Entdemokratisierendes Empörungsfeuilleton empört über empörte Proteste

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“We firmly oppose any form of gathering or protest, and we encourage a more rational form of communication for solving problems.”
Sprecherin von Uber

Was für eine saturierte und privilegierte Position in der Gesellschaft musst du eigentlich innehaben, um in Zeiten, in denen Leute so verzweifelt sind, dass sie selbst im sonst doch recht protestfaulen Deutschland wieder streiken und demonstrieren gehen, das mit einer sarkastisch-abgeklärten Geste als kindische Empörung vom Tisch zu wischen? Nein, nicht nur zu wischen, sondern süffisant und pseudowissenschaftlich wegzutheorisieren. Ein Rant hätte mich nicht so geärgert wie Ursula März’ herablassender Tonfall in “Ein Land spielt Kleinkind. So viel Streik und Demo waren nie – was steckt hinter der Empörungsbereitschaft?” Laut ihr: die Infantilisierung unserer Gesellschaft. Das steht in unheiligem Einklang damit, wie von Teilen der Presse immer wieder der “Internetmob” beschrieen wird, eine unkritische Herbeischreibung, die sich um eine detailliertere Betrachtung einzelner Hintergründe drückt.

Wenn nun auch Streiks und Proteste ähnlich harsch abgetan werden, hat das langsam wirklich gar nichts mehr mit der Rolle des Journalismus zu tun, der sich Spezialrechte wie Pressefreiheit als vierte Gewalt erkämpft hat, sondern trägt selbst die Saat der Entdemokratisierung in sich, die sie beklagt, ja: trägt sogar zu dieser bei, indem sie ihr Subjekt, die Öffentlichkeit, nicht ernstnimmt. Sie ist in den letzten paar Jahren in den Medien gefährlich gewachsen, diese Tendenz, eine Vielzahl von Individuen, die sich aus ganz verschiedenen Gründen auf ganz verschiedene Protestformen einlassen, auf Begriffe wie “Internetmob” oder “Wutbürger” zu reduzieren, und ihnen mit meinungsmachenden Schlagworten wie “Empörung”, “Hysterie” oder “Infantilismus” die politische Mündigkeit abzusprechen. Das Verhältnis von Regierung und ihr konformer Medien zur Gesellschaft erinnert gar manchmal an Strategien, mit denen Frauen jahrhundertelang mundtot gemacht wurden, nur das “Hysterie” jetzt “Empörung” heißt.

März’ Artikel sollte ruhig mal im Kontext anderer Entdemokratisierungspropaganda* (oder sagt man “PR”?) gelesen werden: Eine Dauerschleife von Polizeisoaps und -serien im Fernsehen, in denen die Staatsgewalt stets als die mit gesundem Menschenverstand Durchgreifenden, die Bürger*innen dagegen als sich danebenbenehmende Kinder dargestellt werden, deren Fehlverhalten korrigiert werden muss. So anders als die Super-Nanny ist das nicht. Social Media Accounts der Polizei fügen sich da nahtlos an: Es werden meist Bagatellfälle aufgezählt, die sich putzig-lustig retweeten lassen. Selbstverständlich fällt dort kein selbstkritischer Ton – von der Polizei, die Flüchtlinge oder Demonstranten misshandelt und die Racial Profiling durchsetzt, ist weder in Polizei-Reality-TV noch bei Polizei-Twitter-Accouts etwas zu hören.

Ähnlich ist es in März’ Artikel, denn sie sucht sich bewusst Beispiele wie eine Demo wegen Hundekot aus, die sich ins Lächerliche ziehen lässt, während sie das Ausbleiben dessen, was ihr persönlich wichtig wäre (eine Demo gegen die NSA-Überwachung) als fehlend beklagt. Warum manche Protest ausbleiben, die politisch brisanter wären, dafür hat ein Kommentar zum März-Artikel ein paar analysierende Worte, die ich ganz treffend finde: “Auch werden die Themen der Demonstrationen nicht wirklich infantilisiert, sondern man weicht auf die Themen aus, die noch im Einflussbereich des Bürgers liegen. Das ist eine Folge der Entdemokratisierung und der Kunst des Aussitzens, die Politik und Lobbyismus mittlerweile fast bis zur Perfektion erlernt haben.”

