Matrix und die Manosphere – verletzte und vernetzte Männlichkeit als Einstieg in rechtes Denken

Im Mai 2017 habe ich anlässlich des Genderkongresses des Väternetzwerks mit Hilfe vom Musikverein einen lockeren Abend mit Vorträgen und kleinem Buffet, den ‘Genderkongress gegen den Genderkongress‘, organisiert und mich für meinen Beitrag auf die Spur dessen gemacht, was es mit der Vorliebe von Männerrechtlern und Neu-Rechten für den Film Matrix auf sich hat und inwiefern ein Netzwerk frustrierter Männer als Einstiegsszene für völkisches und rassistisches Denken dient. Was meine Kritik am Genderkongress des Väternetzwerks ist, hatte ich hier schon gebloggt. Weil die Rolle von Antifeminismus für die neurechte Bewegung immer wieder zum Thema wird, aktuell z.B. bei Geschichte der Gegenwart oder dieser Vortrag in NBG, stelle ich hier jetzt doch auch mal diesen kleinen Vortrag von mir online.

Der Männerrechtler-Genderkongress 2017 trägt als Untertitel “Gender Reloaded” und dort wird unter anderem ein Film namens “The Red Pill” gezeigt. Beides Begriffe, die sich auf den Film Matrix beziehen, Matrix Reloaded ist der zweite Teil der Filmtrilogie. Das Redpilling gehört in der Manosphere, also in der Männerechtlerszene, zum geläufigen Slang – ebenso wie in der neurechten Szene. Wie solche Begriffe da etabliert werden, dafür hab ich zum Einstieg als Beispiel ein paar Auszüge aus einem Podcast der neu-rechten Identitären Bewegung für euch zum Reinhören (ich kann hier leider nicht die ausgewählten Audioschnipsel online stellen, aber den ganzen Podcast gibt es hier auf Youtube zu hören).

Dieser Podcast ist ein gutes Beispiel dafür wie die Identitäre Bewegung bemüht ist, in ihrer Rhetorik immer mit allen möglichen Kulturzitaten aufzutrumpfen. In dem Podcast geht’s zum Beispiel auch noch um 1984, da vergleichen sie gendergerechte Sprache mit Orwells Neusprech, Platos Höhlengleichnis taucht auch noch auf, und der Disneyklassiker Susi und Strolch auch, und zwar eine Szene, in der Siamkatzen die Wohnung verwüsten und die Schuld danach auf den Hund Susi schieben – ganz klar als bescheuertes Bild dafür, wie Flüchtlinge angeblich Deutschland kaputt machen und die Wahrheit von der Lügenpresse so verdeht wird, dass niemand sie als die Schuldigen wahrnimmt, sondern immer die armen Rechten die Bösen sein sollen. Ich hab das jetzt auch deswegen mal so lange laufen lassen, weil da so viel wirklich typisches aus diesem Weltbild vieler Männerrechtler und Neurechter drin vorkommt, und es auch schön zeigt, wie von denen die Vorstellung von einer lügenden Systempresse aufgebaut wird.

Aber auch noch andere Punkte sind da drin: Der Begriff “Kulturmarxismus” zum Beispiel, übernommen von der US-amerikanischen neuen Rechten. Rechtsextremismusforscher Thomas Grumke erklärt ihn so, dass angeblich mit den Emigranten der Frankfurter Schule in den 1930er Jahren – wie Theodor Adorno und Max Horkheimer – ein politischer Mainstream in den USA entstanden sei, der als “Kulturmarxismus” charakterisiert wird, mit dem angeblich ein Kulturkrieg gegen den weißen christlichen Mann geführt würde.

Ein anderes zentrales Ereignis, in der Entwicklung der Männerrechtsbewegung und auch für die neuen Rechten wird auch noch angesprochen: Gamergate, dessen Höhepunkt 2015 war.

Was ist Gamergate? Kürzestes Fassung: Anita Sarkeesian übte Sexismuskritik an eindimensionalen Frauenfiguren in Computerspielen, zahllose Gamer versuchten durch einen Gegenvorwurf von der Kritik abzulenken: Es gehe nicht um Sexismus in der Gamingszene, sondern um die Ethik des Gaming Journalismus, der von Beziehungsgeflechten und Interessenkonflikten durchzogen sei. Daher diese ganzen Memes. „It‘s about ethics in games journalism“ war eine zeitlang im Internet die ironisch-traurige Standardantwort vieler auf alles.

Weniger lustig war es, dass wirklich massive Trollarmeen über alle Spieleblogs und anderen öffentlichen Äußerungen herfielen, die sich der Sexismuskritik anschlossen, und neben Anita Sarkeesian erhielten auch Zoe Quinn und die Spieleentwicklerin Brianna Wu so viele Morddrohungen, dass sie untertauchen mussten. Diese Männer wollten die Gamingszene als männlich dominierte erhalten. Sarkeesian musste schließlich sogar einen Vortrag an der Utah State University wegen einer Massaker-Drohung absagen.

Viele der Techniken um Leute zu belästigen und fertigzumachen und rhetorische Kniffe, mit denen eigentlichen Opfern Schuld zugewiesen wird, die da im Gamergate auf diversen antifeministischen Foren entwickelt wurden, gehören inzwischen zum Standard-Online-Kampfwerkzeug der neuen Rechten, auch das Verabreden zum konzertierten Angreifen.

Das Zentrum der Gamergate-Bewegung war ein Forum auf Reddit namens The Red Pill, und erst Ende April 2017 hat The Daily Beast enthüllt, dass der Gründer ein gewisser Robert Fisher war, ein republikanischer Abgeordneter. Er hat das inzwischen auch zugegeben und da auf dem Forum einige wirklich üble frauenfeindliche Kommentare und Vergewaltigungsrechtfertigungen von ihm stammen, gab es eine Untersuchug, ob Maßnahmen gegen ihn eingeleitet werden sollten, die nach einer hitzigen Anhörungen abgelehnt wurden, aber: er ist inzwischen dank dem öffentlichen Druck als Abgeordneter zurückgetreten.

Auf Messageboards, vor allem eben auf The Red Pill spitzte sich Gamergate so zu, dass, wie David Futrelle sagt, es nicht mehr darum ging, um das Recht zu kämpfen, in Videospielen Titten anstarren zu dürfen, sondern es wurde zu einem Kampf gegen den “white genocide”, den angeblichen “weißen Genozid”, die Ausrottung des weißen Mannes, um die es den „Kulturmarxisten“ angeblich eigentlich ginge. Von Reddits Red Pill Forum zogen viele weiter zum extremeren 4chan, als dort dann doch mal gegen Hasspostings vorgegangen wurde, und von dort wurde schließlich zum noch extremeren 8chan Forum weitergezogen, als es selbst 4chan zu brutal sexistisch wurde, was da alles so gepostet wurde.

Eines der Kernmedien, die diese gamenden Männerrechtler anheizten, war Breitbart, mit Milo Yiannoppoulos als einer zentralen Stimme, ein eigentlich eher feminin auftretender junger Schwuler, der für so nette Botschaften steht wie “Feminismus ist schlimmer als Krebs” (dazu auch dieser aktuelle Artikel, der aufzeigt, wie Milo als Figur aufgebaut wurde und dass es auch etliche Journalisten bei bürgerlicheren Medien gab, die ihm Geschichten zuspielten. Und dazu gehörte sogar Mitchell Sunderland von VICEs angeblich so ‘feministischem’ Broadly. VICE hat ihn natürlich jetzt nachdem das rauskam mit dem üblichen “shocked and disappointed”-Imagekontrollebrimborium gekündigt). Und Breitbart wurde damals noch von Steve Bannon geleitet, der inzwischen Berater des US Präsidenten ist, der selbst ja auch nicht gerade für seine feministischen Züge bekannt ist.

Trotz solch dominanter Positionen und trotz aller Plattformen, die ihre antifeministischen Botschaften bekommen, schafft diese Bewegung von Männerrechtlern und neuen Rechten es, sich weiterhin als die unterdrückten, kleingehaltenen Opfer darzustellen: die angeblichen Opfer eines Establishment, das heterosexuelle weiße Männer unterdrückt, und die neue Rechte in Europa hat genau diese Strategie übernommen. Beziehungsweise würde ich sagen: Foren wie Reddit, 4chan und 8chan werden ja international genutzt und es ist viel zu spät erkannt worden, wie aus der antifeministischen Szene heraus neue Anhänger für rechte Gesinnungen rekrutiert wurden. Die Manosphere besteht eben aus solchen mal mehr, mal weniger öffentlichen Foren und Blogs und Websites und Facebookgruppen, über die sich ausgetauscht und organisiert wird.

Unsichere junge Männer, die Probleme haben, einem gesellschaftlich-normierten Männerbild zu entsprechen, die keine Freundin abbekommen, wenden sich hilfesuchend an Männerrechtsforen oder an Pick Up Artists wie Return Of The King, auf denen es zum Beispiel Beiträge gibt wie “11 Tipps wie du deine Tochter auf die Rote Pille Art erziehen kannst”, wo unter anderem empfohlen wird, dass Töchtern von klein auf beigebracht werden soll, dass das Wichtigste, was sie tun können, Kinderkriegen und diese Aufzuziehen ist, sie zu bestrafen, wenn sie sich nicht feminin genug geben, ihnen Selbstachtung zu nehmen, indem ihnen von klein auf beigebracht wird, dass sie jetzt zwar schön seien, aber das schnell abnähme und sie sich früh einen Mann suchen müssen. Und dass Männer in Anwesenheit ihrer Tochter Bedienungen in Restaurants anbaggern sollen, sie mit Tiernamen ansprechen, ein bisschen herumkommandieren, um ihnen zu zeigen, was das “Game” ist.

