Zu Holly Jean Bucks ‘Ending Fossil Fuels’ Buch

Ich empfehle in klimapolitischen Diskussionen immer wieder gern Holly Jean Bucks Bücher “After Geoenginering – Climate Tragedy, Repair and Restoration” (Verso, 2019) und “Ending Fossil Fuels – Why Net Zero Is Not Enough” (Verso, 2021), weil ich nichts vergleichbar Gutes kenne, was so komprimiert, informativ, realistisch-utopisch und verschiedene Bereiche in Beziehung zueinander setzend denkt.

Mit “realistisch-utopisch” meine ich, dass sie sehr gut Detailwissen aus den verschiedensten Bereichen daraufhin zusammendenkt, wie sich damit eine wünschenswerte Zukunft nicht nur vorstellen, sondern gar erreichen lassen könnte. Sie schafft, gleichzeitig die Lage nicht zu beschönigen aber mich bei beiden ihrer Bücher mit Hoffnung und Lust auf das Organisieren für eine bessere Zukunft zurückzulassen. Quasi wie der “this is fine!”-Hund als “this still can get fine”-Hund, der vorsichtig mit anderen zusammen, herunterfallende Trümmer vermeidend oder zur Seite schiebend, den Weg aus dem brennenden Raum heraus organisiert.

In “After Geoengineering” setzt Holly Jean Buck dazu zwischen die Sach-Kapitel sogar fiktive utopische Geschichten, um der Theorie auch Fleisch und Alltagsleben einzuhauchen, eine Zukunft vorstellbar zu machen, von der aus wir rückentwickeln können, wie sie am erreicht werden konnte. Könnte? (Futur II ist nicht meine Stärke, weil stark vernachlässigt, aber es sollte vielleicht wieder mehr zum Einsatz kommen. ^^)

Buck steht für mich für einen Ansatz, bei dem verschiedenste kleine und große Anstrengungen ineinandergreifen müssen, um etwas zu bewirken. Sie ist keine Revolutionsromantikerin, sondern sieht die langwierige notwendige (Care-)Arbeit, die in einer besseren Zukunft stecken, deswegen auch ihr starkes Plädoyer für einen planvollen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen, der neben dem Klima auch Gerechtigkeit auf globaler sowie auf lokaler Ebene zusammenbringt.

Ich tu mir hart, diese Bücher auf ein paar Sätze zu reduzieren, nicht zuletzt wegen eines Zuges für den ich sie auch schätze: Sie arbeitet selten mit harten Abgrenzungen, sondern selbst Punkten, die sie kritisch behandelte, gesteht sie positive Möglichkeiten zu, wenn sie diese Aspekte sieht. Wie schwer mir das Zusammenfassen fällt, hab ich mal wieder gemerkt, als ich kürzlich voreilig in einem Facebook-Comment schrieb, ich würde ein paar Sätze zu ihren Büchern sagen. Ich hab zwei Mal angesetzt und hatte dann wie so oft bei sowas das Gefühl, ich vereinfache so sehr, dass ich dem, wofür ich die Bücher schätze, nicht gerecht werde.

Deswegen bekommt ihr hier nun eine längere Zusammenfassung von “Ending Fossil Fuels”, die eine minimal gekürzte Version dessen ist, was ich mit Tobias Lindemann für Radical Utopias erarbeitet habe. Wers lieber anhört als liest, hier ist die Folge auf YouTube.

“Radical Utopias – Training For A Complicated Future” ist unsere Reihe für Buchvorstellungen und utopiasche politische Diskussionen, in der wir Bücher, die wir dazu spannend finden, zusammenfassen, um ein Gespräch dazu anzufachen. Impuls war für mich da, dass Bücher, die ich spannend finde, oft nicht oder erst ewig später auf deutsch erscheinen, hier mehr Info und die alten Folgen zum Nachgucken.


Ending Fossil Fuels hat drei Teile:

Im ersten Teil, den ich hier am knappsten abhandle, wird die Vision der “Netto-Null” als ein zu vage formuliertes Ziel auseinandergenommen. Sie ist z.B. problematisch, weil CO2-Rückbindung, vor allem die mit flächenintensiven Projekten wie Aufforstung oder Sequestrierung in Landwirtschaft, die bald an ihre Grenzen stoßen dürften. Es wird dort entkarbonisiert, wo es am leichtesten ist, statt in den Bereichen, wo es am nötigsten ist, und der Ausstieg aus den Fossilen wird verlangsamt, weil so getan wird, als würde ein Ausgleich durch CO2-Handel reichen können statt einer CO2-Bepreisung als Marktmechanismus. Im Netto-Null Konzept wird auch keine Verantwortung für Gesundheitswesen (z.B. 2018 gab es 8.7 Mio Tode durch Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe) und Umweltgerechtigkeit (People of Colour und Arme bekommen am meisten Schäden ab) übernommen. Es wird durch Lobbyarbeit die Förderung alternativer innovativer Technologien erstickt.

