Stefanie Sargnagel oder warum ich wieder das Selberdrehen anfangen würde

Stefanie Sargnagel – Statusmeldungen, Rowohlt 2017
Extra für heute zum Posten aufgehoben weil heute die Lesung bei uns – geht da hin! – in Nürnberg ist *

Ausgerechnet ein Buch von Stefanie Sargnagel als Hardcover mit Stoffeinband in Händen zu halten, sogar mit stabil eingearbeitetem Lesezeichenbändchen – das gibt einer schon zu denken. Ich sähe ja als perfektes Medium jenseits ihres natürlichen Habitats der Social Media Plattform für ihre Statusmeldungen das Zigarettenpapierpäckchen. Obwohl ich einiges von Oscar Wilde auch in Büchern gelesen hatte, blieben mir doch am meisten seine Aphorismen in den Muskotepapers von früher im Kopf. Auch Büchner hab ich brav gelesen, aber zitieren kann ich daraus bis heute bloß “Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.” Was aber auch ein sehr schöner Satz ist. Oder zwei. Den hatte ich feinsäuberlich an der Perforation des Zigarettenpapierpäckchens abgetrennt und an meine Küchenpinnwand gepinnt und natürlich ein Bild von Totenschädeln daneben, dass ich aus einer Zeitschrift rausgerissen hatte, ganz wie es sich für die jugendlich-nihilistische Dramaqueen in mir gehörte. Jahrelang prostete ich diesem Zigarettenpapierchenpackungszitat mit meinem Morgen-Earl Grey zu, bis ich dann irgendwann keine Küchenpinnwand mehr hatte und früh lieber Kaffee trank. Aber das war ja quasi schon eine Musealisierung des Zigarettenpapierchenpackungszitats. Stefanies Statusmeldungen sollten da drauf gedruckt werden, weil sie doch zirkulieren, kommentiert werden, geliked werden müssen. So,

Person 1: Haste mal Papers?
Person 2: Klar, da!
Person 1: Danke. Ach cool, den Sargnagel kannt ich noch gar nicht: “Ich bin so stolz auf dicke Frauen, die sich anziehen wie Huren?” Haha, voll gut.
Person 2: Eh!
Person 3: Ich hab “Ich mochte Flüchtlingshilfe lieber, als sie noch mehr Underground war.”
Person 1 & 2 schütteln lachend und weise den Kopf, “voll wahr!”

Und dann unterhalten sie sich kontrovers über die Themen, die da angerissen werden – “sagt man überhaupt Huren?” oder so – und das Leben und überhaupt. Oder Alleinerauchende fühlen sich weniger allein, wenn sie in Gedanken mit dem Spruch auf dem Paper kommunizieren und verstehend versonnen vor sich hinnicken. Auch lustig: Dass Sargnagel ein ugs. für Zigaretten ist. Auch darüber lässt sich’s beim Zigarettenpapierchenpäckchenherumreichen hervorragend reden. Die Schönheit der Vergänglichkeit, die in so einem Sargnagel-Spruch und in so einer verglühenden Zigarette steckt. Der Ort, die kleine Kommunikationsnische der vor der Tür Rauchenden, so zwischen anwesend und nicht anwesend, zwischen Tür und Angel, wäre schon auch ein guter Ort für Stefanies Statusmeldungen. So Kunst im Alltag wär das ja auch. Und manche würden anfangen, die Zigarettenpapierchenpäckchen zu sammeln und zu tauschen. Kleine Kinder würden das Rauchen anfangen. So viel Anfang wäre nie gewesen.
Aber hier hab ich nun Stefanie Sargnagels Statusmeldungen zwischen diese zwei Buchdeckel gepresst wie Leute früher Kleeblätter oder Blumen gepresst haben und das Lesezeichenbändchen sorgt dafür, dass du dich nicht verläufst, raus mit den Texten aus dem natürlichen aber halt nicht verwertbaren Habitat und rein damit in den Zoo, aber bitte nicht brav werden, Stefanie, darum sorgen sich schon die Rezensent*innen in SZ und VICE. Ich wäre zwar wirklich dafür, dass Stefanie ihre eigene Zigarettenpapierchenmarke ‘Sargnagel’ entwirft – bitte, dann würde ich sofort/endlich den Umstieg auf’s Selberdrehen hinkriegen! -, aber je länger ich in dem Buch herumlese, in dem es sich hervorragend verlaufen lässt (ich empfehle, immer extra da zu lesen, wo das Lesezeichenbändchen gerade nicht ist), desto mehr muss ich sagen, die Buchform passt schon auch ganz hervorragend. Sich unter der Bettdecke zusammenzurollen und vor der Welt zu verstecken, wenn sie mal wieder zu arg ist, und dann Sätze zu lesen wie “Bis auf die täglichen Suizidgedanken bin ich ein sehr glücklicher Mensch” oder “Ich hab die Fernbedienung vom Hotel eingesteck, weil ich mein Smartphone so vermisse” oder “Marokko ist eh das ohne Daesh, oder?” oder “Froschfotzengelee. Lol.” und schon fühlst du dich ähnlich gut aufgehoben wie es diese Texte schon auch zwischen Buchdeckeln sind. Ihre Mischung aus Provokation, Kritik, melancholischem Zynismus, und Absurdität und Alltäglichem, und absurdem Alltäglichem ist einfach immer wieder trocken auf den (wunden) Punkt geschrieben. Unschlagbar. Kauft dieses Buch, es ist und tut gut. <3