Und tatsächlich findet sich auch als zentraler Punkt des Red Pill Forums ein Weltbild, dass Beziehungen zwischen Männern und Frauen als Game, als Spiel erklärt. Und zwar im klaren Sinne von Gaming mit Vorstellungen von Hierarchien und dass du Punkte für bestimmtes Verhalten verdienst. Das Schlimme am Feminismus ist für diese Männer wohl letztlich, dass er Frauen soweit befreit hat, dass sie die Möglichkeit haben, Männern Sex zu verwehren. In Männerrechtsforen wird entsetzliche Pseudowissenschaft betrieben, um sowas wie ein darwinsches “Überleben des Stärkeren” auf dem Sexmarkt als “wahres” Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu zementieren. Wer die rote Pille nimmt, erkennt diese „Wahrheit“: Alpha- und Betamänner werden nach Wert eingestuft, und das Game hat Regeln wie dass wenn eine Frau nein sagt, dass das nicht immer nein heißt, und dass Frauen es in Wahrheit nicht mögen, wenn du nett zu ihnen bist, sondern lieber Kerle haben, die sie voll assi behandeln. Weil das – egal was sie sagen – in ihrer Natur läge. Der Begriff SMV steht für den sexuellen Marktwert, sexual market value, und der lässt sich durch Fitness und Mode, soziale Attribute wie Körpersprache, und durch Status und Game steigern. Und Game heißt hier eben wirklich ganz konkrete Tipps, ganz im Pick Up Artist Stil, die letztlich nichts anderes sind, als emotionaler Missbrauch.

Das zieht sich bis zu einer MGTOW Bewegung, das steht für “Men Going Their Own Way” und das sind heterosexuelle Männer, die Frauen so hassen, dass sie jegliche romantische oder sexuelle Beziehung zu ihnen ablehnen. Deswegen wird auch zwischen “incel” und “volcel” unterschieden: unfreiwilliges und freiwilligem Zölibat.

Abi Wilkinson, die sich aus Forschungsgründen lange auf dem Red Pill Forum umgeguckt hat, sagt, dass sich auf den Foren Männer aus den verschiedensten Ecken finden, von denen videospielenden Teenagern, denen es an sozialer Kompetenz mangelt über verbitterte geschiedene Männer bis hin zu junge Männern auf Elite-Unis, die finden, dass Frauen ihnen nicht so viel Respekt und Zuneigung entgegenbringen, wie sie es verdienen. Und die Überlappung mit Rechten wird auch darin deutlich, dass es viel Rassismus gibt in der Manosphere. Es ist eine auffallend weiße Angelegenheit.

Wenn über Gründe für das Erstarken der neuen Rechten nachgedacht wird, wird gerne über die Zusammenhänge von ökonomischem Status in der Gesellschaft und rechter rassistischer Ideologien geredet, aber die Verbindung zwischen Online-Hass und Antifeminismus und dem Erstarken des Neofaschismus wird kaum ernstgenommen. It hits too close home, wie es so schön heißt. Aber Online-Radikalisierung betrifft nun mal nicht nur Muslime. Aus der Manosphere heraus sind Attentäter wie Elliot Rodger hervorgegangen, der UC Santa Barbara Attentäter, der ein 140seitiges Manifest hinterließ, zu dem ein “Krieg gegen Frauen” gehörte, als Rache für Frauen, die nicht mit ihm schlafen wollten, der 22jährige hatte noch nie mit einer Frau geschlafen. Er schrieb darin auch, dass in seiner perfekten Welt alle Frauen in Konzentrationslager gesteckt würden und er nach seinem Attentat schon alle sehen würden, dass er der wahre Alpha-Mann ist. Nicht nur das Manifest auch ein Abschiedsvideo von Rodgers kursierten danach heftig im Netz. Und er ist kein Einzelfall: 2014 erstach der 18jährige Ben Moynihan in Portsmouth drei Frauen und begründetet seine Tat damit, dass er noch nie Sex gehabt hätte, obwohl er doch so erzogen worden sei, dass sie der schwächere Teil der menschlichen Rasse seien. 2009 hat George Sodini in Pittsburgh drei Frauen und sich selbst getötet, nachdem er als Motiv hinterlassen hatte, dass er 29 Jahre lang keinen Sex gehabt hätte. In den Kreisen der Manosphere werden Vergewaltigungen schöngeredet und der Mythos aufrechterhalten, dass Männer die größten Opfer von Vergewaltigungen seien, weil Männer dauernd von Frauen ungerechtfertig einer Vergewaltigung bezichtigt würden. Viele dort sind der Ansicht, dass es in der sogenannten westlichen Gesellschaft keine Rape Culture gäbe, sondern nur in islamischen Gegenden. Falls jemand von euch auch meinen sollte, es gäbe keine Rape Culture, dafür hab ich auch einen Slide mit Beispielen, die mir allein schon an nur einem Vormittag zufällig in die Social Media Timeline gespült wurde:

Lustige Aufkleber aus dem Fußballkontext, links mit der Aufforderung Sexmobs zu bilden und Frauen Aufkleber ihrer bescheuerten Mannschaft ins Dekollete zu kleben, um sie anzutatschen.

Aber zurück zur Online Manosphere.

Dort wird ein Weltbild etabliert, dass Sex etwas sei, was Männer automatisch verdienen würden, wenn sie bestimmte Spielzüge korrekt absolvieren, und die Frauen, die ihnen trotzdem Sex verwehren tun ihnen Unrecht, sind undankbare Feminazis. Es wird ein Bild toxischer Männlichkeit aufgebaut, mit dem letztlich auch Männer nicht glücklich werden können, ein auch für Männer schädliches Männlichkeitsideal. Diese Manosphere ist nicht dazu da, den Jungen und Männer, die dort Hilfe zu suchen welche zu bieten, die ihnen wirklich hilft mit mangelndem Selbstbewusstsein, Unsicherheiten und Beziehungsproblemen fertig zu werden, sondern sie schürt diese letztlich noch durch ihre höchst-hierarchischen und konkurrenzgeprägten Züge. Es geht immer wieder nur um Macht und deren Kehrseite: Ein Versager zu sein.

Es ist eine Szene, die, wie Abi Wilkinson beobachtet hat, ein Nährboden für Neofaschisten ist. Sie finden dort wütende, frustrierte junge weiße Männer und ziehen sie nach ihrem Vorbild heran. Wilkinson schreibt, dass sie bei einigen Forenmitgliedern, deren Postings sie von früher bis heute gelesen hatte, eine Entwicklung lesen konnte, die von einer vagen Unzufriedenheit und dem Verlangen nach sozialem Status und sexuellem Erfolg bis hin zum voll ausgebildeten Festhalten an einer geschlossenen Ideologie von weißer Vorherrschaft und Frauenhass reichen. Wer nicht weiß ist und/oder eine Frau und es zu etwas gebracht hat, muss dabei irgendwie getricktst haben – so die Denke der unzufriedenen Meritokraten. Was ein echter Redpiller ist, der hat eben auch bei Rassedenken den Durchblick ist sogenannter “racial realist”.

Knallhart ist das bei dem sich durchaus überschneidendem Dark Enlightenment, der Bewegung der dunklen Aufklärung, das neoreactionary movement, das ganz klar anti-demokratisch ist, und einem wissenschaftlichem Rassismus frönt, unter dem Stichwort “human biodiversity”. Sie würden sowas wie eine Monarchie begrüßen, nur statt dem göttlichen Recht von Königen und der Aristokratie gäbe es ein “genetisches Recht” von Eliten, beschreibt das klint Finley. Zu diesen Neoreactionaries, werden auch Leute wie Steve Bannon oder Peter Thiel gezählt, der Mitgründer von Paypal und Trump-Berater und Vorstandsmitglied von Facebook. Thiel, auch einer der neurechten Schwulen, hat sich ganz klar geäußert, dass er bezweifelt, dass Freiheit und Demokratie miteinander „kompatibel“ seien, auch im Hinblick darauf, dass zur Wählerschaft in einer Demokratie auch Empfänger von Sozialleistungen sowie Frauen gehörten. Wählen sollten nur die in Anführungszeichen “nützlichen” Mitglieder einer Gesellschaft dürfen. Diese Neoreaktionäre Bewegung wird auch unter “reactosphere” genannt, “Reactosphäre”, ein Begriff, den auch die beiden Jungs von der Identitären Bewegung in dem Podcast, den ich eingangs erwähnt habe, für sich als Selbstbezeichnung in Anspruch nehmen. Ich glaub, im Deutschen ist “paläolibertär” ein ähnlicher Begriff. Aber bevor ich noch weiter in diese zahllosen rechten Fachbegriffe und Subszenen abgleite, ziehe ich hier mal einen Schlussstrich.

Reddits Red Pill mit seinen über 200.000 Mitgliedern ist nur 1 zentraler Anlaufpunkt für die Männerrechtsszene, die Manosphere ist groß und international und mit der neuen rechten Szene verwoben. Auf diesen Foren findet sich auch immer wieder das Motiv, dass Vätern bei Scheidungen meist Unrecht widerfahren würde, das auch im Zentrum des Genderkongresses steht. Sprachliche Bilder wie das “Red Pilling” und das zeigen des antifeminstischen Pseudo-Dokufilms The Red Pill zeigt ebenfalls die maskulistischen Wurzeln von Veranstaltungen wie dem Genderkongress. Es wird sich ganz bewusst hinter emanzipatorischen Worthülsen versteckt, und beim letzten Genderkongress in Nürnberg hat das ja sogar den Medien gegenüber noch erschreckend gut funktioniert, die das blindlings übernahmen. Dieses Jahr wurde aber dann doch von ein paar Journalisten mal genauer hingeguckt und es finden sich auch dort die bitter nötigen kritischen Hinweise. Wer die neue Rechte erklären will, sollte keine blinden Flecken in Sachen Antifeminismus haben. Sexismus und Enttäuschung durch Abweisung von einer Frau ist für viele Männer ein gefährliches Gemisch, dass als vernetzendes Element einer Bro-Gegengesellschaft dient, die es gewohnt ist, dass die Welt durch ihre Brille gesehen wird. Wenn weibliche, queere, behinderte, multiethnische Perspektiven in Mainstreammedien ein bisschen präsenter werden – und mehr als ein bisschen ist es letztlich immer noch nicht – , fühlt es sich scheint’s für manche an, als werde die eigene Scholle kleiner, als werde man nicht mehr so ernstgenommen, als werde man selbst plötzlich zum “anderen” in der gewohnten Umgebung und voilà: schon wird die Opferrollenlogik gefährlich nachvollziehbar.

