“Das flüssige Land”-Besprechung und mein dissonanter Pandemiealltag

 

Habe vor ein paar Tagen Das flüssige Land zu Ende gelesen, ein Anti-Heimatroman von Raphaela Edelbauer. Eine Dorfgemeinschaft verschüttet ihre Geschichte, vor allem die an Naziverbrechen, in einem Hohlraum unter der Erde, unter der Ortschaft. Als schwarzes Loch des Verdrängten lässt es aber immer wieder die Gegenwart in sich zurückkrachen. Löcher tun sich in Straßen auf, Häuser sacken ab, bis sie so schräg stehen, dass Bewohner*innen nur noch angeseilt darin leben können, und sie tun das, ohne groß ein Wort drüber zu verschwenden. Die Brutalität des Festhaltens an einer biederen, konservativen Normalität drängt an die Oberfläche, wird sichtbar, spürbar. Edelbauer zeichnet mit wuchtigen Worten eine Dorfszenerie mit harten Kontrasten und vielen typenhaften Charakteren, die mich an die ver-rückte expressionistische Architektur des Kabinetts des Dr. Caligari erinnerte: Gebäude krümmen sich, Wände und Straßen stehen in seltsamen Winkeln zueinander, eine Welt ist aus den Fugen geraten, aber die Bewohner*innen halten an ihren eingefahren Lebensweisen und Traditionen fest, die Edelbauer ins Schaurige übersteigert, wie im Fall einer vierhundertköpfigen Blasmusikkappelle, die Touristenströme durch das immer mehr in sich zusammenbrechende Dorf zum Frühschoppen geleitet, als wenn nichts wäre. Die so lange verweigerte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte wird um so schwieriger, wenn es keine Zeitzeug*innen mehr gibt, so ist es nur passend, dass Edelbauer dir eine unzuverlässige Erzählerin auf Psychopharmaka an die Hand gibt, die dich durch Das flüssige Land und die Erforschung ihrer eigenen Familiengeschichte leitet.

Heimat als Horror einer Schaukastenrealität, und das Verzweifeln an der (Nicht-)Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – das geht mir als Kind einer Generation, die massiv von der (Nicht-)Auseinandersetzung mit (Ex)-Nazi-Eltern/-Großeltern/-Nachbarn usw geprägt war, und als Einwohnerin Nürnbergs, dem Mittelalter-Disneyland mit dem vermodernden Lebkuchenherz, an die Knochen. Ich bewundere, wie Edelbauer es mit wenigen Strichen schafft, etwas auf den Punkt zu skizzieren oder aufzurufen. Dass sie das nicht auf ganzer Strecke des Buches durchhält, geschenkt! Ein Hauch weniger Festhalten am Konzept und weniger geschultes Schreiben, das hätte dem Ganzen noch gut getan.

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Verdrängung hat mich als Thema auch in meinem Corona-Alltag wieder eingeholt. Lange war ich froh, mal wieder das Beste aus einer schlechten Vergangenheit gelernt zu haben: Im Verdrängen bin ich richtig gut und das ist in Pandemiezeiten ganz hilfreich. Richtig dosiert an den Stellen, wo etwas durchzubrechen droht, wirkt es Wunder und hält richtig lange. Aber es muss einer bewusst sein: Es ist nie eine saubere Angelegenheit, sondern reißt immer etwas mit weg, was du eigentlich behalten wolltest.

Als sich in den letzten Wochen die Aufbruchsstimmung in einen Sommer, in dem die Pandemie vergessen werden soll, breit machte und es sich anfühlte, als ob alle anderen längst wieder ein fast unreduziertes Sozialleben führen, während ich immer noch als umgeimpfte Eremitin im Home Office sitze und endgültig alle social skills verlerne, erfuhr ich allerdings wieder mal am eigenen Leib, dass Verdrängung als Mittel zum länger andauernden Durchhalten ungefähr genauso wenig taugt, wie sich mit Arbeit zuzuschütten. Die Dissonanz brach sich ihren Weg, und sauste und fiepste in Tinnitusform mitsamt Schwindelgefühlen wie kurz vorm Hörsturz durch mich durch, und kaum hatte ich mich für ein paar Tage wieder gefangen, brach sie dann eines Tages im banalsten Moment aus mir heraus, ich hatte es gerade noch vom Einkaufen nach Hause geschafft und saß dann auf der Treppe und steckte halb in mir drin und halb sah ich mir verwundert wie von außen zu, wie heftig es aus mir herausschluchzte. Alien in Sachen Chestburster ein Dreck dagegen. Tage, in denen mich das bloße Aufstehen überfordert. Eine Mail abzuschicken und Abzuspülen und die Kulisse des Funktionierens grob und fahrig aufrechtzuerhalten, fühlt sich an als hätte ich 10 Stunden durchgearbeitet. Mein innerer Workaholic erinnert sich spontan an Fiverr Ads, die ich mal gesehen hatte, und ich fühle mich nutzlos, dreckig, wie der letzte Müll in dieser Welt. Dann wieder ein Tag, an dem ich mir zureden kann, wie gut es mir vergleichsweise zu anderen geht und dass ich mich nicht so anstellen sollte und mich nicht in diesem Sumpf verlieren darf, und ein etwas angenehmeres Level des vertrauten schlechten Gewissens, zu wenig zu leisten, surrt mir die Nackenhaare hoch. Und dann endlich wieder ein Tag wie heute. Einer, an dem ich mich mit meinem Kaffee auf den Balkon in die Sonne setze, als wäre er ein ans Universum gerichteter Mittelfinger, ein Tag, an dem ich lächelnd gegen den Baustellenlärm von nebenan “Goodbye Message” und “Detach” von Sigh of Relief und “Body of Content” von Croatian Amor & Varg durch meine Kopfhörer strömen lasse, während ich langsam durch Twitter scrolle, was sich seit gestern so getan hat, dank @therourke über Werke des Akzelationismus grüble und seine Vortragsslides gebührend bewundere, dann in meiner deutschsprachigen Timeline @Fischblog was übers Bloggen retweeten sehe und mir denke, oooh ja, heute ist ein guter Tag dafür und das hier tippe.

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