Olga Tokarczuk – Letzte Geschichten

Gerade habe ich Letzte Geschichten fertiggehört. Ich liebe Tokarczuks poetischen Umgang mit Sprache! Sie braucht eigentlich keine besondern Inhalte, ihr würde ich auch zuhören, wenn sie erzählt, wie jemand einen Apfel schält. Trotzdem wirkt sie immer besondere Geschichten ineinander: Hier sind es drei Frauenleben, drei Generationen. Raue Frauen, drei Getriebene, Rastlose, es geht um Flucht und Zuflucht, Weiterziehen und Begegnungen, Tod und Leben. Jede Frau in einem Moment der Krise und keine von ihnen besonders sympathisch, aber mit jeder säße ich jetzt gern für eine Weile an einer Theke in einer fremden Stadt und würde ihr einen Schnaps ausgeben, bevor sich unsere Wege wieder trennen.

Harter Lockdown jetzt!

Ich bin für einen sofortigen harten Lockdown. Eigentlich bin ich das schon seit März, aber ich war zwischenzeitig wirklich ausgelaugt, konfliktscheu und wollte es nur noch aussitzen. Gerade agiert unsere Regierung aber mit so einer Verachtung von Menschenleben – oder besser gesagt: noch menschenfeindlicher als sonst, will ja nicht Systeme wie Hartz IV oder die Flüchtlingspolitik verharmlosen –, dass ich mich doch auch mal wieder hierzu äußere.

Ich zitiere mal: “Weiterhin verzeichnen die Intensivstationen in Deutschland steigende Patientenzahlen. „Einen Effekt des Lockdowns spüren wir auf den Intensivstationen immer mit einer Verzögerung von 14 Tagen bis drei Wochen – aber derzeit ist noch gar nichts zu spüren“, sagt der neue Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Professor Gernot Marx, Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen.”

Und das Beste, was sich derzeit abzeichnet ist, so weiterzumachen wie bisher statt endlich einen tatsächlichen harten Lockdown zu beschließen?! Ich hab’s echt so satt, wie unsere Regierung auf Menschenleben und medizinische/Pflegearbeit u.v.m. scheißt. Über die Feiertage alleine sind “2.516 Patienten auf den Intensivstationen verstorben.”

Wenn es mir jemand als persönliche Betroffenheit auslegt, dass ich einen harten Lockdown fordere:

Ja, das geht mir auch deswegen so nah, weil ich mich als Risikoperson noch mal länger in Eigenverantwortung abschotten muss, was mich inzwischen psychisch und körperlich echt runtergerockt hat.

Ja, das geht mir auch deswegen so nah, weil ich als Kulturarbeiterin angesichts einer solchen Pandemie gerne akzeptiere, auf mein Sozialleben zu verzichten, das zu großen Teilen um meine Kulturarbeit herum abläuft, und gerne akzeptiere, nicht unter die erhaltenswerte Wirtschaft zu fallen, ABER NUR, wenn ich wegen konsequenter Maßnahmen aufs Abstellgleis gefahren werde, und nicht, wenn es so ein halbgares Hingeziehe im Namen ein paar weniger Branchen ist. Sozialentzug, Kulturentzug und Existenz/Zukunftsangst sind nicht der angenehmste Mix.

Und last, aber gewiss nicht least: Ja, das geht mir auch deswegen so nah, weil ich als queere Linke für eine Politik der Solidarität stehe, und ich mich von einer alles andere als linken Regierung schlicht ausgenutzt fühle dafür, dass ich aus Gründen der Solidarität stillhalte. Bin Bini Adamczak für ihren Tweet heute früh deswegen echt dankbar:
“Links ist nicht, die Coronapolitik der Regierung gegen rechte Coronaleugner zu verteidigen. Links ist, die Coronapolitik der Regierung anzugreifen: für Millionen Infizierte und zehntausende Tote im Namen der nationalen “Wirtschaft”.”

(via David Garcia Ernesto Doell)

Von daher: Ja, ich habe persönliche Gründe, wenn auch keine allzu egoistischen, aber der Hauptgrund für meine Forderung eines sofortigen harten Lockdowns (inklusive Schulen und aller nicht wirklich systemrelevanter Arbeit) ist der eingangs mit dem Zitat von Gernot Marx angeführte: Die Pandemie lässt sich anders nicht ohne das Opfern weitererer zehntausende von Menschenleben in den Griff bekommen.

P.S.: Bilder von der Querdenker-Demo in Nürnberg dieses Wochenende und das späte und verharmlosende Statement des Oberbürgermeisters König dazu, lassen mich tatsächlich nach Kritik an der Polizei in Form des Wunsches nach härterem Durchgreifen fragen (facebook, Twitter). Auch das fühlt sich für mich als Linke ziemlich weird an, aber wie ein Freund auf Twitter tröstend meinte: “Adorno hat mal gesagt, dass Autorität nur bei denen anzuwenden ist, bei denen die Würfel schon gefallen seien, wenn es darum geht kurzzeitig Erfolg zu haben. Das darf aber langfristige Pädagogik und Aufklärung nicht ersetzen. Löst da gut auf i.m.A.” Hier auch das Statement von Das Schweigen durchbrechen: Querdenken in Nürnberg

Auerhaus von Bov Bjerg

Ich hab mir Auerhaus jetzt doch mal wenigstens als Audiobook angehört, nachdem so viel davon geschwärmt worden war, als es rauskam. Es ist ein gutes Mittel gegen 80er Nostalgie, das muss ich ihm lassen. Es ist aber weder sonderlich gut geschrieben, noch glänzt es durch eine herausragende Story. Die Figuren bleiben blass und entwickeln sich kaum. Die flapsige distanzierte Abgeklärtheit der Protagonisten ist im besten Fall als so etwas wie der Versuch, einen männlichen No Future-Zeitgeist rüberzubringen, im schlechtesten die Unfähigkeit des Autors, Figuren zum Leben zu erwecken. Themen wie Freundschaft, Suizid und Coming of Age so distanziert erzählt zu bekommen, schmerzt. Gerade Suizid so auf Rahmung und Handlungstreiber präsentiert bekommen, inhaltlich jedoch eher auf dem Lebel “ist halt so”, ist arm. Dazu kommt als Tüpfelchen auf dem “i” noch die misogyne Haltung, die aus der Darstellung der klischeegefangenen Frauenfiguren und einer schwulen Figur (die gleich auch noch Stricher und Dealer ist) spricht. Alles irgendwie so “wir haben Dinge getan, die andere ganz crazy fanden, aber ey, für uns ganz normal.” Nee, sorry, ärgerliches Buch und der Hype ist für mich nicht nachvollziehbar. Aber zum Audiobook noch: Robert Stadlhuber ist wieder mal hervorragend als Vorleser.