Buck fragt sich, ob die Netto-Null nicht eine kollektive Täuschung, ist ein Fetisch einer von Vermessung und Quantifizierung bestimmten Welt. Buck schlägt statt “Netto-Null” “Phaseout of fossil fuels” (Ausstieg aus fossilen Brennstoffen) als Diskursbegriff vor, für den komplexen Tanz zwischen Abschaffung von fossilen Brennstoffen und Förderung und Aufstockung alternativer Energieformen und CO2-Sequestrierung. Und es geht Buck dabei auch um eine Neuausbalancierung von Macht. Sie zieht Studien heran, die zeigen wie die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern korrupten und autoritäre Regimen nutzt und der planvollen Ausstieg aus Fossilen kann für Buck auch zur Verhinderung geopolitischen Konflikten um Ölreserven oder Gas-Pipelines beitragen. Risiken sieht sie bei Unterversorgung von Communities durch steigende Preise oder Kapazitätsreduzierungen, was zu politischen Konflikten und Destabilisierung von Staaten führen kann. Oder auch ein “pump and panic”, bei dem Konzerne vor Einschränkung des Marktes noch mal möglichst viel Kapital aus den Vorkommen schlagen wollen.

Buck ist deswegen die Perspektive wichtig, dass der Ausstieg nicht nur ein Problem ist, sondern verschiedene Probleme. Deswegen bringt sie im zweiten Teil dann fünf verschiedene Linsen, durch die ein planvoller Ausstieg aus den Fossilen zu betrachten wäre

1. Kultur

Da gehts darum, wie zentral Öl für das 20. Jahrhundert war, wie es für Freiheit und endloses Wachstum stand, für individualisierte Macht usw. Das geht bis tief in die Sprache und hat eine Kultur geschaffen, die mies darin ist, Dinge zu beenden und das nicht als Versagen zu sehen. Es gibt auch eine Kultur der “Petronostalgie”, für die neue autoritäre Bewegungen stehen, und die Nähe von Frauenfeindlichkeit und Klimaleugnung wird mit dem Begriff “Petro-Maskulinität” gefasst. Buck stellt sich da die Frage, wie sich da durchdringen lässt und sieht eine Möglichkeit darin, die Klimabewegung in einen Dialog mit politischen Post-Arbeit oder Anti-Arbeit-Traditionen zu bringen. Wenn fossile Brennstoffe nicht mehr für solide Jobs stehen, fallen ein Haufen Argumente weg. Und die Anti-Arbeit-Bewegungen könnten dem Umweltaktivismus helfen, nicht mehr nur für Verzichtskultur zu stehen, sondern eine alternative politische Vision der Freude und des Genusses herzustellen.

Buck sieht die ganze Kultur der Innovation eigentlich als eine der konstanten Sorge darum, zurückgelassen zu werden: Es ist eine Rhetorik der Angst verkleidet in eine Sprache des Optimismus. Das Problem an diesem Innovationsmindset ist auch, dass es zu einer Abwertung von Instandhaltung und Pflege, geführt hat, mit desaströsen Ergebnissen. Dagegen sieht sie es als nötig, eine Kultur des Planens zu setzen. Da geht sie kurz auf die russische Planwirtschaft des 19. Jahrhunderts ein: Dass es kein schrittweises Ausrollen einer Strategie war, den Markt zu ersetzen, sondern dass da stückweise etwas, oft in Reaktion auf Zusammenbrüche, angegangen wurde. Die logistischen und buchhalterischen Prozesse des wirtschaftlichen Planens, die da geschaffen wurden, wie der 5-Jahres-Plan, wurden von kapitalistischen Konzernen adaptiert und werden bis heute verwendet. Das sozialistische Planen wurde in den 1930ern und Vierzigern zu einer breiteren Idee, die Gesundheit, Wohnen, soziale Sicherheit, Stadtplanung und wirtschaftliches Planen umfasste. Das änderte sich, als nach dem 2. Weltkrieg das wissenschaftliche, rationale Planen aufkam. Es entwickelte sich zu einem Mashup regionaler Planung, in dem es um Landnutzung, Wohnraum, Verkehr, Umwelt- und Entwicklungsplanung ging, aber wirtschaftliche Planung rausfiel. Neoliberalismus trieb das dann noch weiter: In den 1980ern ging es darum, Planwirtschaft zu liberalisieren, quasi den Markt zu befreien und zu einer Marktwirtschaft zu gelangen.

Die Gegenkultur der 68er half hier mit: Die Kultur des Planens wurde als zu technokratisch, elitär, zentralisiert und bürokratisch betrachtet. Bis heute wird Planwirtschaft mit einer diffusen Angst vor totalitärer Herrschaft und dem Verlust individueller Freiheit verbunden, obwohl demokratisches Planen natürlich möglich ist. Das braucht allerdings nicht nur eine technokratische Reform, sondern eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Beziehungen und Strukturen. Buck sieht die Möglichkeit, dass der Green New Deal könnte so ein Framework werden könnte: Ein Planungsregime, das öffentliche Ausgaben ebenso beinhaltet wie einen Fokus auf Machtstrukturen und die Situation Marginalisierter. Um den nötigen kulturellen Umbruch hinzubekommen, braucht es auch den Beitrag von Erziehung, Medien und Kunst, die Planen zu etwas Coolem machen können, ein “Mainstreaming” des Planens quasi. Und es müssen Institutionen für demokratisches Planen geschaffen werden, um Teilnahme oder Delegation zu ermöglichen, jenseits von McKinsey Beratung und Black-Box Plattformen.