Neben den erwähnten Polizei-Social Media-Accounts gibt es noch spezielle Twitter-Accounts für Proteste wie Blockupy oder G7 Einsätze, durch die eine Pressearbeit, die sich bei solchen Demos oft sowieso schon aufs Dämonisieren der Demonstrierenden als Randalierer beschränkt – muss ja bloß noch von Polizeipresseberichten abgetippt werden. Oft werden Demo- und Streikberichterstattungen auch gleich politisch entleert und zu bloßen Verkehrs(behinderungs)meldungen reduziert. Wo Social Media eine zeitlang noch ein öffentlicher Raum des Gegenpols waren, in denen die Stimmen, die sonst kein Sprachrohr habe, sich mit teils großer Reichweite äußern konnten, bedient sich nun der Staat solcher Polizeit-Accounts als, wie John F. Nebel treffend beschrieben hat, “Instrument einer gut gemachten, offensiven und gleichwohl repressiven Öffentlichkeitsarbeit”.

Wie so durch verschiedene mediale Formate die Bevölkerung einander immer misstrauischer gegenüber gemacht wird, wie dadurch zu Entsolidarisierung beigetragen wird, wie auch vor allem eine Arbeiter*innen/Arbeitslosen/Prekäre-Klasse medial bis zum Selbsthass dämonisiert wird, dazu empfehle ich immer noch Owen Jones’ “Chavs” als Lektüre, mir fehlt leider die Zeit hier weiter darauf einzugehen.

Wie immer bei solchen Artikeln des Emotionalisierungsfeuilletons stellt sich mir auch hier wieder die Frage: Warum distanzieren sich eigentlich keine von den Journalist*innen, die sonst noch für das jeweilige Blatt schreiben? Es fällt mir schwer, euch als kritische Berichterstatter*innen mit Rückgrat ernstzunehmen, wenn ihr solche Ergüsse neben euren Texten im selben Blatt einfach ohne ein Widerwort toleriert. Ich weiß, ihr müsst von etwas leben, aber gerade ein*e Journalist*n sollte doch dafür nicht eine kritische Haltung über Bord werfen. Oder äußert ihr euch euren Redakteur*innen gegenüber und es ist nur nach außen hin davon nichts mitzubekommen? Ich frage mich das tatsächlich immer wieder, da ich durchaus noch gewillt bin, an eine kritische und engagierte Presse zu glauben. Den Groll diesbezüglich hätte auch ein Don Alfonso oder Martenstein, und so gut wie jede große deutschsprachige Zeitung abbekommen können, aber jetzt ist es halt heute Ursula März geworden.

Mich – pardon the Ausdrucksweise, aber es muss mal so deutlich raus – kotzt es an, wie regelmäßig und selbstverständlich Zeitungen dem Herumtrampeln auf sozial Schwächeren Raum geben, um unter dem Scheindeckmantel des Meinungspluralismus durch Empörung mehr Klicks und Leserschaft, die Werbeanzeigen ansieht, zu mobilisieren. Peinlich ist, wenn Leute von denselben Medien dann ein Newsunternehmen wie Buzzfeed belächeln oder gar verachten. Wenngleich ich durchaus auch einiges an Buzzfeed auszusetzen habe: Ihr Emotionalisierungsjournalismus tritt wenigstens nicht nach unten.

[/rant]

*) trust me, ich verwende den Begriff “Propaganda” nicht leichtfertig, sondern habe ihn 10x auf der Zunge rumgedreht, bevor ich ihn letztlich doch hier reingetippt habe, denn es scheint mir schon die Größenordnung und Häufigkeit erreicht, in der er angemessen ist

P.S.: Viva Kidulthood!

Bildcredit: Damit es nicht nur eine Textwüste ist, habe ich ein Bild der Wiese geknipst, die ich beim Schreiben vor mir hatte. Um 90° gekippt, weil kindisch. Und mit Filter “Salomon”, denn Bildungsbürgeranspielungen kann ich schon auch ein bisschen. Ein bisschen.