Gegenwartsbewältigung von Max Czollek

Großartige Analyse und Abrechnung mit der Selbstgefälligkeit der bürgerlichen “deutschen” Dominanzkultur, die noch immer nicht in der post-migrantischen Realität angekommen ist. Von deutschem Erinnerungstheater bis zu den Reaktionen auf den rechten Terror von Hanau, von Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit bis zu gesellschaftlichen Ungleichheiten während Corona: Czollek weiß zu ranten, ohne dass er der sprachlichem Gepfeffertheit die Genauigkeit der Kritik opfert. Was aber noch schön wäre: Wenn –vor allem im Kapitel zu intersektionalen Feminismus und Radikaler Vielfalt– nicht Kapitalismuskritik eine Leerstelle bleiben würde, die leider gerade dann dröhnend ins Gesicht und Gewicht fällt, wenn individuelle Wohltätigkeit als akzeptable Lösung zur Finanzierung künstlerischer Tätigkeit erhoben wird, und das ausgerechnet am Beispiel Engels / Marx. Dass dieses Beispiel kein Zufall ist, davon ist bei Czolleks scharfem Blick schon auszugehen. Aber das Buch ist eine wirklich lesenswerte, oder auch, wie ich es genossen habe: hörenswerte Polemik.

Coronawinter naht

Kaum bricht der Herbst an, wird mir wieder eng in der Brust. Von einem Tag auf den anderen wurde es genau diese kleine Nuance grauer und kühler, die dir klar macht: Der Sommer ist vorbei, die Saison des Draußensitzens ist vorbei. Was mich sonst mit einem Gefühl der Wärme erfüllt, weil ich es liebe, auf raues Wetter hinauszublicken, während ich drinnen warm beim Tee am Computer sitze oder lese, und weil sich Spaziergänge im Herbst und Winter so viel mehr wie “draußen” anfühlen, zieht mich der Umschwung heuer doch ganz schön runter, da er sich ein bisschen wie Abschied vom lokalen Freundes- und Bekanntenkreis anfühlt. Ich war zwar diesen Sommer auch nicht so viel unter Leuten wie sonst, aber es tat gut, selbst mit all den Corona-Vorsichtsmaßnahmen, endlich wieder IRL zusammenzusitzen.

Das Videochatten im lokalen Freundeskreis ist ziemlich eingeschlafen. Ich bin eine der wenigen in meinem Bekanntenkreis, die auf Treffen in geschlossenen Räumen verzichtet, soweit sie kann. Verzichten muss, weil Risikogruppe. Und selbst wenn Räume zum Treffen groß genug und gut genug gelüftet wären, graut mir vor Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln, bei denen jetzt schon alle Fenster wieder geschlossen bleiben. Die möchte ich auch meiden.

Ich bin froh, dass ich so ein Onlinemensch bin, aber auf lokaler Ebene trifft mich die Isolation tatsächlich immer noch hart. Vom Veranstalterinnen- und DJ-Dasein bin ich es gewohnt, oft unter vielen Menschen zu sein und ich liebe diese Zufallsbegegnungen, wo du mit lieben Menschen in Gespräche rutschst, ohne dass du vorher ausgemacht hast, dich zu treffen. Ich bin es nicht gewohnt, mich verabreden zu müssen, einen festen Rahmen setzen zu müssen und bei Videochats triffst du halt selten noch andere, die zum Gespräch dazustoßen und wieder wegperlen. Spontaneität ist hart im Corona-Winter. Und, wie eine Freundin mal so treffend feststellte: Es gibt eben auch nicht so viele, mit denen es sich auch mal angenehm schweigen lässt im Videochat. Diese sozialen Räume und Communities — das kann halt kein Videochat ersetzen. Bin gespannt, wie es jetzt im Herbst wird. Ob es sich lokal wieder mehr auf Onlinekommunikation einpendelt, oder ob die meisten trotzig an dem sommerlichen Grad von offline-Begegnungen festhalten, und sich Indoors-Treffen normalisieren.

Ich erinner mich, wie intensiv es sich anfühlte, sich nach dem soften Lockdown das erste Mal wieder mit Freunden zu treffen. Bei mir war es im DESI Biergarten, und neben den zwei Freunden, mit denen ich mich zum Pläneschmieden für ein neues Projekt verabredet hatte, aber es waren dann auch noch so viel andere da, die ich kannte. Es lag Vorsicht, aber auch Leichtigkeit in der Luft. Eine ungestüme Freude darüber, sich wiederzusehen, die Fragezeichen schwingend zwischen den Tischen und Bäumen herumwehte, weil es ja doch nicht ganz so wie sonst war. Weil die physische Nähe den Abstand und das dauernde Gebot, vorsichtig zu sein noch bewusster machte.

Zombieträume

Zombieträume

 

Es ist sonnig, die Luft ist zäh wie die Zeit, fast geronnen. Es treibt mich. Was, bleibt ungenau, aber die Angst sitzt im Magen. Unförmige Hände, glibbrig, glitschig, wabernde Haut, überall Körper, versuchen zu fassen, drängen, gleiten ab, gleiten ab, gleiten ab. Ich schiebe mich durch, dränge, renne, laufe, gehe, spaziere durch den Sommertag, die Straße liegt wieder leer vor mir. Häuser ohne Eingänge, Fenster wie gezeichnet. Ich erinnere mich selten an Träume, aber wenn, dann waren es in den letzten Jahren fast immer welche mit Zombies. Langsamen Zombies, wie es sich gehört. So auch dieser vor ein paar Tagen. Ich wache auf, es ist noch dunkel, die Furcht aus dem Traum hängt in den Schatten, aber ich weiß ja, im Haus bin ich sicher. Ich geh pinkeln, nur halb wach, bin so müde, will nicht ganz aufwachen, aber weiß, wenn ich jetzt weiterschlafe sinke ich wieder in diesen Traum. My private Elm Street. Ich schlafe wieder ein, träume den Traum weiter, und wache endlich erschöpft auf. Der Traum hängt den ganzen Tag in den Falten der Luft, immer nur einen Windhauch entfernt. Den ganzen verdammten sonnigen Tag, der so zeitlos verstreicht wie der vorherige. Corona hat neue Zeitempfinden geschaffen. Für die Daheimbleibenden ticken die Uhren anders als für die da draußen.

Ich muss an It Follows denken, einen hervorragenden Zombiefilm ohne Zombies. Er trifft den Zeitgeist indem er in einem seltsamen Zeitvakuum schwebend verharrt. Zombiefilm, weil es darin um untote Figuren geht, die dich verfolgen. Langsam, aber unausweichlich verfolgen. Du hast immer genug Zeit, wegzurennen, aber sie verschwinden nicht. Außer du hast Sex mit jemandem, dann überträgst du sie, wie eine Infektion, auf diese Person. Der Film spielt in einer zeitlosen Zeit, es gibt schwarzweiß Fernsehen, aber auch E-Reader, er legt sich auf kein wann fest. Diese ungewisse Zeit, ein Fehlen der Zukunft, eine Geschichtsenthobenheit, eine Gleichzeitigkeit aller Zeiten, ein hektisches Verharren, so wird unsere Ära gern beschrieben. In einem Faststillstand kurz vorm Weltuntergang gefangen. Wir sind nicht vor einer Zukunft und wir sind nicht nach etwas, wir sind jetzt, für mehr fehlt uns die Luft und wir fühlen uns, als wären wir auf Dauer damit beschäftigt, gegen die verdammten Zombies ankämpfen zu müssen, bevor wir ernsthaft eine Zukunft angehen können. Selbst die Zombiegeschichten selbst sind ihrer Geschichte enthoben, die, wie mich erst kürzlich ein Freund erinnerte, ja ihre Wurzeln in einer kolonialen Historie von haitiianischen Sklavenaufständen und Voodoo haben. Unter den heutigen sind die meisten der bekanntesten aber, von Walking Dead über Zombieland bis World War Z, auf einen pandemischen Gehalt reduziert, vielleicht noch mit ein bisschen Angst vor Überbevölkerung gespickt.

