Abregen? – noch mal zu Regeners Rant bzw Kommentaren dazu

Jetzt muss ich doch noch einen zweiten Teil dazu schreiben, weil’s mir zu lange und zu schade ist, das in der comment-section zu belassen. Wird wieder keine objektive Analyse, keine Angst. 😉
Bin übrigens doch ganz schön erstaunt, dass dieser eine Ausbruch von Regener ein so breites Web-Echo hervorgerufen hat.

feydbraybrook schrieb:
“Sorry, da liegst Du falsch. Viele Musiker, die es zu etwas gebracht haben, sind jahrelang durch den Dreck gewatet und haben von Scheisse gelebt und sind trotzdem dabei geblieben – aus Liebe zur Musik. Deswegen haben sie nicht freiwillig kein Geld verdient. Sie haben es in Kauf genommen, nach dem Motto: ich würde gerne davon leben, nichts anderes machen als Musik, aber notfalls tue ich es auch, ohne etwas dafür zu bekommen. Und dann hats bei denen eben doch geklappt.
Nur, weil einer Geld mit Musik verdient, ist Geld noch lange nicht sein einziger Beweggrund dafür.”

Natürlich nicht, das habe ich auch nicht behauptet. Im Gegenteil: Das ist doch das, woran mir liegt. Und Musik machen aus Leidenschaft heißt doch nicht, dass sie unentgeltlich sein muss. Ich finde es aber unsympathisch, wenn für Leute Profit der dominante Grund dafür ist, Musik zu machen, und wenn dann langweilige Plörre rauskommt sich jemand (das soll sich jetzt nicht explizit auf Regener beziehen, auch wenn ich mit Element Of Crime noch nie was anfangen konnte) hinstellt und fordert: ‘Jetzt hab ich doch in diese Karriere investiert und hart gearbeitet, da steht mir doch jetzt auch Entlohnung dafür zu’. Das ist mir zu sehr auf die Handwerksseite argumentiert. So funktioniert Popmusik halt nicht.

Und ich finde die Abwertung von Künstlern, die ihre Musik ganz bewusst als ” chose-what-you-pay” mit Gratisoption unter Creative Commons Lizenzen ins Netz setzen, nicht gut. Diese Mentalität, dass etwas schlecht sein muss, wenn jemand es kostenlos hergibt, zeugt ja nur davon wie profitfixiert diese Ecke der Musikwelt ist.

Natürlich würden aber alle gerne davon leben. Die Realität sieht aber nun mal so aus, dass 95% oder mehr das nicht können, weil das Geld nicht da ist, egal wieviel sie dafür aufgeben und wie intensiv sie an ihrer Musik arbeiten. Die Schuld dafür aber nur bei illegalen Downloadern zu suchen (das wären ja immerhin schon Leute, die sich für deine Musik interessieren) und damit deine Fans zu kriminalisieren, oder derzeit youtube/google den schwarze Peter hinzuschieben ohne dabei zu sehen, dass youtube eine fantastische kostenlose fanbasierte Werbung für Musik bietet, das ist weltfremd. Es gibt zahllose Gründe, es mag zum Teil an der zu späten Besinnung auf neue Vertriebsideen und einen unglaublich schwerfälligen Umgang mit einer neuen Medienrealität seitens der Musikwirtschaft liegen, oder zum Teil auch dran, dass genauso Geld in andere Unterhaltungsmedien, Event- und Partykultur (irgendwann gibt’s bestimmt Krieg zwischen Leuten die sich als ‘richtige Musiker’ verstehen und DJs ^^), Handys, Ipads und was weiß ich gesteckt wird. Vielleicht liegt’s auch teilweise daran, dass viele ganz einfach auch nicht mehr Geld haben, das sie für diesen Lebensbereich ausgeben können, und sicherlich auch daran, dass es heute fast mehr Acts als Publikum dafür gibt. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die Entwicklung in Zukunft noch mehr Richtung ‘selber machen’ gehen könnte –  sei es spielerisch durch Konsolenspiele (Guitar Hero und verwandte, Karaoke usw.) oder eben dass noch mehr Leute selbst zu Hause am Computer Musik produzieren, remixen, was auch immer, oder was ja auch stetig wächst: der DJ Bereich. (Wie Tiga letzthin twitterte: “there should be some kind of prize for anybody (under 40) who has NEVER DJed“.) Dann würde sich jedenfalls noch weniger Geld auf die Bands verteilen, die es auf die traditionelle Weise versuchen. Kultur ist halt ein fickle beast, sie und ihre Bedingungen ändern sich immer wieder im Laufe der Jahrhunderte und wer sie zum Stagnieren bringen will, tötet sie und wenn er das als Kulturschaffender tut, schafft er sich selbst halt gleich mit ab, wenn’s blöd läuft.

Zurück zu dem Kommentar oben: Es ist halt eben nicht so, dass aus ‘hart arbeiten’ automatisch Erfolg wird in der Musik. Das ist ja eine Logik, die nicht mal in der Arbeitswelt jenseits der Unterhaltungsindustrie funktioniert. Warum es ein paar wenige Bands doch eine zeitlang schaffen, davon leben zu können, das hängt ja auch von so vielen Faktoren abseits der ganzen Urheberrechtsthematik ab, dass das ein ganzes Themenfeld für sich wäre. Qualität ist dabei gewiss nicht maßgeblich. Wie letzthin jemand (ich glaube, es war Franz Apunkt Schneider) ganz richtig sagte: Pop ist nun mal nicht fair. Mich verbindet ja auch durchaus grad deswegen so eine intensive Hass-Liebe mit ihm.

Was wäre denn aber überhaupt fair? Was für MusikerInnen sollten denn von ihrem Schaffen leben können? Gerade in einer Zeit, in der es dank technischem Fortschritt einfacher und billiger denn je geworden ist, selbst Musik zu machen und jedeR Dritte davon träumt, irgendwann sein Einkommen mit Musik stemmen zu können, steht fest: Für alle wird’s nie reichen. Aber mal angenommen, irgendwer glaubt ernsthaft, dass wenn die Daumenschrauben des Urheberrechtsschutzes fester angezogen würden und die Fans/Diebe Millionen Euro ausgeben würden / Strafe zahlen müssten und dieses Geld dann gerecht verteilt werden sollte, um wenigstens einem Bruchteil der Musikschaffenden ein Auskommen zu bescheren. Wer würde es denn eurer Meinung nach verdienen?