Eigentlich hatte das hier ja ein halbwegs amüsanter Beitrag werden sollen, aber wo es sich über Bilder wie dem “lila Pudel” als Ausdruck für männliche Feministen (hier könnt ihr auch gern mal die Definition im Onlinelexikon der Antifeministen nachlesen, der Wikimannia) oder “Snowflake” – (“Schneeflocke” = Leute denen es um soziale Gerechtigkeit geht), noch Schmunzeln lässt, ich muss ehrlich sagen: je tiefer du in das Thema einsteigst, desto mehr vergeht dir das Lachen. Mir ist teilweise beim Nachforschen und Nachlesen auf manchen Foren ganz schön mulmig geworden.

Danke für’s Zuhören / Lesen! Wenn jemand noch weitere gute Texte zum Thema weiß, bitte einfach mir schicken oder in die Comments posten und ich ergänze sie dann in der Leseliste.


LESELISTE:

How the alt-right’s sexism lures men into white supremacy – Aja Romano

Birth of the alt-right – David Neiwert

We need to talk about the online radicalisation of young, white men – Abi Wilkinson

How The Matrix was adopted by 4Chan and the alt-right – Brian O’Flynn

Putting the ‘Neo’ Back in ‘Neo-Nazi’ – Donna Zuckerberg

A mysterious author just wrote a fascinating history of the alt-right – Ethan Chiel

The Silicon Ideology – Josephine Armistead

Die antifeministische Männerrechtsbewegung: Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung – Expertise von Hinrichs Rosenbrock (PDF)

Ergänzung:

Über die Online-Radikalisierung weißer Männer – Siyanda Mohutsiwa

„Ich kann euch alle haben.“ Maskulinitätsideologien und Rechtsnationalismus – Michelle Lanwer, Franziska Schutzbach

Die Linksextremismusprävention mal wieder (mit Geheimtipp für’s BMI)

Ich musste mir das gerade noch mal durch denk Kopf gehen lassen: Gestern gab es in Hohenschönhausen eine PR-Aktion, bei der DeMazière ein ehemaliges Stasi-Gefängnis besuchte, Thema: “Präventive Arbeit mit Schülern gegen Linksextremismus im ehemaligen Stasi-Gefängnis“.
Diese Aktion wurde dann mit diesem Tweet öffentlich gemacht:

 

 

Wohlgemerkt mit diesem Foto, das in dem verlinkten Text auch vergrößerbar ist und das die doch etwas problematische Message verbreitet, dass Protest nichts gegen Nazis hilft, und das letztlich auch das Demonstrationsrecht an sich stigmatisiert:

 

 

Nur weil ich gestern Nachmittag schon durch Zufall einen Tweet des Journalisten Alexander Dinger in der Timeline hatte, wusste ich, dass es um ein Rollenspiel ging, bei dem verschiedene Positionen miteinander diskutiert werden sollten, und dass dies nur eine von dreien war (die drei Optionen als einzig mögliche vorzugeben, ist natürlich auch schon fragwürdig und unterkomplex):

 

 

Jedenfalls: Viele bekamen erst mal nur das “offizielle” Bild und Statement des BMI zu sehen, und so zeigten sich auf Twitter einige entsetzt und/oder forderten Kontext. Erst daraufhin wurde vom BMI reagiert und nachgebessert: Auf Twitter gibt es nun dieses ergänzende Statement, in dem von grob verzerrenden Darstellungen auf Social Media die Rede ist:

 

 

Der im ursprünglichen Tweet verlinkte Text des BMI ist seit gestern überarbeitet worden: Mindestens der komplette zweite Absatz war da noch nicht vorhanden, und das bedeutet: Die “grob verzerrten Darstellungen” waren schlicht das, was BMI und Gedenkstätte an Information rausgehauen hatten. Das, was inzwischen ergänzt wurde, war dort nicht ersichtlich. Sprich: wenn jemand etwas grob verzerrt dargestellt hat, dann die offiziellen PR-Leute von BMI und Gedenkstätte. Erst heute Mittag kam z.B. dann ein Tweet der Gedenkstätte, der auch die Argument-Skizzen der anderen Rollenspielpositionen zeigte:

 

https://twitter.com/StasiGefaengnis/status/905015718424584193

 

Dieses Auswählen und Nachjustieren von Informationen ist etwas – und das kann einer professionellen PR-Stelle wie der des BMI, die für solche Themen sensibilisiert ist, unterstellt werden -, was versiert als Technik eingesetzt wird. Ich nehme Profis aus der Politik und PR nicht ab, dass Bildauswahl und Text nur durch Zufall entstanden sind. Bei PR geht es ja nun mal um die Herstellung von Narrativen, und die bestehen auch daraus, wie über was geschrieben wird und was für ein Bild zur verstärkenden Illustration verwendet wird – und was nicht.

Auch der Ort, an dem das Ganze stattfand, wurde sicherlich bewusst gewählt, um eine bestimmte Geschichte zu erzählen: Ein Stasi-Gefängnis als symbolischen Ort dafür zu wählen, heißt, es wird eine historische Kontinuität behauptet, ein Zusammenhang zwischen staatlicher Gewalt der DDR und Antifa-Gewalt von unten behauptet. SED-Diktatur wird mit Demonstrationsausschreitungen in Bezug gesetzt. Es soll ein Schreckgespenst von Engagement gegen Rechts gezeichnet werden, das ein Schlag ins Gesicht jedes Opfers nationalsozialistischer und rechter Gewalt ist. Letztendlich wird suggeriert, dass Menschen, die gegen Rechts oder für soziale Gerechtigkeit auf die Straße gehen, eine gerechte Demokratie durch ein repressives Regime ersetzen wollen. Ich nehme das mal als Anlass, wieder mal die Unsinnigkeit der Links-Rechts-Hufeisen-Theorie zu kritisieren und das Fish Hook Theory-Meme zu spreaden:

Und mal noch angefügt: Über den rechten, ‘tschuldigung, ich meine natürlich “schlechten” Nachgeschmack, den es hinterlässt, wenn du auf der BMI-Website weiterscrollst und etliche Meldungen voller unkritischen Rumgeopferes zu “Heimatvertriebenen” findest, ließe sich auch manches Wort verlieren. Lustig auch, dass, wenn du in den Meldungen nach “Rechtsextremismus” suchst, die ersten drei Suchergebnisse von Linksextremismus handeln. Auch das lässt eine Gewichtung spüren. Aber nicht gerade eine Übergewicht-ung des Problems Rechtsextremismus.

Hier auch kurz noch ein schöner Twitteraustausch (Hashtag #Nachjustieren, Hashtag #grobeVerzerrung):

Alexander Dinger: De Maizière sagt vor Journalisten, dass es ein Übergewicht von Projekten gegen Rechtsextremismus gebe.

BMI: Irreführende Verkürzung, das vollständige Zitat: Mittel sind verdoppelt worden im Kampf gegen Rechtsextremismus,… 1/2
BMI: … da gibt es ein Übergewicht im Kampf gegen Rechtsextremismus, der auch sehr wichtig ist.” (2/2)

Alexander Dinger: Der Minister stellt fest: es gibt ein Übergewicht im Kampf gegen Rechtsextremismus. Kernaussage bleibt. Wertfrei wiedergegeben.

Mir fiel bei diesem Korrekturversuch des BMI auch das Wörtchen “der” auf: Nicht “das auch sehr wichtig ist”, sondern “der auch sehr wichtig ist”.
Der Unterschied:
“Das” würde sich auf “das Übergewicht” beziehen, also ausdrücken: “es ist auch sehr wichtig, dass es ein Übergewicht im Kampf gegen Rechtsextremismus gibt” (impliziert: Rechtsextremismus ist ein größeres Problem als Linksextremismus.)
“Der” bezieht sich aber auf “der Kampf”, drückt also aus: “der Kampf gegen Rechtsextremismus ist auch sehr wichtig” (impliziert: nicht nur der Kampf gegen Linksextremismus, sondern auch der Kampf gegen Rechtsextremismus ist wichtig.)
Ich gehe mal schwer davon aus, dass es sich hier nicht nur um einen Tippfehler des BMI-Twitterteams oder DeMazières handelt, denn ich möchte beiden unterstellen, dass sie ihr Fach durchaus beherrschen. Außerdem wird diese Bedeutung auch noch verstärkt durch die Wortwahl “Übergewicht” – das ist ja in der weitverbreiteten Bedeutung etwas, das man loswerden will. Hach, Sprache. Kann man soviel mit machen.

Abschließend sei noch aus dem wütenden Statement von Robert Fietzke zu der Sache zitiert:

“Sehr ungeehrter Herr Innenminister, das ist keine politische Bildung, das ist Propaganda. Neonazis verschwinden nicht durch Nichtstun, für das sie wie kaum ein anderer Mensch an den Schalthebeln der Macht stehen. Das, was sie hier tun, ist der Versuch der Überwältigung Heranwachsender mit ihrer inkorporierten, rechten Gesinnung. Indoktrination. Interessanterweise auch noch in den Räumlichkeiten dieser Gedenkstätte, einem Symbol für das Unrechtssytem der ehemaligen DDR, in dem indoktrinäre “Bildung” zentraler Bestandteil der politischen Agenda war. Ich könnte kotzen. Tun sie lieber ihren Job und fassen sie die über 450 mit Haftbefehl gesuchten Neonazis, die gemütlich untertauchen konnten, klären sie das NSU-Staatsversagen auf, sorgen sie dafür, dass möglichst alle rassistischen Verbrechen der letzten Jahre, jeweils 1000 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und ihre Bewohner*innen, davon viele Brandanschläge, in den Jahren 2015 und 2016, aufgeklärt werden und lassen sie die Kids in Ruhe, die braucht diese Gesellschaft nämlich in den nächsten Jahren noch für den Kampf gegen den evidenten Rechtsruck in diesem Land.”