Zombies nicht nur in meinen Träumen, sondern auch als Hype der Stunde, mal wieder. Als Bild liegt das nahe, und wer kann, verschanzt sich drinnen vor dem Rest der Menschheit, der zum Fremden, zum unverstehbaren feindlichen Element geworden ist. Gerade als meine Selbstquarantäne wegen Corona anfing, habe ich einen Vortrag überarbeitet, in dem ich mich gegen Sicherheit ausspreche, angesichts einer Politik, die zunehmend unreguliertes öffentliches Leben als Bedrohung denkt, und prompt kommt die Pandemie, in der die Anwesenheit von vielen Menschen im öffentlichen Raum fast nur noch als potenzielle Gefahr gedacht werden kann. Danke auch.

Zombies also. Simon Pegg und Nick Frost haben einen kurzen Clip mit Corona-Tipps gedreht, in dem sie Shaun of the Dead wiederaufleben lassen. Es gibt jetzt schon einen Film namens Corona Zombies. Es gibt ein Meme, das eine sonst vielbefahrene Straße in Atlanta zeigt, die wegen der Corona-Ausgangssperre menschenleer ist, und daneben ein Bild derselben leeren Straße aus einer Szene in The Walking Dead. Ein anderes Bild, das zum Meme wurde, zeigt schreiende Protestierende in Ohio, die an eine geschlossene Glaseingangstür drängen und fordern, dass die Geschäfte wieder aufmachen. Eine Frau mit USA Flagge, ein Mann mit Trump-Käppi, ein Mensch mit Anonymous-Maske im Hintergrund, es wirkt wie eine Szene aus einem Romero-Film, und das Bild wurde schon mit allen möglichen kommentierenden Titeln wie “28 Business Days Later” oder “Dawn of the Braindead” gepostet.

Ach ja, eher Zufall, aber auch Zufälle gehören zur Hypebildung: Das Video zum Cranberries-Hit “Zombies” erreichte vor ein paar Tagen eine Billion Views auf Youtube. Daniel W. Drezner schreibt auf Foreign Policy darüber, wie uns Zombieapokalypse-Filme auf die Pandemie vorbereitet haben: Sie beschreiben meist den hohen Grad von Hilflosigkeit von nationalen Regierungen und Bürokratien angesichts einer internationalen Katastrophe. Er verweist aber auch auf die Lücke, die Zombiefilme haben: Sie zeigen nie lange die Übergangszeit, den Zusammenbruch der Gesellschaft, sondern immer bald kleine Gruppen übriggebliebener Menschen, die den anderen Menschen zum Wolf geworden sind. Da stimme ich ihm zu: Die Solidaritäten, die sich derzeit bilden, die kreativen Seebrücken-Demos, die Masken-Nähenden, die Menschen, die nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass die sogenannten systemrelevanten Berufe viel zu schlecht bezahlt sind, und die nach mehr sozialer Hilfe für alle rufen – sie tauchen in den modernen Zombiegeschichten nicht auf.

Laurie Penny schreibt auf Wired über das Gegenteil wie Drezner, nämlich darüber, auf was uns die ganzen Zombieapokalypse-Filme nicht vorbereitet haben. In ihnen sind Menschen immer abgeschnitten vom Rest der Welt, die Fernseher, Computer, die Nachrichten erlöschen nach und nach. So auch in Tim Maughans Science Fiction Infinite Detail vom letzten Jahr, in dem er durchspielt, was gesellschaftlich passiert, wenn es plötzlich kein Internet mehr gäbe. Menschen sind komplett auf Kontakte in ihrer lokalen Umgebung zurückgeworfen. Er hat sich schon auf Twitter beschwert, dass jetzt das Gegenteil eingetreten ist: Wir sind in unserer lokalen Umgebung physisch isoliert, aber das Internet erhält unsere soziale Verbundenheit aufrecht, Webcams sind ausverkauft und das Netz glüht vor Videokonferenzen und Livestreams, und versorgt uns mit Nachrichten von überall her, Onlineproteste und -diskussionen organisieren sich. Wir bekommen alles mit, können alle Facetten der Ereignisse mit Menschen aus aller Welt diskutieren.

Eins meiner ersten Auffangnetze in der Selbstquarantäne war ein Slack, das ein britischer Twitterbekannter aufgemacht hat, der in Barcelona in kompletter Ausgangssperre daheim saß, und in dem sich vor allem Menschen aus den verschiedensten Ecken Europas trafen, die sich zum Großteil nicht kannten, und sich ihren Alltag erzählten, sich emotionalen Support holen konnten, sich Film- und Musiktipps gaben, von Projekten erzählten, an denen sie gerade arbeiten und natürliche alle möglichen News und Einschätzungen und Politikdiskussionen zu Corona. Eine kleine Wahlfamilie für eine Weile, für mich sehr tröstend in ihrer Internationalität. Ich liebte sie schon immer, meine Internet-Zufallsfamilien.

Aber zurück zu meinen Zombieträumen. Sie würden sich nicht als Filme eignen, weil viel zu wenig passiert. Der eigentliche Horror liegt in der dauernden Angespanntheit und Wachsamkeit, zu der sie mich zwingen. Wie ein Hai, der ständig in Bewegung bleiben muss, weil er sonst erstickt. Ich mag Zombiefilme. Theoretisch. Praktisch kommen sie mir inzwischen manchmal zu nah, seit mir die Welt immer mehr aus den Fugen zu geraten scheint, ich mich bei aller Aktivität oft ohnmächtig fühle. Private Ohnmacht, weil große Teile meiner Tätigkeit und Möglichkeiten erst wegen einer Brandstiftung für Monate lahmgelegt wurden, und jetzt durch die Pandemie. Politische Ohnmacht, angesichts nicht verödender frauenfeindlicher und heteronormativer Strukturen, menschenverachtender Flüchtlings- oder HartzIV-Politik, aber auch Ohnmacht angesichts von Menschen, die in Verschwörungstheorien oder weirde Ideologien hineinrutschen, und nicht mehr durch Worte zu erreichen sind. Worte, für die ich auch nicht mehr so oft die Geduld aufbringe. Vielleicht auch deswegen Zombieträume: Wegen einer Gesellschaft, die dir scheint, als gäbe es in ihr immer mehr Menschen, die du nicht mehr erreichen kannst, die keine solidarische soziale Basis mit dir teilen. Oder ganz ins abstrakt Psychologische gehend: Vielleicht auch einfach Angst, dass Menschen, die dir etwas bedeuten, zu Fremden werden könnten. Ein Leben führen, das so anders ist, mit Zielen und Träumen, die sich so weit von deinen entfernen, dass wir einander Zombies werden. Eine der anderen, einer dem anderen. Wir müssten einander die Hirne nicht nur aus den Schädeln zerren, um einander zu verstehen, wir müssten sie fressen. Dantons Untod. Einander fremd werden zu können, hat mir schon immer mehr Angst gemacht als Fremde.