Sollen es die hart an sich arbeitenden Bands sein? Sollen es die sein, die ein Pop-Diplom in Kompositionslehre und Viral Marketing gemacht haben? Sollen es die sein, die am meisten verkaufen? Sollen es die sein, die kreative neue Wege gehen und sich trauen Popmusik weiterzudenken? Sollen es die sein, die den klassischen Pop/Rock/whatever-Song perfektionieren? Sollen es die ‘richtigen’ Bands sein, weil sie Übungsräume, Studio etc. finanzieren müssen im Gegensatz zu vielen solo-electronic acts? Sollen es die sein, die ganz viel Persönliches investiert haben, ihre Jobs/Wohnungen/Beziehungen/etc aufgegeben habe, um für ihre Musik zu leben? Sollen es die sein, die in Management/Bookingagentur/Promofirma/etc. investiert haben?
Weil das schwer zu beantworten ist,  beschwören an dieser Stelle der Diskussion manche auch plötzlich das uralte Bild vom Künstler als schützenswertes kreatives Genie herauf, dass unsere Gesellschaft um ein unverzichtbares Kulturgut bereichert. Woran erkennt man aber diese wenigen Auserwählten? Diese Sicht macht die Diskussion nicht einfacher, sondern hebt sie bloß auf so ein seltsam esoterisches Level. Und auch wenn ich selbst gern in hemmungsloses Schwärmen über Musik gerate, und manche Künstler auf einen solchen Altar hieve – in so einer Diskussion hat das heute für mich nichts verloren. Ich beschwöre dann lieber im Gegenzug das Bild einer 5€-die-Stunde-Fabrikarbeiterin herauf, die noch nebenbei putzen geht, um ihre Kinder durchzubringen. Ist noch ungerechter. Hilft in unserer Diskussion auch nicht weiter. Aber wenn man sich schon darauf beruft, dass Musiker ein Beruf wie jeder andere auch sein sollte, dann halt auch konsequent.
Und wie hat es Blog-Kollege P. Breuer so schön geschrieben: “Ich bin übrigens für ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Zack, alle Probleme gelöst. Nicht nur die der Künstler. Aber auf mich hört ja keiner.”

Noch einen Kommentar möchte ich herausheben:

Sebastian F. Klaus schrieb:
“Lasst uns doch mal ehrlich sein: Das, was sich wunderbar und profitabel verkaufen lässt, ist in den wenigsten Fällen voller Qualität, Aussage und vielleicht sogar Idealismus – vielmehr überfüllt und überfordert durch Lobbyismus!

Schaut man sich die Playlists von Radiosendern oder Plattenläden, dann findet man in aller Regel immer die gleiche Auswahl – hoch dotierte, extrem profitable “Interpreten” und meist keinen einzigen, der unsere Gedanken oder unser Handeln durch seine Lieder / Werke bereichert.

Zur Aussage im Kommentar von S Sen, dass es der Gesellschaft schwer fallen würde, für Kunst zu zahlen, fällt mir schlichtweg nur ein: “Blödsinn!” Okay, ich gebe zu, bei 99% der dargebotenen Werke in diversen Läden, würde ich mich tatsächlich damit schwer tun, nur einen müden Cent für zu investieren. Aber weniger, weil ich generell nichts für “Kunst” ausgeben möchte, sondern weil “DAS” keine Kunst für mich darstellt. Ob es nun Musik ist oder andere Künste gemeint sind, spielt eigentlich keine Rolle. Dass jemand sein Werk dann auch nicht als Kunst anerkannt sieht, ist sogar in Ordnung für mich: Dann ist es nunmal keine Kunst, die einen zur Investition anstachelt – vielleicht reicht es einfach nicht. Vielleicht ist es nicht gut genug. (…)”

Danke dafür. Diesem Gedanken mag ich eigentich gar nicht groß was hinzufügen.
Selbiger Lobbyismus und finanzielle Abhängigkeiten (Werbung schalten im Austausch für ‘redaktionelle’ Beiträge oder Reviews etc) haben sich ja leider auch in der Musikpresse und Musikblogs vielerorts durchgesetzt und machen sie für mich immer uninteressanter. Das Spielerische, Neugierige bleibt da oft außen vor und man spürt die mit Inhalt aufgehübschte Kalkuliertheit und die kleinen Gefallen zu sehr durch. KünstlerInnen dagegen, die sich nicht in die Hände einer PR-Maschinerie und den eine-Hand-wäscht-die-andere-Beziehungsdschungel usw. begeben, bleiben oft einfach unsichtbar, egal welche Qualitäten ihre Musik aufweist.
Das war früher für mich eher irrelevant, weil es eigentlich bloß Mainstreampop zu betreffen schien, dessen Verwertungslogik mir noch nie sympathisch war, doch heute zieht sich das leider bis in den ‘Underground’ durch, der ja eh nicht mehr wirklich davon zu trennen ist.
AIDS WOLF, die sich leider, aber verständlicherweise aufgelöst haben, streifen das Thema der auch im avantgardistischen Underground veränderten Musikszene in ihren Abschiedsworten hier, möchte ich kurz einfügen, weil’s so lesenswert ist.

Und noch einer:

mixermansworld schrieb:

“Etwas einseitig diese Meinungen. Ich finde es gibt bzw. darf hier kein schwarz/weiß-denken geben. Vielleicht hätte der Herr Regener seine Emotinen etwas im Zaum halten sollen und zu Dir kann ich nur sagen, sobald man sich entscheidet sein Geld – falsch – seinen Lebensunterhalt mit Musikmachen, Komposition, Texten oder was auch immer zu verdienen passiert das auf einer anderen Ebene. Vielleicht sollte man sich das mal an einem einfachen Beispiel bewusst machen: Du möchtest Dir ja zum Frühstück auch einen Kaffee gönnen oder mal ne Semmel essen, diese Dinge musst Du käuflich (also mit etwas Geld) erwerben und ich glaub nicht das Dir dein Bäcker die Brötchen schenkt obwohl er vielleicht leidenschaftlich gerne Semmeln bäckt.”

Ja, und wenn alle seine Semmeln nicht ausstehen können, und sich stattdessen woanders Baguette kaufen oder Brot selber backen, und der Bäcker dann pleite geht – jammert der dann genauso auf seinem Anrecht auf Verdienst rum, weil er doch so hart gearbeitet hat? Blödes Konter, aber warum der Bäckerei-Vergleich hinkt, kannst du dir selbst ergooglen, das ist ein beliebtes Beispiel in der Debatte um geistiges Eigentum.

