Gegenwartsbewältigung von Max Czollek

Großartige Analyse und Abrechnung mit der Selbstgefälligkeit der bürgerlichen “deutschen” Dominanzkultur, die noch immer nicht in der post-migrantischen Realität angekommen ist. Von deutschem Erinnerungstheater bis zu den Reaktionen auf den rechten Terror von Hanau, von Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit bis zu gesellschaftlichen Ungleichheiten während Corona: Czollek weiß zu ranten, ohne dass er der sprachlichem Gepfeffertheit die Genauigkeit der Kritik opfert. Was aber noch schön wäre: Wenn –vor allem im Kapitel zu intersektionalen Feminismus und Radikaler Vielfalt– nicht Kapitalismuskritik eine Leerstelle bleiben würde, die leider gerade dann dröhnend ins Gesicht und Gewicht fällt, wenn individuelle Wohltätigkeit als akzeptable Lösung zur Finanzierung künstlerischer Tätigkeit erhoben wird, und das ausgerechnet am Beispiel Engels / Marx. Dass dieses Beispiel kein Zufall ist, davon ist bei Czolleks scharfem Blick schon auszugehen. Aber das Buch ist eine wirklich lesenswerte, oder auch, wie ich es genossen habe: hörenswerte Polemik.

Coronawinter naht

Kaum bricht der Herbst an, wird mir wieder eng in der Brust. Von einem Tag auf den anderen wurde es genau diese kleine Nuance grauer und kühler, die dir klar macht: Der Sommer ist vorbei, die Saison des Draußensitzens ist vorbei. Was mich sonst mit einem Gefühl der Wärme erfüllt, weil ich es liebe, auf raues Wetter hinauszublicken, während ich drinnen warm beim Tee am Computer sitze oder lese, und weil sich Spaziergänge im Herbst und Winter so viel mehr wie “draußen” anfühlen, zieht mich der Umschwung heuer doch ganz schön runter, da er sich ein bisschen wie Abschied vom lokalen Freundes- und Bekanntenkreis anfühlt. Ich war zwar diesen Sommer auch nicht so viel unter Leuten wie sonst, aber es tat gut, selbst mit all den Corona-Vorsichtsmaßnahmen, endlich wieder IRL zusammenzusitzen.

Das Videochatten im lokalen Freundeskreis ist ziemlich eingeschlafen. Ich bin eine der wenigen in meinem Bekanntenkreis, die auf Treffen in geschlossenen Räumen verzichtet, soweit sie kann. Verzichten muss, weil Risikogruppe. Und selbst wenn Räume zum Treffen groß genug und gut genug gelüftet wären, graut mir vor Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln, bei denen jetzt schon alle Fenster wieder geschlossen bleiben. Die möchte ich auch meiden.

Ich bin froh, dass ich so ein Onlinemensch bin, aber auf lokaler Ebene trifft mich die Isolation tatsächlich immer noch hart. Vom Veranstalterinnen- und DJ-Dasein bin ich es gewohnt, oft unter vielen Menschen zu sein und ich liebe diese Zufallsbegegnungen, wo du mit lieben Menschen in Gespräche rutschst, ohne dass du vorher ausgemacht hast, dich zu treffen. Ich bin es nicht gewohnt, mich verabreden zu müssen, einen festen Rahmen setzen zu müssen und bei Videochats triffst du halt selten noch andere, die zum Gespräch dazustoßen und wieder wegperlen. Spontaneität ist hart im Corona-Winter. Und, wie eine Freundin mal so treffend feststellte: Es gibt eben auch nicht so viele, mit denen es sich auch mal angenehm schweigen lässt im Videochat. Diese sozialen Räume und Communities — das kann halt kein Videochat ersetzen. Bin gespannt, wie es jetzt im Herbst wird. Ob es sich lokal wieder mehr auf Onlinekommunikation einpendelt, oder ob die meisten trotzig an dem sommerlichen Grad von offline-Begegnungen festhalten, und sich Indoors-Treffen normalisieren.

