem Du etwas Dummes anstellen kannst. … Fehler jedoch sollten gar nicht erst vermieden werden, weil das genau das ist, was die dominanten sozialen Netzwerke von uns verlangen, und was sich in unserer ständigen Über-Vorsicht dabei niederschlägt, was wir da posten.“

Stattdessen wären Plattformen sinnvoll, die Raum dafür bieten, sich auszuprobieren, ohne dass dieses Verhalten immer gleich festlegt, wer du bist und was du tun kannst. Das könnte unsere Beziehung zu Onlinesichtbarkeit, Datenprivatsphäre, zu Rechten an Inhalten und dem Recht auf Vergessen sowie sozialem Stigma und Shaming verändern. Langfristig hält Nathan Jurgenson es für wichtig, dass wir insgesamt unsere kulturelle Normen ändern, die derzeit Perfektion, Normalisierung und sich nicht veränderndes Verhalten als höchstes Gut ausgeben. Stattdessen sollten wir unser sich stets veränderndes Selbst annehmen: „Wir könnten die Norm der Identitätskonsistenz aushöhlen, weil diese Norm sowieso niemand erfüllen kann, und Veränderung um ihrer selbst willen feiern. Veränderung wäre dann kein Makel mehr, sondern etwas Positives ein Beleg für unser Wachsen; ein Identitätsmerkmal und kein Identitätsmakel.


* = Nathan Jurgenson benutzt „Profile“ als Term für das Daten-Set unserer kompletten Onlinepräsenz, während „profile’“die Präsenz auf einem spezifischen Webservice ist.

Dieser Text erschien zuerst in Print, in der Testcard #24: Bug Report. Digital war besser.

Wer das alles spannend findet, sollte sich auf keinen Fall die von ihm mitorganisierte Konferenz THEORIZING THE WEB entgehen lassen, die am 17./18. April in New York stattfindet. Sie ist auch per Livestream und prima moderierten Twitter-Hashtags mitzuverfolgen. Das Programm liest sich auch dieses Jahr wieder superinteressant.

Leseempfehlungen:

Nathan Jurgenson:

The Disconnectionists“, in: The New Inquiry 22

The IRL Fetish“, in: The New Inquiry

When Atoms Meet Bits: Social Media, the Mobile Web and Augmented Revolution“, in: Future Internet

The Facebook Eye“, in: The Atlantic

Digital Dualism versus Augmented Reality“, in: Cyborgology

Digital Dualism and the Fallacy of Web Objectivity“, in: Cyborgology

The Data Self (A Dialectic)“, in: Cyborgology

The Liquid Self“, in: Snapchat Blog

Nathan Jurgenson on Photography, Self-Documentation & Social Media – interview by Jason Farman (Youtube)

On Sexting“, in: Nathan Jurgenson Blog

Rethinking Privacy and Publicty on Social Media: Part I“, in: Cyborgology

Why Privacy Is Actually Thriving Online“, in: Wired

“The Fan Dance: How Privacy Thrives in an Age of Hyper-Publicity”, in: Geert Lovinkg und Miriam Rasch (Hg.): Unlike Us Reader. Amsterdam: Institute of Network Cultures, 2013. S. 61

Permission Slips“, in: The New Inquiry

Pics and It Didn’t Happen“, in: The New Inquiry

Temporary Social Media“, in: Snapchat Blog