Was ich noch mal betonen möchte: Ich bin in keinster Weise Fürsprecherin einer ‘Geiz-ist-geil’-Mentalität, und mich kotzt es an, wenn Leute Kultur, die nicht profit-orientiert ist, mit dieser Mentalität in einen Topf werfen. Dass ich das Urheberrecht in seiner jetzigen Form nicht zeitgemäß finde, heißt keineswegs, dass ich, wie immer gleich gern unterstellt wird, finde, dass Musik gratis sein muss.

Und weil mir bei diesem die Gemüter doch ganz schön anheizenden Thema auch unterstellt wurde, dass ich so gar keine Ahnung habe, von was ich spreche: Ich mache selbst Musik, habe Platten und CDs rausgebracht und verkauft, bin durch ein paar Länder quer durch Europa getourt auf meist selbst gebuchten Touren, hab vor drei Leuten gespielt und hab vor 1000 Leuten gespielt, ich veranstalte Konzerte in einem Veranstalterkollektiv, bei denen die Band manchmal vor 15 Leuten spielen, manchmal vor 400, bin in Kontakt mit Bands direkt ebenso wie mit ganz großen Agenturen, ich lege auf und organisiere Parties – also: ich bewege mich zumindest nicht außerhalb dieser ganzen Szenerie, um die es geht, auch wenn ich mich nicht als ‘Professionelle’ betrachte. Ich finde es nicht gut, wenn eine internationale Band für eine Gage spielen muss, bei der die einzelnen Bandmitglieder nur einen Bruchteil dessen bekommen, was z.B. der Tontechniker am selben Abend bekommt, der vielleicht auch schon für weniger Geld arbeitet, als der Standard ist. Ich finde es nicht gut, zu wissen, dass von der GEMA Gebühr, die wir für ein Konzert bezahlen, voraussichtlich nie wirklich etwas bei der US Band ankommen wird, die gespielt hat. Ich finde es nicht gut, dass ich nicht frei bin, einfach eine Platte mit meiner eigenen Musik zu veröffentlichen, ohne mir vorher von der GEMA, mit der ich gar nichts zu tun haben will, mein Werk ‘freistellen’ lassen zu müssen. Ich finde es nicht gut, dass immer öfter DJs das mehrfache dessen verdienen was ein Bandmitglied verdient. Ich finde es nicht gut, dass Leute bereit sind für ein Festivalticket dreistellige Beträge hinzulegen, aber bei kleinen Konzerten wegen dem Eintrittspreis rumdiskutieren wollen. Ich finde es nicht gut, dass viele wie auch ich, sich ganz schlicht und einfach nicht mehr so viele Konzerte und Platten leisten können wie früher. Ich finde es nicht gut, wenn Leute Musik ausschließlich gratis abgreifen, obwohl sie von sich behaupten, dass ihnen Musik total wichtig ist. Ich finde es nicht gut, zu wenig Zeit zum ausgiebigen Musikmachen zu haben. Ich find es nicht gut, …  Ey – es gibt schon wirklich zig Sachen über die ich Jammern könnte. Hab ich aber keine Lust drauf. Lieber weitermachen und versuchen, Leute für Musik mitzubegeistern, die mich begeistert, weil ich glaube, dass Begeisterung ein viel besserer Grund ist, Geld für Musik auszugeben als drohende Strafen oder jammernde Musikschaffende.

Sein Urheberrecht! Sven Regener regt sich auf. Ich auch.

Was einen gequirlten Haufen Dingens der Regener von Element Of Crime HIER beim Zündfunk ablässt.

Da kann ich nicht anders als was zu entgegnen.

Gegen die Domestizierung!

Mich kotzt diese ‘Musik ist mein Beruf’ Haltung echt immer mehr an. Ich wünsch mir bitte wieder mehr Leute, die Musik/Kunst als “exzentrisches Hobby” (wie es Regener hier nennt) betreiben. Mit Enthusiasmus und Wagemut und Überschwang und als etwas ‘existentielles’ jenseits von ‘Mittel zum Existenz sichern’. Es gibt tausende von Gründen Musik zu machen – weil es Spaß macht, weil man ein kreatives Fieber in sich hat, weil man alte Geister austreiben will, weil man eine Botschaft rüberbringen will, weil sich nichts besser anfühlt, als wenn der Beat genau richtig klingt, usw.  – aber bitteschön: um damit eine Popkarriere machen zu wollen, von der sich leben lässt, ist wirklich der langweiligste Hauptgrund überhaupt. Musik in einer Erwartungshaltung zu machen, dass sie zu einem gesicherten Einkommen führe, ist nichts als die bloße Domestizierung und Verbeamtung von etwas was mal von spannenden Entwicklungen und kreativen Auseinandersetzungen geprägt war, und Bezüge zu Leben und Gesellschaft hatte anstatt nur Augen für sich selbst und die eigene Inszenierung zu haben.  Was für öder Durchschnittssound dabei in allen möglichen Genres rauskommt, davon gibt’s ja inzwischen grad hierzulande genug zu hören, und das tötet auch langsam den lebendigen wildwuchernden Underground der Musikszene. Fuck off Pophandwerk und Popakademie. Vielleicht würde mich das weniger aufregen, wenn die Haltung der Berufsmusikanten nicht immer gar so arrogant denjenigen gegenüber wäre, die selbiges nicht in erster Linie machen, um damit Geld zu verdienen.

Golden shower FTW

Und dann weiter in seinem Text: Musik, die kein Geld ranschafft, als ‘Subventionstheater’ (Amüsante Ergänzung: Eine Freundin hat ganz richtig bemerkt: Gerade Element Of Crime sind eine der Bands, die sehr gerne und oft an subventionierten Auftrittsorten spielen.) und ‘Straßenmusik’ zu bezeichenen – geht’s noch? Können wir bitte wieder lernen, dass gratis nicht ‘nichts wert’ bedeutet? Ich empfinde das als eine ebenso bescheuerte wie unverschämte arrogante Abwertung (nicht nur) meines Schaffens. Das richtet sich gegen jegliche nicht-kommerzielle Geste, die vielleicht eben genau deswegen non-profit ist, weil sie sich damit gegen die Verwertungslogik stellen will. Das sagt jedoch nichts über Qualität aus.