Das Gefühl des unausweichlich kommenden Horrors, den ich nur hinauszögern, aber nicht abwenden kann, den mein Zombietraum hinterließ, begleitete mich einen ganzen Tag lang in leisen Echos. Nicht dauernd präsent, eher wie Wellen, die sich zurückziehen und manchmal dann doch wieder so weit den Strand hochschwappen, dass sie dir um die Knöchel spielen. Bis in den späten Nachmittag hinein spürte ich immer mal wieder eine leise Furcht vor dem nächsten Schlaf, in dem ich wieder zurück in diese Welt geraten könnte. Je näher das Einschlafen rückte, desto ruhiger wurde ich aber und spürte ganz antiklimaktisch: heute wird keine dieser Nächte sein. Heute kriegen sie mich nicht.


Diesen Text hatte ich für Eisenbart & Meisendraht geschrieben. Dort könnt ihr ihn auch als Audioversion streamen oder downloaden.

Danke, Hengameh!

Ein paar solidarische Worte zu Hengameh Yaghoobifarah und ihrer Glosse zu Polizei und Müll.

Es braucht genau solche antiautoritären Texte von Menschen wie Hengameh. Das zeigt sich gerade darin, wie heftig sich an ihm abreagiert wird. Die Mehrheitsgesellschaft mag es nicht, wenn eine queere Person mit sogenanntem Migrationshintergrund zu laut wird. Mal auch ein bisschen rumpöbelt, Grenzen des guten Geschmacks überschreitet und kompromisslos auf Sympathien scheißt. Ich find den Text nicht mal so gut, aber ich steh voll zur Autor_in. Ist ähnlich wie mit deren (Pronomen hier im Nonbinary-Sinne, nicht im Mehrzahl-Sinn “deren”) Text zur Fusion damals. Die sind super darin, Texte zu schreiben, in Folge derer sich Extremist*innen der Mitte als ebensolche outen und zeigen wie klar geregelt es in unserer Gesellschaft ist, wer übergriffig werden darf.

Zum Beispiel staatliche Institutionen, die, so zeigen zahllose Medienberichte der letzten Jahre, von Rechten durchsetzt sind, keine Konsequenzen fürchten müssen, wenn sie gewalttätig werden, und die martialisch-militärisch abschreckend bis zu den Zähnen bewaffnet sind. Und die sich zugleich gern als die Opfers von nebenan geben. Sie würden so gern von allen als heldenhafte Opfer einer feindseligen Gesellschaft gesehen. Dieses Rumgejammere, z.B. von Polizei-“Gewerkschaften” (ohne Ironiezeichen fällt es mir schwer das Wort hier zu verwenden), funktioniert erstaunlich gut, um in der Mehrheitsgesellschaft Sympathien abzugreifen.

Dann noch ein paar Bilder auf den Polizei Social Media Accounts, wie Polizist*innen niedliche Tiere gerettet haben, und schon ist diskriminierender und gewalttätiger Polizeialltag vergessen und “unsere Jungs” werden vor der Outsider-Autor_in verteidigt als wären sie eine Fußballmannschaft, während jemand wie Hengameh von vielen so schnell aus dem “Team” Gesellschaft ausgeschlossen wird, so schnell schauste gar nicht. Hätte halt anders formulieren sollen, nicht so laut, nicht so hart, nicht so schräg.

Ich hoffe, Hengameh bleibt so unbequem wie die sind. Wir brauchen eindeutig mehr von deren Sorte, gerade, wenn so eine kleine Provokation schon so einen Aufschrei auslöst, der sie stumm machen will. Für dieses Sichtbarmachen, und das trotz der Konsequenzen in Form von andauernden Hasslawinen, die über die hereinrollen, verdienen die Dankbarkeit, nicht Distanzierung. Die unangebrachteste Reaktion, wenn jemand den Finger in die Wunde legt, ist es, sich gegen den Finger zu wenden statt gegen die Wunde.

Männerwelten – Kritik an der Kritik der Kritik

Ich wurde gestern gefragt, was ich von einem Artikel auf jetzt.de halte, der Kritik an der mangelnden Inklusivität/Diversität des Männerweltenvideos als elitäres privilegiertes Wissen einer woke Social Media Bubble verdammt.

Dazu zunächst mal mein Kommentar zum dieser Joko&Klaas Aktion, copy paste von Twitter/Facebook:

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Sonja Dolinsek: “Es ist sicher gut, dass die beiden das gemacht haben, aber das so krass zu feiern, heißt auch, dass gerade mal wieder nur Männer ernst genommen werden, wenn sie über sexualisierte Gewalt berichten, aber nicht Frauen. Darüber sollte man sich im Klaren sein.”

Genau das. Arm, wie viel Applaus Männer dafür bekommen, wenn sie sich 1x dazu herablassen, Frauen Raum zu geben, so eine Sendung zu produzieren. Erinnert an die Tränen der Rührung, wenn ‘echte Männer’ im Stadion eine Choreo gegen Homophobie machen.

Das ist der kleine Bruder davon, Männer für Care-Arbeit überdurchschnittlich zu loben. Wenn der Grundtenor ist, dass Männer aushelfen, obwohl sie’s eigentlich nichts angeht, bestätigt das Ganze den Status Quo.

Wie das anders hätte aussehen können? Keine Ahnung, vielleicht als Beispiel: Belästigung filmen, und dann Kamera auf den Belästiger, der erklärt, warum das für ihn so selbstverständlich ist, und was für Bestätigung er dafür von Kumpels, Kollegen etc. bekommt.

Wenn man den Effekt – Bestätigung des Status Quo – nicht mitbedenkt, dann bleiben wir halt für ewig in diesem Betroffenheitskino, in dem Frauen immer wieder Männer schocken mit dem, was ihnen von Männern angetan wird, und Männer mal wieder fünf Minuten krass schockiert sind was ‘andere’ Männer Frauen antun. Wie lange ist #aufschrei her?

Edit: Hab nachgeguckt: 2013!

Und was geht eigentlich in Männern vor, die solche Aktionen feiern, aber im Alltag dauernd weggucken / verhalten mitlachen / usw., wenn andere Männer solche Sachen bringen? Das wär für mich mal der nächste Step für euch: Da was tun, wo ihr nicht dafür gelobt werdet.

Noch ein PS.: Mich ärgert hier auch mal wieder, dass wir immer noch keine Sprache dafür gefunden haben, inklusiver und komplexer über dieses Thema zu reden, was Geschlechtlichkeit anbelangt. Pardon the binary.