Und mein versprochener Geheimtipp für’s BMI: Beste Linksextremismusprävention bleibt es, alles zu tun, um Nazis abzuschaffen.

Der Linksextremismus, den ihr stigmatisieren und kriminalisieren wollt, macht aber halt immer noch die beste Recherchearbeit, zum Beispiel hier aktuell: Wurzen: Chronik einer rechten Hochburg oder hier als Twitter-Moments: Chronologie #Wurzen

EDIT: Ein Abend später und meine Facebook-Timeline ist voll mit Leuten, denen erklärt wird, dass sie Desinformation betreiben, weil sie das BMI-Foto als Position des BMI posten. (Sprich: Das erste Framing des BMI einfach übernehmen, statt den Kontext zu ahnen, der erst am nächsten Tag ergänzt wurde.) Vielleicht ist das ja auch dieser Wahlkampf, von dem alle sprechen. Mich macht das wütend und ich fühle mich hilflos, wenn Leute, die die Mechanismen Social Media kennen, sie so benutzen, und schlimmenstenfalls dann am nächsten Tag irgendwas von Fake News faseln und Zensurmöglichkeiten fordern.

FUTURE CONTENT #06

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PLAYLIST

HELEN LOVE – It‘s my club (and I play what I want to)

Begrüßung, Sense8 Update

DIMLITE – As we arrive

Ehe für alle, Politikstarre

BANKS – This is not about us

JO SNYDER – New start

Popstarre und Cloudrap

LITTLE SIMZ – Devour

Cloudrap als Trollkultur

18+ – Descent

Chill Theory

THE FAINT – Worked up so sexually

WAXAHATCHEE – La Loose

Mehr Chill Theory

X-RAY SPEX – Oh Bondage Up Yours

LANA DEL REY – Music to watch boys to

Post-Chill Twitter Feminism

TAYLOR SWIFT – Blank space

Serienvorstellung SKAM

VINCE STAPLES – Love can be

Mehr SKAM

KAMAIYAH – How does it feel

Noch mehr SKAM

CESTLADORE – Melanie

Immer noch SKAM

IONA FORTUNE – White Tigress

“Fourth World” Musik: Die Miracle Steps Compilation

RAPOON – The same river once

FUTURE PERFECT Konferenz, Ingrid Burrington

BROADCAST – Ominous cloud

Katastrophen proben (Elizabeth Angwell)

DAFT PUNK – Veridis Quo

Digitale Dystopien: Michael Crichton fürchten (Joanna Rabin)

BLUE DAISY – Alone (feat. Connie Constance)

Leider hab ich nicht alles untergebracht, deswegen gibt’s das nächste Mal noch mehr von der Future Perfect Konferenz zu Speculative Fiction, z.B. Ada Cable u.a. über eine Novelle über ein Transutopia/-dystopia, in dem statt einem Zombievirus ein Virus die Hormonproduktion der gesamten Menschheit lahmlegt. Seid gespannt! 🙂


Linksammlung zu Themen der Sendung:

Alana Massey – Against Chill

Chill Theory Panel Talk am Theorizing The Web Kongress

SKAM offizielle Website

SKAM tumblr / twitter

FUTURE PERFECT Konferenz

FUTURE CONTENT #05

Gestern Nacht gab’s trotz – dank durchfeierter ORCHID-Nacht – very verknautschter Verkatertheit meinerseits eine neue Ausgabe von FUTURE CONTENT. Mit einem Requiem für Sense8 – it will be missed. Und meine Kritik am Genderkongress des Väternetzwerks sowie ein paar Zusammenhänge zwischen Matrix und der Manosphere, dem Netzwerk von Männerrechtlern, das sich bis tief in die Neue Rechte erstreckt (Redpilling, Gamergate, Reaktosphäre, Toxic Masculinity und Pick Up Artists wären noch ein paar Stichworte). Und dann gibt’s noch eine App-Empfehlung: Habitica, eine Open Source App die To-Do-List, Habit-Forming und die guten alten Rollenspiel Games vereint. Magic Missile! Heal Wounds! Vicious Mockery! Finger of Death! Lightning Bolt! Lightning Bolt! ^^

Viel Spaß beim Zuhören und ergänzende Links findet ihr wie immer weiter unten!

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PLAYLIST

BELLE & SEBASTIAN – The state I am in

Begrüßung

LINGUA NADA – Corgan

Requiem für Sense8 #1

DRVG CVLTVRE – Spooky Kind of Love (Acid Redux)

Requiem für Sense8 #2

PERFUME GENIUS – Wreath

Requiem für Sense8 #3

4 NON BLONDES – What’s Up

Genderkongress #1

GAIKA – Bohdy Knows At 90

Genderkongress #2

THE CRAMPS – All Women Are Bad

Matrix und die Manosphere 1

NONAME – Forever

Matrix und die Manosphere 2

ARI LENNOX – Backwood

ST. VINCENT – Bring me your loves

Matrix und die Manosphere 3

KLITCLIQUE – DER F€M1N1$T

LUSCIOUS JACKSON – Energy sucker

Habitica #1

TUNE-YARDS – Gangsta

Habitica #2

CHARLIE – Spacer Woman

Abschied

FOUR TET – Sing (extended mix)


Links zu Themen der Sendung:

Habitica App

Sense8 auf Netflix

Leseliste zu “Matix und die Manosphere”:

Liste der Verbände, auf deren Arbeit der Genderkongress der Männerrechtler basiert

Hinrichs Rosenbrock- Die antifeministische Männerrechtsbewegung: Denkweisen, Netzwerke und OnlineMobilisierung – Expertise (PDF)

Sorgerechtsstatistik:

Dawn Pine – 11 Tips For Raising Your Daughter On The Red Pill

Aja Romano – How the alt-right’s sexism lures men into white supremacy

David Neiwert – Birth of the alt-right

Abi Wilkinson – We need to talk about the online radicalisation of young, white men

Brian O’Flynn – How The Matrix was adopted by 4Chan and the alt-right

Donna Zuckerberg – Putting the ‘Neo’ Back in ‘Neo-Nazi’

Ethan Chiel – A mysterious author just wrote a fascinating history of the alt-right

Josephine Armistead – The Silicon Ideology

und und und…

Genderkongress gegen den Genderkongress

 

Heute Abend, 11.5.17 (20 Uhr, Eintritt frei) veranstalten wir im Zentralcafé den Genderkongress gegen den Genderkongress.

Es gibt seit vielen Jahren eine internationale Männerrechtsbewegung, die ein stark vereinfachendes Bild von Feminismus schürt, das ihn einfach mit Männerhass gleichsetzt, was ihr Eintreten für Männerrechte angeblich so notwendig macht. Was sie von klassischen Antifeministen unterscheidet, ist laut einer Expertise von Hinrich Rosenbrock für die Heinrich-Böll-Stiftung, dass sie nicht mehr von der Überlegenheit des männlichen Geschlechts ausgeht, sondern Männer als Opfer einer vermeintlichen Femokratie, also einer Herrschaft von Feministinnen darstellen, so findet sich auch unter den Quellen, die der Genderkongress als inhaltliche Basis angibt, ein “Femokratie-Blog”. Benachteiligungen von Frauen werden ausgeblendet oder abgeschwächt, damit eine männliche Opferideologie entwickelt werden kann – nicht unähnlich der Strategie der neuen Rechten, die sich als Opfer einer linken politischen Korrektheit und eines sogenannten Gutmenschentums selbst darstellt. Eine im Vergleich zu früher größere Teilhabe von Frauen und Queers am öffentlichen Leben wird als Herrschaft von Feministinnen und “Genderwahnsinnigen” misinterpretiert, pseudowissenschaftliche Strategien und rhetorische Ablenkungsmanöver runden das Ganze ab.

Wenn du dir die Liste der Verbände anguckst, die auf der Website des Genderkongresses aufgezählt werden, wird schnell klar, dass es hier nicht um Gleichberechtigung geht und dass sich Gender lediglich im Titel findet, um das Vokabular der Gegner zu übernehmen und inhaltlich zu entleeren. Auf der Namensliste der Gruppen, auf deren Arbeit der Genderkongress inhaltlich basiert, taucht das Wort “Frau” nur 1x auf, und zwar bei der Gruppe “Women against Feminism”.  Dagegen stehen 32 Vereine mit “Mann” oder “Männer” im Namen, es sind einige dabei, die auch gerne Mal auf rechte Seiten wie die der Jungen Freiheit verlinken.

Und ungefähr 25 der Verbände haben “Väter” im Namen. Das große Thema Väterrecht übrigens mal näher angeguckt, bzw die Behauptung dass es eine systematische Ungerechtigkeit gäbe und Kinder viel häufiger Müttern zugesprochen würden statt das gemeinsames Sorgerecht herrsche, findet sich vom Statistischen Bundesamt zu 2013 (aktuellere Zahlen habe ich jetzt nicht gefunden), das Ergebnis, dass bei fast allen Scheidungen, bei denen gemeinschaftliche minderjährige Kinder betroffen waren (genauer gesagt: 96 %), das Sorgerecht bei beiden Elternteilen blieb. Das zeigt ganz schön, wie da Themen unverhältnismäßig hochgejizzt werden. Ich will jetzt gar nicht abstreiten, dass bei sowas auch Vätern mal Unrecht getan wird, aber daraus so ein Weltbild zu konstruieren, wie es eben auch das Väternetzwerk tut, das den Genderkongress organisiert, geht halt völlig an der Realität vorbei.

