Männerwelten – Kritik an der Kritik der Kritik

Ich wurde gestern gefragt, was ich von einem Artikel auf jetzt.de halte, der Kritik an der mangelnden Inklusivität/Diversität des Männerweltenvideos als elitäres privilegiertes Wissen einer woke Social Media Bubble verdammt.

Dazu zunächst mal mein Kommentar zum dieser Joko&Klaas Aktion, copy paste von Twitter/Facebook:

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Sonja Dolinsek: “Es ist sicher gut, dass die beiden das gemacht haben, aber das so krass zu feiern, heißt auch, dass gerade mal wieder nur Männer ernst genommen werden, wenn sie über sexualisierte Gewalt berichten, aber nicht Frauen. Darüber sollte man sich im Klaren sein.”

Genau das. Arm, wie viel Applaus Männer dafür bekommen, wenn sie sich 1x dazu herablassen, Frauen Raum zu geben, so eine Sendung zu produzieren. Erinnert an die Tränen der Rührung, wenn ‘echte Männer’ im Stadion eine Choreo gegen Homophobie machen.

Das ist der kleine Bruder davon, Männer für Care-Arbeit überdurchschnittlich zu loben. Wenn der Grundtenor ist, dass Männer aushelfen, obwohl sie’s eigentlich nichts angeht, bestätigt das Ganze den Status Quo.

Wie das anders hätte aussehen können? Keine Ahnung, vielleicht als Beispiel: Belästigung filmen, und dann Kamera auf den Belästiger, der erklärt, warum das für ihn so selbstverständlich ist, und was für Bestätigung er dafür von Kumpels, Kollegen etc. bekommt.

Wenn man den Effekt – Bestätigung des Status Quo – nicht mitbedenkt, dann bleiben wir halt für ewig in diesem Betroffenheitskino, in dem Frauen immer wieder Männer schocken mit dem, was ihnen von Männern angetan wird, und Männer mal wieder fünf Minuten krass schockiert sind was ‘andere’ Männer Frauen antun. Wie lange ist #aufschrei her?

Edit: Hab nachgeguckt: 2013!

Und was geht eigentlich in Männern vor, die solche Aktionen feiern, aber im Alltag dauernd weggucken / verhalten mitlachen / usw., wenn andere Männer solche Sachen bringen? Das wär für mich mal der nächste Step für euch: Da was tun, wo ihr nicht dafür gelobt werdet.

Noch ein PS.: Mich ärgert hier auch mal wieder, dass wir immer noch keine Sprache dafür gefunden haben, inklusiver und komplexer über dieses Thema zu reden, was Geschlechtlichkeit anbelangt. Pardon the binary.

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Diese Anmerkungen hab ich noch mal reinkopiert, weil ich schon auch Kritik daran habe, wenn Feminismen in der Idee steckenbleiben, dass es mit Sichtbarmachung getan wäre. Nicht jede Sichtbarmachung ist konstruktiv für die Betroffenen, es kommt auf Kontexte an, wie eben bei dieser Aktion: Ein kleiner Sondersendeplatz, den zwei Männer gewonnen haben und den sie großzügig spenden. Klar, einerseits: Besser als nichts, aber andererseits kriegen wir solchen Almosen- und Image-Feminismus seit langem und da trickelt nichts davon down, wenn sich nicht auf politischer und gesetzlicher Eben mehr Inklusion und Gleichstellung erkämpft wird. Aber das eigentlich nur am Rande.

Der Vorwurf in dem Artikel ist die abgehobene Privilegiertheit einer “woke Bubble” auf Instagram. Argumentiert wird aber ähnlich wie wenn konservatives Feuilleton gegen Gender Studies wettert. Das Ding ist, ja, ich kann da schon auch das Problem einer Bubble sehen, aber eher der Bubble, für die Inklusivität und Diversität auch 2020 noch Neuland sind. Informationen dazu sind seit langem in breitesten, und verdammt einfach aufbereiteten Mainstreamformaten genauso verfügbar wie in akademischen komplexen Formaten.

Hier geht es nicht um Mangel an Zugänglichkeit, sondern um Ignoranz und Desinteresse Betroffener, sich damit auseinanderzusetzen.