Ich lasse mir – metaphorisch – gerne “ins Gesicht pinkeln”, wie du es bezeichnest, lieber Sven Regener. Und das wertet meine Musik in keinster Weise ab. Kunst muss nicht kosten, damit sie was ‘wert’ ist. Wenn du ‘Respekt vor Musik’ über Geld definierst, weil du Angst um deine Altersvorsorge hast, dann tu nicht so, als ob es dir um die Musik ginge. Denn das ist nicht das “einzig Wahre am Rock’n’Roll”, sondern das macht den “Rock’n’Roll” zur bloßen Ware.
“Wahrer Rock’n’Roll” ist nämlich dann doch eher sowas wie der ‘Two Hearts Are Better Than One’ Blog hier, auf dem Sabotage Records und Taken By Surprise Records ihre ganzen Veröffentlichungen auch zum Gratisdownload online stellen. Für dich wahrscheinlich genauso wie ich auch solche ‘Penner aus der letzten Reihe’.

Selber schuld!

Leute wie du sind es doch, die der Musik ihre Magie austreiben, das was sie mal zur ‘Kunst’ gemacht hatte, das was Leute zu Fans werden ließ. An diese Stelle wurde von Popstrategen Musik gesetzt, die nach immer gleichförmigeren Verwertungsstäben funktionieren soll, Musik nach Schema F als erlernbares Handwerk, die als Qualitätskriterium Erfolg in Zahlen misst. Nach jedem Werbe/Sponsoring-Vertrag wurde sich gerissen, ohne dabei zu bedenken, dass er noch mehr dazu beiträgt, dass Musik zum bloßen Lifestyle/Produkt-Hintergrund wird. Und dann der immer gleiche Schritt: Das kleine Label, die kleine Bookingagentur wird sitzen gelassen, sobald sich was ‘Größeres’, ‘Besseres’ (= finanziell Vielversprechenderes) auftut – weil Wachstum in dieser Logik mehr Verkäufe und mehr Publikum heißt, und nicht mehr Entwicklung und Tiefe. (Was für dich bestimmt nichts zum Sterben der Indies beigetragen. Nö, nö.) Mal im Ernst: Letztlich habt ihr Berufsmusiker doch durch diese und ähnliche Dinge doch schon lange vor eurem Publikum den Respekt vor eurer Musik aufgegeben. Und sich dann hinstellen und den potentiellen HörerInnen die Schuld am Niedergang der Indie-Szenerie zu geben? Großes Kino.
Mit eurer andauernden Opferpose und dem Beschimpfen eurer Hörerschaft werdet ihr den Respekt gewiss nicht wiedergewinnen.

Weiter mag ich gar nicht drauf eingehen. Der unmögliche abwertende Gebrauch von ‘Penner’ und ‘Nutte’ zum Beispiel spricht ja auch Bände über die Weltsicht eines Herrn Regener.

 

Edit: Hier hab ich einen zweiten an das Thema und Kommentare anschließenden Eintrag gepostet:
http://breakingthewaves.net/2012/03/23/abregen-noch-mal-zu-regeners-rant-bzw-kommentaren-dazu/

“This is why events unnerve me” – Das Reuinieren & der alljährliche Festival Rant

Ihr kennt das vielleicht: Gestern kam mir eine Liedzeile in den Kopf, samt Melodie, und es machte mich verrückt, weil ich sie immer wieder vor mich hinsang, aber auf’s Verderben nicht drauf kam, aus welchem Song welcher Band sie stammt. Heute bin ich dann prompt mit der Antwort aufgewacht: Fugazis großartig dublastiges ‘Closed Captioned’ war es.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=MdoK36ZsdiA]

“This one wants the art this one wants the politics, everybody wants their own damn station
If we’re so fine maybe you can tell me why no one counts until they’re dead
I asked you, I asked you a question, I just want…I don’t know

The imperfections are here to find if your position is so unkind
Everything is not alright
And since we live in present tense the only hope of making sense
It all depends on the source of light”

Danke, dass ihr nicht am Coachella spielt, Fugazi.

* _ *

Als durch’s Web geisterte, dass sich nun auch noch The Make-Up reuinieren, und dass Refused am Rock im Park spielen, fragte ich mich wieder mal, warum ich mich nicht wie andere drüber freuen kann. Klar, es gibt Reunions bei denen auch ich schwach werde und gerne noch mal so tun würde, als ließe sich die Musik einer bestimmten Band aus einer bestimmten Zeit so einfach wiederbeleben, aber letztlich gab es einen Grund warum eine Band im Kontext ihrer Zeit in einer bestimmten Szene eine gewisse Wirkung entfaltete, und dieses Gefühl lässt sich nicht mitwiederbeleben. Der Liveeindruck ist dann schlimmstenfalls so, als würde man einer alternden Coverband des Originals zusehen. Anders ausgedrückt: Letzlich fühlt es sich für mich heute richtiger und intensiver an Xiu Xiu ‘Ceremony’ spielen zu hören als es mir den Song auf einer Peter Hook Show anzutun, oder: wenn Comadre ‘New Noise’ spielen, gefällt’s mir auch wieder. Es geht halt auch um Intensität.
Das soll nicht heißen, dass dafür plädiere, dass Bands irgendwann unbedingt in Rente gehen sollten – nö, das gar nicht. Deswegen fand ich auch das Madonna-Gebashe daneben, von wegen sie solle doch mal langsam aufhören. Warum sollte sie? Weil sie älter wird, weil Pop den Anspruch hat immer jung zu bleiben, weil sie ihren musikalischen Zenith überschritten hat? Nein, nichts davon wäre für mich Grund genug. Was ich traurig finde, sind nicht die MusikerInnen, die weitermachen. Was ich traurig finde, sind die, die stehenbleiben und auf einem Erfolg aus der Vergangenheit herumreiten. Da ist für mich die Aura des Cash-Cow Melken stärker als die Aura des vielleicht wirklich guten Werkes aus der Vergangenheit. Egal wie verführerisch es ist, wenn einem die Musik einer Band wirklich viel bedeutet, ich mag das nicht, dieses Verfallen in Achtungsstarre, dieses in einen Schrein stellen, als hafte diesen Bands aus der Vergangenheit eine Aura an, die jüngere Bands gar nicht mehr erreichen können, vielleicht weil sie aus einer Zeit der medialen Schnelllebigkeit und Reizüberflutung stammen. Die haben eher damit zu kämpfen, überhaupt mal für länger als ein, zwei Jahre Beachtung zu finden. Pains of being born too late.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=CNTzGwbxaIY]