 

*) Natürlich nicht. In Wahrheit wie immer viel zu spät dran und heute gerade noch fertiggetippt.

“Ignoranz als Überparteilichkeit”

“Mehrheitsgesellschaft, die ihre Ignoranz als Überparteilichkeit feiert” – dieses Zitat von Martin Krauss trifft, wogegen auch ich mit verschiedensten Leuten die letzten Tage versucht habe, anzudiskutieren. Ich habe mich dabei oft geärgert, dass ich das Gefühl hatte, mich oft nicht gut genug in der Sprache meines Gegenübers ausdrücken zu können. Ich habe mich oft ungebildet gefühlt. Nicht schön, weil ich es gewohnt bin, wenn ich etwas nicht weiß, entspannt dazu zu stehen und solange zu fragen, bis ich es verstehe. Und umgekehrt, zu erklären, bis ich das Gefühl habe, mein Gegenüber hat verstanden, um was es mir geht. In letzter Zeit habe ich mich auf ein paar Diskussionen eingelassen, die diesbezüglich wirklich zermürbend waren. Gerade auch, weil ich es gewohnt bin, mich halbwegs ausdrücken zu können, aber hier wurde mir manchmal die Sprache unter den Füßen weggezogen. Ob das nun ein Verschwörungstheoretiker im Bekanntenkreis ist oder jemand, der sich so lange eine rechte Filterbubble aus Horizontserweiterunggründen angetan hat, dass er gar nicht mehr merkt, wieviel Verständnis er inzwischen für die Rechten zeigt und wie wenig für deren potenzielle Opfer. Oder einer der Autoren von “Mit Rechten reden”.

Ich fühle mich ja oft unzureichend in solchen Auseinandersetzungen, vor allem wenn es eine bestimmte Sorte bisserl akademischerer weißer nicht-mehr-ganz-junger Männer ist, die gewohnt sind, ihre Position kein Stück weit in Frage zu  stellen, sondern meinen, aus einer Position purer Rationalität und Objektivität zu sprechen. Von da aus halt, wo Objektivität den Beigeschmack der Objektivierung des Gegenübers (im Sinne davon, ihm nicht auf Augenhöhe zu begegnen) trägt und Diskussion ein Schachspiel, ein Battle, ein Game, ein technische Fingerspiel ist. Von Evo-Psych bis Philosophie oder Politikwissenschaft – Bro Culture is everywhere.