 

Social Photography: Keine Knappheit, keine Gatekeeper

noscarcitynomasters

(this text in english)

Nur ein paar Gedanken. Die NSA hat uns unfreiweillig das Credo unserer Zeit gegeben, den Satz “Collect it all!” Wir knipsen vor uns hin, halten Momente in Bildern fest, speichern zahllose Fotos und Videos auf unseren Festplatten und Smartphones, wir fügen immer mehr zu unseren endlos wachsenden Bilderarchiven auf anderer Leute Festplatten (Clouds und sozialen Plattformen) hinzu. Billige Speichermöglichkeiten, digitale Kameras auf demselben Phone auf dem du auch deine gratis Social Sharing Apps hast, halbwegs erschwingliche mobile Verbindungen in vielen Ländern – das alles hat und verändert immer noch tiefgreifend die kulturelle Bedeutung und Funktion von Photographie. Ein Punkt ist, dass dadurch Dokumentation zuetwas geworden ist, bei dem wir jegliches Gefühl für Knappheit verloren haben. Der Wired Editor Joe Brown plädiert sogar für diesen Ethos: “Ich habe einen Pakt mit mir geschlossen: Ich lösche Fotos nicht mehr. Ich hab mir das iPhone mit der größten Kapazität geholt, meinen Dropbox-Account upgegradet, und jedes Bild hochgeladen, dass ich finden konnte.” Sein Ziel? Eine “ehrliche Aufnahme meines Lebens.” Das einzelne Foto in seiner Funktion als Repräsentant für etwas größeres genügt nicht mehr. Für jemanden wie Joe Brown ist das einzelne Foto wie einer in einer Million Frames, aus denen der Film seines Lebens zusammengesetzt werden könnnte.

ENDLOSES VERLANGEN NACH MENSCHLICHER INTERAKTION BRINGT ENDLOSE ARCHIVE UNSERER LEBEN HERVOR

Ich teile die Ansicht, dass wir uns an der Kippe von Archiven zu Flüchtigkeit befinden, was unsere “sozial” geteilten Medien anbelangt, weil es bei ihnen für viele inzwischen mehr um Kommunikation als um Dokumentation geht. Bei manchen sogar um Teilnahme, nehm nur die #sleepingsquad Kids, die sich einander gegenseitig auf YouNow beim Schlafen livestreamen. Wie so viele andere Besitzer von sozialen Plattformen, die ihre Produkte nicht ganz verstehen, erklärt der YouNow Macher #sleepingsquad mit Internet- und Social Media-Sucht, aber Katie Notopoulos bringt es in ihrem Text über das Phänomen treffend auf den Punkt: “Das schmerzhafte Verlangen mit menschlicher Interaktion durch die Langeweile des Alltags zu schneiden ist die treibende Kraft von allem im Internet.” Oder wie Nathan Jurgenson nicht müde wird zu erklären: Wir sind nicht süchtig nach Smartphones, wir sind süchtig nach einander. Und um ehrlich zu sein, wenn ich heute ein Teenager wäre, würde ich auch 24 Stunden am Tag mit meinen Freund*innen powerlivestreamen. Ich erinnere mich sehr gut darn, wie ich dauernd mit meinen Freund*innen in Kontakt sein wollte. Das alte Klischee der Jugendlichen, die, nachdem sie gerade noch auf ihrem Heimweg von der Schule mit ihren Freund*innen gequatscht haben, als erstes wenn sie heimkommen sich gegenseitig anrufen um weiter zu reden? So war ich, jeden einzelnen Tag.