Ein wenig Spott haben Bands, die sich zum Abkassieren noch mal zusammentun, und dabei wichtigwichtig tun, als könnten sie eine bessere Vergangenheit wiederbeleben, allemal verdient. Refused sind da natürlich ein beliebtes Ziel derzeit, was völlig verständlich ist: Sie haben ja nicht nur Fans im Nu Metal Mucker Lager (ich beschuldige immer noch Refused diese furchbare Genre mit ausgelöst zu haben), sondern haben ja viele Fans durchaus ihren Politics und einer unterstellten Glaubwürdigkeit zu verdanken. Die haben mitunter die Auflösung von Refused gern dankbar als konsequenten Schritt im Angesicht des ‘drohenden’ größeren kommerzielleren Mainstreamerfolgs gesehen und sie dafür noch ein bisschen toller gefunden, so dass es natürlich einen wunden Punkt trifft, wenn Refused in ihrem Reunion Statement schreibt: “We never did ‘The shape of punk to come’ justice back when it came out, too tangled up in petty internal bickering to really focus on the job. And suddenly there’s this possibility to do it like it was intended. We wanna do it over, do it right.” Wer könnte es da den Fans von damals übelnehmen, wenn sie schon mal kurz bitter darüber auflachen müssen, dass die Band bei ihrer Reunion gleich den first bus into Coca-Cola City nimmt, der sie in ‘Worms Of The Senses’ noch ganz ‘nauseous and shitty’ gemacht hatte. (Coca Cola ist einer der größten Sponsoren des Coachella Festivals, das als erster Reunion-Spielort bekanntgegeben wurde).

Ich nutze die Gelegenheit gleich mal für meinen alljährlichen Festival Rant: Diese Massen-Festivals wie Coachella oder hierzulande RIP/RAR/MELTusw sind in den letzten Jahren wirklich zu den wirtschaftlich hypereffizienten H&Ms unter den Konzerten herangewuchert. Als Suggestionsapparat der Glückseligkeit absolut bewundernswert. Was so viele gut finden, was so viele Jobs bringt, das kann doch gar nicht schlecht sein. Bands werden mit ihrer Musik wie Billig-Massenware über die Bühne gescheucht, je unbekannter je unbezahlter, das Publikum verbringt ein Wochende mit Schlangestehen, sich den Weg durch Menschenmassen bahnen und einem Hygiene- und Komfortminus, das völlig nachvollziehbar macht, warum sich die meisten so Wegknallen. Drauf angesprochen, warum sie hingehen, wird meist in Geiz-ist-geil-Manier unterstrichen, dass es ja so viel günstiger sei, sich all die Bands auf einmal anzugucken, als wenn man auf all die einzelnen Konzerte davon ginge. Für die Nerds unter den Gästen ist es die günstigste Möglichkeit die ‘relevanten’ Bands auf der To-Do-Liste abzustreichen. Dazu sind die Festivals inzwischen ja auch wirklich perfekt als zielgruppenoptimierte Massenbandhaltung zurechtgecastet, was zwar mitunter zu einer gewissen Austauschbarkeit führt, aber der Wirkung von Festivalnamen als Brands nicht viel nimmt.
So.
Heuer mal etwas kürzer ausgefallen.
Ich plädiere nach wie vor für mehr den liebevollen kleine community-based Konzertgenuss anstelle vom Untergehen in Menschen- und Bandmassen, aber hey: Ich gestehe, dass auch ich mein letztes Buch wenn auch nicht von, dann doch zumindest über amazon gekauft habe.

Hey, hey, my, my …

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=rSycSBYHitc]

Die sanfte Ironie, dass die Chromatics mit diesem Cover den Rock’n’Roll endgültig aus diesem Song vertrieben haben, ist schwer zu übersehen. Aber sehr schick haben sie das getan.

La Musique: sAuce, Hhappiness, Cats & Cats & Cats, Ital

Eine kleine Empfehlung aus dem Future Bass / Glitch Hop Sektor: sAuce hat auf bandcamp ein Album mit einigen richtig schönen Tracks released: ‘Forge Through Future‘.

[bandcamp album=1953291587  bgcol=FFFFFF linkcol=4285BB size=venti]

Ich bin ganz ehrlich: Vieles aus dieser Musikecke finde ich inzwischen unspannend, weil es zwar einen Haufen handwerklich gute Producer gibt, von denen aber leider viele auf denselben paar Ideen herumreiten. Vielleicht wird’s jetzt einfach totgeritten wie Dubstep zuvor – was für eine Reise: von Digital Mystikz über James Blake zu drei Grammys für Herrn Skrillex! Glückwunsch, harhar! -, hey, aber manchmal lohnt sich’s dann doch weiter die Ohren offenzuhalten und es finden sich ja auch immer wieder richtig gute Sachen zwischen all dem Konsenskram. Sowas ist dieses sAuce Album für mich:

Grandiose dicke Beats, stolpernd und dich doch eisern an der Hand nehmend. Sweete introvertierte Melodien, die aber nie zu kitschig werden. Funkelnde und blubbernde Synthies und Samples. Liebe zum Detail: Das hier schielt nicht einfach nur auf Effekte und den Dancefloor, sondern nimmt sich Zeit Songs zu entwickeln. Vom verhallt orgelnden Opener ‘Hmmm’ bis zu ‘Lullabytes of Memory’ mit dieser kleinen nostalgischen Sax/Trompetenlinie… als würde sich ein einsamer mitternächtlicher Bläser mit dem fett vor sich hinbollernden Synthieriff duellieren, nein, eben nicht duellieren, sondern sAuce schafft’s dass sich das wunderbar ineinanderfügt. ‘The Reminder’ featuring Mimi Page ist ein 1A kleiner Popsong, der sehr schön Dreampop und Glitchhop vereint. Es sind einige Kollaborationen drauf, mit Profresher, der Cat Food Crew, Burney Kutter u.a., 7 der 13 Tracks, aber trotzdem ist es aus einem Guss.

Hinter dem Namen sAuce steckt übrigens Caleb Young aus Northwest Montana, der seit 2009 seine eigenen Sachen produziert und der aus der Underground Hiphop und Experimental-Electronica Ecke kommt.
Das Album ist nicht durchgehend Gold, aber hat mehr richtig richtig gute Tracks als so manch bekannteres Release. Deswegen: Absolute Empfehlung!
Noch dazu bei so einer sympathischen ehrlichen Ansage solltet ihr euch echt überlegen ein paar Euro zu investieren:

“I’m extremely broke right now. So i’m reaching out to my family, friends, and fans to help me get through this tough time. I’m offering 13 oober vibing tracks for $1… or you can donate more, which will be greatly appreciated. It will help me get to Costa Rica to play Envision, pay rent, eat, and make more music. If you don’t have any way of purchasing anything online, or at all, and you still would like to have the album just PM and we will figure something out. I want everyone that would enjoy having this album, to have it. Love N’ Blessinz. Yours Truly. s∆uce”

* _ *

Völlig andere Musikecke: Hhappiness sind zurück und haben ein ‘h’ mehr im Namen und eine EP zum Gratisdownload mitgebracht, die morgen dann auch als 7“ auf Almost Musuque erscheinen wird.