Sehr anstrengend ist das jedenfalls alles zur Zeit. Und ich wollte mich doch weniger mit Politik befassen und wenn, dann mehr mit Kulturthemen. Filme und Bücher besprechen, Herumtheoretisieren zur Kultur der Digitalität, und überhaupt: wieder mehr Musik machen! Zur Zeit fühlt sich’s eher an, als suchen (um nicht zu sagen verfolgen) die Themen mich anstatt dass ich sie mir aussuche. Und meine Neugierde, dieses elende quengelnde “ich muss das jetzt aber wissen!” lässt mich da wohl nie los. ^^

Und jede Diskussion bereichert mich ja auch, und Austausch ist “in diesen Zeiten vielleicht wichtiger denn je”. Bloß nicht mit Rechten. :sadlol: Wie der Historiker Volker Weiß in dem Artikel, aus dem auch das Eingangszitat war, treffend zusammenfasst: Inhaltliche Auseinandersetzung mit den Neuen Rechten ist sinnlos, weil es ihr darum geht, offene Diskurse auszuschalten. Wenn sie sich darauf einlässt, zu Debattieren, ist das nie als Austausch gemeint, sondern als Promo-Möglichkeit: Es ist eine Möglichkeit, noch mehr Präsenz zu gewinnen und die Grenzen des Sagbaren noch mehr auszuweiten, den Diskurs nach Rechts zu verschieben. Und das gelingt ihnen auch ganz gut. Da muss nur mal ein Blick in die ZEIT der letzten Tage geworfen werden, z.B.

Ein Artikel, der von Bothsideism nur so strotzt, bzw letztlich kaum verhehlt, dass er die Neue Rechte als viel exotisch-faszinierender empfindet als die Langweiler*innen, die dagegen “tanten- und reflexhaft” protestieren.

Ein anderes Beispiel, nebenbei eines von vielen, das das beliebte “die Linken sind schuld am Aufstieg der Rechten” strapaziert (egal ob das dann gerade die SPD, Antifa oder Politisch Korrekte sein sollen):

Ähnlich wie in dem einen Artikel das “Mysteriöse” riechen mir hier Vokabeln wie “Ermächtigungsbewegung” schon fast nach einer Romantisierung von Proto-Faschismus. Das dampft so um das wörtlich Gesagte herum. Kann aber schon mal passieren, wenn es für sinnvoll gehalten wird, moralische Gesichtspunkte aus der Diskussion zu streichen, um so vermeintlich rationaler urteilen zu können. Aber mei, wie ein Freund auf Facebook meinte: “hierzulande wird einfach traditionell gern den Tätern zugehört.”

Und um noch mal deren Inhalte deutlich zu machen, ein letzter Satz aus Krauss’ Artikel: “‘In Publikationen von Antaios wird das Frauenwahlrecht infrage gestellt, ein einkommensabhängiges Klassenwahlrecht gefordert und die Demokratie zur Herrschaft der Minderwertigen erklärt.’ Kaum verhüllter Hass auf Juden, mit Häme garniertes Kleinreden der Schoa – es bahnt sich an, dass das zur normalen und legitimen Meinungsäußerung avanciert.”

Okay, das waren zwei Sätze. Und eigentlich wollte ich ja heute endlich was zu Blade Runner 2049 bloggen.

Matrix und die Manosphere – verletzte und vernetzte Männlichkeit als Einstieg in rechtes Denken

Im Mai 2017 habe ich anlässlich des Genderkongresses des Väternetzwerks mit Hilfe vom Musikverein einen lockeren Abend mit Vorträgen und kleinem Buffet, den ‘Genderkongress gegen den Genderkongress‘, organisiert und mich für meinen Beitrag auf die Spur dessen gemacht, was es mit der Vorliebe von Männerrechtlern und Neu-Rechten für den Film Matrix auf sich hat und inwiefern ein Netzwerk frustrierter Männer als Einstiegsszene für völkisches und rassistisches Denken dient. Was meine Kritik am Genderkongress des Väternetzwerks ist, hatte ich hier schon gebloggt. Weil die Rolle von Antifeminismus für die neurechte Bewegung immer wieder zum Thema wird, aktuell z.B. bei Geschichte der Gegenwart oder dieser Vortrag in NBG, stelle ich hier jetzt doch auch mal diesen kleinen Vortrag von mir online.