Aber derzeit sind von den großen öffentlichen sozialen Plattformen nicht mal die, die sich etwas mündlicher anfühlen, wie Twitter zum Beispiel, ephemeral (also: flüchtig, die Nachrichten und Bilder wieder löschend). Derzeit wachsen unsere Archive. Unser endloses Verlangen nach menschlicher Interaktion bringt endlose Archive unserer Leben hervor. Wenn wir uns dauernd dessen bewusst wären, was wir vor Jahren gepostet haben und was online immer noch sichtbar ist, dass es alle finden können, durch Suchfunktion oder imdem sie sich ihren Weg in unsere Vergangenheit infinite-scrollen können – es würde uns verrückt machen und wir hätten sofort das Gefühl das erklären zu müssen, dass wir ganz anders waren, damals. Wir würden einen Kontext geben wollen, unsere Veränderung erkären wollen. Die Faux-Ephemeralität, die Fake-Flüchtigkeit des Timeline Streams auf Social Networks sind ein Mittel, damit uns diese Archive nicht überwältigen. Du postest ein Foto, ein paar Leute reagieren darauf oder nicht, das Foto verschwindet aus deinem Blick, wenn die nächsten Dinge gepostet werden, das Foto ist vergessen. Dein Fokus ist (halbvolles Glas:) die menschlichen Interaktionen, die es erzeugt / (halbleeres Glas:) die metrische Belohnung, die dafür sorgt, dass du mit dem Wunsch nach mehr immer wieder zurückkommst – yeah, 5 neues Likes oder Favs! Dein Fokus wird weggestupst von dem, was du dokumentiert hast, vom Archiv, das du baust. Sogar Fotografie-Plattformen wie Flickr oder Google Photos haven den Infinite-Scroll Stream und immer mehr “social” Elemente (teilen, kommentieren, Liken) gewählt um unsere Inhalte anzuzeigen.

Es gibt da eine Dissonanz: Viel der heutigen Dokumentation von Alltagsleben resultiert aus dem Wunsch nach kurzzeitiger sozialer Interaktion, aber wächst zu riesigen Archiven. Durchsuchbaren Archiven. Archiven, die nicht nur anhand von Tags, die du für deine Bilder ausgewählt hast, etwas finden: “Intelligente”, lernende Suchfunktionen helfen dir auch dabei Bilder durch Gesichtserkennung zu finden. Du kannst nach Fotos von jemandem suchen, indem du ein Bild ihres Gesichts hochlädst. Du kannst “Katze” tippen und wirst Bilder von Katzen gezeigt bekommen. (Okay, und von Dingen die ungefähr katzenförmig sind, denn so gut funktioniert es auch wieder noch nicht. Je mehr Input diese Mechanismen bekommen, desto besser werden sie aber, und wir füttern sie genau so gut wie unsere Katzen.) Sogar Mapping ist möglich: Dieses Suchding soll sogar Orte wiedererkennen, sogar von Bildern, die nicht geo-getagged sind. Diese riesigen Archive von Amateurfotografie sind zu wundervollen und faszinierenden Galerien geworden und eine wichtige Quelle für Fotografie. Sogar wenn sie nicht zum Zweck einer bleibenden Dokumentation unserer Leben gemacht wurden, werden viele dieser Bilder genau dafür verwendet. Und dieses Mosaik von Billionen von Fotos ergibt einen tieferen Eindruck unserer Alltagsleben, als es Straßenfotograf*innen je festhalten könnten.

Wenn Bloggen die Demokratisierung von Veröffentlichung war, hat Social Media uns Säkularisierung gebracht

Als vor Jahren Bloggen zu einem größeren Phänomen wurde, reagierten viele Leute zuerst, als sei es Blasphemie, dass Leute einfach so ihre Meinungen, ihr Wissen oder ihre Alltagserfahrungen veröffentlichten. Sogar letztes Jahr noch bekam ich einen Blogkommentar in Richtung “Was qualifiziert dich denn überhaupt dazu, das zu veröffentlichen?”, ein Versuch meine Stimme abzuwürgen. Als soziale Netzwerke den Mainstream erreichten hörtest du ähnliche Stimmen die Banalität der Inhalte anzukreiden, die Leute teilten: Wie kannst du es wagen, öffentlich so banale Dinge, wie deine Mahlzeit zu dokumentieren? Was hat dein unscharfes Bild von einem Sonnenuntergang, das nicht schon in den exitierenden Millionen von Sonnuntergangsbildern zu sehen wäre? Glaubst du, du wärst so was Besonderes, dass irgendwer dein Selfie sehen wollte? “Banalität” geht aber am Punkt vorbei. Öffentlich Fotos zu posten drehte sich um etwas Neues: Es geht nicht darum, ein Objekt so festzuhalten, dass es für alle dieser Objekte stehen könnte. Es geht nicht darum etwas besonders Wichtiges für die Allgemeinheit und Nachwelt festzuhalten. Es kann auch um all diese Dinge gehen, aber der wichtigste Faktor für die auf sozialen Netzwerken geteilten Fotos ist ihr sozialer Wert. Kommunikation, und oft: Kommunikation von Emotion. Was für die eine Person ein langweiliges Foto einer Mahlzeit ist, kann für eine andere ein liebevoller Blick darein sein, was ein Freund angesichts dessen empfindet. In einem solchen Foto einer frisch zubereiteten Mahlzeit dreht es sich nicht nur um diese, sondern es kommuniziert das glückliche Gefühl darüber, dass die Zubereitung gelungen ist, es ist ein Weg, die Vorfreude aufs Verzehren des Essens zu kommunizieren. #feelings. Eine Lektion, die uns das soziale Netz erteilt hat, ist: Nur weil etwas für dich nicht wichtig ist, bedeutet noch lange nicht, dass es nicht relevant für jemand anders ist, und das aus Gründen, die du nicht kennst.