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Diese Anmerkungen hab ich noch mal reinkopiert, weil ich schon auch Kritik daran habe, wenn Feminismen in der Idee steckenbleiben, dass es mit Sichtbarmachung getan wäre. Nicht jede Sichtbarmachung ist konstruktiv für die Betroffenen, es kommt auf Kontexte an, wie eben bei dieser Aktion: Ein kleiner Sondersendeplatz, den zwei Männer gewonnen haben und den sie großzügig spenden. Klar, einerseits: Besser als nichts, aber andererseits kriegen wir solchen Almosen- und Image-Feminismus seit langem und da trickelt nichts davon down, wenn sich nicht auf politischer und gesetzlicher Eben mehr Inklusion und Gleichstellung erkämpft wird. Aber das eigentlich nur am Rande.

Der Vorwurf in dem Artikel ist die abgehobene Privilegiertheit einer “woke Bubble” auf Instagram. Argumentiert wird aber ähnlich wie wenn konservatives Feuilleton gegen Gender Studies wettert. Das Ding ist, ja, ich kann da schon auch das Problem einer Bubble sehen, aber eher der Bubble, für die Inklusivität und Diversität auch 2020 noch Neuland sind. Informationen dazu sind seit langem in breitesten, und verdammt einfach aufbereiteten Mainstreamformaten genauso verfügbar wie in akademischen komplexen Formaten.

Hier geht es nicht um Mangel an Zugänglichkeit, sondern um Ignoranz und Desinteresse Betroffener, sich damit auseinanderzusetzen.

Hier geht es nicht um Mangel an Zugänglichkeit, sondern um Ignoranz und Desinteresse Betroffener, sich damit auseinanderzusetzen. Statt darauf einzugehen wird in diesem Artikel mal wieder den Betroffenen eine Bringschuld angehängt. “Ihr müsst das nur im richtigen Tonfall, auf dem richtigen Niveau, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, auf dem Silbertablett, dann…”, geht die Legende. I call Bullshit! Wieviel ihrer Zeit sollen Frauen denn noch opfern, um z.B. in Facebookkommentaren Dinge zu erklären, die sie schon x Mal erklärt haben, nur weil Leute zu faul zum Googlen und Online-Essays oder Bücher lesen oder Youtube-Erklärvideos angucken. Egal wieviel Arbeit und Zeit Menschen da rein stecken, es wird anscheinend immer wieder heißen: Wenn sie Männers nicht an der Hand nehmen, ihnen das Wissen nicht sanft zuhauchen, und sie sie nicht beim Erklären betütteln, dann sind die Fraung schon selber schuld, wenn sie weiter betatscht, vergewaltigt oder geschlagen werden. Oder wie hier: Dann sind die behinderten, die schwarzen, die migrantischen, die asiatischen, die transidenten Frauen selber schuld, wenn sie nicht mit eingebunden werden.

Auch Komplexität ist nicht das Problem, wie der Artikel den Anschein erwecken will. Da steckt letztlich dasselbe neoliberale Mindset drin, mit dem manche Nazis verkindlichen oder für “zu dumm” erklären, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es Menschen mit einem Wunsch nach Faschismus gibt. Hier ist es eben ein Nicht-Begreifen-Wollen, dass es Menschen gibt, die tatsächlich eine patriarchale Welt wollen, in der Körper von Frauen für Männer stets sexuell bereit zu stehen haben. Mit denen müsse man nur reden, dann würden die schon checken, dass das böse ist, was sie da machen, wenn sie fremden Frauen gegen ihren Willen an die Brüste oder zwischen die Beine fassen? Von wegen. Nope, viele halten das einfach für okay, finden’s nicht so schlimm, und sind davon überzeugt, es stehe ihnen zu, und ihre Kumpels – egal ob weiblich oder männlich – bestätigen sie oft noch darin, in dem sie es runterspielen oder als Ausnahme kleinreden oder sogar feiern.

Die meisten übergriffigen “Stefans” da draußen, sind aber sehr wohl fähig, in anderen Bereichen komplexes Wissen aufzunehmen und zu diskutieren

Die meisten übergriffigen “Stefans” da draußen, sind aber sehr wohl fähig, in anderen Bereichen komplexes Wissen aufzunehmen und zu diskutieren – über Strategien in Video-Games, über Spielzüge und Mannschaftszusammensetzungen im Fußball, über die Zusammensetzung von Fair Trade Bio Produkten, oder derzeit zu Corona-Statistiken, und was weiß ich. Viele sind schlicht so drauf, weil sie es okay finden, rücksichtslos zu sein. Rücksichtslosigkeit wird in unserer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft ja auch in vielen Bereichen als Tugend angesehen, gilt als Durchsetzungsvermögen – warum also nicht auch hier?!

Das Thema anderer Perspektiven, Diversität, Genderthemen interessiert viele nicht, weil sie sich nicht davon betroffen fühlen. Klassisches PAL-Feld. Wenn sie dann doch darauf gestoßen werden, ist die Reaktion oft Abwehr statt Interesse. Klar, das kann unangenehm sein, wenn du plötzlich nicht mehr einfach “normal” bist, sondern plötzlich als “weiß”, “heterosexuell” oder “cis” sichtbar gemacht wirst. Aber bitteschön: Dieses “unangenehm” und dieses Ausgrenzungsgefühl ist das “normal” aller, die von diesen und anderen gesellschaftlichen Normen abweichen. Also ist es wohl verständlich, wenn sich derer/unser Mitleid in Grenzen hält. Und es ist längst nicht für alle Männer unangenehm, sondern es gibt auch sehr viele, die dem Feminismus dafür dankbar sind, dass er dazu beitrug, starre geschlechtliche Normen ein Stück weit aufzubrechen, und die sich selber dafür engagieren.

Wir sollten sie nicht verkindlichen. Im Gegenteil, wir sollten sie für voll nehmen und dafür verantwortlich halten, was sie tun und sagen.

Zurück zu den “Stefans” aus dem Artikel – ’tschuldigung hier mal an die Stefans in meinem Freundeskreis – das habt ihr echt nicht verdient! <3  – , also den Männern, die sich nicht dafür interessieren, wie es anderen mit den Folgen ihrer Worte und Handlungen geht. Wir sollten sie nicht verkindlichen. Im Gegenteil, wir sollten sie für voll nehmen und dafür verantwortlich halten, was sie tun und sagen. Wenn ich es okay finde, jemanden unvereinnehmlich anzutatschen, dann gehöre ich dafür stigmatisiert, nicht mit Samthandschuhen angefasst. Wenn ich Feministinnen als Faschistinnen bezeichne, ist es völlig okay, wenn mir das als Spiegel vorgehalten wird und ich mich dafür rechtfertigen muss. (Ein zweiter Anlass für diesen Artikel ist, dass ich jemanden aus der lokalen Kulturszene “outgecalled” habe, der sich seit Jahren antifeministisch äußert, und daraufhin mal wieder von ihm als Feminazi usw. beschimpft wurde.)