2. Geopolitik

Um die Geopolitik des Ausstiegs aus fossilen Brennstoffen zu verstehen, müssen wir verstehen, wer auf Öl angewiesen ist und wer die Fähigkeit hat, auf andere Energiequellen umzusteigen. Es sind gerade einige der am wenigsten entwickelten Länder der Welt, die derzeit planen, die Fossilen als Hebel für ihre wirtschaftliche Entwicklung einzusetzen und auszubauen, weil sie ihre Exporte noch nicht diversifiziert haben. Dazu brauchen sie die Technologie und Finanzierung der großen internationalen Ölfirmen. Es könnte dadurch zu einer Situation kommen, in der der globale Norden nachbegrünt und sich für die Netto-Null feiert, während in der ärmeren Hälfte der Welt weiterhin massiv in die Ölindustrie gepumpt wird. Buck führt hier einiges zu den Besonderheiten US-amerikanischer, saudi-arabischer und russischer Wirtschafts- und Energiepolitik aus, und zu den Schwierigkeiten eines fairen Umstiegs. Ghana zum Beispiel ist ebenso auf die Ölindustrie fixiert wie Russland oder Saudiarabien, aber ist so winzig, dass es sinnvoll sein könnte, es um der Klimagerechtigkeit willen erst mal weiterproduzieren zu lassen, währen es bei den großen Staaten ein echtes Problem darstellen würde. Für Länder des armen Südens wie Nigeria gibt es Diskussionen um einen Schulden-Klima-Austausch: eine Kompensation, die angemesssen ist, weil der Norden das Problem ja zum Hauptteil verursacht.

Es zeigt sich, so Buck, dass der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen eine globale Anstrengung mit lokalen Nuancen sein muss. Es braucht detaillierte, ortsspezifische, gerechtigkeitsbewusste Planungen, die zusammen mit lokalen Expert*innen und Gemeinden diese Diskussion aufs nächste Level heben. Buck fordert, dass unser westlicher Klimaaktivismus sich stärker mit der Außenpolitik unserer Länder befassen muss. Da ist noch vieles in Sachen Wissen, Vernetzung und Solidarität nachzuholen. Und wir sollten lauter fordern, dass die reichen Länder die Transition zu sauberer Energie rund um die Welt mittragen, nicht nur in ihrer Nachbarschaft. Der Blick durch die Linse der internationalen Beziehungen gibt uns die Fähigkeit von einer lokalen gerechten Umstellung zu einer globalen zu gelangen.

Was bringt uns dieser Blick durch die kulturelle Linse auf das Problem? Empathie und einen Blick für Techniken für Transformation vor und über Regulierungen hinaus.

3. Infrastruktur

Der geplante Ausstieg sollte auch durch die Brille der Infrastruktur gesehen werden. Damit zum Beispiel Windenergie einen wirklich maßgeblichen Teil zur Energiegewinnung beiträgt, braucht es verdammt viel Landfläche für die Turbinen. Wäre es da nicht doch sinnvoller, die alten Kraftwerke weiterlaufen zu lassen und für einen Emissionsausgleich zu sorgen? Natürlich nicht, denn das würde nicht reichen, um die angestrebten Klimaziele zu erreichen, aber: es klingt so gut. Umgekehrt wird das Ausrangieren der alten Infrastruktur gern als ein “Erleiden” beschrieben, als wäre nicht schon das Errichten davon im Wissen um die Klimalage ein Fehler gewesen: Es wird von “vorzeitigem” Schließen geredet und von “gestrandeten” oder “verlorenen” Kapitalanlagen.

Sehen wir uns die Infrastruktur der fossilen Brennstoff-Industrie mal genauer an, gibt es drei Teile: Vorgelagerte Aktivitäten wie Erforschung und Extraktion, alles was mit den Reserven unter der Erde zu tun hat. Dann gibt’s Transport, wozu Pipelines, Zugstrecken, Schiffe usw gehören. Und es gibt die nachgelagerten Operationen wie Ölverarbeitung, Distribution wie an Tankstellen und Kraftwerke. Dank dem Niedergang der US Stahlindustrie in den 1970er und 80ern, und weil schon so viele Kraftwerke wegen Überalterung schließen mussten, gibt es schon genug Wissen über so eine große Deindustrialisierung und es lässt sich planvoll vorgehen statt einfach blindlings in Negativfolgen hinein zu laufen. Um Verzögerungen vorzubeugen, sollten alle beteiligten Interessengruppen gemeinsam einen Schließungsplan erarbeiten, der Punkte wie Finanzierung und Ersatzenergie, Auszahlung von Anleihen, einen Übergangsplan für Arbeiter*innen, und Kompensation für die allgemeine Öffentlichkeit enthält. Ein Ausstieg ohne dass viele Schaden nehmen, muss gut geplant sein.