Was sich bei den Gruppen, die der Genderkongress als inhaltliche Basis seiner Arbeit aufzählt, auch noch findet, sind so homo- und transphobe Gruppen wie “Demo für alle”, ein Ableger von der französischen Bewegung La Manif Pour Tous, was es besonders widersinnig macht, dass auch das Schwulenmagazin ‘Männer’ da zu finden ist. Und Gruppen mit Namen wie “Gender-Wahn stoppen!” und “Gender-Unsinn” sind auch noch dabei. Von den maßgeblichen Gruppen von Männerrechtlern, die Rosenbrock in seiner Expertise für Deutschland herausgearbeitet hat, finden sich übrigens z.B. MANNdat und wgvdL.com (also “Wieviel Gleichberechtigung verträgt das Land”) auch unter den Unterstützern des Genderkongresses.

Gefährlich an dieser ganzen Männerrechtsgeschichte ist auch ihre starke Rechtsoffenheit, da kann das geteilte Gefühl, von Feministinnen unterdrückt zu werden, eben anscheinend eine ganz schön starke Sogwirkung entwickeln. Und in der extremen Rechten ist die Frauenfeindlichkeit ein zentraler Punkt, der sich ja auch bei den meisten rechten Attentätern stark ausgeprägt findet: Ob beim norwegischen Anders Behring Breivik, der von einer “Feminisierung der europäischen Kultur” und einer angeblichen “Kriegsführung gegen den europäischen Mann”, oder ob beim UC Santa Barbara Attentäter Elliot Rodgers, der ein 140seitiges Manifest des Frauenhasses hinterließ, und zahllosen anderen. Das sind Extremfälle, ich will damit nicht sagen, dass aus jedem Mann, der sich ungerecht behandelt fühlt, ein Attentäter wird, aber es ist doch bedenklich, dass der wohlvernetzte Antifeminismus bis in die extreme Rechte hineinreicht und oft die ideologische Brücke darstellt, die auch die Akzeptanz anderer rechter Ideologien erhöhen kann. Ich kritisiere den Genderkongress also nicht nur für seine Frauen- und Queer-feindlichkeit, die mich natürlich auch persönlich betrifft, sondern auch dafür, dass solches Bonding durch oder über Antifeminismus als Einstiegerlebnis in rechte Gefilde dienen kann. Und davon, dass sich Männer gerne in einer eingebildeten Unterdrückung durch Feministinnen gegenseitig auf die Schulter klopfen, zieht sich eine gerne verharmloste Linie von alltäglichen Witzeleien eben bis hin zu aktiven Männerrechtlern und von dort bis hin zu rechten Bewegungen.

Unser Genderkongress heute Abend soll zum einen eine Konterveranstaltung und einen Protest darstellen, eben mal in einer anderen Form, ergänzend zu dem Protest, der am Samstag bestimmt auch wieder direkt vor Ort stattfinden wird. Ich wollte auch keinen trockenen reinen Info-Abend machen, sondern eine Mischung aus Information und Geschichten erzählen, ein “Zammhocken” gegen Antifeminismus, ein Bonding über die Ablehnung von Männerrechtsbewegungen. Und dabei war mir wichtig, dass nicht nur Frauen etwas beitragen, sondern dass da auch mal gerade bei so einem Thema mehr Männer auf der Bühne stehen als Frauen, symbolisch dafür, dass die Männerrechtler eben gewiss nicht für die Mehrzahl der Männer da draußen stehen – laut einer ganz aktuellen Studie des Bundesfamilienministeriums vom März diesen Jahres teilen nur 5% aller Männer die antifeministischen Ansichten der Maskulisten, allerdings: Ein Drittel aller Männer – und 15,2% aller Frauen – seien für einzelne derer Einstellungen empfänglich. Ich hatte noch mehr Leute gefragt, ob sie heute etwas beitragen wollen, und es hat gut getan, zu hören, dass fast alle sofort dabei gewesen wären, nur einige einfach zu viel um die Ohren hatten, als dass sie da so relativ kurzfristig etwas machen konnten.

Ich stell euch kurz vor, wen und was ihr hier heute hören werdet:

Mein Beitrag dreht sich um Matrix und die Manosphere: da geht’s darum, wie der Film Matrix von Männerrechtlern und Neu-Rechten aufgegriffen wird.

Dann wird Theo Fuchs darüber reden, warum nach dem 2. Weltkrieg vor allem in Deutschland Frauen keine angemessene Rolle mehr in Naturwissenschaft und Technik spielten.

“Unbeschreiblich weiblich” – Dilara wird danach über Abtreibung lesen.

Dann stellt Manu Gambert die Frage “Und wer profitiert wieder davon?” Er erzählt etwas über das Verhältnis von Antifeminismus und Verschwörungsideologien.

Gefolgt wird er dann noch von Keno vom Salon der unerfüllten Wünsche mit einem Auszug aus einem Vortrag über Sexmaschinen, da wird’s um die Queer-Theorien von Paul B. Preciado und über Kitt Stubbs’ technische Verbesserung von Bio-Penissen.

Und es wird kritischen Kuchen und Pizza von ein paar Musikvereinsleuten geben – wer dafür eine kleine Spende hinterlassen will, damit die “Material”kosten wieder reinkommen: einfach an der Theke spenden!

Ich danke jetzt schon mal allen, die da mitmachent, und auch an’s Publikum schon mal danke für’s Erscheinen und viel Spaß beim Zuhören und Plauschen und überhaupt!

FUTURE CONTENT #04

 

Bei FUTURE CONTENT geht’s diesmal um die Frage, warum wir uns eigentlich Horrorfilme anschauen, die ich mir angesichts S07E01 von THE WALKING DEAD gestellt habe. Es geht um “Torture Porn” und “Trauma Porn”, um Zombiefilme und Sklaverei-/Kapitalismuskritik und die These, dass THE WALKING DEAD eher einen eskapistischen Effekt hat als einen dystopischen.

Die erste Stunde lang aber geht’s um – die famosen 404s, deren Schwestersendung auf Radio Z ich hier auch mal empfehlen möchte, haben richtig getippt! – den THEORIZING THE WEB Kongress, von dem ich euch einige Themen in dieser und den folgenden Sendungen vorstellen will. Diesmal geht’s um das “New Money” Panel – Social Media als Arbeit, darum, was Schulden mit Social Media zu tun haben, eine technologische Wiederverzauberung der Welt und um M-PESA als Beispiel für eine alternative Finanztechnologie für den Alltag.

Die Sendung habe ich das erste Mal vorproduziert, weil die sexytraurigsteundehbeste Band des Universums XIU XIU bei uns gespielt haben – was für ein Konzert. Lasst euch diese Band bitte nie entgehen, wenn sie bei euch in der Gegend spielt. Jedenfalls: Vorproduzieren. Seit 100 Jahren habe ich dafür das erste Mal wieder mit Samplitude gearbeitet – voll der Softwarenostalgieflash. Und habe mich dabei tatsächlich so un-blöd angestellt, dass nur ca. 3-5 Minuten Sprachaufnahme in den Tiefen des Radio Z Servers verlorengingen, von daher macht die Sendung trotz Vorproduktion wider Erwarten tatsächlich noch halbwegs Sinn. ^^

Viel Spaß beim Zuhören! Soweit sich der bei den Themen Zombieapokalypse, Trauma Porn und technologische Kapitalismuskritik halt haben lässt. <3

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PLAYLIST

IMOGEN HEAP – Hide and seek

Begrüßung und Überblick

LIZZO – Hot Dish

Vorstellung Theorizing The Web Kongress

M.E.S.H. – Kritikal Thirst

TtW17 New Money: Angela Cirucci – Unsichtbare weibliche Arbeit: Wie Frauen* online insitutionelle Interaktionen antreiben

LAURA BRANIGAN – Self Control

TtW17 New Money: Ricky Crano – Zwischen Geselligkeit und Kontrolle: Social Media’s Schuldenkult

SERPENTWITHFEET – Blisters

TtW17 New Money: Marika Rose – Deus in Machina: Digitaler Kapitalismus und technologische Wiederverzauberung

Franco Rago & Gigi Farina ft. ‘Lectric Workers – Robot is systematic

TtW17 New Money: Gwera Kiwana – Telefongesellschaftung als Rettung? Was ist die Rolle von mobilen Geldplattformen in Sachen Finanzservices? Am Beispiel von M-PESA in Kenya

SIXTY STORIES – Countdown

The Walking Dead – S07E01 und “Torture Porn”

BELINDA CARLISLE – The ballad of Lucy Jordan

The Walking Dead: S07E01 und “Torture Porn”

THE MOONLANDINGZ – Sweet Saturn mine

The Walking Dead: Warum überhaupt Horrorfilme gucken und ein bisserl Geschichte

DOUBLE S – Style & Flows (feat JME)

The Walking Dead: Warum überhaupt Horrorfilme gucken und ein bisserl Geschichte

THE MOONLANDINGZ – Sweet Saturn mine

The Walking Dead: Überlebenslektionen im Spätkapitalismus in endloser Serie – TWD als Eskapismus

ENGINE DOWN – Intent to pacify

Abschied

OMI5 – Momentary Return to Reality (Intermission)

The O’My’s – One of a Kind


Links zu den Themen:

Theorizing The Web 2017 Programm

Theorizing The Web auf Youtube:
Videos des ganzen Programms
Der Clip vom “New Money” Panel

Theorizing The Web 2017 – Videos auf archive.org

Real Life Magazine

Cyborgology Blog

Stefan Dolgert – Empire’s Walking Dead: The Zombie Apocalypse as Capitalist Theodicy

Julian Feeld – The Walking Dead and the rise of trauma porn

Georg Seeßlen – Zombies: Die etwas andere Auferstehung

René Korth – Schleichende Zombifizierung

FUTURE CONTENT #03

In meiner dritten FUTURE CONTENT Sendung geht es um die Ritualisierung von unserem Verhalten nach Terroranschlägen, nach einem Text von Sam Kriss. Es geht um den Facebook Safety Check, über den ich nach dem Anschlag in Berlin geschrieben hatte, und das jetzt um einen aktuellen Beitrag von Tausif Noor ergänzt habe: eine kritische Betrachtung davon wie ein Social Media Konzern gesellschaftliche Infrastruktur ausbaut. Es geht um Elysia Crampton, deren futuristische elektronische Musik mit Geschichte angereichert ist, von bolivianischen Rebellenanführerinnen deren Körper brutal zerstückelt als Symbol herumgereicht wurde bis zu einer utopischen Zukunft in der trans-humanoide Arachniden die Welt beherrschen (ihre Performance “A Dissolution of The Sovereign: A Time Slide Into The Future” könnt ihr am 30.4.17 im Zentralcafé live sehen). Und als letzten Block gibt es dann noch einen kleinen Kommentar zu Spoilern und eine Filmbesprechung von Paul Verhoevens Elle.