Wie eine Freundin schrieb: “Ich will, dass die Angst verloren geht, es sich zu verscheissen. Jetzt sollen mal die anderen Angst haben, den Mund aufzumachen.”

So viele von uns – Frauen wie Männer – haben immer wieder miterlebt, wie übergriffige Menschen in Schutz genommen wurden und über sexistische Äußerungen hingeweggesehen wurde. Ich hab die Nase so voll von dem ganzen Weghören und Wegducken um des lieben Friedens willen, weil: Wessen Frieden denn? Mittäterschaft muss mal echt zum Thema werden. So lange war es “normal”, dass Frauen bzw. alle, die irgendwie von der Norm abweichen, aus Angst den Mund hielten. Angst davor, ausgeschlossen zu werden. Aber auch Angst davor, Gewalt zu erfahren. Angst davor, belächelt und nicht ernst genommen zu werden. Angst vor negativen Folgen im Beruf. Angst davor, zu erfahren, wie dich plötzlich Männer in deinem Umfeld anders behandeln, du nicht mehr dazugehörst, sondern ein Gespräch verstummt, wenn du dazu kommst oder du zu manchen Sachen nicht mehr mit eingeladen wirst. Und all diese Ängste waren und sind berechtigt, aber trotzdem, wie eine Freundin schrieb: “Ich will, dass die Angst verloren geht, es sich zu verscheissen. Jetzt sollen mal die anderen Angst haben, den Mund aufzumachen.”

Aber eigentlich sollte es hier ja um diesen jetzt.de Artikel gehen. Eigentlich hätte ich mich da auch kürzer fassen können: Er ist von der Sorte, für die Begriffe wie Victim-Blaming und Tone Policing erfunden wurden, ganz à la “die armen Männers, woher sollen sie’s denn wissen, etz geht doch mal auf sie zu!” Anbetrachts der ganzen Arbeit, die so viele leisten, damit es heute eine große Vielfalt an Informationen zu Inklusivität, Intersektionalität, Feminismen, schädlichen Rollenbildern, Genderthemen, usw. gibt – danke dafür! – , ist das schlicht eine Unverschämtheit, das zu kritisieren statt dem Unwillen von – ein letztes Mal: – “Stefans”, diese Informationen anzunehmen, zu diskutieren, daraus zu lernen.

Ein bisschen ärgere mich jetzt schon, diesen sonnigen Nachmittag diesem Thema gewidmet zu haben statt mit dem Fahrrad rauszufahren, aber sie funktionieren halt auch bei mir immer wieder, diese Medienformate, denen es mehr um Polarisierung und Aufmerksamkeit geht als um Informieren und Erklären und konstruktives Diskutieren. Bei allem Mitleid für die finanziellen Probleme der Branche: Nicht cool! Mein schöner sonniger Tag… 🙁

Die Rolle, die Körperlichkeit und Soziales in meinem Erleben von Musik spielen: Der Kontext, der mir abhanden gekommen ist.

Der @horse_ebook Tweet, den ich zum Jahresanfang zitiert habe, ist immer noch treffend: “Everything happens so much.” Seit 12. März 2020 bin ich nun schon in halbfreiwilliger Corona-Isolation. Ich gehöre zur Risikogruppe, und das lässt mich vorsichtiger sein, als ich es von mir gedacht hätte. Bis auf gelegentliche kleine Fahrradausflüge, Spaziergänge und ein Mal die Woche Einkaufen bin ich zu Hause. Diese Zeit hat mir die ganzen Relationen rund um physische und psychische Anwesenheit und Nähe durcheinandergewirbelt.

Mein Bedarf an sozialen Momenten, ist mir so viel bewusster geworden. Es ist unglaublich, zu spüren, wie ein simpler Videochat mit Freund*innen sich positiv auf meine Stimmung auswirken kann, auch wenn ich es mit Home Office und alleine Wohnen eigentlich gewohnt bin, mich nicht dauernd mit jemandem zu treffen, sondern schon immer im Alltag auch meine isolierten Tage genossen habe. Aber das lag auch daran, dass ich sonst auch oft sehr viel unter sehr vielen Menschen bin durch das Veranstalterinnen-Dasein, und einen großen Bekanntenkreis habe. Nach Abenden mit vielen Begegnungen tat mir immer danach eine Dosis Alleinsein gut, so wie nach Nächten mit lauter Musik die Stille. Und der Kontakt über Messages oder Social Media begleitet mich ja eh 24/7.

Ich weiß nicht, wie mich diese Zeit verändern wird. Jetzt gerade merke ich, dass so langsam FOMO aufkommt

Derzeit fehlt dieser Gegenpol – also: unter vielen Menschen, die ich mag, zu sein, – und ich merke sehr: Fuck, auch ich kann mich ganz schön alleine fühlen, haltlos. Dazu trägt auch die Unbefristetheit dieses Zustands bei. Ich glaube nicht daran, dass wir in diesem Jahr noch Konzerte und Parties veranstalten werden können. Ich weiß nicht, wie mich diese Zeit verändern wird. Jetzt gerade merke ich, dass so langsam FOMO aufkommt, die Angst etwas zu verpassen, das Gefühl ausgeschlossen zu sein, da die Lockerungen in vielen Bereichen da sind, aber ich immer noch Öffentlichkeit meide, denn ich weiß, dass so bald ich wieder unter Menschen bin, die ich mag, werde ich unvorsichtig und die ganzen Sicherheitsregeln einzuhalten, wird mir verdammt schwer fallen, und ich will mich dem Risiko nicht aussetzen. Mein einziger richtige Krankenhausaufenthalt bis jetzt ist mir immer noch in zu übler Erinnerung.

Die Rolle, die Körperlichkeit und Soziales in meinem Erleben von Musik spielen: Sie bilden den Kontext, der mir abhanden gekommen ist.

Diese zwei Monate sind unglaublich schnell und langsam zugleich verstrichen. Ich ärgere mich, dass ich nicht gleich zu schreiben begann, weil ich die Hälfte von dem, was mir durch den Kopf ging, was ich gelernt habe, oder was ich empfunden habe, schon wieder entglitten ist, und ich jetzt schon merke, dass ich das gerne, so tagebuchmäßig, noch mal lesen würde. Wie und was sich von Woche zu Woche veränderte. Ich habe so viel gelernt in dieser Zeit. Durch Gelesenes, durch Vorträge und Diskussionen, die ich mir gestreamt habe, durch Menschen, denen ich auf Social Media folge. Viel aber auch darüber, was mir an der Musikkultur, in der ich mich engagiere, die ich veranstalte, wichtig ist. Die Rolle, die Körperlichkeit und Soziales in meinem Erleben von Musik spielen: Sie bilden den Kontext, der mir abhanden gekommen ist. Dass es Menschen dazu bringt, sich zu begegnen, sich nahezukommen, und was das in Einklang mit der Musik mit uns macht. Das war mir vorher nur vage bewusst, vor allem das mit der Körperlichkeit, weil es einfach da war, wie die Luft im Raum. so selbstverständlich, dass es keinen Gedanken wert war. Ich bin kein superkörperlicher Mensch, einerseits zumindest. Aber jetzt merke ich in meinen Erinnerungen und meinem Vermissen eine Sensibilisierung darauf. Die Berührungen beim sich Durchschieben durch einen vollen Raum, voller Musik, voller Menschen, zur Theke, zur Bühne, zur Tanzfläche, zu Zigarette und Gespräch vor der Tür.