Der Männerrechtler-Genderkongress 2017 trägt als Untertitel “Gender Reloaded” und dort wird unter anderem ein Film namens “The Red Pill” gezeigt. Beides Begriffe, die sich auf den Film Matrix beziehen, Matrix Reloaded ist der zweite Teil der Filmtrilogie. Das Redpilling gehört in der Manosphere, also in der Männerechtlerszene, zum geläufigen Slang – ebenso wie in der neurechten Szene. Wie solche Begriffe da etabliert werden, dafür hab ich zum Einstieg als Beispiel ein paar Auszüge aus einem Podcast der neu-rechten Identitären Bewegung für euch zum Reinhören (ich kann hier leider nicht die ausgewählten Audioschnipsel online stellen, aber den ganzen Podcast gibt es hier auf Youtube zu hören).

Dieser Podcast ist ein gutes Beispiel dafür wie die Identitäre Bewegung bemüht ist, in ihrer Rhetorik immer mit allen möglichen Kulturzitaten aufzutrumpfen. In dem Podcast geht’s zum Beispiel auch noch um 1984, da vergleichen sie gendergerechte Sprache mit Orwells Neusprech, Platos Höhlengleichnis taucht auch noch auf, und der Disneyklassiker Susi und Strolch auch, und zwar eine Szene, in der Siamkatzen die Wohnung verwüsten und die Schuld danach auf den Hund Susi schieben – ganz klar als bescheuertes Bild dafür, wie Flüchtlinge angeblich Deutschland kaputt machen und die Wahrheit von der Lügenpresse so verdeht wird, dass niemand sie als die Schuldigen wahrnimmt, sondern immer die armen Rechten die Bösen sein sollen. Ich hab das jetzt auch deswegen mal so lange laufen lassen, weil da so viel wirklich typisches aus diesem Weltbild vieler Männerrechtler und Neurechter drin vorkommt, und es auch schön zeigt, wie von denen die Vorstellung von einer lügenden Systempresse aufgebaut wird.

Aber auch noch andere Punkte sind da drin: Der Begriff “Kulturmarxismus” zum Beispiel, übernommen von der US-amerikanischen neuen Rechten. Rechtsextremismusforscher Thomas Grumke erklärt ihn so, dass angeblich mit den Emigranten der Frankfurter Schule in den 1930er Jahren – wie Theodor Adorno und Max Horkheimer – ein politischer Mainstream in den USA entstanden sei, der als “Kulturmarxismus” charakterisiert wird, mit dem angeblich ein Kulturkrieg gegen den weißen christlichen Mann geführt würde.

Ein anderes zentrales Ereignis, in der Entwicklung der Männerrechtsbewegung und auch für die neuen Rechten wird auch noch angesprochen: Gamergate, dessen Höhepunkt 2015 war.

Was ist Gamergate? Kürzestes Fassung: Anita Sarkeesian übte Sexismuskritik an eindimensionalen Frauenfiguren in Computerspielen, zahllose Gamer versuchten durch einen Gegenvorwurf von der Kritik abzulenken: Es gehe nicht um Sexismus in der Gamingszene, sondern um die Ethik des Gaming Journalismus, der von Beziehungsgeflechten und Interessenkonflikten durchzogen sei. Daher diese ganzen Memes. „It‘s about ethics in games journalism“ war eine zeitlang im Internet die ironisch-traurige Standardantwort vieler auf alles.

Weniger lustig war es, dass wirklich massive Trollarmeen über alle Spieleblogs und anderen öffentlichen Äußerungen herfielen, die sich der Sexismuskritik anschlossen, und neben Anita Sarkeesian erhielten auch Zoe Quinn und die Spieleentwicklerin Brianna Wu so viele Morddrohungen, dass sie untertauchen mussten. Diese Männer wollten die Gamingszene als männlich dominierte erhalten. Sarkeesian musste schließlich sogar einen Vortrag an der Utah State University wegen einer Massaker-Drohung absagen.

Viele der Techniken um Leute zu belästigen und fertigzumachen und rhetorische Kniffe, mit denen eigentlichen Opfern Schuld zugewiesen wird, die da im Gamergate auf diversen antifeministischen Foren entwickelt wurden, gehören inzwischen zum Standard-Online-Kampfwerkzeug der neuen Rechten, auch das Verabreden zum konzertierten Angreifen.