Wenn Bloggen die Demokratisierung von Veröffentlichung war, hat Social Media uns Säkularisierung gebracht, und Fotos sind ein wichtiges Beispiel dafür. Die Aura der Fotografie ist ganz schön verwuschelt geworden durch ihren starken Gebrauch auf sozialen Plattformen. Die Hierarchie der Gatekeeper, die darüber entschieden, welche Bilder Öffentlichkeit verdienen, welche Bilder von Wert sind, an ihr wurde gerüttelt. Teile der Presse wundern sich immer noch, warum manchmal ein Katzenbild wichtiger ist als ihr gut gemachter aktuellster Beitrag über ernstzunehmende Nachrichten. Andere Teile der Presse und natürlich Marketing profitieren von dem Wissen, das Inhalte, die Gefühle erzeugen, “funktionieren”. Ihre Bilder müssen auf sozialen Plattformen mit den persönlichen Inhalten der Leute konkurrieren, und so zögern sie nicht auszuschlachten, was “funktioniert.” (Ich muss jetzt mal mit diesem Blogpost zu einem Ende kommen, weil mir die “”s ausgehen.) Die Idee, dass nur Bilder die einen objektivierbaren Wert haben veröffentlich werden sollten, ist welk geworden. Die ganze Idee von objektivierbarem Wert ist welk geworden.

Wenn ein professioneller Dokumentator keine ganz besondere Schneeflocke von Künstler mehr ist, weil alle eh alles dokumentieren, wenn wir endlose Archive von aller Fotos haben, die dauernd besser durchsuchbarer werden – driften wir auf ein neues Verständnis von Dokumentation zu? Schwarmdokumentation? Ich frage mich, in welchen Weisen soziale Plattformen noch veröndern, wie wir Fotografie in Dokumentation, und in Kunst, und in Straßenfotografie, die ein bisschen von beidem ist, sehen. ich noch ein paar Tage frei habe, wird es mit diesem wilden Herumtheoretisieren hoffentlich morgen weitergehen. Wenn ich nicht zu verkatert bin. Eine Empfehlung, wenn du heute in Nürnberg weilen solltest: Beat Thang mit DJ Slow als DJ Gast.

Aber interessant. #1

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“The tradeoff fallacy”, eine US Untersuchung zur Einstellung von Konsument*innen zur Sammlung persönlicher Daten kommt zum vernichtenden Ergebnis, dass die meisten das als unethisch empfinden (und niemand ist erstaunt): 91% disagree (77% of them strongly) that “If companies give me a discount, it is a fair exchange for them to collect information about me without my knowing”. Natasha Lomas nimmt dies in “The online privacy lie is unraveling” zum Anlass, mal verschiedene Gedanken zum Thema zusammenzutragen: “cloud-based technology companies large and small have exploited and encouraged consumer ignorance”. Sie weist darauf hin, dass die ganzen “Gratis”-Plattformen und -Apps aktiv daran arbeiten, bei ihren Usern ein Gefühl der Machtlosigkeit zu erzeugen – “in various subtle ways”. Die endlosen Terms of Service oder überkomplexe gut versteckte Privacy-Einstellungen sind nur die offensichtlichsten Beispiel dafür. Diesen Punkt erwähne ich auch gerne, wenn jemand mir erzählt, dass es doch für diese Firmen echt kompliziert sei, sichere Strukturen und Block- & Meldemöglichkeiten für ihre User gegen Bedrohungen und Trolle einzurichten. Wenn sie ein ähnliches Interesse daran hätten, ihre User zu schützen, wie sie es daran haben, sie auszunutzen, wäre das kein Problem.