Großartiger Lo-Fi Indie aus Stockholm, mit viel Reverb und Herzschmerz und spacigen Noiseausflügen, der in wohltuender Weise Imperfektion umarmt, und hier, zum Song ‘Bananas’ gibt’s auch ein Video:
[vimeo http://www.vimeo.com/35512012 w=400&h=225]

Hhappiness – ¨Bananas¨ from Control Freak Kitten Records on Vimeo.

* _ *

[bandcamp track=602226663 bgcol=FFFFFF linkcol=4285BB size=venti]

CATS AND CATS AND CATS haben einen wunderbaren lesenswerten Ratgeber verfasst: “10 Tipps for being in an unsuccessful band“, der sie mir gleich noch mal sympathischer macht, als sie’s mir eh schon wegen ihrer Musik waren, und der in dem schönen von ihnen gerade praktizierten Tipp Nr. 10 gipfelt: “Just put out a greatest hits? Split up!” Das tut die Band nach ihrer derzeitigen Europa Tour nämlich, weil einer von ihnen nach Japan geht. Noch ein Grund mehr, morgen, 14.2.2012, auf die Show von ihnen und We Fade To Grey zu kommen, für die ich das Vergnügen hatte, dieses Poster zu machen:


Und da sie zu siebt anreisen, hoffe ich mal, dass sie auch wirklich Bläser, Geige und was weiß ich dabeihaben, was auf ihren Alben so zum Einsatz kam.

* _ *

Und wenigstens kurz angerissen noch eine Empfehlung: ITALs Album auf Planet Mu, wenn ihr brandneuen House mögen könntet, der mit einer Patina überzogen klingt und Mut zum Herumexperimentieren hat. ITAL ist Daniel Martin-McCormick, der mit seinen Bands BLACK EYES (Dischord, Washington DC) und MI AMI (Thrill Jockey) auch schon zu Gast bei uns im Zentralcafé war. Von ITALs Album gibt’s ganz frisch hier einen Vorgeschmackclip:
[vimeo http://vimeo.com/34732403]

ITAL war bislang auf 100% SILK unterwegs, einem tollen kleinen Label für verspulte neue und auf nostalgisch-diskoid/housige Weise alt klingende Dance Music (Sublabel von Not Not Fun, glaub ich). Dort hat übrigens auch ein weiteres MI AMI Mitglied released: Damon Palermo, der zuletzt als Mitmusiker von JONAS REINHARDT bei uns zu Gast war. Sein Dance Alter Ego ist MAGIC TOUCH und was er unter diesem Namen macht, klingt mitunter so:
[vimeo http://vimeo.com/26307947]

Fight For Your Right To Party! Oder so.

In einem Artikel in der NZ über erhöhte Polizeipräsenz wegen wochenends alkoholisierten Leuten am Bahnhof stieß ich heute auf folgenden Abschnitt:

“Sogar junge Frauen zaubern am Ende der Disco-Nacht Wodka-Flaschen aus den hellgrauen Metallkästen, während sie Stilettos gegen Ballerinas tauschen. Ein Alkoholverbot wäre also kaum durchsetzbar.

Die „Mädels“ bringen sich dabei in erhebliche Gefahr. Mit Röckchen, die kaum die Unterwäsche bedecken, staksen junge Disco-Queens auf ellenlangen Absätzen über den grauen Bahnhofssteinboden. Vor dem Eingang von McDonald’s kann sich eine etwa 18-Jährige kaum mehr auf den Beinen halten. Ihr stämmiger Begleiter wuchtet die schwarz gekleidete Frau auf seine Schultern und stapft davon in Richtung Mittelhalle.”

Was soll uns das sagen? Wenn sie sich sexy kleiden und betrinken, bringen Frauen sich selbst in Gefahr? Gut, wenn dann ein starker Mann wie im Textbeispiel da ist, um sie zu retten?

Tilmann Grewe behauptet hier ganz unverblümt, dass Frauen sich ‘in Gefahr’ bringen, wenn sie sich sexy kleiden und sich betrinken.  Die Überbetonung der sexy Kleidung (gerade Formulierungen wie “Röckchen, die kaum die Unterwäsche bedecken”), macht deutlich, dass er die Gefahr sexueller Übergriffe meint. Während er die Frauen personifiziert, benennt er dies jedoch nicht mit Tätern, sondern belässt die ‘Gefahr’ als ein vages Etwas, das im Raum schwebt.  Dadurch, also indem er sie nicht genauso klar als ‘betrunkene, potentielle sexuell übergriffige Männer’ beschreibt wie er alle knappbekleideten betrunkenen Frauen als potentielle selbstverschuldete Opfer darstellt, suggeriert der Autor, dass ‘die Gefahr’ etwas unvermeidbar Vorhandenes ist, vor dem sich die Frauen in acht zu nehmen haben. Und genau dadurch nimmt der Autor hier implizit die potentiellen Täter in Schutz. Genau dadurch pflegt er hier die Vorstellung, dass der alkoholisierte Vergewaltiger “doch nur die Kontrolle verloren hat, weil die Frau so aufreizend war, sie hätte halt deutlicher zeigen müssen, dass sie’s nicht will”. Wie eine Naturgewalt. Das ist halt so.

Sorry aber: Fuck you, NZ!

Ja, Frauen nehmen sich im Jahre 2011 das Recht heraus, sich genauso mal zu betrinken wie Männer und sich gehen zu lassen und einfach Spaß zu haben, und das ist gut so!
Und genausosowenig wie die Wahl ihrer Kleidung macht sie ihre Trunkenheit automatisch zu potentiellen Opfern und Mitschuldigen!

Fight for your right to party! Oder so.