Als unterliegende Frage zieht sich durch, wer für einen Fehler zahlen sollte. Wenn wir nach kapitalistischer Logik entscheiden, sollten die Konzerne, die in vollem Wissen schlechte Entscheidungen getroffen haben, einfach hängengelassen werden. In anderen Bereichen schützen wir solche Firmen ja auch nicht. Warum sollten fossile Brennstoffe etwas Besonderes sein? Egal, wie wir diese Frage aber beantworten: Klar sollte sein, dass unser Fokus darauf liegen sollte, Menschen vor den schlechten Entscheidungen zu schützen, die Unternehmensleitungen treffen. Und wenn wir sie eh schon finanziell retten müssen, dann doch bitteschön lieber früher als später, wenn noch mehr Klimaschaden erfolgt ist.

Buck stellt auch fest, dass es interessant ist, dass anzunehmen wäre, das ein Thema wie Infrastruktur sehr klinisch betrachtet werden könnte, aber tatsächlich in diesem Diskurs eine sehr emotionale Sprache geführt wird und die Zuhörenden immer wieder zu einer Identifikation mit der Infrastruktur gebracht werden sollen: Kraftwerke und ihre Besitzer sind darin die Sympathieträger statt die Leute, die geliebte Menschen an Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe verloren haben und noch mal: Das waren zum Beispiel allein 2018 8.7 Millionen Tote. Auf der anderen Seite sollte der Ton aber natürlich auch nicht zu jubelnd oder zu klinisch kalt ausfallen, da die Schicksale ganzer Gemeinden an solchen Unternehmen hängen. Insgesamt lässt uns die Betrachung des Problems durch die Linse der Infrastruktur einen räumlichen Blick dafür gewinnen, mit Bezug zu den menschlichen Geographien von Arbeiter*innen und Ökonomien.

3. Geopolitik

Um die Geopolitik des Ausstiegs aus fossilen Brennstoffen zu verstehen, müssen wir verstehen, wer auf Öl angewiesen ist und wer die Fähigkeit hat, auf andere Energiequellen umzusteigen. Es sind gerade einige der am wenigsten entwickelten Länder der Welt, die derzeit planen, die Fossilen als Hebel für ihre wirtschaftliche Entwicklung einzusetzen und auszubauen, weil sie ihre Exporte noch nicht diversifiziert haben. Dazu brauchen sie die Technologie und Finanzierung der großen internationalen Ölfirmen. Es könnte dadurch zu einer Situation kommen, in der der globale Norden nachbegrünt und sich für die Netto-Null feiert, während in der ärmeren Hälfte der Welt weiterhin massiv in die Ölindustrie gepumpt wird. Buck führt hier einiges zu den Besonderheiten US-amerikanischer, saudi-arabischer und russischer Wirtschafts- und Energiepolitik aus, und zu den Schwierigkeiten eines fairen Umstiegs. Ghana zum Beispiel ist ebenso auf die Ölindustrie fixiert wie Russland oder Saudiarabien, aber ist so winzig, dass es sinnvoll sein könnte, es um der Klimagerechtigkeit willen erst mal weiterproduzieren zu lassen, währen es bei den großen Staaten ein echtes Problem darstellen würde. Für Länder des armen Südens wie Nigeria gibt es Diskussionen um einen Schulden-Klima-Austausch: eine Kompensation, die angemesssen ist, weil der Norden das Problem ja zum Hauptteil verursacht.

Es zeigt sich, so Buck, dass der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen eine globale Anstrengung mit lokalen Nuancen sein muss. Es braucht detaillierte, ortsspezifische, gerechtigkeitsbewusste Planungen, die zusammen mit lokalen Expert*innen und Gemeinden diese Diskussion aufs nächste Level heben. Buck fordert, dass unser westlicher Klimaaktivismus sich stärker mit der Außenpolitik unserer Länder befassen muss. Da ist noch vieles in Sachen Wissen, Vernetzung und Solidarität nachzuholen. Und wir sollten lauter fordern, dass die reichen Länder die Transition zu sauberer Energie rund um die Welt mittragen, nicht nur in ihrer Nachbarschaft. Der Blick durch die Linse der internationalen Beziehungen gibt uns die Fähigkeit von einer lokalen gerechten Umstellung zu einer globalen zu gelangen.

4. Code

Im nächsten Abschnitt richtet Holly Jean Buck unseren Blick auf Beziehungen zwischen Digitalität und dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Visionen von der Netto-Null hängen daran, eine Art von planetarem Computer herzustellen. Das wird selten explizit so gesagt, aber ist eigentlich klar, denn irgendwie muss ja mit Emissionsmessungen usw. berechnet werden, wann ein Netto-Null-Status erreicht wird und die großen Plattformen dürften alle heiß darauf sein, dabei zu sein.