Hier geht es nicht um Mangel an Zugänglichkeit, sondern um Ignoranz und Desinteresse Betroffener, sich damit auseinanderzusetzen. Statt darauf einzugehen wird in diesem Artikel mal wieder den Betroffenen eine Bringschuld angehängt. “Ihr müsst das nur im richtigen Tonfall, auf dem richtigen Niveau, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, auf dem Silbertablett, dann…”, geht die Legende. I call Bullshit! Wieviel ihrer Zeit sollen Frauen denn noch opfern, um z.B. in Facebookkommentaren Dinge zu erklären, die sie schon x Mal erklärt haben, nur weil Leute zu faul zum Googlen und Online-Essays oder Bücher lesen oder Youtube-Erklärvideos angucken. Egal wieviel Arbeit und Zeit Menschen da rein stecken, es wird anscheinend immer wieder heißen: Wenn sie Männers nicht an der Hand nehmen, ihnen das Wissen nicht sanft zuhauchen, und sie sie nicht beim Erklären betütteln, dann sind die Fraung schon selber schuld, wenn sie weiter betatscht, vergewaltigt oder geschlagen werden. Oder wie hier: Dann sind die behinderten, die schwarzen, die migrantischen, die asiatischen, die transidenten Frauen selber schuld, wenn sie nicht mit eingebunden werden.

Auch Komplexität ist nicht das Problem, wie der Artikel den Anschein erwecken will. Da steckt letztlich dasselbe neoliberale Mindset drin, mit dem manche Nazis verkindlichen oder für “zu dumm” erklären, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es Menschen mit einem Wunsch nach Faschismus gibt. Hier ist es eben ein Nicht-Begreifen-Wollen, dass es Menschen gibt, die tatsächlich eine patriarchale Welt wollen, in der Körper von Frauen für Männer stets sexuell bereit zu stehen haben. Mit denen müsse man nur reden, dann würden die schon checken, dass das böse ist, was sie da machen, wenn sie fremden Frauen gegen ihren Willen an die Brüste oder zwischen die Beine fassen? Von wegen. Nope, viele halten das einfach für okay, finden’s nicht so schlimm, und sind davon überzeugt, es stehe ihnen zu, und ihre Kumpels – egal ob weiblich oder männlich – bestätigen sie oft noch darin, in dem sie es runterspielen oder als Ausnahme kleinreden oder sogar feiern.

Die meisten übergriffigen “Stefans” da draußen, sind aber sehr wohl fähig, in anderen Bereichen komplexes Wissen aufzunehmen und zu diskutieren

Die meisten übergriffigen “Stefans” da draußen, sind aber sehr wohl fähig, in anderen Bereichen komplexes Wissen aufzunehmen und zu diskutieren – über Strategien in Video-Games, über Spielzüge und Mannschaftszusammensetzungen im Fußball, über die Zusammensetzung von Fair Trade Bio Produkten, oder derzeit zu Corona-Statistiken, und was weiß ich. Viele sind schlicht so drauf, weil sie es okay finden, rücksichtslos zu sein. Rücksichtslosigkeit wird in unserer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft ja auch in vielen Bereichen als Tugend angesehen, gilt als Durchsetzungsvermögen – warum also nicht auch hier?!

Das Thema anderer Perspektiven, Diversität, Genderthemen interessiert viele nicht, weil sie sich nicht davon betroffen fühlen. Klassisches PAL-Feld. Wenn sie dann doch darauf gestoßen werden, ist die Reaktion oft Abwehr statt Interesse. Klar, das kann unangenehm sein, wenn du plötzlich nicht mehr einfach “normal” bist, sondern plötzlich als “weiß”, “heterosexuell” oder “cis” sichtbar gemacht wirst. Aber bitteschön: Dieses “unangenehm” und dieses Ausgrenzungsgefühl ist das “normal” aller, die von diesen und anderen gesellschaftlichen Normen abweichen. Also ist es wohl verständlich, wenn sich derer/unser Mitleid in Grenzen hält. Und es ist längst nicht für alle Männer unangenehm, sondern es gibt auch sehr viele, die dem Feminismus dafür dankbar sind, dass er dazu beitrug, starre geschlechtliche Normen ein Stück weit aufzubrechen, und die sich selber dafür engagieren.