Solche erklärenden kritischen Tech-Artikel würde ich mir in der deutschen Presse auch mehr wünschen. Aber vielleicht bekommen wir nur das, was wir verdienen. Eine Tech Presse, die für Social Media Manager, Journalist*innen und Marketingleute gemacht scheint auf der einen Seite, übersetzte Zusammenfassungen von US-Tech-Artikeln einen Tag verspätet, und was kritische Auseinandersetzung anbelangt sind wir – jenseits von Blogs – meist auf jammernde weiße männliche tech-kritische Angstprediger angewiesen. Aktuelles Beispiel ist ein entsetzliches arrogantes Lamentierstück des Kolumnisten Sascha Lobo. “Als Bürger habt ihr versagt”, schreibt er, sich selbst da schon gar nicht mehr dazu zählend, nee, er steht ganz in Checkerpose über den Dingen. Glaubt Der Spiegel wirklich, seine Leserschaft für ihre Passivität angesichts der fraglos ebenso entsetzlichen Digitalpolitik Deutschlands, zu beschimpfen sei effektiver (von “angebrachter” will ich gar nicht erst sprechen) als kritische Recherche zu den Gründen für diese Passivität? Denkt Lobo, Beschimpfung funktioniert als Call To Action? Ich weiß ja, Kolumnen sind billiger zu produzieren als Recherche, aber tbh: Es war selten so befriedigend, das Müllereimersymbol von Pocket zu klicken wie bei diesem Text.

Nur gut, dass es auch Blogs gibt, denn Die Angstgesellschaft” von Thomas Stadler und Wolfgang Michals “Zwei Jahre nach Snowden – warum sich die Überwachungsgesellschaft im Kreis dreht sind Texte, die wirklich daran interessiert sind, die Diskussion zum Thema voranzubringen, statt immer wieder nur vage verbal – aber halt catchy und im Massenmedium – in der Luft rumzufuchteln wie Lobo.

Dass Google nun ein zentrales Dashboard für Privatheitseinstellungen installiert hat, ist für Natasha Lomas ein Zeichen, dass die Begehren der User langsam ernster genommen werden. Auch ich habe derzeit das Gefühl, dass es an allen Ecken und Enden zu brodeln anfängt, wenn es um das Thema Marketing und Datensammeln und Finanzierung durch Werbung geht. Das Thema Adblocking zeigt das auch recht schön. Es gab es in den letzten Monaten aggressive Artikel dagegen von werbefinanzierten Magazinen, die teils soweit gingen, Adblocking als Diebstahl zu diskutieren: Als wenn du in einem Restaurant essen, aber nicht zahlen würdest. Das ist natürlich Quatsch, denn es ist, wie Lomas im eingangs erwähnten Artikel ausführte, kein Deal in gegenseitigem Einverständnis.

Ich finde ja dieses ganze Konzept des werbefinanzierten Journalismus höchst absurd: Firmen stecken unglaublich hohe Summen in einen Werbe-Etat, damit mehr Leute ihr Produkt kaufen. Aus diesem Werbeetat finanziert sich ein großer Teil der Medien, die ihr Produkt umsonst ins Netz stellen, weil sie sonst niemand liest. Das liegt u.a. daran, dass es kein vernünftiges Bezahlmodell gibt, das die Art und Weise wie wir im Netz kreuz und quer durch Nachrichtenseiten und Blogs lesen, bezahlbar macht. Ein klassisches Abo können sich aber die meisten bestenfalls für ein, zwei Medien leisten bzw warum überhaupt, wenn doch alles umsonst da ist und das bisschen Geld, das zur Verfügung steht, schon weg ist, weil die Produkte, die sonst so im Alltag gebraucht werden, so teuer sind. Weil in ihrem Preis der Werbe-Etat mitfinanziert wird. Katze beißt sich in den Schwanz und nach Native Advertising, – also Werbung, die wie ein inhaltlicher Artikel aussieht – ist die nächste Stufe dann, dass Konzerne selber in Medien machen. Der Schritt von einer Verbindung von News und Marketing, wie es omfg-future-of-journalisism-player wie VICE und Buzzfeed News praktizieren, zu Red Bulls Servus TV und RBMA-Website ist ein kleiner. Wenn wir kritischen Journalismus wollen, ist ein so hyper-werbefinanziertes Modell wie es derzeit hochgehalten wird ein höchst fragwürdiges und wackliges Modell, aber wenn du etwas dagegen sagst, stößt du schnell auf eine Filterbubble der Überzeugung: Es gäbe keine andere Möglichkeit der Finanzierung im Netz.

