Entdemokratisierendes Empörungsfeuilleton empört über empörte Proteste

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“We firmly oppose any form of gathering or protest, and we encourage a more rational form of communication for solving problems.”
Sprecherin von Uber

Was für eine saturierte und privilegierte Position in der Gesellschaft musst du eigentlich innehaben, um in Zeiten, in denen Leute so verzweifelt sind, dass sie selbst im sonst doch recht protestfaulen Deutschland wieder streiken und demonstrieren gehen, das mit einer sarkastisch-abgeklärten Geste als kindische Empörung vom Tisch zu wischen? Nein, nicht nur zu wischen, sondern süffisant und pseudowissenschaftlich wegzutheorisieren. Ein Rant hätte mich nicht so geärgert wie Ursula März’ herablassender Tonfall in “Ein Land spielt Kleinkind. So viel Streik und Demo waren nie – was steckt hinter der Empörungsbereitschaft?” Laut ihr: die Infantilisierung unserer Gesellschaft. Das steht in unheiligem Einklang damit, wie von Teilen der Presse immer wieder der “Internetmob” beschrieen wird, eine unkritische Herbeischreibung, die sich um eine detailliertere Betrachtung einzelner Hintergründe drückt.

Wenn nun auch Streiks und Proteste ähnlich harsch abgetan werden, hat das langsam wirklich gar nichts mehr mit der Rolle des Journalismus zu tun, der sich Spezialrechte wie Pressefreiheit als vierte Gewalt erkämpft hat, sondern trägt selbst die Saat der Entdemokratisierung in sich, die sie beklagt, ja: trägt sogar zu dieser bei, indem sie ihr Subjekt, die Öffentlichkeit, nicht ernstnimmt. Sie ist in den letzten paar Jahren in den Medien gefährlich gewachsen, diese Tendenz, eine Vielzahl von Individuen, die sich aus ganz verschiedenen Gründen auf ganz verschiedene Protestformen einlassen, auf Begriffe wie “Internetmob” oder “Wutbürger” zu reduzieren, und ihnen mit meinungsmachenden Schlagworten wie “Empörung”, “Hysterie” oder “Infantilismus” die politische Mündigkeit abzusprechen. Das Verhältnis von Regierung und ihr konformer Medien zur Gesellschaft erinnert gar manchmal an Strategien, mit denen Frauen jahrhundertelang mundtot gemacht wurden, nur das “Hysterie” jetzt “Empörung” heißt.

März’ Artikel sollte ruhig mal im Kontext anderer Entdemokratisierungspropaganda* (oder sagt man “PR”?) gelesen werden: Eine Dauerschleife von Polizeisoaps und -serien im Fernsehen, in denen die Staatsgewalt stets als die mit gesundem Menschenverstand Durchgreifenden, die Bürger*innen dagegen als sich danebenbenehmende Kinder dargestellt werden, deren Fehlverhalten korrigiert werden muss. So anders als die Super-Nanny ist das nicht. Social Media Accounts der Polizei fügen sich da nahtlos an: Es werden meist Bagatellfälle aufgezählt, die sich putzig-lustig retweeten lassen. Selbstverständlich fällt dort kein selbstkritischer Ton – von der Polizei, die Flüchtlinge oder Demonstranten misshandelt und die Racial Profiling durchsetzt, ist weder in Polizei-Reality-TV noch bei Polizei-Twitter-Accouts etwas zu hören.

Ähnlich ist es in März’ Artikel, denn sie sucht sich bewusst Beispiele wie eine Demo wegen Hundekot aus, die sich ins Lächerliche ziehen lässt, während sie das Ausbleiben dessen, was ihr persönlich wichtig wäre (eine Demo gegen die NSA-Überwachung) als fehlend beklagt. Warum manche Protest ausbleiben, die politisch brisanter wären, dafür hat ein Kommentar zum März-Artikel ein paar analysierende Worte, die ich ganz treffend finde: “Auch werden die Themen der Demonstrationen nicht wirklich infantilisiert, sondern man weicht auf die Themen aus, die noch im Einflussbereich des Bürgers liegen. Das ist eine Folge der Entdemokratisierung und der Kunst des Aussitzens, die Politik und Lobbyismus mittlerweile fast bis zur Perfektion erlernt haben.”