Helle Köpfe von Harvard, MIT, DeepMind, Google AI, Microsoft Research und anderen haben sich schon für ein Paper mit 111 Punkten zusammengetan, um festzuhalten, wie sich der Klimawandel mit Machine Learning bekämpfen ließe, z.B. kann Machine Learning intelligente Netzwerke ermöglichen, Vorrat und Bedarf vorhersagen, um bestimmen zu helfen, was für Energiekraftwerke gebaut werden sollten, Wetter in die Planung von Erneuerbaren einberechnen, Speicherplätze für Kohlenstoff identifizieren und managen, Satelliten dazu verwenden Emissionen zu messen, geteilte Mobilitäts-Services ermöglichen, Frachtrouting und Logistik, das Heizen und Kühlen industrieller Einrichtungen optimieren, präzise Landwirtschaft antreiben, Wiederbewaldung automatisieren, Kohlenstoffpreise vorhersagen und Kohlenstoffmärkte designen helfen und vieles mehr. Buck findet das eigentlich Interessante an dem Papier, wie unterentwickelt viele der Ideen erscheinen: Viele sind eher spekulativ als dass sie Entwicklungen beschreiben, die schon Fuß gefasst haben. Den Grund für die Unausgereiftheit der Technologien sieht sie nicht in deren Unmöglichkeit, sondern darin, dass derzeit kein offensichtlicher Profit aus dem Monitoring der Erde und der Kohlenstoffflüsse zu schlagen ist. Aber das ändert sich langsam, das Interesse des Venturekapitals steigt inzwischen massiv.

Bevor diese Infrastruktur designed wird, sollte allerdings beantwortet werden, was für Daten oder Kapital die Plattformen unterwegs extrahieren sollen. Wer ist das Subjekt bei der Kohlenstoffplattform, welche Beziehungen stellt sie her oder löst sie auf? Derzeit sind unsere Online-Netzwerke auf einem System von personalisierter Werbung aufgebaut, beruhen auf einem mentalen Modell aus der Finanzwelt. Wir sollten es nicht zulassen, dass die Kohlenstoffflüsse so beobachtet und gehandelt werden wie unsere Aufmerksamkeit jetzt. Es kann gut passieren, dass Microsoft oder Google die ersten Startups für ökologisches Sensing und Modeling aufkaufen und es damit endet, dass diesen Konzernen die ganze Infrastruktur gehört. Für eine bessere Alternative verweist Buck auf Benjamin Brattons The Terraforming, das wir auch schon in unserer Radical Utopias Reihe diskutiert haben. Wir brauchen das planeten-weite Computing und ökologische Messungen, aber wir brauchen sie in öffentlicher Hand und müssen sie auf öffentliche Ziele richten.

Ebenso wahrscheinlich ist allerdings, dass sich Big Tech und Big Oil zusammenschließen. Microsoft hat schon Interesse gezeigt und Geld investiert, um Kohlstoffmanagement und Emissionmärkte zu erschließen, und es will bis 2030 kohlenstoffnegativ sein, aber gleichzeitig stellt Big Tech genau die Infrastruktur, die Ölkonzernen hilft, ihr Geschäft effizienter zu verrichten. Aber es bedarf fähiger Plattformen für den Austausch von Emissionen und Kohlenstoffentfernung, und es ist schwer vorstellbar, dass Amazon, Google und Microsoft da nicht dabei wären. Und es ist ja auch fantastisch, dass mit Infrastruktur wie der von Amazon als Planungswerkzeug heutzutage eine demokratisierte Planwirtschaft tatsächlich vorstellbar ist.

Durch die Linse von Code über unser Problem, wie wir die fossilen Brennstoffe abschaffen können, zu blicken, ermöglicht uns darüber nachzudenken, wie Technologie hilft, das zu verwalten, was auf der anderen Seite der Abschaffung sein könnte. Die Infrastruktur der Fossilindustrie durch Datenzentren ersetzt Arbeiter*innen, die in die Wissensökonomie wechseln. Aber es könnte alles auch entsetzlich werden, wenn wir uns angucken, wie in der Vergangenheit Big Tech und Big Oil schon verflochten sind, denn es bleibt klar: Wir brauchen die Technologie, aber sie muss reguliert werden. Die Frage, wie das geschehen soll, und ob das Überführen in die öffentliche Hand machbar und effektiv sein kann, muss ernsthaft als Option geprüft werden und braucht ebenfalls einen gut geplanten Ausstieg.

5. Politische Macht

Im letzten Abschnitt dieses Teils geht Holly Jean Buck darauf ein, wie wir die politische Macht erringen können, die es braucht, um den Ausstieg aus den Fossilen zu forcieren. Es reicht nicht, unser Meinung kundzutun und es reicht nicht, wenn Regierungen erst in Krisenmomenten reagieren, sondern für einen planvollen sozial gerechten Ausstieg braucht es Planung und um zu den Manager*innen des Ausstiegs zu werden, muss politische Macht errungen werden. Dazu geht sie auf drei Beispiele ein, aus denen wir lernen und Mut schöpfen können: Plastik, giftige Chemikalien und Tabak, die alle drei bis zu einem gewissen Grad erfolgreich eingedämmt wurden.