Laute Musik zu spüren.

Es feht mir, laute Musik zu spüren. Die Bassfrequenzen beim Dubstep – was hab ich in letzter Zeit an die frühen SUB:CITY Parties oder Shackleton im Zentralcafé gedacht! Das Vibrieren der Luft, das Mitbeben meines Körpers bei extremen Konzerten wie denen von Lightning Bolt oder Sunn o))). Wie mir die Musik die Lungenflügel zuzudrücken schien bei einer frühen Ministry Show. Und – um hier nicht zu pathetisch zu werden: das verdammte alberne supernervige Kitzeln in der Nase bei bestimmten Bassfrequenzen. Krasse brutale akustische Attacken wie Konzerten von The Locust oder An Albatross, die zu kathartischen Momenten führten, bei denen mir plötzlich mittendrin ganz leicht ums Herz wurde. Als könnte ich das erste Mal seit Langem wieder frei durchatmen.

Körper zu Musik zu spüren.

Es fehlt mir, Körper zu Musik zu spüren. Nicht sexuell, oder vielleicht manchmal schon auch, aber überhaupt nicht auf einen sexuellen Akt gerichtet, sondern höchstens in der Flüchtigkeit eines vorbeischwirrenden Gefühls genossen. Das Umherschubsen und Drängen im Pit bei Punkkonzerten, die verschwitzte freundschaftlich-aggressive Körperlichkeit, wo auch Schmerz okay war. Frühe Against Me! oder World Inferno Friendship Society Konzerte. Das exzessive Moment davon, und von so vielen Partynächten ist ohne physische Nähe nicht zu haben. Vom Tanzen bis zum leichten Berühren, wenn du jemanden im lauten Raum ins Ohr sprichst, und nicht zu vergessen die ganzen Umarmungen und Küsschen. Der Virus macht mir jede Berührung bewusst.

Bestuhlte Kultur, bei der sich Menschen besser voneinander trennen lassen, und Kultur, bei der freie Bewegung und unvorhersehbare Begegnungen und Berührungen zwischen Menschen ein Teil des Kulturerlebnisses sind – das wird wohl die nächste Kluft bei Öffnungen in dieser Ecke der Gesellschaft werden.

Das ist es, was mir gerade auch das Herz schwer macht, wenn es darum geht, wie wir uns Veranstaltungen vorstellen könnten, wenn es denn dann irgendwann um Öffnungen der Clubs gehen wird. Ich merke, dass ich da keine Freundin von Kompromissen bin. Vorsicht und Sicherheit und andauernd reflektierte Distanz soll nicht zum Wesen der Kultur werden, die ich machen will. Bestuhlte, ruhige Konzerte waren noch nie so mein Ding, auch wenn ich auch da schon schöne erlebt habe. DJ Livestreams scheinen mir gerade auch in erster Linie zu zeigen, was fehlt, wie gesagt: ihr Kontext. Wir DJs und Musiker*innen sind bei live Veranstaltungen nichts ohne das körperlich anwesende Publikum, das tanzt, Raum hat sich gehen zu lassen, enthemmt ist, socialized, sich nahe kommt, uns liebt, uns hasst, und nur zusammen sind wir die crazy vielköpfige, vielkörprige Kultur, die wir jetzt so vermissen. Musik in Clubs, ob Konzert oder Parties, lebt davon, dass sie Menschen zusammenbringt, ein Petridish voller Möglichkeiten ist, aber deswegen eben auch ein Hotbed für virale Ansteckung. Bestuhlte Kultur, bei der sich Menschen besser voneinander trennen lassen, und Kultur, bei der freie Bewegung und unvorhersehbare Begegnungen und Berührungen zwischen Menschen ein Teil des Kulturerlebnisses sind – das wird wohl die nächste Kluft bei Öffnungen in dieser Ecke der Gesellschaft werden.

Auseinandersetzung um Antje Schrupps ‘Gibt es Frauen und Männer überhaupt?’

Als ich Freitagabend in der Tram in meiner Twittertimeline ein kurzes Hin und Her darüber las, ob die Kritik an einem Text in der ZEIT gerechtfertigt oder überzogen sei, entfuhr mir ein gedankliches “Oje”, weil ich vermutete, dass es um Antje Schrupps ‘Gibt es Frauen und Männer überhaupt?’ gehen würde. Ich lag richtig, und zwei Tage später hatte ich jetzt auch endlich Zeit, den Text zu lesen und der Kritik ein wenig nachzuspüren.

Wenn ich es richtig verstehe, liegt der Hund im Ende begraben, wo Folgendes zu lesen ist:

“Das feministische Projekt, das heute ansteht, bestünde hingegen darin, genau diese Personen – Menschen mit Uterus, die Kinder gebären (möchten) – als politische Subjekte zu positionieren, deren Interessen, Anliegen und Bedürfnisse nicht länger missachtet werden dürfen.”

Das ist unscharf formuliert und kann bedeuten: 1.) NUR solche Personen sollen das politische Subjekt des Feminismus sein. Oder: 2.) Diese Personen sollen AUCH einen Platz als politische Subjekte des Feminismus bekommen. Die Lösung im Sinne Antje Schrupps ist 2.), was eigentlich allen auch im darauf folgenden Satz hätte klar werden können:

“Es wäre der Kampf für eine Gesellschaft, in der Menschen AUCH DANN nichts an Einfluss, Macht, Wohlstand und Lebensoptionen verlieren, wenn sie schwanger sind oder kleine Kinder versorgen.” (Hervorhebung von mir.)

Einige lasen aber glasklar die Bedeutung, die ich unter 1.) beschrieben habe und Leute (teilweise auch welche mit richtig vielen Followern wie Margarete Stokowski und Mario Sixtus, die ich beide auf ihre Art schätze, aber denen ich beiden auf Twitter nicht mehr folge, weil sie so zugespitzt schreiben. Das ist so ein Dauerreizeffekt, als würdest du dauernd provoziert. Mir sind die leiseren Accounts lieber.) tweeteten lautstark, dass Antje Schrupp im TERF-Sinne fordere, dass Feminismus nur für Gebährfähige da sei.

Es schwelt. Halb Feminismusdeutschland scheint schon darauf zu warten, dass der polarisierende Kampf zwischen transinklusivem und -exklusivem (TERF) Feminismus, der z.B. in Großbritannien schon lange ausgebrochen ist, auch hier ‘endlich’ den Mainstream erreicht. (Wobei zu diskutieren wäre, inwieweit ihn die UK-Mainstreampresse überhaupt erst angeschürt hat.) Ich bin froh, dass es hier noch nicht das nächste große Thema des toxischen Kolumnenjournalismus ist, aber hatte, wie einführend schon erwähnt, als ich las, dass Antje Schrupp einen neuen Text in der ZEIT veröffentlicht hat, schon geahnt, dass es Kritik in diese Richtung geben würde, da Antje in der Vergangenheit schon Kritik aus der Enby- und Transgender-Ecke bekommen hat. Warum, weiß ich nicht und ich möchte das auch nicht recherchieren.