Das Zentrum der Gamergate-Bewegung war ein Forum auf Reddit namens The Red Pill, und erst Ende April 2017 hat The Daily Beast enthüllt, dass der Gründer ein gewisser Robert Fisher war, ein republikanischer Abgeordneter. Er hat das inzwischen auch zugegeben und da auf dem Forum einige wirklich üble frauenfeindliche Kommentare und Vergewaltigungsrechtfertigungen von ihm stammen, gab es eine Untersuchug, ob Maßnahmen gegen ihn eingeleitet werden sollten, die nach einer hitzigen Anhörungen abgelehnt wurden, aber: er ist inzwischen dank dem öffentlichen Druck als Abgeordneter zurückgetreten.

Auf Messageboards, vor allem eben auf The Red Pill spitzte sich Gamergate so zu, dass, wie David Futrelle sagt, es nicht mehr darum ging, um das Recht zu kämpfen, in Videospielen Titten anstarren zu dürfen, sondern es wurde zu einem Kampf gegen den “white genocide”, den angeblichen “weißen Genozid”, die Ausrottung des weißen Mannes, um die es den „Kulturmarxisten“ angeblich eigentlich ginge. Von Reddits Red Pill Forum zogen viele weiter zum extremeren 4chan, als dort dann doch mal gegen Hasspostings vorgegangen wurde, und von dort wurde schließlich zum noch extremeren 8chan Forum weitergezogen, als es selbst 4chan zu brutal sexistisch wurde, was da alles so gepostet wurde.

Eines der Kernmedien, die diese gamenden Männerrechtler anheizten, war Breitbart, mit Milo Yiannoppoulos als einer zentralen Stimme, ein eigentlich eher feminin auftretender junger Schwuler, der für so nette Botschaften steht wie “Feminismus ist schlimmer als Krebs” (dazu auch dieser aktuelle Artikel, der aufzeigt, wie Milo als Figur aufgebaut wurde und dass es auch etliche Journalisten bei bürgerlicheren Medien gab, die ihm Geschichten zuspielten. Und dazu gehörte sogar Mitchell Sunderland von VICEs angeblich so ‘feministischem’ Broadly. VICE hat ihn natürlich jetzt nachdem das rauskam mit dem üblichen “shocked and disappointed”-Imagekontrollebrimborium gekündigt). Und Breitbart wurde damals noch von Steve Bannon geleitet, der inzwischen Berater des US Präsidenten ist, der selbst ja auch nicht gerade für seine feministischen Züge bekannt ist.

Trotz solch dominanter Positionen und trotz aller Plattformen, die ihre antifeministischen Botschaften bekommen, schafft diese Bewegung von Männerrechtlern und neuen Rechten es, sich weiterhin als die unterdrückten, kleingehaltenen Opfer darzustellen: die angeblichen Opfer eines Establishment, das heterosexuelle weiße Männer unterdrückt, und die neue Rechte in Europa hat genau diese Strategie übernommen. Beziehungsweise würde ich sagen: Foren wie Reddit, 4chan und 8chan werden ja international genutzt und es ist viel zu spät erkannt worden, wie aus der antifeministischen Szene heraus neue Anhänger für rechte Gesinnungen rekrutiert wurden. Die Manosphere besteht eben aus solchen mal mehr, mal weniger öffentlichen Foren und Blogs und Websites und Facebookgruppen, über die sich ausgetauscht und organisiert wird.

Unsichere junge Männer, die Probleme haben, einem gesellschaftlich-normierten Männerbild zu entsprechen, die keine Freundin abbekommen, wenden sich hilfesuchend an Männerrechtsforen oder an Pick Up Artists wie Return Of The King, auf denen es zum Beispiel Beiträge gibt wie “11 Tipps wie du deine Tochter auf die Rote Pille Art erziehen kannst”, wo unter anderem empfohlen wird, dass Töchtern von klein auf beigebracht werden soll, dass das Wichtigste, was sie tun können, Kinderkriegen und diese Aufzuziehen ist, sie zu bestrafen, wenn sie sich nicht feminin genug geben, ihnen Selbstachtung zu nehmen, indem ihnen von klein auf beigebracht wird, dass sie jetzt zwar schön seien, aber das schnell abnähme und sie sich früh einen Mann suchen müssen. Und dass Männer in Anwesenheit ihrer Tochter Bedienungen in Restaurants anbaggern sollen, sie mit Tiernamen ansprechen, ein bisschen herumkommandieren, um ihnen zu zeigen, was das “Game” ist.