Die Abschaffung der Plastikbeutel zeigt, wie weit es eine Bewegung von unten mit vielen lokalen Ursprüngen statt einer großen transnationalen Kampagne bringen kann. Fragen, wie die danach, was als Ersatz sinnvoll ist, oder dass der Fokus auf einzelne Produkte wie bei der Abschaffung von Strohhalmen vom größeren Problem ablenken können, sind auch für die Abschaffung der fossilen Brennstoffe wichtig. Die Lektion aus der Abschaffung von FCKW ist, dass öffentliche Meinung und große langanhaltende Verhandlungen Wirkung zeigten, ebenso wie das öffentliche Anerkennen der wissenschaftlichen Fakten dazu und das Zusammenwirken informeller Netzwerke für die Verhandlungen. Beim dritten Beispiel, Tabak, gab es wie bei den fossilen Brennstoffen eine Debatte, ob es eine komplette Abschaffung oder Kontrolle des Wann, Wo und Wie der Verwendung geben sollte.

Interessant ist, dass alle Beispiele mindestens zehn Jahre früher Arbeit brauchten, bevor sie überhaupt ernstgenommen wurden, und dass ein Aufmerksamkeitshöhepunkt und der Punkt, an dem sich eine neue kulturelle Norm herausbildet, noch nicht mit Erfolg verwechselt werden darf. Gerade da braucht es noch mal eine große Kraftanstrengung.

Es sollten auch die Unterschiede bedacht werden, zum Beispiel dass über fossile Brennstoffe schon viel diskutiert wird und neben der Industrie auch ein Dialog mit dem Klimawandel-Komplex der Think Tanks, Nachhaltigkeitsindustrie, NGOs usw. nötig ist, die schon an Regulierungen rund um Netto-Null arbeiten.
Ein weiterer Punkt in Sachen politische Macht ist die Kluft zwischen Stadt und Land, die Buck als nächstes anspricht. Wie lassen sich die Menschen in ländlichen Gegenden überzeugen, die gar nicht einsehen, warum sie Windräder auf ihre Felder stellen sollten, die dann einer Elite von Städtern zu gute kommen? Buck greift hier Xiaowei Wangs Konzept der “Metronormativität” auf, um klarzustellen, dass wir das Verständnis von der Stadt als Kern und dem Land als Peripherie oder bloßes Anhängsel aufbrechen müssen, da dies in ländlichen Regionen oft einen dunklen Populismus schürt. Ein Green New Deal, der auch tatsächlich den ländlichen Gegenden zugute kommt, wäre eine verbindende Perspektive, ebenso wie ein anti-monopolistischer Ansatz, der sich gegen die große Industrie stellt.

Der Blick auf das Problem des fossilen Ausstiegs durch die Linse der politischen Macht gibt uns ein Gespür dafür, was an organisatorischer Arbeit nötig ist, und weitere Themen an die Hand. Wir brauchen einen Ansatz, der all diese Fronten vorantreibt: die Infrastruktur, die kulturelle Veränderung, die Geopolitik, den Code und die politische Macht von unten.

Im dritten Teil des Buchs versucht Buck eine “Ausstiegs-Toolbox für die 2020er” zu entwerfen. Wie könnten konkrete Schritte zur Beendigung der Nutzung fossiler Energieträger aussehen? Holly Jean Buck ist sich sicher, dass es sehr unterschiedliche, große und kleine Maßnahmen sein werden. Doch was ist dazu nötig? Braucht es Militanz, wie etwa der Aktivist und Soziologe Andreas Malm argumentiert? Schließlich war diese auch nötig in den Kämpfen gegen Versklavung, in der Bürgerrechtsbewegung der USA oder beim Kampf der Suffragetten um Gleichberechtigung.

Auch wenn sie Aktivismus essenziell findet im Vorgehen gegen den Klimawandel um politische Möglichkeiten zu schaffen, konzentriert sich Buck bei ihrer “Toolbox” auf Ideen, die durch Regierungsprogramme, Gesetze oder wirtschaftliche Anreizprogramme umgesetzt werden können und liefert keine aktivistische Toolbox. Sie zitiert The Red Nation: “Wir ‘machen’ nicht nur Revolution, sie muss hergestellt werden. Sie muss organisiert werden. Es kein fortdauernder Aufstand auf den Straßen sein.” Buck geht es darum, was einen Aufstand begleiten muss: Die planvolle bedachte Organisation dessen, wohin wir wollen. Sie nennt fünf Punkte, die sie in eine grobe Reihenfolge bringt, in der sie sich gegenseitig am wirkungsvollsten verstärken könnten.

1. Moratorien, Verbote und Verweigerung der Finanzierung

Es braucht Abkommen und Gesetze um den Fossil-Ausstieg voranzutreiben. Buck ist für Verbote der Erkundung von Vorkommen, des Abbaus und der Förderung sowie des Exports dieser. Ein Verbot der Erkundung von Öl- und Gasvorkommen wäre ein guter Start, da es ein starkes Signal aussendet. Ein Moratorium der Förderung ist ein drastischerer Schritt, immerhin haben diesen aber einige Länder bereits durchgesetzt, z. B. Frankreich, Belize und Costa Rica. Ein Verbot zur Weiterverarbeitung gibt es bisher nur auf lokaler Ebene, in den USA z. B. im Staat New York. Immerhin laufen international bereits 106 Moratorien in 22 Staaten, was schon mal widerlegt, dass sie unmöglich wären. Auf länderübergreifender Ebene wird es schwieriger, daher ist es notwendig, klare Regelungen zu schaffen, denen auch transnationale Konzerne unterliegen. Bisher mangelt es an diesen.