Neben den erwähnten Polizei-Social Media-Accounts gibt es noch spezielle Twitter-Accounts für Proteste wie Blockupy oder G7 Einsätze, durch die eine Pressearbeit, die sich bei solchen Demos oft sowieso schon aufs Dämonisieren der Demonstrierenden als Randalierer beschränkt – muss ja bloß noch von Polizeipresseberichten abgetippt werden. Oft werden Demo- und Streikberichterstattungen auch gleich politisch entleert und zu bloßen Verkehrs(behinderungs)meldungen reduziert. Wo Social Media eine zeitlang noch ein öffentlicher Raum des Gegenpols waren, in denen die Stimmen, die sonst kein Sprachrohr habe, sich mit teils großer Reichweite äußern konnten, bedient sich nun der Staat solcher Polizeit-Accounts als, wie John F. Nebel treffend beschrieben hat, “Instrument einer gut gemachten, offensiven und gleichwohl repressiven Öffentlichkeitsarbeit”.

Wie so durch verschiedene mediale Formate die Bevölkerung einander immer misstrauischer gegenüber gemacht wird, wie dadurch zu Entsolidarisierung beigetragen wird, wie auch vor allem eine Arbeiter*innen/Arbeitslosen/Prekäre-Klasse medial bis zum Selbsthass dämonisiert wird, dazu empfehle ich immer noch Owen Jones’ “Chavs” als Lektüre, mir fehlt leider die Zeit hier weiter darauf einzugehen.

Wie immer bei solchen Artikeln des Emotionalisierungsfeuilletons stellt sich mir auch hier wieder die Frage: Warum distanzieren sich eigentlich keine von den Journalist*innen, die sonst noch für das jeweilige Blatt schreiben? Es fällt mir schwer, euch als kritische Berichterstatter*innen mit Rückgrat ernstzunehmen, wenn ihr solche Ergüsse neben euren Texten im selben Blatt einfach ohne ein Widerwort toleriert. Ich weiß, ihr müsst von etwas leben, aber gerade ein*e Journalist*n sollte doch dafür nicht eine kritische Haltung über Bord werfen. Oder äußert ihr euch euren Redakteur*innen gegenüber und es ist nur nach außen hin davon nichts mitzubekommen? Ich frage mich das tatsächlich immer wieder, da ich durchaus noch gewillt bin, an eine kritische und engagierte Presse zu glauben. Den Groll diesbezüglich hätte auch ein Don Alfonso oder Martenstein, und so gut wie jede große deutschsprachige Zeitung abbekommen können, aber jetzt ist es halt heute Ursula März geworden.

Mich – pardon the Ausdrucksweise, aber es muss mal so deutlich raus – kotzt es an, wie regelmäßig und selbstverständlich Zeitungen dem Herumtrampeln auf sozial Schwächeren Raum geben, um unter dem Scheindeckmantel des Meinungspluralismus durch Empörung mehr Klicks und Leserschaft, die Werbeanzeigen ansieht, zu mobilisieren. Peinlich ist, wenn Leute von denselben Medien dann ein Newsunternehmen wie Buzzfeed belächeln oder gar verachten. Wenngleich ich durchaus auch einiges an Buzzfeed auszusetzen habe: Ihr Emotionalisierungsjournalismus tritt wenigstens nicht nach unten.

[/rant]

*) trust me, ich verwende den Begriff “Propaganda” nicht leichtfertig, sondern habe ihn 10x auf der Zunge rumgedreht, bevor ich ihn letztlich doch hier reingetippt habe, denn es scheint mir schon die Größenordnung und Häufigkeit erreicht, in der er angemessen ist

P.S.: Viva Kidulthood!

Bildcredit: Damit es nicht nur eine Textwüste ist, habe ich ein Bild der Wiese geknipst, die ich beim Schreiben vor mir hatte. Um 90° gekippt, weil kindisch. Und mit Filter “Salomon”, denn Bildungsbürgeranspielungen kann ich schon auch ein bisschen. Ein bisschen.

 

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