Wir sollten sie nicht verkindlichen. Im Gegenteil, wir sollten sie für voll nehmen und dafür verantwortlich halten, was sie tun und sagen.

Zurück zu den “Stefans” aus dem Artikel – ’tschuldigung hier mal an die Stefans in meinem Freundeskreis – das habt ihr echt nicht verdient! <3  – , also den Männern, die sich nicht dafür interessieren, wie es anderen mit den Folgen ihrer Worte und Handlungen geht. Wir sollten sie nicht verkindlichen. Im Gegenteil, wir sollten sie für voll nehmen und dafür verantwortlich halten, was sie tun und sagen. Wenn ich es okay finde, jemanden unvereinnehmlich anzutatschen, dann gehöre ich dafür stigmatisiert, nicht mit Samthandschuhen angefasst. Wenn ich Feministinnen als Faschistinnen bezeichne, ist es völlig okay, wenn mir das als Spiegel vorgehalten wird und ich mich dafür rechtfertigen muss. (Ein zweiter Anlass für diesen Artikel ist, dass ich jemanden aus der lokalen Kulturszene “outgecalled” habe, der sich seit Jahren antifeministisch äußert, und daraufhin mal wieder von ihm als Feminazi usw. beschimpft wurde.)

Wie eine Freundin schrieb: “Ich will, dass die Angst verloren geht, es sich zu verscheissen. Jetzt sollen mal die anderen Angst haben, den Mund aufzumachen.”

So viele von uns – Frauen wie Männer – haben immer wieder miterlebt, wie übergriffige Menschen in Schutz genommen wurden und über sexistische Äußerungen hingeweggesehen wurde. Ich hab die Nase so voll von dem ganzen Weghören und Wegducken um des lieben Friedens willen, weil: Wessen Frieden denn? Mittäterschaft muss mal echt zum Thema werden. So lange war es “normal”, dass Frauen bzw. alle, die irgendwie von der Norm abweichen, aus Angst den Mund hielten. Angst davor, ausgeschlossen zu werden. Aber auch Angst davor, Gewalt zu erfahren. Angst davor, belächelt und nicht ernst genommen zu werden. Angst vor negativen Folgen im Beruf. Angst davor, zu erfahren, wie dich plötzlich Männer in deinem Umfeld anders behandeln, du nicht mehr dazugehörst, sondern ein Gespräch verstummt, wenn du dazu kommst oder du zu manchen Sachen nicht mehr mit eingeladen wirst. Und all diese Ängste waren und sind berechtigt, aber trotzdem, wie eine Freundin schrieb: “Ich will, dass die Angst verloren geht, es sich zu verscheissen. Jetzt sollen mal die anderen Angst haben, den Mund aufzumachen.”

Aber eigentlich sollte es hier ja um diesen jetzt.de Artikel gehen. Eigentlich hätte ich mich da auch kürzer fassen können: Er ist von der Sorte, für die Begriffe wie Victim-Blaming und Tone Policing erfunden wurden, ganz à la “die armen Männers, woher sollen sie’s denn wissen, etz geht doch mal auf sie zu!” Anbetrachts der ganzen Arbeit, die so viele leisten, damit es heute eine große Vielfalt an Informationen zu Inklusivität, Intersektionalität, Feminismen, schädlichen Rollenbildern, Genderthemen, usw. gibt – danke dafür! – , ist das schlicht eine Unverschämtheit, das zu kritisieren statt dem Unwillen von – ein letztes Mal: – “Stefans”, diese Informationen anzunehmen, zu diskutieren, daraus zu lernen.

Ein bisschen ärgere mich jetzt schon, diesen sonnigen Nachmittag diesem Thema gewidmet zu haben statt mit dem Fahrrad rauszufahren, aber sie funktionieren halt auch bei mir immer wieder, diese Medienformate, denen es mehr um Polarisierung und Aufmerksamkeit geht als um Informieren und Erklären und konstruktives Diskutieren. Bei allem Mitleid für die finanziellen Probleme der Branche: Nicht cool! Mein schöner sonniger Tag… 🙁

Die Rolle, die Körperlichkeit und Soziales in meinem Erleben von Musik spielen: Der Kontext, der mir abhanden gekommen ist.