2. Zuschüsse einstellen

Durchschnittlich fördern Regierungen die Fossilbrennstoffindustrie doppelt so stark wie die erneuerbaren Energien. Das muss sich schnell ändern. Doch die Politik tut sich schwer damit, schließlich möchte kaum eine Regierung die unpopuläre Entscheidung für höhere Energiepreise fällen. Diese Förderung passiert häufig auf Arten, die nicht sofort erkennbar sind, z.B. durch Steuernachlässe oder die günstige Überlassung von Landflächen. Daran etwas zu ändern wäre nicht nur für das Klima gut, viele dieser mehr oder weniger versteckten Fördermaßnahmen sind auch sozial ungerecht oder schaffen Wettbewerbsvorteile für große Firmen.

Das Gegenargument, die Reform der Förderung würde dem freien Markt huldigen, lässt Holly Jean Buck nicht gelten. Organisationen wie das Internationale Institut für nachhaltige Entwicklung haben längst Pläne entwickelt, wie eine sozial gerechte Umstrukturierung aussehen könnte.

3. Erlaubnis zur Gewinnung

Buck gibt zu, dass es ab diesem Punkt komplizierter wird. Es ist nötig, die Gewinnung und Produktion herunterzufahren, aber wie? Die meisten bisherigen Abkommen berücksichtigen nur die Emissionen. Eine Möglichkeit, die Produktion finanziell uninteressanter zu machen, wäre eine höhere Besteuerung, doch besteht hier immer die Gefahr, dass Energie teurer wird und die soziale Ungerechtigkeit steigt.

Sinnvoller wäre es, die Gewinnung von fossilen Energieträgern an eine Erlaubnis zu binden, die nicht endlos oft ausgestellt werden kann. Somit könnte eine Gesamtfördermenge kontrolliert und Schritt für Schritt eingeschränkt werden. Regelungen dieser Art gibt es bereits, z. B. seit Ende des 19. Jahrhunderts in Texas. Dort bestimmen gewählte Gremien, wo Öl oder Gas gefördert werden darf. Bisher wird dieses Instrument der Förderquoten nicht unter Klimagesichtspunkten eingesetzt, aber dies ließe sich ändern. Bei Grundnahrungsmitteln wie z. B. Rohzucker, Milch oder Butter sind hierzu längst Verfahren installiert, sie sorgen für Preisstabilität und regulieren die landwirtschaftlichen Ressourcen. Für das Instrument der Quotierung bräuchte es jedenfalls transparente Regeln und Vergabeverfahren, um Korruption zu verhindern.

Eine Quotierung der Produktion auf internationaler Ebene könnte etwas ermöglichen, was nicht nur Holly Jean Buck, sondern auch andere Denker*innen zum Thema Klima immer wieder andenken: eine durch AI gestützte, detailliert Überwachung der Produktion klimaschädlicher Güter.

4. Vergesellschaftung zum Ausstieg

Für wesentlich effizienter hält die Autorin allerdings die Vergesellschaftung der Energiekonzerne, so ließen sich auch Quotierungen leichter umsetzen. Den Ruf danach gab es vermehrt nach der Finanzkrise 2008, als die Regierungen weltweit Geld druckten um die Banken und damit auch die Konzerne zu retten. In der Coronakrise sind diese Rufe wieder lauter geworden, war durch den zwischenzeitlich stark gesunkenen Ölpreis die Branche doch stark angeschlagen.

Historisch gesehen, sind staatliche Eingriffe und Vergesellschaftungen keine Seltenheit, selbst in den USA. Beispiele sind die Zerschlagung des riesigen Rockefeller-Ölimperiums, die Verstaatlichung der Eisenbahnen sowie Eingriffe während der Weltwirtschaftskrise und auch 2008 und 2009 nach der Finanzkrise. Viele dieser Vergesellschaftungen waren temporär, in der Klimakrise müssten sie dauerhaft sein. Für besonders sinnvoll erachtet Buck nach einer staatlichen Übernahme die Schaffung eines Solarenergie-Fonds, mit dessen Hilfe dann ein staatliches Programm für erneuerbare Energien direkt in die Tat umgesetzt werden könnte.