Und tatsächlich findet sich auch als zentraler Punkt des Red Pill Forums ein Weltbild, dass Beziehungen zwischen Männern und Frauen als Game, als Spiel erklärt. Und zwar im klaren Sinne von Gaming mit Vorstellungen von Hierarchien und dass du Punkte für bestimmtes Verhalten verdienst. Das Schlimme am Feminismus ist für diese Männer wohl letztlich, dass er Frauen soweit befreit hat, dass sie die Möglichkeit haben, Männern Sex zu verwehren. In Männerrechtsforen wird entsetzliche Pseudowissenschaft betrieben, um sowas wie ein darwinsches “Überleben des Stärkeren” auf dem Sexmarkt als “wahres” Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu zementieren. Wer die rote Pille nimmt, erkennt diese „Wahrheit“: Alpha- und Betamänner werden nach Wert eingestuft, und das Game hat Regeln wie dass wenn eine Frau nein sagt, dass das nicht immer nein heißt, und dass Frauen es in Wahrheit nicht mögen, wenn du nett zu ihnen bist, sondern lieber Kerle haben, die sie voll assi behandeln. Weil das – egal was sie sagen – in ihrer Natur läge. Der Begriff SMV steht für den sexuellen Marktwert, sexual market value, und der lässt sich durch Fitness und Mode, soziale Attribute wie Körpersprache, und durch Status und Game steigern. Und Game heißt hier eben wirklich ganz konkrete Tipps, ganz im Pick Up Artist Stil, die letztlich nichts anderes sind, als emotionaler Missbrauch.

Das zieht sich bis zu einer MGTOW Bewegung, das steht für “Men Going Their Own Way” und das sind heterosexuelle Männer, die Frauen so hassen, dass sie jegliche romantische oder sexuelle Beziehung zu ihnen ablehnen. Deswegen wird auch zwischen “incel” und “volcel” unterschieden: unfreiwilliges und freiwilligem Zölibat.

Abi Wilkinson, die sich aus Forschungsgründen lange auf dem Red Pill Forum umgeguckt hat, sagt, dass sich auf den Foren Männer aus den verschiedensten Ecken finden, von denen videospielenden Teenagern, denen es an sozialer Kompetenz mangelt über verbitterte geschiedene Männer bis hin zu junge Männern auf Elite-Unis, die finden, dass Frauen ihnen nicht so viel Respekt und Zuneigung entgegenbringen, wie sie es verdienen. Und die Überlappung mit Rechten wird auch darin deutlich, dass es viel Rassismus gibt in der Manosphere. Es ist eine auffallend weiße Angelegenheit.

Wenn über Gründe für das Erstarken der neuen Rechten nachgedacht wird, wird gerne über die Zusammenhänge von ökonomischem Status in der Gesellschaft und rechter rassistischer Ideologien geredet, aber die Verbindung zwischen Online-Hass und Antifeminismus und dem Erstarken des Neofaschismus wird kaum ernstgenommen. It hits too close home, wie es so schön heißt. Aber Online-Radikalisierung betrifft nun mal nicht nur Muslime. Aus der Manosphere heraus sind Attentäter wie Elliot Rodger hervorgegangen, der UC Santa Barbara Attentäter, der ein 140seitiges Manifest hinterließ, zu dem ein “Krieg gegen Frauen” gehörte, als Rache für Frauen, die nicht mit ihm schlafen wollten, der 22jährige hatte noch nie mit einer Frau geschlafen. Er schrieb darin auch, dass in seiner perfekten Welt alle Frauen in Konzentrationslager gesteckt würden und er nach seinem Attentat schon alle sehen würden, dass er der wahre Alpha-Mann ist. Nicht nur das Manifest auch ein Abschiedsvideo von Rodgers kursierten danach heftig im Netz. Und er ist kein Einzelfall: 2014 erstach der 18jährige Ben Moynihan in Portsmouth drei Frauen und begründetet seine Tat damit, dass er noch nie Sex gehabt hätte, obwohl er doch so erzogen worden sei, dass sie der schwächere Teil der menschlichen Rasse seien. 2009 hat George Sodini in Pittsburgh drei Frauen und sich selbst getötet, nachdem er als Motiv hinterlassen hatte, dass er 29 Jahre lang keinen Sex gehabt hätte. In den Kreisen der Manosphere werden Vergewaltigungen schöngeredet und der Mythos aufrechterhalten, dass Männer die größten Opfer von Vergewaltigungen seien, weil Männer dauernd von Frauen ungerechtfertig einer Vergewaltigung bezichtigt würden. Viele dort sind der Ansicht, dass es in der sogenannten westlichen Gesellschaft keine Rape Culture gäbe, sondern nur in islamischen Gegenden. Falls jemand von euch auch meinen sollte, es gäbe keine Rape Culture, dafür hab ich auch einen Slide mit Beispielen, die mir allein schon an nur einem Vormittag zufällig in die Social Media Timeline gespült wurde:

