Eine Woche frei

Urlaub, eine Woche. Fühlt sich schon am dritten Tag kürzer an. Die ersten zwei Tage hab ich mal wieder damit verplempert, dass es so richtig eingesickert ist, wie kurz vor burn out ich bin, Gefühlschaos, drückender Stress, Tinnitus, blabla, aber nach zwei Tagen geht es mir heute halbwegs gut. Hab das mit Burn Out Edging zwar gemerkt, weil ich in letzter Zeit öfter wie auf Dynamit gefühlt hab: immer kurz vor einer ungewollten Explosion in the face of irgendwem, die es nicht verdient hat. Letztlich aber weil halt alles zu viel wird. Naja, alles beim Alten quasi.

Was mich inzwischen öfter umtreibt, ist die Sehnsucht mal wieder ans Meer zu fahren, aber nicht genug Geld dafür zu haben, das entspannt tun zu können und keine Energie zu haben, so eine Reise zu planen. Für diesen Urlaub auch geltend: Keinerlei Energie für Socializing. Sich stattdessen zu Hause vergraben. Fühlte mich sehr gesehen vom Algo, der mir das in eine Timeline spülte:


Meine Mikro-Erholung, die ich in meiner so etwas geschrumpften Welt zu genießen versuche, heißt heute zum Beispiel, erst um 11 aufzustehen, weil ich gestern Nacht bei meinem Lieblings-Elden-Ring-Playthrough hängengeblieben bin und bis halb fünf geguckt hab, weil ich nicht schlafen konnte. Elden Ring ist nicht meine Sorte Spiel. Habe nicht das Können und den Ehrgeiz, da tausende von Stunden dran zu feilen, denselben enemy zu fellen. Habe auch nur 186 gebraucht, um das Einzusehen. ^^ Elden Ring hat aber eine zu freie, schöne und desolate Welt, als dass ich es damals nicht versuchen musste und das Gefühl, das erste Mal in diese detailreiche Welt in Limgrave reinzulaufen ohne irgendwelche Anhaltspunkte, was du als nächstes tun solltest, ist einfach großartig. Bisschen verloren fühlen, bisschen nach “alles ist möglich!” Nicht umsonst gibt es viele Elden Ring YouTube Vids, die nur entspanntes Rumlaufen in der Landschaft zeigen, hier eins vom Anfang des Spiels: Ein Spaziergang durch Limgrave. In schönen Momenten hat mich Elden Ring in eine ähnliche Stimmung versetzt wie guter experimenteller Doom / Drone / Noise, aber in den üblen ist es einfach zu intensiv einsam, feindlich und kompetitiv für mein depressives Hirn. Ein Kunstwerk unter den Games ist es aber allemale.

Zum Zugucken wiederum finde ich es wunderbar entspannend wie fast kein anderes Spiel. Gerade tiefergehendere Playthroughs, die sich genüsslich auf die kleinen und großen Geschichten im Spiel einlassen, und um sie zu verfolgen, jedes Fitzelchen Text auf jedem errungenem Gegenstand lesen, genieße ich. Und ich bewundere ehrlich das Vertrauen, das Hidetaka Miyazaki da mit seinem Team beim Erzählen dem Publikum entgegenbringt, nicht nur die schwierigen Kämpfe zu überstehen, sondern auch die komplex vertrackten Geschichten zu finden und sie zu verfolgen. Faszinierend.

Wo war ich? Ach ja: Deswegen erst um 11 Uhr aufgestanden heute. Den Tag begonnen mit Olga Tokarczuks Empusion, einer Riesentasse Milchkaffee und einem Pint kaltes klares Wasser und einer schnurrenden Katze, die sich an mein Bein schmiegt. Hab etwas gebraucht, um reinzukommen, aber Seite für Seite wird der radikale feministische Anspruch dieser Geschichte über Männers, die 1913 in einem schweizer Kurort mit, äh, Kur-Dingen und frauenfeindlichem Gerede verbringen, dass sie in naturwissenschaftliche oder philosophische Pseudoschlauheit hüllen. Der Hook war für mich, glaube ich, der mysteriöse Tod einer Frau, der mit leicht kannibalistischem Untertönen serviert und seziert wird. Folk Horror-Feels. Bin erst auf Seite 103, aber gespannt, was mich noch erwartet.

Ich hab Thomas Manns (noment est omen lol sorry) Zauberberg, den Empusion wohl mitunter parodiert, vor so langem und eher gelangweilt gelesen, dass mir da leider konkrete Anspielungen entgehen. Aber die Frauenfeindlichkeit, die sich durch die Wissenschafts- und Literaturwelt dieser Zeit zog, und auch in Empusion immer wieder in alle Gespräche rutscht, wird hier literarisch so gut aufgenommen und ich freu mich gerade wirklich, das als Urlaubsbuch gewählt zu haben. Ich mag Olga Tokarczuks bedachte Sprache und ihren Umgang mit Kritischem, Tragischem und Humor sehr. Es gibt so viele Romane, die nur Geschichten erzählen, ohne groß was mit der Sprache zu machen, ohne Zwischentöne und Anspielungen, ohne Leser:innen (ähnlich wie Miyasaki?) zu vertrauen, dass sie etwas damit anfangen und es ihnen etwas gibt, ob Spaß oder Wissensgewinn, ob einfach die Schönheit eines Reflektionsmomentes, in dem du Dinge miteinander verbindest, ohne zu wissen oder dich drum zu scheren, ob das Intention der Autorin war. Nix gegen gut erzählte Geschichten, aber Texte können so viel mehr sein.

Zwei Stunden später dann Lasagnereste und Obst gefrühstückt. Lasagnekochen – drei Stunden, inklusive totales Einsauen der Küche – das war gestern mein Psyche-Runterfahr-Ding. Hatte ich schon ewig nicht mehr gemacht, weil viel zu aufwändig für Singlehaushalt und überhaupt unvernünftig . Wurde aber superlecker, ich kann’s noch, yeah.

Beim Frühstücken fiel mir wieder mal auf wie abgeranzt mein Frühstückstablett inzwischen aussieht. Also Schleifpapier, Farbe und Pinsel gesucht und das halbe Tablett geschmirgelt und geschliffen. Andere Hälfte geht erst, wenn die erste trocken ist. Danach bisserl Sport gemacht, aber keine Lust nach dem Schwitzen gleich zu Duschen, und stattdessen an den Computer gesetzt, um das hier zu tippen. Weil ich mir dachte, vielleicht ist es an der Zeit mal wieder über Dinge nachzudenken. Dingen, die ich tue oder die ich konsumiere, auch Raum zu geben, sich setzen zu können.

Was nun? Tasse Tee kochen, wieder mal kurz traurig sein, dass a) es schon wieder dunkel wird, und b) PG Tips Teebeutel sich von der Pyramidenform zugunsten einer nüchtern-effizienten rechteckigen Form verabschiedet haben. Feststellen, dass der Tee aber trotzdem halt schon einer meiner Lieblingsschwarztees bleibt. Life Is Strange 2 und OBS anwerfen, mich räuspern und die Geschichte der beiden Jungs auf der Flucht weiterspielen. Hier der Link zu meinem Playthrough.

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