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PLAYLIST

LESLEY GORE – Sunshine, Lollipops and Rainbows

Begrüßung und Überblick

LESLEY GORE – You don’t own me

Ritualisierung von Reaktionen auf Terroranschläge

LIL SIMZ – Enter the void

Facebooks Safety Check #1

PRODIGAL – Showa eski riddim

Facebooks Safety Check #2

THE BABIES – Slow walking

Facebooks Safety Check #3

DEERHOOF – The Devil and his Anarchic Surrealist Retinue

Facebooks Safety Check #4

$WAGGOT – Delete your Myspace

Facebooks Safety Check #5

LOVE LIFE OF AN ORCHESTRA – Beginning of the heartbreak

ELYSIA CRAMPTON & RABIT – The Demon City

Elysia Crampton #1

ELYSIA CRAMPTON – Wing feat. Money Allah

Elysia Crampton #2

ELYSIA CRAMPTON & CHINO AMOBI – Children of hell

Elysia Crampton #3

ELYSIA CRAMPTON – After Woman (for Bartolina Sisa)

Kommentar zu Spoilern

THE RAVEONETTES – Boys who rape (should all be destroyed)

Paul Verhoevens Elle #1

STEEL MIND – Bad passion

Paul Verhoevens Elle #2

HELEN MONEY – Blood and bone

Paul Verhoevens Elle #3 + Abschied

MAVIS JOHN – Use my body


Ergänzend zum Weiterlesen:

Sam Kriss – The script we all follow after a terror attack

Zu Facebooks Safety Check: Tausif Noor – Safety in numbers

Zu Spoilern (und der erwähnten Studie): Laura Hudson – No One Can Agree What a Spoiler Is, But Maybe This Guide Can Help

Zwei gute konträre Kritiken zu Verhoevens ‘Elle’:
Joanna Rothkopf – Elle Succeeds Despite Its Men
Richard Brody – The Phony Sexual Transgressions of Paul Verhoeven’s “Elle”
Ergänzend noch ein paar Daten zu sexualisierter Gewalt:
Elisa Britzelmeier – Die 7 wichtigsten Fakten zu sexueller Gewalt

 

Aside

Die zweite Ausgabe meiner neuen Radiosendung FUTURE CONTENT auf Radio Z ist jetzt auch online über Mixcloud zu streamen. War recht spannend gestern Abend, weil mich wegen eines kaputten Rücklichts auf dem Weg zum Sender die lieben Freunde und Helfer angehalten haben und ihren Spaß damit hatten, mich fast 20 Minuten lang als Vorführobjekt für einen Auszubildenden zu verwenden. Ich sag euch, alles dabei von Warnweste bis Sehhilfencheck und sich einfach mal 10 Minuten in ihr Auto verkrümeln und mich schmoren lassen. Deswegen hab ich mich dann prompt verspätet und das war dann doch etwas chaotisch, so ganz atemlos vom in-den-3.-Stock-rennen und mit turboschnellem wirren Technikverkabeln. ? ? ?
Inhaltlich gibt’s in dieser Sendung erst ? Besprechungen zu zwei Filmen über weiße Maskulinität: Swiss Army Man und Manchester By The Sea. Und als Großteil gibt es dann für alle, die gerne den Vortrag ‘Augmented Reality und der Virtualitätsmythos’ gehört hätten, den ich vor kurzem in München bei TechnoGenderBodies gehalten habe, eine Aufarbeitung davon. Es wird um Augmented Reality als Technologie gehen, die den Bildschirm verschwinden lassen will und um Augmented Reality als Verständniskonzept dafür, wie Technologien nicht nur unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten, sondern auch unsere Identität und Realität verändern. Es geht um Pokémon Go, Social Media, digitalisierte Arbeit, Self-Tracking als Self-Work, um Quantified und Qualified Self und am Schluss noch kurz um Donna Haraways Konzept von Companion Species. Viel Spaß damit!

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PLAYLIST:

KATIE GATELY – Frisk

Begrüßung und Überblick

PWR BTTM – I wanna boi

Filme betrachten

TĀLĀ – Zāl

? Filmreview: Swiss Army Man 1

ANDY HULL + ROBERT MCDOWELL – Cotton Eye Joe (feat. Daniel Radcliffe)

ANDY HULL + ROBERT MCDOWELL – Jurassic Park Theme (feat. Daniel Radcliffe)

? Filmreview: Swiss Army Man 2

ANDY HULL + ROBERT MCDOWELL – A better way

? Filmreview: Manchester By The Sea 1

DEATH VALLEY GIRLS – I’m a man too

? Filmreview: Manchester By The Sea 2

THE CURE – Boys don’t cry

GURR – Computer love

Augmented Reality und der Virtualitätsmythos, AR als Technologie

8ULENTINA – Adana 2.7

Pokémon Go und AR als Verständniskonzept

HALF WAIF – Turn me around

Erweiterung unserer Realität und Identität durch Technologie, Social Media als Beispiel

BLONDE REDHEAD – For the damaged coda

Social Media und Identitätskonzepte

CHROMATICS – Headlight’s Glare

TEENGIRL FANTASY – Make the move

Digitalisierte Arbeit als Beispiel für Prägung durch Technologie, Tech Bias

DOON KANDA – Heart

ARCA – Piel

Self-Tracking als Self-Work, Quantified und Qualified Self

ANNA MEREDITH – Something Helpful

LOW – Lies

Digital Companion Species, co-human beings

AUX THA MASTERFADER – Chicalo Itago (Pin Up Club remix)

Cursorware.me + Abschied

CASE LANG VEIRS – Greens of june

FUTURE CONTENT #02

Meine neue Radiosendung: FUTURE CONTENT #01

Ich habe beim besten Community Radio des Universums, Radio Z, eine neue Radiosendung namens FUTURE CONTENT gestartet, das Konzept könnt ihr hier lesen und sie läuft immer am ersten Sonntag des Monats von 22-0 Uhr (die nächste ist am 5. März). Danach wird sie, wenn alles klappt, eine Woche lang in der Mediathek von Radio Z zu hören sein. Und ich lade sie dann immer noch auf Mixcloud hoch, da könnt ihr sie dann noch viel länger streamen. (Podcast im klassischen Sinn geht leider nicht, blame your Gesetzgeber, aber es ist ja nicht so, dass ihr nicht fähig wärt, “downloaden von mixcloud” zu googlen. ^^ )

Die Premiere war am 5. Februar und ich war ganz schön aufgeregt, weil ich seit gefühlten 100 Jahren kein Live-Radio mehr gemacht hatte und nicht sicher war, ob ich das mit der Studiotechnik alles so hinbekomme, aber es lief dann ganz gut. Hier der Mixcloud-Link und die Playlist:

[mixcloud https://www.mixcloud.com/evemassacre/future-content-01-radio-show-on-radio-z/ width=100% height=60 hide_cover=1 mini=1 light=1]

NO TV NO RADIO – Peace
Begrüßung
Gr◯un土 – Fr∞shine
Sendungskonzept
AUSTRA – Utopia
Host-Vorstellung
CHIMURENGA RENAISSANCE – Girlz with gunz
Chimurenga Renaissance
CHIMURENGA RENAISSANCE – She is the fairest of them all
JOHN CONGLETON & THE NIGHTY NITES – Just lay still
John Congleton und Torchwoods Owen Harper
JOHN CONGLETON & THE NIGHTY NITES – Canaries in the coalmine
Benjamin Bratton über künstliche Haut und Sinnerfahrungen, und über Städte und AI
ZORA JONES – Zui
Benjamin Bratton über Städte und AI und John Congleton
OLGA BELL – Your life is a lie
ABRA – Thinking of u
Mark Fisher und It Follows
DISASTERPEACE – Heels
It Follows und Mark Fisher
BURIAL – Street Halo
Fanfic
LOS CRIPIS – All my friends are dead
Slash – Film über Fanfic
DAVID BOWIE – The London Boys
ELVIS DEPRESSEDLY – PepsiCoke Suicide
Neu-rechte Strategien im öffentlichen Diskurs 1
FAT WHITE FAMILY – Whitest boy on the beach
Neu-rechte Strategien im öffentlichen Diskurs 2
BOY HARSHER – Pain
Neu-rechte Strategien im öffentlichen Diskurs 3

TANKINI – We sat on the porch
Neu-rechte Strategien im öffentlichen Diskurs 4
YOUNG FATHERS – Only god knows
Abschied
JENNY HVAL – Period piece

Das Overton-Fenster als Waffe

Rund um das Entstehen von Schmalbart und Correctivs Reporter-Fabrik (hier das Konzept-PDF) hat sich eine Diskussion entsponnen, ob Fakten, Diskussionsstrategien auf Social Media oder Medienbildung gegen die Propagandamethoden der Neu-Rechten helfen. Es soll versucht werden, den öffentlichen Diskurs zurückzuerobern. Von den Correctiv-Plänen gibt’s noch nicht so viel Infos, von Schmalbart auch wenig Konkretes, aber zum Beispiel: “Es gibt Projekte zu Psychotargeting, Quellenüberprüfung, Datenvisualisierung und Medienkompetenz in der Schule.” Insgesamt hört sich das, was ich bis jetzt über Schmalbart gehört habe so an als ob eine Journalisten- und Marketing-Bubble sich aufmacht, die Diskussionkultur in den sozialen Medien zu retten, möglichst losgelöst von einer politischen Gesinnung um eine möglichst breite Masse einzubeziehen, quasi der Women’s March des Internetaktivismus oder so. Da ließen sich auch ähnliche Kritikpunkte wie am Women’s March aufmachen, z.B.: Wie divers ist das ganze aufgestellt und in den Zielsetzungen? usw. Oder mit kam auch die Frage: Warum wird das an Breitbart aufgehängt und nicht an Compact oder RT, die hier ja schon lange sehr präsent sind. Bei mir hat es angeregt, mal ein paar Gedanken zu der ganzen rechten Desinformationspropaganda zu sammeln, die mir seit Wochen im Kopf herumschwirren.

