Auerhaus von Bov Bjerg

Ich hab mir Auerhaus jetzt doch mal wenigstens als Audiobook angehört, nachdem so viel davon geschwärmt worden war, als es rauskam. Es ist ein gutes Mittel gegen 80er Nostalgie, das muss ich ihm lassen. Es ist aber weder sonderlich gut geschrieben, noch glänzt es durch eine herausragende Story. Die Figuren bleiben blass und entwickeln sich kaum. Die flapsige distanzierte Abgeklärtheit der Protagonisten ist im besten Fall als so etwas wie der Versuch, einen männlichen No Future-Zeitgeist rüberzubringen, im schlechtesten die Unfähigkeit des Autors, Figuren zum Leben zu erwecken. Themen wie Freundschaft, Suizid und Coming of Age so distanziert erzählt zu bekommen, schmerzt. Gerade Suizid so auf Rahmung und Handlungstreiber präsentiert bekommen, inhaltlich jedoch eher auf dem Lebel “ist halt so”, ist arm. Dazu kommt als Tüpfelchen auf dem “i” noch die misogyne Haltung, die aus der Darstellung der klischeegefangenen Frauenfiguren und einer schwulen Figur (die gleich auch noch Stricher und Dealer ist) spricht. Alles irgendwie so “wir haben Dinge getan, die andere ganz crazy fanden, aber ey, für uns ganz normal.” Nee, sorry, ärgerliches Buch und der Hype ist für mich nicht nachvollziehbar. Aber zum Audiobook noch: Robert Stadlhuber ist wieder mal hervorragend als Vorleser.

Gegenwartsbewältigung von Max Czollek

Großartige Analyse und Abrechnung mit der Selbstgefälligkeit der bürgerlichen “deutschen” Dominanzkultur, die noch immer nicht in der post-migrantischen Realität angekommen ist. Von deutschem Erinnerungstheater bis zu den Reaktionen auf den rechten Terror von Hanau, von Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit bis zu gesellschaftlichen Ungleichheiten während Corona: Czollek weiß zu ranten, ohne dass er der sprachlichem Gepfeffertheit die Genauigkeit der Kritik opfert. Was aber noch schön wäre: Wenn –vor allem im Kapitel zu intersektionalen Feminismus und Radikaler Vielfalt– nicht Kapitalismuskritik eine Leerstelle bleiben würde, die leider gerade dann dröhnend ins Gesicht und Gewicht fällt, wenn individuelle Wohltätigkeit als akzeptable Lösung zur Finanzierung künstlerischer Tätigkeit erhoben wird, und das ausgerechnet am Beispiel Engels / Marx. Dass dieses Beispiel kein Zufall ist, davon ist bei Czolleks scharfem Blick schon auszugehen. Aber das Buch ist eine wirklich lesenswerte, oder auch, wie ich es genossen habe: hörenswerte Polemik.