Natürlich ist das Prinzip der Verstaatlichung nicht frei von Risiken. Was passiert z. B., wenn ein reaktionärer, den Klimawandel leugnender Präsident wie Trump gewählt wird? Bei einer Übernahme müsste also ein bindendes Ausstiegsabkommen aus der fossilen Energiegewinnung unterzeichnet werden, um eine Reprivatisierung zu verhindern. Bezahlbar wäre es durchaus: eine Untersuchung stellte 2017 fest, dass die 25 größten Öl- und Gasfirmen der USA 1,15 Billionen Dollar kosten würden. Die Kriege im Irak und Afghanistan kosteten geschätzt zusammen 4 bis 7 Billionen Dollar – und wurden ja auch finanziert. Wenn man dazu bedenkt, wieviel Geld aufgebracht werden wird, um in der Zukunft durch das Klima verursachte Schäden zu reparieren, wird die Idee immer attraktiver. Eine arbeiter*innen-zentrierte CO2-Removal-Industrie in öffentlicher Hand ist eine dringendes politisches Projekt.

5. Reverse Engineering

Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen könnte die zugehörige Industrie irgendwann überflüssig machen. Holly Jean Buck sieht da aber eine Chance: Wenn die Konzerne nicht mehr ihrer ursprünglichen Aufgabe nachgehen können, sind sie trotzdem technologisch und personell in der Lage, an der Aufhaltung des Klimawandels mitzuwirken. Geologische Forschung, Tiefenbohrungen, Pipelines, Großlager, Tankschiffe: die Öl- und Gasindustrie unterhält eine riesige Infrastruktur, die für die Einlagerung von CO2 genutzt werden könnte. In Bereichen wie der CO2-Filterung aus der Luft entsteht eine neue Art Verwertungskette, die in großem Maßstab geplant und umgesetzt werden muss, auch dies wäre möglich. Das Schlagwort hierfür wäre “Reverse Engineering”.
Doch ohne Vergesellschaftung wäre dies nicht machbar, denn für einen Umbau bräuchte es enorme staatliche Unterstützung, die in privater Hand in dieser Form nicht passieren würde. Zugleich könnte die Allgemeinheit von den Einnahmen dieser verstaatlichten Konzerne profitieren, wenn die Umstellung gelungen ist. Es geht also, so Buck, nicht um Moleküle, die aus dem Boden gewonnen oder dort belassen werden, auch nicht darum, solche Konzerne zu zerschlagen – im Gegenteil, wir brauchen sie. Stattdessen geht es grundlegend um die Gestaltung unserer gesellschaftlichen Beziehungen, einer demokratischeren Verwaltung.

Im abschließenden Resümée ist sich Holly Jean Buck sicher, dass wir in diesem Jahrzehnt nicht die Lösung gegen den Klimawandel finden werden – aber es müssen wichtige Weichen gestellt und die Planungen vorangetrieben werden. Dazu müssen wir auch eine neue Art finden, über diese Prozesse nachzudenken und zu sprechen. Wir müssen Konzepte der Vergesellschaftung vorantreiben, die nötige Infrastruktur für die anstehenden Aufgaben erforschen und die Rolle von Energiekonzernen überdenken. In all diesen Prozessen ist das Konzept der “Netto-Null” wenig hilfreich, trifft es doch keine Aussage über kulturelle, wirtschaftliche und soziale Veränderungen, die dringend nötig sind. Die technischen Maßnahmen, mit denen wir dem Klimawandel begegnen können, sind nur da, um uns Zeit zu geben, tiefere Veränderungen vorzunehmen und dabei unseren Umgang mit Rohstoffen, Natur und Arbeit neu zu definieren.

Holly Jean Buck gibt uns hierfür fünf Ideen mit auf den Weg, die wir in unserem Umfeld diskutieren sollten:

1. Die Netto-Null ist das falsche Ziel für den Klimakampf, sie lenkt die Aufmerksamkeit weg von der Produktion, hin zu den Emissionen. Besser wäre es, die Gewinnung von fossilen Brennstoffen möglichst schnell und gut geplant auslaufen zu lassen.

2. Plattformmacht ist eine Macht für Veränderung. Das System der sozialen Medien, wie es jetzt angelegt ist, führt zu Polarisierung und macht uns anfällig für kollektive Täuschungen. Soziale Medien sind aber eine wichtige Informationsinfrastruktur und sollten deshalb vergesellschaftet werden.

3. Klimaschützer*innen müssen vorausschauender denken, um den Ausstieg aus den Fossilen und die Schaffung sauberer Energie-Infrastruktur zu planen. Sie müssen Entwicklungen wie die Entzauberung von erneuerbaren Energien oder Kampagnen für “saubere” fossile Brennstoffe vorhersehen und ihnen offensiv begegnen.

4. Es gibt große Risiken beim Auslaufenlassen fossiler Brennstoffe, aber die Vorteile überwiegen. Es muss offensiv über autoritäre Politik, Korruption, Ausbeutung und Unterdrückung gesprochen werden, die durch fossile Brennstoffe entstehen.

5. An das Auslaufenlassen muss multidimensional herangegangen werden. Kulturelle Transformationsprozesse müssen mitgedacht werden, globale und lokale Auswirkungen müssen gleichzeitig betrachtet werden. Eine demokratische Planung ist nötig, die von den fossilen Energieträgern auch auf andere Bereiche übertragen werden kann, in denen Menschen und Umwelt ebenfalls Schaden nehmen. Die Fähigkeit, Dinge zu beenden, ist zutiefst emanzipatorisch.

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