Bisschen off topic, aber zeigt, dass der Zusammenhang zwischen Wort und Tat viel deutlicher ist, als viele es wahrhaben wollen, und ein sexistischer Spruch nicht einfach nur als Späßchen abgetan werden sollte, ‘das doch nicht so gemeint war’: Diese Woche hat im Netz eine Untersuchung von Psychologen der University of Surrey und der Middlesex University die Runde gemacht, die der Sprache von Männermagazinen (und so weit davon weg ist ein Grewe in manchen Sätzen seines NZ Artikels nicht) mit den Kommentaren, die verurteilte Vergewaltiger über Frauen abgeben, verglichen. Das Ergebnis war, dass so gut wie alle, die an der Studie teilnahmen, keinen Unterschied festmachen konnten. Den ‘Test’ könnt ihr in dem Artikel anhand von ein paar Beispielen auch selbst machen. Misogynie wird auch durch Sprache weiterverbreitet und ‘nicht so gemeint’ ist keine Ausrede. Please watch your pen and mouth as they might be weapons.

Noch mal zurück zum beliebten Thema Alkoholmissbrauch: Versteht mich nicht falsch: Ich möchte keineswegs allwöchentliches rücksichtsloses Komasaufen verteidigen, aber sich hin und wieder vergnüglich mit Freundinnen und Freunden zu betrinken ist nichts, worauf Frauen aus hanebüchenen Gründen, die dem scheinbar antiquierten Rollenverständnis eines Tilmann Grewe entspringen, verzichten sollten.
Außerdem reicht es langsam damit, dasss sich immer nur Artikel dem Thema übermäßigen Alkoholkonsums von ClubbesucherInnen widmen, wenn sie mit ‘Aufreger’-Bezügen wie ‘Sperrzeitverlängerung’, ‘die schlimme Jugend von heute’, oder ‘teure Polizeieinsätze’ in Verbindung gesetzt werden können. Das sollte unter der Würde einer NZ sein.  Ich wünschte mir mehr Artikel, die auch mal ehrlich aufzeigen, dass es lange nicht der Großteil der PartygängerInnen ist, der sich so heftig betrinkt, und Artikel, die, wenn es schon so ein Dauerbrennerthema ist, auch mal jenseits von billigen Sensatiönchen tiefer nachforschen, und Ursachen recherchieren, warum sich Leute allwöchentlich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken. Aber einfacher ist es natürlich, sich mal eine Nacht an den Bahnhof zu stellen und dann einfach subjektive Eindrücke als Allgemeinplätze in einen Zeitungsartikel zu setzen. Journalismus ist was anderes. (Zum Beispiel sowas find ich schon besser.)
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Das Thema kehrt zur Zeit aber auch wieder. Letzte Woche erst hat mich eine Kampagne wütend gemacht, die versucht gegen übermäßigen Akoholkonsum stark zu machen, indem sie u.a. suggeriert, dass, falls sie zuviel getrunken haben, Frauen selbst mit schuld seien, wenn sie vergewaltigt würden. Auch ihre Freundinnen/Freunde träfe eine Mitschuld, weil sie das Opfer nicht davon abgehalten hätten, sich zu betrinken. Siehe das Bild über diesem Absatz.

Oder auch sehr ‘schön’, dieser misslungene Versuch einer Kampagne, die das Ziel hat Frauen vom Trinken abzuhalten:
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Das Poster impliziert im Gegenzug zu dem Spruch, der drauf steht, eigentlich ja auch gleich noch mit, dass ein ‘richtiger’ Mann verweiblicht, wenn er nicht ordentlich was wegtrinken kann. Und das wollen wir doch nicht. Also, merkt euch, Kinder: wie vom ‘anderen’ Geschlecht wirken – das ist bäh!
Naja, dieser Aktion sei ganz nebenbei hier noch ein “Fuck you, gender binary! We are 48 genders and rising!” entgegengeschleudert, bevor ich mich zum Abschluss noch ganz posi vom Rumgranteln weg zum Aktivwerden wende:

Es war Jahre nachdem die Band ‘Dr. Kimble auf der Flucht’ (sowas wie die Nürnberger Lassie Singers) – wenn ich mich recht entsinne – im alten Kunstverein einen Konzertabend mit ‘Frauentrinklieder’ betitelte, dass mir beim Einsortieren von CDs im RADIO Z Archiv der Song ‘1000 Bier mit dir’ von Braut haut ins Auge ins selbige stach, und mir das Thema ‘bezüglich Alkohol konstruierte Geschlechterunterschiede’ durch den Kopf ging, und ich auf die Idee kam, mal eine Compilation zu organisieren, zu der verschiedenste female Artists ‘Frauentrinklieder’ beitragen. Oder ‘Frauenfreundschafts-Trinklieder’. Ein Thema, das in Texten von Frauen viel zu kurz kommt. In Texten von Männern ist gerade das social drinking mit Freunden oft die Kulisse für gemeinsame Erlebnisse. Frauen ziehen zwar genauso gern mal mit einer guten Freundin um den Block und führen dabei tiefschürfende Gespräche und machen idiotische Aktionen und all das, aber da es anscheinend immer noch so ist, dass es sich für Frauen ‘nicht schickt’, wird längst nicht so oft und offen drüber getextet. Wie über Frauenfreundschaften im Allgemeinen. Daher eben die Idee einer solchen Compilation.

Irgendwie kam mir das über all die Jahre hinweg immer wieder mal in den Kopf, und nun – nur läppische elf Jahre später – wird wohl was draus: Im Rahmen vom WORSE THAN QUEER am 21. Januar 2012 soll eine solche Compilation als Online-Free-Download-Version (und hoffentlich einer kleinen Tape-Auflage) rauskommen! Mal schauen, wieviele Songs bis zur Deadline Ende Dezember eintrudeln! Ist ja immer spannend bei Compilations. Wir sind zuversichtlich.