Der @horse_ebook Tweet, den ich zum Jahresanfang zitiert habe, ist immer noch treffend: “Everything happens so much.” Seit 12. März 2020 bin ich nun schon in halbfreiwilliger Corona-Isolation. Ich gehöre zur Risikogruppe, und das lässt mich vorsichtiger sein, als ich es von mir gedacht hätte. Bis auf gelegentliche kleine Fahrradausflüge, Spaziergänge und ein Mal die Woche Einkaufen bin ich zu Hause. Diese Zeit hat mir die ganzen Relationen rund um physische und psychische Anwesenheit und Nähe durcheinandergewirbelt.

Mein Bedarf an sozialen Momenten, ist mir so viel bewusster geworden. Es ist unglaublich, zu spüren, wie ein simpler Videochat mit Freund*innen sich positiv auf meine Stimmung auswirken kann, auch wenn ich es mit Home Office und alleine Wohnen eigentlich gewohnt bin, mich nicht dauernd mit jemandem zu treffen, sondern schon immer im Alltag auch meine isolierten Tage genossen habe. Aber das lag auch daran, dass ich sonst auch oft sehr viel unter sehr vielen Menschen bin durch das Veranstalterinnen-Dasein, und einen großen Bekanntenkreis habe. Nach Abenden mit vielen Begegnungen tat mir immer danach eine Dosis Alleinsein gut, so wie nach Nächten mit lauter Musik die Stille. Und der Kontakt über Messages oder Social Media begleitet mich ja eh 24/7.

Ich weiß nicht, wie mich diese Zeit verändern wird. Jetzt gerade merke ich, dass so langsam FOMO aufkommt

Derzeit fehlt dieser Gegenpol – also: unter vielen Menschen, die ich mag, zu sein, – und ich merke sehr: Fuck, auch ich kann mich ganz schön alleine fühlen, haltlos. Dazu trägt auch die Unbefristetheit dieses Zustands bei. Ich glaube nicht daran, dass wir in diesem Jahr noch Konzerte und Parties veranstalten werden können. Ich weiß nicht, wie mich diese Zeit verändern wird. Jetzt gerade merke ich, dass so langsam FOMO aufkommt, die Angst etwas zu verpassen, das Gefühl ausgeschlossen zu sein, da die Lockerungen in vielen Bereichen da sind, aber ich immer noch Öffentlichkeit meide, denn ich weiß, dass so bald ich wieder unter Menschen bin, die ich mag, werde ich unvorsichtig und die ganzen Sicherheitsregeln einzuhalten, wird mir verdammt schwer fallen, und ich will mich dem Risiko nicht aussetzen. Mein einziger richtige Krankenhausaufenthalt bis jetzt ist mir immer noch in zu übler Erinnerung.

Die Rolle, die Körperlichkeit und Soziales in meinem Erleben von Musik spielen: Sie bilden den Kontext, der mir abhanden gekommen ist.

Diese zwei Monate sind unglaublich schnell und langsam zugleich verstrichen. Ich ärgere mich, dass ich nicht gleich zu schreiben begann, weil ich die Hälfte von dem, was mir durch den Kopf ging, was ich gelernt habe, oder was ich empfunden habe, schon wieder entglitten ist, und ich jetzt schon merke, dass ich das gerne, so tagebuchmäßig, noch mal lesen würde. Wie und was sich von Woche zu Woche veränderte. Ich habe so viel gelernt in dieser Zeit. Durch Gelesenes, durch Vorträge und Diskussionen, die ich mir gestreamt habe, durch Menschen, denen ich auf Social Media folge. Viel aber auch darüber, was mir an der Musikkultur, in der ich mich engagiere, die ich veranstalte, wichtig ist. Die Rolle, die Körperlichkeit und Soziales in meinem Erleben von Musik spielen: Sie bilden den Kontext, der mir abhanden gekommen ist. Dass es Menschen dazu bringt, sich zu begegnen, sich nahezukommen, und was das in Einklang mit der Musik mit uns macht. Das war mir vorher nur vage bewusst, vor allem das mit der Körperlichkeit, weil es einfach da war, wie die Luft im Raum. so selbstverständlich, dass es keinen Gedanken wert war. Ich bin kein superkörperlicher Mensch, einerseits zumindest. Aber jetzt merke ich in meinen Erinnerungen und meinem Vermissen eine Sensibilisierung darauf. Die Berührungen beim sich Durchschieben durch einen vollen Raum, voller Musik, voller Menschen, zur Theke, zur Bühne, zur Tanzfläche, zu Zigarette und Gespräch vor der Tür.