Ab jetzt wird zurückgepostet! ^^

Eine Idee von Schmalbart ist eine Datenbank mit snackable Fakten-Content: Fakten zu typischen rechten Themen wie Flüchtlingsverbrechensrate sollen zu Bildchen oder ähnlichem aufbereitet werden, die Menschen dann bequem auf Social Media verbreiten können. Anti-komplex gegen Rechts, Hauptsache Präsenz zeigen, dagegen halten. Kann sowas Erfolg haben? Hat jemand schon mal analysiert hat, warum das bislang nicht funktioniert hat? Denn auf diese Methode sind ja andere auch schon in diversen Formen gekommen, als PEGIDA aufkam. Ein paar alte Links habe ich noch: hier, hier, hier, hier, hier oder hier. Diese Websites und Social Media-Bildchen mit Fakten oder Slogans hatte ich mir damals immer in einem Extra-Fakten-Folder in meinen Bookmarks abgespeichert. Dahin, wo auch schon die Fakten zu Feminismus und LGBT*-Themen waren. Eine zeitlang habe ich immer, wenn ich über eine Diskussion stolperte, z.B. in den Kommentaren unter bestimmten Artikel-Postings von Zeitungen auf Facebook, wenigstens ein paar Fakten zwischen die rassistischen Hetzkommentare gesetzt, wenn mir die Energie zum Diskutieren nicht reichte. Mir und anderen ging es darum, den Neu-Rechten den öffentlichen Diskurs nicht alleine zu überlassen, aber mich auch nicht auf sinnlose Diskussionen mit Rechten einzulassen, letztlich einfach online genauso wenig wegzugucken, wie ich es offline tun möchte, wenn jemand rassistisch, sexistisch oder homophob rumplärrt. Etwas, was ich mir im queer/feministischen Diskurs online ziemlich abgewöhnt habe, denn da war mir die bewusste Eskalierung durch die Gegenseite schon viel länger bekannt.
Ich wurde dessen dann aber auch im rechten Diskurs bald müde, weil mir klar wurde, dass von der Neu-Rechten gegen Flüchtlinge genauso großangelegte Kampagnen mit Fake-Accounts und gezielte rhetorische Strategien zur Desinformation und Erschöpfung der “Gegner*innen” eingesetzt wurden. Wenn du dagegen anzugehen versuchst, fühlst du dich irgendwann nur noch wie die Müllabfuhr von Facebook, ganz zu schweigen von den Hass-Aktionen, die du abbekommen kannst. Und solange die Plattformen nicht selbst aktiver helfen, erscheint mir das als ein recht aussichtsloser Kampf, ein Wettrüsten das letztlich nur Facebook gewinnt, da immer mehr Leute immer posten und klicken.
Vielleicht war es damals aber auch noch nicht schlimm genug oder es wurden nicht genug Leute dafür mobilisiert, deswegen: Wer das für eine sinnvolle Methode hält: Aktuell gibt es zum Beispiel unter den Hashtags #ichbinhier oder #wirsindda auf Facebook derzeit Menschen, die versuchen sich “wider den Hass” zu organisieren. Könnte ein Ableger von Schmalbart sein. Ich hoffe aber schon, dass die Facebookgruppe “Freundlich sein zur AfD” nicht zu Schmalbart gehört: “Die Mitglieder haben es sich zum Ziel gesetzt, möglichst regelmäßig Facebookseiten der AfD und anderer Rechtspopulisten aufzusuchen, um dort den sachlichen Diskurs zu suchen. Das heißt, sich beleidigen zu lassen, ohne zurück zu geifern, Argumente gelten zu lassen, wo sie faktisch korrekt sind, aber eben auch an rostigen Stellen in der Argumentationskette des Gegenübers zu rütteln.” I can’t even. Früher hätte ich darauf einfach Wiglaf Drostes “Mit Nazis reden” zitiert, aber heute scheint mir das zu wenig.

“Eine Art von Referenzkatastrophe”

Ob AfD, ob Trump, ob Richard Spencer oder Milo Yiannopoulus, oder ihre ganzen namenlosen Anhängerlein: Vielen der Neu-Rechten geht es bei ihren öffentlichen Äußerungen darum, das Gegenüber, das auf Logik und Fakten gepolt ist, mit Vagheit, mit Provokation, mit der Verweigerung sich festlegen zu lassen und anderen semiotischen und rhetorischen Methoden strategisch zu zermürben. Gleichzeitig soll dabei den Anhänger*innen ein Gefühl des Zusammenhalts, der Macht und der Möglichkeit zu Veränderung vermittelt werden, das über die Abgrenzung von anderen funktioniert. Sie produzieren zutiefst faschistische Reden, Provokationen und Memes, ohne die Grenze zur Strafbarkeit zu überschreiten, aber ihre Gegner*innen in einer Empörungswelle nach der anderen zu emotionalisieren oder sie in einer endlosen Diskussionsschleife um Interpretationsvarianten zu verheddern. Schlimmstenfalls: sie auch noch gegeneinander aufzubringen.
Ein Beispiel für die Zermürbung zeigt ein Blogposting von Moritz Hoffmann sehr schön, der nur einen einzelnen Absatz aus Höckes Rede korrigiert hat, und dabei schon immer mehr verstrickt wurde. Die Analyse macht, fürchte ich, bei solchen Taktiken auf der inhaltlichen Ebene leider wenig Sinn; weder um argumentativ dagegenzuhalten, noch um Gesinnungen zu ändern, denn die rechte Desinformation im Detail zu zerlegen ist für die meisten einfach TL;DR (ich lese schon halbwegs viel, aber ich komme nicht mal halbwegs nach, die ganzen Faktencheck- und Erklär-Artikel zu lesen, die es inzwischen am laufenden Band gibt) und sie glauben nicht an Fakten, und Höckes Rede funktioniert eben auch nicht über den konkreten Inhalt, sondern über das Gefühl von einer veränderungsverheißenden faschistischen kollektiven Wut, das zwischen den Zeilen spürbar wird, ohne dass es explizit ausgesprochen wird. Gefühlte Wahrheit ist hier ein hilfreicher Begriff.  Yves Error beschreibt das in Analyse & Kritik sehr schön als “Referenzkatastrophe”:
Bei Menschen mit einem herkömmlichen politischen Vokabular, sei es bürgerlich oder kritisch, erzeugen diese Sprachmuster eine Art Referenzkatastrophe. Ständig werden Argumente gebracht, auf die einzugehen sich nicht aus Gründen der Meinung oder Moral verbietet, sondern aus dem Grund ihrer logischen und begrifflichen Inkohärenz. … Dieser rechte Anti-Diskurs ist es, der auch als postfaktische Politik bezeichnet wird. Vorurteile und Abwehrhaltungen werden hier nicht begründet, sondern einfach behauptet. Die Rechte erzeugt so eine »Sprachbarriere« hinter der sich ihr Gesellschaftsbild munter entwickeln kann und abstrakte Ängste als kollektiv performte Wut Gestalt annehmen, z.B. in den 921 von der Polizei gezählten Angriffen auf Geflüchtete und Asylunterkünfte im vergangenen Jahr in Deutschland. Erfolge einer Politik, die zwar verbal, aber nicht mehr argumentativ funktioniert – mittels der Faszination von Worten, die wirken ohne zu bedeuten und Sprechakten, die nur als Gewaltakte im aggressiven Gestus des Ressentiments ihren Sinn finden.
According to the American philosopher Harry G Frankfurt  the key difference between the liar and the bullshit artist is that the liar has at least some regard for the truth. The liar has a clear idea of what the reality of a situation is, and wants their audience to believe the opposite. The bullshit artist doesn’t care about truth at all — they have renounced citizenship of what the Bush administration infamously called ‘the reality-based community.’ The liar wishes to conceal the truth. The bullshit artist, by contrast, wants to destroy the entire concept of truth, not to deceive but to confuse, confound and control. This is what people mean when they refer to our political moment as a ‘post truth’ age.

Mit Zahlen gegen gefühlte Wahrheiten

Wo die Zersetzung eines Wahrheitsbegriffs, der auf gesellschaftlichem Konsens basiert, das Ziel der desinformierenden Redeformen ist, werden snackable Fakten als aufklärerisches Konter eher wenig bewirken und auch nicht Correctivs Fakten-Arbeit für Facebook. Der Begriff “post-faktisch” zwar auch im deutsch-sprachigen Raum aufgegriffen, aber von Medien so schnell wahllos als Hypewort verwendet, dass der eigentliche Sinn verloren ging. Ich fand ihn eigentlich schon hilfreich, aber er gehört in einen Kontext von Strategie. “Post-faktisch” einfach nur als “denen sind Fakten egal” oder “Fakten kümmern niemanden mehr” zu verwenden, verwässert ihn. “Post-truth” heißt er im Englischen, aber vielleicht wäre es stattdessen hilfreich den guten alten Begriff des “Truthers” zu verwenden, der Leute bezeichnete, die an Verschwörungstheorien rund um 9/11, Mondlandung oder sonstwas glauben, und sich zu ihren gefühlten Wahrheiten beliebige Belege suchen.
Nathan Jurgenson hat den Begriff im Trump-Kontext aufgegriffen und der Truthiness dabei den ebenso hilfreichen Begriff der Factiness entgegensetzt, um zu erklären, warum das (noch dazu oft vereinfachende und und bias-ignorierende) bloße Vertrauen auf Daten und Statistiken als Fakten ohne eine vereinende gefühlte Wahrheit, ein Narrativ, nicht als Gegenmittel funktioniert:
“truthiness,” which we might define as ignoring facts in the name of some larger truth. The facts of Obama’s birthplace mattered less for them than their own racist “truth” of white superiority. Perhaps we need to start articulating a left-wing version of truthiness: let’s call it “factiness.” Factiness is the taste for the feel and aesthetic of “facts,” often at the expense of missing the truth. From silly self-help-y TED talks to bad NPR-style neuroscience science updates to wrapping ourselves in the misleading scientisim of Fivethirtyeight statistics, factiness is obsessing over and covering ourselves in fact after fact while still missing bigger truths.