Ich persönlich hoffe ja immer noch auf einen neuen Anlauf in Sachen Micropayment, denn ich denke, dass so etwas wie Flattr vor allem aus uncanny-Valley-Gründen nicht funktioniert hat: einer breiten Masse war das digitale Bezahlen zu dem Zeitpunkt, als Micropayment versucht wurde, noch zu fremd. Die Leichtigkeit dieser Art des Bezahlens von Kleinbeträgen durch einen Klick ging einher mit dem Gefühl, dass dann bestimmt genaus leicht dein Bankkonto gehackt werden könnte. So zuhause fühlten sich die meisten noch nicht im Netz. Warum ich Flattr mag:
Dezentral: Ich zahle direkt auf der Seite, auf der ich den Text lese, so einfach und allgegenwärtig wie ein Facebook-Like-Button.
Individuell anpassbar: Ich muss mir keine Gedanken über den Preis machen, da ich pro Monat einen festen Betrag festlege, den ich mir für Medien leisten will und kann.
Demokratisch: Die Größe der Plattform bedeutet keinen Vorteil – ein Blog-Artikel bekommt von mir genauso viel wie einer in einer großen Zeitung.
Ich fände einen breit aufgestellten Neuversuch mit Flattr heute spannend. Derzeit gibt es kaum Zeitungen, die Flattr verwenden, deswegen kennen es auch wenige. Ein Neustart mit Bezahlmodellen ist allerdings auch ähnlich schwierig wie mit mp3s, da es inzwischen wiederum so eine Flut von Gratis-Online-Lesestoff gibt, dass mein Grundgefühl eher ist, dass ich mit dem Lesen nicht nachkomme. Flut von Texten im Netz vs Geldknappheit bei Medien – das ist auch so eine Dissonanz zwischen der Finanzierungskrise und der Präsenz von Medien im Netz.

Ich bin neugierig, wie sich die frisch gestarteten “iTunes für Zeitungs/Magazin-Artikel” hierzulande durchsetzen werden: Pocketstory und Blendle. Optimal für mich persönlich ist das noch nicht, da mir die internationale Presse fehlt und ich viel auf Englisch lese. Aber interessant. Da der auf mobile Werbung aufbauenden Presse gestern das Herz in die Hose gesunken ist, als Niemanlab darauf hinwies, dass Apple in seiner nächsten Safari-Browser-Version Adblocking erlaubt, und sich der allgemeine User-Missmut gegenüber Werbetracking noch steigern dürfte, hoffe ich aber mal, dass sich step by step solche Finanzierungsalternativen durchsetzen werden oder zumindest eine größere Rolle spielen werden. Dass Apple eine Adblockingmöglichkeit einbaut, darf durchaus als ein ebenso großes Zeichen gesehen werden wie Googles Privacy Dashboard: Entweder dafür, dass zukünftig User-Interessen ernster genommen werden, oder dafür, dass der Kampf um die Aufmerksamkeit der User und um Finanzierungsmodelle die auf dem Tracking von User-Daten basieren, nun mit härteren Bandagen geführt wird.

P.S. “Aber interessant” (bitte in Wolf Haas / Brenner Stimme vorzustellen; ich höre derzeit das durchaus empfehlenswerte “Brennerova” Audiobuch) habe ich mir als Titel dafür ausgesucht, wann immer ich ein paar Medienecho-Gedanken loswerden will und mir kein gescheiter Titel einfallen will (weil alles zu diffus), aber es sich halt mit Titel doch besser bloggt.