Ich erinner mich, wie intensiv es sich anfühlte, sich nach dem soften Lockdown das erste Mal wieder mit Freunden zu treffen. Bei mir war es im DESI Biergarten, und neben den zwei Freunden, mit denen ich mich zum Pläneschmieden für ein neues Projekt verabredet hatte, aber es waren dann auch noch so viel andere da, die ich kannte. Es lag Vorsicht, aber auch Leichtigkeit in der Luft. Eine ungestüme Freude darüber, sich wiederzusehen, die Fragezeichen schwingend zwischen den Tischen und Bäumen herumwehte, weil es ja doch nicht ganz so wie sonst war. Weil die physische Nähe den Abstand und das dauernde Gebot, vorsichtig zu sein noch bewusster machte.

Zombieträume

Zombieträume

 

Es ist sonnig, die Luft ist zäh wie die Zeit, fast geronnen. Es treibt mich. Was, bleibt ungenau, aber die Angst sitzt im Magen. Unförmige Hände, glibbrig, glitschig, wabernde Haut, überall Körper, versuchen zu fassen, drängen, gleiten ab, gleiten ab, gleiten ab. Ich schiebe mich durch, dränge, renne, laufe, gehe, spaziere durch den Sommertag, die Straße liegt wieder leer vor mir. Häuser ohne Eingänge, Fenster wie gezeichnet. Ich erinnere mich selten an Träume, aber wenn, dann waren es in den letzten Jahren fast immer welche mit Zombies. Langsamen Zombies, wie es sich gehört. So auch dieser vor ein paar Tagen. Ich wache auf, es ist noch dunkel, die Furcht aus dem Traum hängt in den Schatten, aber ich weiß ja, im Haus bin ich sicher. Ich geh pinkeln, nur halb wach, bin so müde, will nicht ganz aufwachen, aber weiß, wenn ich jetzt weiterschlafe sinke ich wieder in diesen Traum. My private Elm Street. Ich schlafe wieder ein, träume den Traum weiter, und wache endlich erschöpft auf. Der Traum hängt den ganzen Tag in den Falten der Luft, immer nur einen Windhauch entfernt. Den ganzen verdammten sonnigen Tag, der so zeitlos verstreicht wie der vorherige. Corona hat neue Zeitempfinden geschaffen. Für die Daheimbleibenden ticken die Uhren anders als für die da draußen.

Ich muss an It Follows denken, einen hervorragenden Zombiefilm ohne Zombies. Er trifft den Zeitgeist indem er in einem seltsamen Zeitvakuum schwebend verharrt. Zombiefilm, weil es darin um untote Figuren geht, die dich verfolgen. Langsam, aber unausweichlich verfolgen. Du hast immer genug Zeit, wegzurennen, aber sie verschwinden nicht. Außer du hast Sex mit jemandem, dann überträgst du sie, wie eine Infektion, auf diese Person. Der Film spielt in einer zeitlosen Zeit, es gibt schwarzweiß Fernsehen, aber auch E-Reader, er legt sich auf kein wann fest. Diese ungewisse Zeit, ein Fehlen der Zukunft, eine Geschichtsenthobenheit, eine Gleichzeitigkeit aller Zeiten, ein hektisches Verharren, so wird unsere Ära gern beschrieben. In einem Faststillstand kurz vorm Weltuntergang gefangen. Wir sind nicht vor einer Zukunft und wir sind nicht nach etwas, wir sind jetzt, für mehr fehlt uns die Luft und wir fühlen uns, als wären wir auf Dauer damit beschäftigt, gegen die verdammten Zombies ankämpfen zu müssen, bevor wir ernsthaft eine Zukunft angehen können. Selbst die Zombiegeschichten selbst sind ihrer Geschichte enthoben, die, wie mich erst kürzlich ein Freund erinnerte, ja ihre Wurzeln in einer kolonialen Historie von haitiianischen Sklavenaufständen und Voodoo haben. Unter den heutigen sind die meisten der bekanntesten aber, von Walking Dead über Zombieland bis World War Z, auf einen pandemischen Gehalt reduziert, vielleicht noch mit ein bisschen Angst vor Überbevölkerung gespickt.

Zombies nicht nur in meinen Träumen, sondern auch als Hype der Stunde, mal wieder. Als Bild liegt das nahe, und wer kann, verschanzt sich drinnen vor dem Rest der Menschheit, der zum Fremden, zum unverstehbaren feindlichen Element geworden ist. Gerade als meine Selbstquarantäne wegen Corona anfing, habe ich einen Vortrag überarbeitet, in dem ich mich gegen Sicherheit ausspreche, angesichts einer Politik, die zunehmend unreguliertes öffentliches Leben als Bedrohung denkt, und prompt kommt die Pandemie, in der die Anwesenheit von vielen Menschen im öffentlichen Raum fast nur noch als potenzielle Gefahr gedacht werden kann. Danke auch.

