Das bisschen Totschlag

“Heftiger Übergriff in der Bremer Straßenbahn: Ein Minderjähriger soll eine Transfrau beleidigt, geschlagen und schwer verletzt haben. Rund 15 Jugendliche feuerten ihn an.” (Spiegel, 05.09.22)

“Das bisschen Totschlag bringt uns nicht gleich um
sagt mein Mann ich kann den ganzen Scheiss einfach nicht mehr hörn
sagt mein Mann ist ja gut jetzt alte haut wir ham schon schlimmeres
gesehn und ich sag noch ‘Lass uns endlich mal zur tagesordnung übergehn'” (Die Goldenen Zitronen)

Erst schüren rechte und TERF-Hetzer*innen über Monate hinweg Hass auf und Angst vor trans Leuten als potenzielle Vergewaltiger und Kindesmissbraucher (genau so wie vor 50 Jahren noch Homosexuelle dämonisiert wurden), BILD und EMMA (aber auch Jungle World war früh dabei, warum ich und eine Handvoll anderer auch nicht (mehr) dafür schreiben) und das Feuilleton fast aller großen Zeitungen hierzulande macht mit. Und viele, auch in meinem Bekanntenkreis, die sich gern so sehen, als stünden sie für eine vielfältige Gesellschaft, glauben nur allzugerne jedes Gerücht, jede Lüge, jede Übertreibung, die als Propaganda gestreut wird, aber auch Wahrheiten, die an ihrem bürgerlich-binärem Heterodasein rütteln, und nicken brav mit: “Jaja, das geht ja echt zu weit langsam, die übertreiben ja echt, diese Genderverrückten!”

Jetzt, wo der Täter in Maltes Fall als nicht einer der “ihren,” als nicht “deutsch genug” um dazuzugehören, enthüllt ist, versuchen sich diesselben großen HetzerInnen plötzlich als Allies darzustellen, die alle LGBTIQA*s vor “Islamisten” schützen würden, und sie schüren auf allen Kanälen von Social Media bis hin zu großen Tageszeitungen fleißig rassistische Ressentiments gegen alle, die als islamistisch wahrgenommen werden können. Es ist so perfide.

Diesen elenden rechten Edgelord-Influencern geht es letztlich nur darum, Hebel an Schwachstellen anzusetzen, wo sich sonst gesellschaftliche Solidarität bildet oder bilden könnte. Keile hineinzutreiben, die immer wieder ein paar abgesprengte Leute mehr in ihren Dunstkreis ziehen könnten. Um Logik und Konsequenz muss es ihnen nicht gehen: sie sprechen das Bauchgefühl an. Das Bauchgefühl derer, die sich missverstanden und zu kurz gekommen fühlen und bereit sind, nach unten zu treten. Es geht auch nicht darum, etwas aufzubauen, es wird zusammengerottet. Es geht letztlich darum Disruption zu säen, gesellschaftszersetzend zu wirken, denn je mehr Krise und Chaos, desto stärker die Sehnsucht vieler nach Autoritätsherrschaft und harten Abgrenzungen. So ist es völlig nachvollziehbar, warum es funktioniert, am einen Tag noch trans Menschen ihre Existenz absprechen zu wollen oder sie für krank zu erklären, und sich am nächsten Tag als ihre Beschützer hinzustellen: Es geht nicht darum für was man ist, es geht nur darum, unermüdlich neue ‘Schuldige’ zu finden, gegen die es sich zusammenschließen lässt und es erschüttert mich immer wieder, wer alles darauf einsteigt.

Und mittenrein in dieses Umschwenken ihrer Taktik, kommt die Nachricht von dieser neuen Gewaltattacke gegen eine trans Frau in Bremen und wieder kann ich nur wütend sagen: Alle, die sich bei der Dämonisierung, Stigmatisierung, Pathologisierung von trans Menschen, ja, letztlich von allen LGBT*s, von allen Queers, von Gender Studies, von progressiven, inklusiven Feminist*innen beteiligen und diese rechte Hetze aufnehmen und weiterverbreiten: Ihr habt das gesellschaftliche Klima mitgeschaffen, in dem solche Taten möglich sind, in dem sich eine Menschenmenge so reinsteigert in Hass und Zerstörungswillen.

Mit jedem Scheißposting auf Faci oder Insta, mit jedem Tweet oder Kommentar, der sich beschwert, weil Transmänner nicht “Mutter” genannt werden wollen sondern “Vater”, oder dass sich über nichtbinäre Genderkonzepte lustig macht, oder findet, dass Kindern keine queeren Themen zugemutet werden sollten, zu ihrem Schutz – WTF?! Schutz vor was? Vielleicht würden sich dann ein paar weniger queere Teenager umbringen oder an Depressionen leiden? Vielleicht würden dann ja Jugendliche gar nicht erst auf die Idee kommen, Lesben anzugreifen, einen trans Mann zu töten, eine trans Frau zusammenzuschlagen und sich dabei gegenseitig anzufeuern?!

Ich sag’s noch mal: Ihr seid mitverantwortlich, da hilft kein Regenbogenfähnchenschwenken zu besonderen Anlässen, bei dem ihr dann ganz gerührt von euch selber seid, dass ihr diese queeren Menschen so unterstützt. Selbiges gilt für Showcases of Antirassismus. Es geht darum, wie ihr euch, wie wir uns im Alltag verhalten, wo uns niemand dafür auf die Schulter klopft, sondern wo es auch mal unangenehm für uns werden kann, wo wir uns keine Freund*innen damit machen. Das muss anscheinend halt echt wieder deutlicher gesagt werden.

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