Laute Musik zu spüren.

Es feht mir, laute Musik zu spüren. Die Bassfrequenzen beim Dubstep – was hab ich in letzter Zeit an die frühen SUB:CITY Parties oder Shackleton im Zentralcafé gedacht! Das Vibrieren der Luft, das Mitbeben meines Körpers bei extremen Konzerten wie denen von Lightning Bolt oder Sunn o))). Wie mir die Musik die Lungenflügel zuzudrücken schien bei einer frühen Ministry Show. Und – um hier nicht zu pathetisch zu werden: das verdammte alberne supernervige Kitzeln in der Nase bei bestimmten Bassfrequenzen. Krasse brutale akustische Attacken wie Konzerten von The Locust oder An Albatross, die zu kathartischen Momenten führten, bei denen mir plötzlich mittendrin ganz leicht ums Herz wurde. Als könnte ich das erste Mal seit Langem wieder frei durchatmen.

Körper zu Musik zu spüren.

Es fehlt mir, Körper zu Musik zu spüren. Nicht sexuell, oder vielleicht manchmal schon auch, aber überhaupt nicht auf einen sexuellen Akt gerichtet, sondern höchstens in der Flüchtigkeit eines vorbeischwirrenden Gefühls genossen. Das Umherschubsen und Drängen im Pit bei Punkkonzerten, die verschwitzte freundschaftlich-aggressive Körperlichkeit, wo auch Schmerz okay war. Frühe Against Me! oder World Inferno Friendship Society Konzerte. Das exzessive Moment davon, und von so vielen Partynächten ist ohne physische Nähe nicht zu haben. Vom Tanzen bis zum leichten Berühren, wenn du jemanden im lauten Raum ins Ohr sprichst, und nicht zu vergessen die ganzen Umarmungen und Küsschen. Der Virus macht mir jede Berührung bewusst.

Bestuhlte Kultur, bei der sich Menschen besser voneinander trennen lassen, und Kultur, bei der freie Bewegung und unvorhersehbare Begegnungen und Berührungen zwischen Menschen ein Teil des Kulturerlebnisses sind – das wird wohl die nächste Kluft bei Öffnungen in dieser Ecke der Gesellschaft werden.

Das ist es, was mir gerade auch das Herz schwer macht, wenn es darum geht, wie wir uns Veranstaltungen vorstellen könnten, wenn es denn dann irgendwann um Öffnungen der Clubs gehen wird. Ich merke, dass ich da keine Freundin von Kompromissen bin. Vorsicht und Sicherheit und andauernd reflektierte Distanz soll nicht zum Wesen der Kultur werden, die ich machen will. Bestuhlte, ruhige Konzerte waren noch nie so mein Ding, auch wenn ich auch da schon schöne erlebt habe. DJ Livestreams scheinen mir gerade auch in erster Linie zu zeigen, was fehlt, wie gesagt: ihr Kontext. Wir DJs und Musiker*innen sind bei live Veranstaltungen nichts ohne das körperlich anwesende Publikum, das tanzt, Raum hat sich gehen zu lassen, enthemmt ist, socialized, sich nahe kommt, uns liebt, uns hasst, und nur zusammen sind wir die crazy vielköpfige, vielkörprige Kultur, die wir jetzt so vermissen. Musik in Clubs, ob Konzert oder Parties, lebt davon, dass sie Menschen zusammenbringt, ein Petridish voller Möglichkeiten ist, aber deswegen eben auch ein Hotbed für virale Ansteckung. Bestuhlte Kultur, bei der sich Menschen besser voneinander trennen lassen, und Kultur, bei der freie Bewegung und unvorhersehbare Begegnungen und Berührungen zwischen Menschen ein Teil des Kulturerlebnisses sind – das wird wohl die nächste Kluft bei Öffnungen in dieser Ecke der Gesellschaft werden.