Zombies also. Simon Pegg und Nick Frost haben einen kurzen Clip mit Corona-Tipps gedreht, in dem sie Shaun of the Dead wiederaufleben lassen. Es gibt jetzt schon einen Film namens Corona Zombies. Es gibt ein Meme, das eine sonst vielbefahrene Straße in Atlanta zeigt, die wegen der Corona-Ausgangssperre menschenleer ist, und daneben ein Bild derselben leeren Straße aus einer Szene in The Walking Dead. Ein anderes Bild, das zum Meme wurde, zeigt schreiende Protestierende in Ohio, die an eine geschlossene Glaseingangstür drängen und fordern, dass die Geschäfte wieder aufmachen. Eine Frau mit USA Flagge, ein Mann mit Trump-Käppi, ein Mensch mit Anonymous-Maske im Hintergrund, es wirkt wie eine Szene aus einem Romero-Film, und das Bild wurde schon mit allen möglichen kommentierenden Titeln wie “28 Business Days Later” oder “Dawn of the Braindead” gepostet.

Ach ja, eher Zufall, aber auch Zufälle gehören zur Hypebildung: Das Video zum Cranberries-Hit “Zombies” erreichte vor ein paar Tagen eine Billion Views auf Youtube. Daniel W. Drezner schreibt auf Foreign Policy darüber, wie uns Zombieapokalypse-Filme auf die Pandemie vorbereitet haben: Sie beschreiben meist den hohen Grad von Hilflosigkeit von nationalen Regierungen und Bürokratien angesichts einer internationalen Katastrophe. Er verweist aber auch auf die Lücke, die Zombiefilme haben: Sie zeigen nie lange die Übergangszeit, den Zusammenbruch der Gesellschaft, sondern immer bald kleine Gruppen übriggebliebener Menschen, die den anderen Menschen zum Wolf geworden sind. Da stimme ich ihm zu: Die Solidaritäten, die sich derzeit bilden, die kreativen Seebrücken-Demos, die Masken-Nähenden, die Menschen, die nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass die sogenannten systemrelevanten Berufe viel zu schlecht bezahlt sind, und die nach mehr sozialer Hilfe für alle rufen – sie tauchen in den modernen Zombiegeschichten nicht auf.

Laurie Penny schreibt auf Wired über das Gegenteil wie Drezner, nämlich darüber, auf was uns die ganzen Zombieapokalypse-Filme nicht vorbereitet haben. In ihnen sind Menschen immer abgeschnitten vom Rest der Welt, die Fernseher, Computer, die Nachrichten erlöschen nach und nach. So auch in Tim Maughans Science Fiction Infinite Detail vom letzten Jahr, in dem er durchspielt, was gesellschaftlich passiert, wenn es plötzlich kein Internet mehr gäbe. Menschen sind komplett auf Kontakte in ihrer lokalen Umgebung zurückgeworfen. Er hat sich schon auf Twitter beschwert, dass jetzt das Gegenteil eingetreten ist: Wir sind in unserer lokalen Umgebung physisch isoliert, aber das Internet erhält unsere soziale Verbundenheit aufrecht, Webcams sind ausverkauft und das Netz glüht vor Videokonferenzen und Livestreams, und versorgt uns mit Nachrichten von überall her, Onlineproteste und -diskussionen organisieren sich. Wir bekommen alles mit, können alle Facetten der Ereignisse mit Menschen aus aller Welt diskutieren.

Eins meiner ersten Auffangnetze in der Selbstquarantäne war ein Slack, das ein britischer Twitterbekannter aufgemacht hat, der in Barcelona in kompletter Ausgangssperre daheim saß, und in dem sich vor allem Menschen aus den verschiedensten Ecken Europas trafen, die sich zum Großteil nicht kannten, und sich ihren Alltag erzählten, sich emotionalen Support holen konnten, sich Film- und Musiktipps gaben, von Projekten erzählten, an denen sie gerade arbeiten und natürliche alle möglichen News und Einschätzungen und Politikdiskussionen zu Corona. Eine kleine Wahlfamilie für eine Weile, für mich sehr tröstend in ihrer Internationalität. Ich liebte sie schon immer, meine Internet-Zufallsfamilien.