Verschiebung des Wertesystems durch Ausweitung des Sagbaren

Aber weiter zur neu-rechten Rhetorik: Jason Stanley hat wie Laurie Penny, den Frankfurtschen Bullshit-Begriff für die sprachliche Methode der Neu-Rechten, explizit Trumps Stil, aufgegriffen, sieht ihn aber nur auf technischer Ebene als zutreffend. Er greift zum besseren Verständnis Hannah Ahrendts Schriften zu autoritärer Propaganda auf, und erklärt: Es ist in einer freiheitlichen Demokratie schwierig, eine Botschaft zu finden, die für die Vielfalt der Wertesysteme gleichermaßen passt – davon können Werbebranche und Politik gleichermaßen ein Lied singen. Um die eigenen Machtvorstellungen angesichts eines so diversen Publikums durchzusetzen, bei dem auch noch verschiedenste Wertesysteme miteinander in Konflikt stehen, erschafft die Neu-Rechte im Truther-Stil eine möglichst einfache Realität, die sich echt anfühlt, weil sie etwas Komplexes schön einfach erklärt und  meist auch noch Sündenböcke für Probleme bietet und ein wir-gegen-die Gruppengefühl schafft, und, ganz wichtig: Die den Zweck erfüllt, nach und nach das Wertesystem des Publikums zu verändern. Ähnliches haben andere mit der bewussten “Ausweitung des Sagbaren” oder “Vergrößerung des Overton-Fensters” benannt. Es weniger um Überzeugung durch das inhaltlich Gesagte, sondern um eine Verschiebung des Wertesystem. Und genau deswegen muss es Dinge geben, die wir nicht tolerieren, sonst kann Meinungsfreiheit zur Waffe gegen die Demokratie werden.
Das ist ein Prozess, der eigentlich schon seit Sarrazins ‘Man wird doch wohl noch sagen dürfen’ von den Medien mitgespielt wird. Beispielsweise mal ausgeführt: Es wird behauptet, und damit die fiktive Realität geschaffen, dass ‘man’ gewisse Sachen nicht mehr aussprechen dürfe. Das ist provokativ, vor allem weil jemand eine Opferhaltung einnimmt, die ihm faktisch nicht zukommt, aber: Hey, Meinungspluralität in den Medien! Hey, mehr Aufregung bringt mehr Klicks! Also geben wir es als eine Meinung aus, die eine demokratische Gesellschaft aushalten muss, und geben ihm eine Plattform. Damit wird die Aussage eigentlich endgültig absurd, denn a) wird in dem Text, der sich beklagt, dass man etwas nicht mehr aussprechen dürfe, genau das angeblich Nicht-Aussprechbare ausgesprochen und b) werden ihm noch dazu die größten Medien als Plattform gestellt. Es ‘wissen’ eigentlich die meisten, dass es Quatsch ist, aber es ‘fühlt’ sich für viele – Leute wie Mario Barth füllten mit Ähnlichem ganze Stadien – irgendwie wahr an. Sonst würde es ja auch nicht in allen Medien auftauchen. Der Fokus sollte deswegen auch nicht nur auf Online-Diskussion liegen, auch die traditionellen Medienhäuser gehören in die Verantwortung genommen: Intolerante anti-feministische, anti-homophobe und rassistische Inhalte werden nicht nur von Rechten auf Social Media verbreitet, nein, ihnen wird auch in Meinungskolumnen und Talkshows Platz gegeben. Et voilà: nach und nach wird immer öfter und immer schärfer von einer “Verbotskultur” gesprochen. Das Wertesystem hat sich verschoben.
Hier auch mal ein paar Tweets dazu aus dem Thread von @meakoppa, aus dem ich den Titel dieses Blogeintrages habe:

So funktionieren rechte Strategien letztlich heute wie damals. Die aktuellen haben Wurzeln in Kreationisten- und Trutherkreisen, sie wurden in Männerrechts- und Pick Up Artist-Ecken des Netzes – das sind auch nach wie vor völlig unterschätzte Einstiegsgruppen für Rechte – endlos ausgefeilt und nicht zuletzt im Gamergate kampferprobt. Mit Leuten wie Breitbarts Yiannopoulus sind bei der Neu-Rechten sogar diesselben Aushänge-Protagonisten am Start. Von Matt Lees gibt es einen langen Essay dazu (vor allem für Journalist*innen auch lesenswert), was hätte von Gamergate schon für die “Alt-Right” hätte gelernt werden müssen, statt Breitbart und Co abzukaufen, dass da einfach nur hysterische SJWs (Social Justice Warriors) gegen ganz ‘normale’ Menschen stehen. Das findet sich inzwischen in der rechten Hetze gegen die “grünversifften Gutmenschen” wieder, die den ganz ‘normalen’ Bürgern ihre Rechte/Spaß/Meinungsfreiheit wegnehmen. Da werden mit einer Anti-Establishment Haltung soziale gesellschaftliche Standards erodiert. Und mit dem Erstarken der Neu-Rechten ist es nun auch in der gesellschaftlichen Mitte etwas nicht mehr ganz so leicht wegzugucken, als damals, als es nur ein ‘Frauenproblem’ und Minderheitenproblem war. So diskutiert nun die bürgerliche urbane Medien- und Marketing-Klasse über Dinge, die vor Jahren zum Beispiel feministische Bloggerinnen diskutierten, die sich gegen Maskus wehren mussten – statt auf dort Gelerntes aufzubauen.
Verschiedenste rhetorische Kniffe der Neu-Rechten sind eigentlich Klassiker, hier mal ein paar mit Hilfe der Rational Wiki vorgestellt:
(also known as proof by verbosity and the Trump Tirade) is the fallacious debate tactic of drowning your opponent in a flood of individually-weak arguments in order to prevent rebuttal of the whole argument collection without great effort.
is a way of attempting to make wild accusations acceptable (and hopefully not legally actionable) by framing them as questions rather than statements. It shifts the burden of proof to one’s opponent
A concern troll visits sites of an opposing ideology and offers advice on how they could “improve” things, either in their tactical use of rhetoric, site rules, or with more philosophical consistency. The “improvements” are almost exclusively intended to be less effective.
the fallacious tactic of taking quotes out of context in order to make them seemingly agree with the quote miner’s viewpoint or to make the comments of an opponent seem more extreme or hold positions they don’t in order to make their positions easier to refute or demonize.
The balance fallacy is a logical fallacy that occurs when two sides of an argument are assumed to have equal or comparable value regardless of their respective merits, which (in turn) can lead to the conclusion that the answer to a problem is always to be found between two extremes. The latter is effectively an inverse false dilemma, discarding the two extremes rather than the middle. Balance is often a problem in the media, where confrontational or adversarial journalism might present more of a controversy about some topic than actually exists, giving equal time to fringe minority viewpoints to draw in viewers. It is effectively the opposite of bias. (vlg. zum Beispiel die Überpräsenz der AfD in den Medien)
(also tone policing) is a logical fallacy that occurs when an argument is dismissed or accepted on its presentation: typically perceived crassness, hysteria or anger
a fallacious argument style in which an irrelevant or false topic is presented in an attempt to divert attention from the original issue, with the intention of “winning” an argument by leading attention away from the original argument and on to another, often unrelated topic.

und. so. weiter.

Ich würde sagen, Faustregel bleibt (zumindest für Frauen und Minderheiten): Traue dich, laut für deine Position einzustehen, aber lerne auch, wann es sich nicht zu diskutieren lohnt, wenn du eben zum Beispiel solche Taktiken erkennst. Oft ist es einfach besser, zu löschen, blocken und ignorieren. Schon mal aus Selbstschutz.

Ich habe selbstverständlich auch keine Lösung für die Rettung der demokratischen Diskussionskultur, aber meine Begeisterung für Ansätze, bei denen ich das Gefühl [sic] habe, dass es ihnen letztlich nur darum geht, wieder mehr Gemütlichkeit für eine bürgerliche Mitte zu schaffen, statt an die Wurzeln zu gehen, hält sich in Grenzen. Andererseits ist es schön, dass überhaupt was in die Gänge zu kommen scheint und ich hoffe ganz ehrlich, dass ich mit meinem ‘Gefühl’ den Schmalbarts, #ichbinhiers und Correctivs Unrecht tue, und stattdessen die Neu-Rechte von spannenden, engagierten Projekten, die Minderheiten einschließen, total disrupted wird, statt dass sie das Netz einfach noch lärmiger machen mit einer Meme Wars Version von Lichterketten gegen Windmühlen. Ich drücke uns die Daumen.
P.S.: Noch eine Weiterleseempfehlung, über die ich heute früh gestolpert bin: In “In den Niederungen der Desinformation. Ein Selbstversuch mit RT” zeigt Sylvia Sasse, wie Russia Today die “ehemalige mediale Frontlinie zwischen Ost und West” reaktiviert” und die “rechtspopulistischen Parteien Europas diese Frontlinie dankbar ins Innere ihrer Gesellschaften” verlagern.
Überhaupt solltet ihr Geschichte der Gegenwart gleich unter euren Lieblingsblogs bookmarken, in eurem RSS Reader abonnieren, auf Facebook liken, oder wie ihr das halt handbabt, denn da gibt’s derzeit wirklich wichtige Texte, z.B. auch „At the last Trump… – Populismus und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen” von Christian Geulen oder der neueste: Patricia Purtschert zur Umkodierung der ursprünglichen Ziele von Identitätspolitik, It’s identity politics, stupid!