Lustige Aufkleber aus dem Fußballkontext, links mit der Aufforderung Sexmobs zu bilden und Frauen Aufkleber ihrer bescheuerten Mannschaft ins Dekollete zu kleben, um sie anzutatschen.

Aber zurück zur Online Manosphere.

Dort wird ein Weltbild etabliert, dass Sex etwas sei, was Männer automatisch verdienen würden, wenn sie bestimmte Spielzüge korrekt absolvieren, und die Frauen, die ihnen trotzdem Sex verwehren tun ihnen Unrecht, sind undankbare Feminazis. Es wird ein Bild toxischer Männlichkeit aufgebaut, mit dem letztlich auch Männer nicht glücklich werden können, ein auch für Männer schädliches Männlichkeitsideal. Diese Manosphere ist nicht dazu da, den Jungen und Männer, die dort Hilfe zu suchen welche zu bieten, die ihnen wirklich hilft mit mangelndem Selbstbewusstsein, Unsicherheiten und Beziehungsproblemen fertig zu werden, sondern sie schürt diese letztlich noch durch ihre höchst-hierarchischen und konkurrenzgeprägten Züge. Es geht immer wieder nur um Macht und deren Kehrseite: Ein Versager zu sein.

Es ist eine Szene, die, wie Abi Wilkinson beobachtet hat, ein Nährboden für Neofaschisten ist. Sie finden dort wütende, frustrierte junge weiße Männer und ziehen sie nach ihrem Vorbild heran. Wilkinson schreibt, dass sie bei einigen Forenmitgliedern, deren Postings sie von früher bis heute gelesen hatte, eine Entwicklung lesen konnte, die von einer vagen Unzufriedenheit und dem Verlangen nach sozialem Status und sexuellem Erfolg bis hin zum voll ausgebildeten Festhalten an einer geschlossenen Ideologie von weißer Vorherrschaft und Frauenhass reichen. Wer nicht weiß ist und/oder eine Frau und es zu etwas gebracht hat, muss dabei irgendwie getricktst haben – so die Denke der unzufriedenen Meritokraten. Was ein echter Redpiller ist, der hat eben auch bei Rassedenken den Durchblick ist sogenannter “racial realist”.

Knallhart ist das bei dem sich durchaus überschneidendem Dark Enlightenment, der Bewegung der dunklen Aufklärung, das neoreactionary movement, das ganz klar anti-demokratisch ist, und einem wissenschaftlichem Rassismus frönt, unter dem Stichwort “human biodiversity”. Sie würden sowas wie eine Monarchie begrüßen, nur statt dem göttlichen Recht von Königen und der Aristokratie gäbe es ein “genetisches Recht” von Eliten, beschreibt das klint Finley. Zu diesen Neoreactionaries, werden auch Leute wie Steve Bannon oder Peter Thiel gezählt, der Mitgründer von Paypal und Trump-Berater und Vorstandsmitglied von Facebook. Thiel, auch einer der neurechten Schwulen, hat sich ganz klar geäußert, dass er bezweifelt, dass Freiheit und Demokratie miteinander „kompatibel“ seien, auch im Hinblick darauf, dass zur Wählerschaft in einer Demokratie auch Empfänger von Sozialleistungen sowie Frauen gehörten. Wählen sollten nur die in Anführungszeichen “nützlichen” Mitglieder einer Gesellschaft dürfen. Diese Neoreaktionäre Bewegung wird auch unter “reactosphere” genannt, “Reactosphäre”, ein Begriff, den auch die beiden Jungs von der Identitären Bewegung in dem Podcast, den ich eingangs erwähnt habe, für sich als Selbstbezeichnung in Anspruch nehmen. Ich glaub, im Deutschen ist “paläolibertär” ein ähnlicher Begriff. Aber bevor ich noch weiter in diese zahllosen rechten Fachbegriffe und Subszenen abgleite, ziehe ich hier mal einen Schlussstrich.