Falls jemand das hier liest und gern auch noch einen Song beitragen würde – mailt uns einfach:  sigh@evemassacre.de

Und weil ich mich so freue, was wir alles dafür zusammenorganisieren konnten, hier noch Info zum WORSE THAN QUEER:
Im Januar organisiere ich mit der wundervollen Jessthreat zusammen WORSE THAN QUEER, ein Fest mit:

  • Filmen:
    From The Back Of The Room‘ von Amy Oden
    und ein Kurzfilm über das Girls Rock Camp Berlin
  • Bands:
    Ex Best Friends – Die Berlinerinnen retten den Postpunk mit Riot Grrl Attitude
    Derby Dolls – Female fronted Punk zwischen Power Pop und NDW aus Tübingen
    Zosch! – Energiegeladener Synthiepunk aus Köln mit zwei Sängerinnen
  • Fotoausstellung von Eartrumpet (Konzertfotografie mit Fokus auf female und queer Artists)
  • Slogan Up Your Shirt! DIY Kram
    – Mobiler Siebdruckstand der Offenen Werkstätten vom K4 zum Bedrucken von Shirts, Taschen, whatever
    -Flex! Stand – Falls ihr nichts zum Bedrucken dabei habt, könnt ihr hier was erwerben
    – Steffi Rockets Nähstation zum Umnähen/Verschönern/wasauchimmereucheinfällt
  • Vegan Food
  • Und nach den Bands legen noch jessthreat, micha* vom flex! und eve massacre auf

KUEDO bei sub:city

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Wer mich ein bisschen besser kennt, weiß, dass ich, wenn ich mich verliebe,  dazu tendiere mich in Musik zu verlieben statt in Menschen. Letzte Nacht ging’s  mir so mit KUEDOs Set bei sub:city im K4.

Wenn du dir KUEDOs ‘Severant’ Album noch nicht besorgt hast – tu es. Es ist  mehr als einmal beschrieben worden als: Vangelis’ Blade Runner soundtrack trifft auf Future Bass Music und das dürfte auch der einfachste Weg sein, es zu beschreiben. Kühle schöne Synthies kombiniert mit warmen tiefen Subbässen und den herumwirbelnden funky Beats von Footwork – glaub mir, im Club funktioniert das sogar noch besser, weil du dort den Bass wirklich spüren kannst. Das ist aber nur eine Facette von dem, was er letzte Nacht gespielt hat. Da war auch (Post)Dubstep, Hiphop, Synthpop, Ravestep, sogar discoide Moment – viele verschiedene Stile und Stimmungen aber alle verschmolzen zu einem großen schnurrenden Ball aus Musik. Verzeiht meinen Enthusiasmus, aber das war einfach genau mein Ding.

Er setzte weder darauf, nur das zu spielen, was du von seinen VEX’D oder KUEDO Veröffentlichungen erwarten könntest. Noch verließ er sich auf die wuchtige Sicherheit des abgenutzten simpel strukturierten heavy Dubsteps, der die ‘meine-Eier-sind-genauso-groß-wie-der-Bass-da-drin’ Teile des Publikums ja immer noch zu begeistern scheint. Selbstverständlich gab es auch heavy Parts, aber halt keine von der simplen langweiligen Wobblestepsorte. Stattdessen baute KUEDO ein komplexes Set mit Gewicht auf und einem guten Gespür für Ästhetik. Komplex, ja – aber in keinem Moment fühlte es sich überkonstruiert an. Er fixierte sich nicht darauf sich einer Beatmatch Linie entlang zu bewegen sondern spielte stattdessen mit aufregenden Kombinationen und damit, die richtigen Dinge im richtigen Moment zu droppen.

Es gibt Sets die ganz von einer Reise von Punkt A zu Punkt B bestimmt sind, auf einer eher geraden Linie, und die Spannung und Höhepunkte kreieren als wärst du auf einer Fahrt von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Und es gibt es Sets, in denen diese Art Linearität egal ist, sondern die eher multidimensional erscheinen und die G-Punkte des Dancefloors kitzeln als ob jederzeit alles passieren könnte. Das kann schon auch  mal in Überstimulierung enden und ein bisschen viel werden nach einer Weile. KUEDOs Set ging mehr in Richtung des Letzteren, aber er bekam es fertig alles in einem smooth schwebenden Flow zu halten.

Es gab ein paar richtige Facemeltermomente. Für mich waren das ein paar von den footworkmäßig perkussiven Stellen über wunderschönen tiefen Subbasslinien, und auch ein großartiger heavy Ravebreakdwon und -buildup. Es gab auch ein paar Pop- und Spaßmomente, die ich liebte. Vielleicht war’s ja auch nur meine Art von Humor, aber ich musste lachen als er vom ach-so-(Neu)-Romantischen ‘Moments in Love’ (Art Of Noise, Caspa remix(?)) gefühlvoll zu einem rüden Rap rübermixte, der irgendwas über ‘pussy juice, nigga’ spittete.

Ich hab echt noch mal drüber nachgedacht, aber ich bleibe bei meinen Worten von letzter Nacht: Es war das beste Bass Music Set, dass ich bis jetzt gehört habe. Es stand irgendwie für alles, was diese Tage Bass Music zur aufregendsten und lebendigsten Ecke von elektronischer Musik macht. Danke, Mr. Teasdale!

P.S.:
Ich muss SUB:CITY auch noch mal danken: Ich liebe euch dafür, dass ihr uns wieder mal eine Nacht gebracht habt, die fast wie ein Statement gegen die Brostepifikation der Dubstep-Szene war, und zeigt dass es ein Platz für mehr Leute als nur männliche Hetero-Tough-Guys ist. Ich liebe eure Auswahl von Bookings, was ihr spielt, und die handgemachten Poster und Deko (besonders den mürrischen Mond!) – ich glaube, dass all das zusammen schon ausstrahlt, dass es um sowas wie social clubbing geht. Es waren wieder angenehm viele Frauen auf der Tanzfläche gestern wo es da bei anderen Dubstepnächten ungefähr so viele wie im Pit der meisten oldschool Hardcore/Punk Shows.
Trotzdem waren auch wieder ein paar Idioten unter den Gästen, was wirklich nervt, weil es nur ein paar solcher Hoolz braucht, um die Stimmung für viele zu verderben. Ich dachte, wir hätten die Zeiten von Schlägereien am Einlass hinter uns. Es ist ermüdend. Trotzdem glaube ich, dass es für fast alle eine großartige Nacht war!

Leben und sterben lassen

Nein, ich möchte kein Interview zur Independentszene für ein Imagemagazin der Metropolregion geben, weil ich ein anderes Kulturverstädnis habe als ihr und finde, dass euer kreativwirtschaftlicher Ansatz zum Veröden selbiger beiträgt indem er das Wachstum musikalischer Monokultur fördert.

Um’s mal überspitzt zu formulieren: Manche denken, diese Stadt braucht für eine popkulturell ‘relevante’ Musikszene mehr Leute, die von Musik leben können. Ich denke, diese Stadt braucht für eine kulturell spannnde Musikszene mehr Leute, die für Musik ‘sterben’ würden.

Selbstverständlich ohne dabei die weisen Soophie Nun Squad zu vergessen:

“Culture is culture is a reason to die
But all I know is that we’re swimming naked tonight!”
^^