Dass sich der Tonfall von Trans- und Enby-Queerfeminismus-Twitter in großen Teilen über die letzten Jahre sehr verschärft hat, ist so schmerzhaft wie schmerzvoll. Schmerzhaft für die, die – oft zurecht – einen geballten Ansturm der Kritik erleben. Schmerzvoll, weil in der Verhärtung des Tonfalls, der Zementierung der Position und der Annahme, das Gegenüber könne nur das Schlechtmöglichste meinen, in Vorverurteilungen, in Forderungen nach eindeutiger Positionierung und nach Anerkennung, schlicht der Schmerz von wiederholten Diskriminierungserfahrungen steckt.

Auf der anderen Seite des Rings: der professionelle weiße Cis-Feminismus, der teils mit komplettem Unverständnis auf die Schärfe der Kritik und auch auf die Unprofessionalität des jungen Queerfeminismus mit DIY- und Meme-Bildungshintergrund reagiert, statt ihn zu verstehen zu versuchen.

Feministische Theorie und erlebte Diskriminierung, Politik vs Akademie, und andere prallen hier immer wieder aufeinander, als wären sie oppositionelle Lager, was man auch meinen könnte, bis der Blick auf die Männers fällt, weiß männlich hetero Mittelschicht aufwärts, wieder mal zum Großteil bloß außenrum sitzen und milde lächelnd den Kopf schütteln über diese crazy Queers und Feminist*innen und die ganzen anderen Freaks im Ring. Hoho, man könnte fast denken, für diese stünde irgendwas auf dem Spiel in diesen Kämpfen. Unterhaltsam allemal, während sie sich dann wieder mit den wichtigen Dingen des Lebens beschäftigen können. Oder sogar mit selbstausgesuchten Themen.

Die Kämpfe werden nicht aufhören.

Die diskursive Macht, die es allein schon durch Reichweite hat, in einem großen Printmedium zu veröffentlichen, oder mehrere Tausend Follower zu haben, ist erschlagend für die, die sich von so einem Artikel falsch dargestellt oder diskriminiert, nicht gehört, abgedrängt, zur Marginalie gemacht fühlen. Aber wenn sich viele, die alle nur eine kleine Reichweite haben, zusammentun, können sie auch gehört werden. So wird ein Machtausgleich versucht: durch Lautstärke und Zuspitzungen und Zusammenschließen zum Hive. Die Affordance von Twitter und Facebook ist ja nun mal, dass man dadurch am besten gehört wird.

Ja, mitunter wird dabei über das Ziel hinausgeschossen und die sogenannte Cancel Culture ist nicht automatisch fair und angemessen, nur weil sie von Marginalisierten kommt. Aber es ist eben ein Mittel der Ohnmächtigen, derer ohne Macht. Um eine Auseinandersetzung auf gleicher Sprechhöhe führen zu können, muss vielleicht erst die Ohnmacht abgeschafft werden. Oder zumindest: Mitgedacht werden. Den Grund für die Schärfe des Tonfalls mitzudenken, wäre doch mal ein Ansatz, oder? Sich der Verzweiflung, die hinter der Aggressivität oder Vehemenz stecken könnten, bewusst werden?

Das heißt nicht, Gesagtes gar nicht kritisieren zu dürfen, aber vielleicht mal etwas mehr Zeit in den Versuch investieren, zuzuhören und verstehen zu wollen. Nachvollziehen zu können, woher die Wut und die Kampfbereitschaft kommt, und sie anzuerkennen. Die eigene scheinbare Nüchternheit bei einem Thema nicht mit Objektivität/Neutralität/Professionalität usw. zu verwechseln, wenn sie eigentlich schlicht einer Privilegiertheit entspringt.

Aber das hat jetzt ganz weit weg von Antje Schrupp geführt, pardon.

Ich nehme Antje Schrupp hier nichts übel, da ich sie als pragmatische Feministin schätze, die sich gerade nicht im Akademischen genügt, sondern die sich traut, laut zu denken und öffentlich zu diskutieren, wie in ihrem immer wieder bereichernden Blog. Der Artikel, um den es hier geht, wirkt auf mich etwas so, als hätte die ZEIT gern mal wieder angetestet, ob das Transgender/TERF-Ding jetzt hier auch schon zieht – deswegen der J.K. Rowling-Aufhänger -, aber als hätte Antje Schrupp dann lieber doch zum Thema ihres aktuellen Buchs geschrieben. ^^

Ihr aktuelles Buch Schwangerwerdenkönnen habe ich noch nicht gelesen, aber wäre jetzt doch neugierig drauf. 17€ sind aber leider ein stolzer Preis für einen 192-Seiten-Essay und Bücher über Schwangerschaft sind jetzt nicht die Top-Prio auf meiner Interessensliste, wo ich erst vor ein paar Monaten The Argonauts und Full Surrogacy Now gelesen habe. Und letzteres sei auch allen in diesem Kontext ans Herz gelegt: Sophie Lewis Ansatz, von Schwangerschaftsarbeit – “gestators of all genders unite!” – zu sprechen und Leihmutterschaft und Wahlfamilien ins Zentrum einer Utopie des Ausgleichs dessen zu stellen, was Antje Schrupp “reproduktive Differenz” nennt, halte ich für einen großartigen Ansatz. Auf deutsch ist es noch nicht übersetzt, aber Lukas Hermsmeier hat schon mal was dazu geschrieben.

Als Vorgeschmack, empfehle ich hier für die Englischlesenden auch noch diese zwei Essays von Sophie Lewis: Who Liberates the Slave?, ich sag mal grob: über Handmaid’s Tale und weißen Feminismus. Und auch ganz großartig, zum Thema Familie und Midsommar / Hereditary: The Satanic Death Cult Is Real.

P.S.: Bisschen Beef mit Antje Schrupps ZEIT-Text hab ich aber trotzdem: Wenn schon bis hin zu millimetergenauen Angaben auf Biologie eingehen, dann nicht alte Mythen reproduzieren. Das tut sie, wenn sie von der Durchschnittsgröße einer Klitoris schreibt, “die bei der Geburt zwischen 0,2 und 0,85 Zentimeter groß ist.” Dabei geht es mir nicht um pingelige Zahlenklauberei, sondern um die bittere Geschichte instutionalisierter Unsichtbarmachung bis hin zu Feindlichkeit Frauen und deren Lust gegenüber, die bei diesen falschen Angaben zwischen den Zeilen mitschwingt. (Mehr zur Klitoris und wie verborgen und schambehaftet das Wissen dazu auch heute noch ist, gibt’s zum Beispiel in diesem Artikel.)