Reddits Red Pill mit seinen über 200.000 Mitgliedern ist nur 1 zentraler Anlaufpunkt für die Männerrechtsszene, die Manosphere ist groß und international und mit der neuen rechten Szene verwoben. Auf diesen Foren findet sich auch immer wieder das Motiv, dass Vätern bei Scheidungen meist Unrecht widerfahren würde, das auch im Zentrum des Genderkongresses steht. Sprachliche Bilder wie das “Red Pilling” und das zeigen des antifeminstischen Pseudo-Dokufilms The Red Pill zeigt ebenfalls die maskulistischen Wurzeln von Veranstaltungen wie dem Genderkongress. Es wird sich ganz bewusst hinter emanzipatorischen Worthülsen versteckt, und beim letzten Genderkongress in Nürnberg hat das ja sogar den Medien gegenüber noch erschreckend gut funktioniert, die das blindlings übernahmen. Dieses Jahr wurde aber dann doch von ein paar Journalisten mal genauer hingeguckt und es finden sich auch dort die bitter nötigen kritischen Hinweise. Wer die neue Rechte erklären will, sollte keine blinden Flecken in Sachen Antifeminismus haben. Sexismus und Enttäuschung durch Abweisung von einer Frau ist für viele Männer ein gefährliches Gemisch, dass als vernetzendes Element einer Bro-Gegengesellschaft dient, die es gewohnt ist, dass die Welt durch ihre Brille gesehen wird. Wenn weibliche, queere, behinderte, multiethnische Perspektiven in Mainstreammedien ein bisschen präsenter werden – und mehr als ein bisschen ist es letztlich immer noch nicht – , fühlt es sich scheint’s für manche an, als werde die eigene Scholle kleiner, als werde man nicht mehr so ernstgenommen, als werde man selbst plötzlich zum “anderen” in der gewohnten Umgebung und voilà: schon wird die Opferrollenlogik gefährlich nachvollziehbar.

Eigentlich hatte das hier ja ein halbwegs amüsanter Beitrag werden sollen, aber wo es sich über Bilder wie dem “lila Pudel” als Ausdruck für männliche Feministen (hier könnt ihr auch gern mal die Definition im Onlinelexikon der Antifeministen nachlesen, der Wikimannia) oder “Snowflake” – (“Schneeflocke” = Leute denen es um soziale Gerechtigkeit geht), noch Schmunzeln lässt, ich muss ehrlich sagen: je tiefer du in das Thema einsteigst, desto mehr vergeht dir das Lachen. Mir ist teilweise beim Nachforschen und Nachlesen auf manchen Foren ganz schön mulmig geworden.

Danke für’s Zuhören / Lesen! Wenn jemand noch weitere gute Texte zum Thema weiß, bitte einfach mir schicken oder in die Comments posten und ich ergänze sie dann in der Leseliste.


LESELISTE:

How the alt-right’s sexism lures men into white supremacy – Aja Romano

Birth of the alt-right – David Neiwert

We need to talk about the online radicalisation of young, white men – Abi Wilkinson

How The Matrix was adopted by 4Chan and the alt-right – Brian O’Flynn

Putting the ‘Neo’ Back in ‘Neo-Nazi’ – Donna Zuckerberg

A mysterious author just wrote a fascinating history of the alt-right – Ethan Chiel

The Silicon Ideology – Josephine Armistead

Die antifeministische Männerrechtsbewegung: Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung – Expertise von Hinrichs Rosenbrock (PDF)

Ergänzung:

Über die Online-Radikalisierung weißer Männer – Siyanda Mohutsiwa

„Ich kann euch alle haben.“ Maskulinitätsideologien und Rechtsnationalismus – Michelle Lanwer, Franziska Schutzbach