Aber zurück zu meinen Zombieträumen. Sie würden sich nicht als Filme eignen, weil viel zu wenig passiert. Der eigentliche Horror liegt in der dauernden Angespanntheit und Wachsamkeit, zu der sie mich zwingen. Wie ein Hai, der ständig in Bewegung bleiben muss, weil er sonst erstickt. Ich mag Zombiefilme. Theoretisch. Praktisch kommen sie mir inzwischen manchmal zu nah, seit mir die Welt immer mehr aus den Fugen zu geraten scheint, ich mich bei aller Aktivität oft ohnmächtig fühle. Private Ohnmacht, weil große Teile meiner Tätigkeit und Möglichkeiten erst wegen einer Brandstiftung für Monate lahmgelegt wurden, und jetzt durch die Pandemie. Politische Ohnmacht, angesichts nicht verödender frauenfeindlicher und heteronormativer Strukturen, menschenverachtender Flüchtlings- oder HartzIV-Politik, aber auch Ohnmacht angesichts von Menschen, die in Verschwörungstheorien oder weirde Ideologien hineinrutschen, und nicht mehr durch Worte zu erreichen sind. Worte, für die ich auch nicht mehr so oft die Geduld aufbringe. Vielleicht auch deswegen Zombieträume: Wegen einer Gesellschaft, die dir scheint, als gäbe es in ihr immer mehr Menschen, die du nicht mehr erreichen kannst, die keine solidarische soziale Basis mit dir teilen. Oder ganz ins abstrakt Psychologische gehend: Vielleicht auch einfach Angst, dass Menschen, die dir etwas bedeuten, zu Fremden werden könnten. Ein Leben führen, das so anders ist, mit Zielen und Träumen, die sich so weit von deinen entfernen, dass wir einander Zombies werden. Eine der anderen, einer dem anderen. Wir müssten einander die Hirne nicht nur aus den Schädeln zerren, um einander zu verstehen, wir müssten sie fressen. Dantons Untod. Einander fremd werden zu können, hat mir schon immer mehr Angst gemacht als Fremde.

Das Gefühl des unausweichlich kommenden Horrors, den ich nur hinauszögern, aber nicht abwenden kann, den mein Zombietraum hinterließ, begleitete mich einen ganzen Tag lang in leisen Echos. Nicht dauernd präsent, eher wie Wellen, die sich zurückziehen und manchmal dann doch wieder so weit den Strand hochschwappen, dass sie dir um die Knöchel spielen. Bis in den späten Nachmittag hinein spürte ich immer mal wieder eine leise Furcht vor dem nächsten Schlaf, in dem ich wieder zurück in diese Welt geraten könnte. Je näher das Einschlafen rückte, desto ruhiger wurde ich aber und spürte ganz antiklimaktisch: heute wird keine dieser Nächte sein. Heute kriegen sie mich nicht.


Diesen Text hatte ich für Eisenbart & Meisendraht geschrieben. Dort könnt ihr ihn auch als Audioversion streamen oder downloaden.

Danke, Hengameh!

Ein paar solidarische Worte zu Hengameh Yaghoobifarah und ihrer Glosse zu Polizei und Müll.

Es braucht genau solche antiautoritären Texte von Menschen wie Hengameh. Das zeigt sich gerade darin, wie heftig sich an ihm abreagiert wird. Die Mehrheitsgesellschaft mag es nicht, wenn eine queere Person mit sogenanntem Migrationshintergrund zu laut wird. Mal auch ein bisschen rumpöbelt, Grenzen des guten Geschmacks überschreitet und kompromisslos auf Sympathien scheißt. Ich find den Text nicht mal so gut, aber ich steh voll zur Autor_in. Ist ähnlich wie mit deren (Pronomen hier im Nonbinary-Sinne, nicht im Mehrzahl-Sinn “deren”) Text zur Fusion damals. Die sind super darin, Texte zu schreiben, in Folge derer sich Extremist*innen der Mitte als ebensolche outen und zeigen wie klar geregelt es in unserer Gesellschaft ist, wer übergriffig werden darf.

Zum Beispiel staatliche Institutionen, die, so zeigen zahllose Medienberichte der letzten Jahre, von Rechten durchsetzt sind, keine Konsequenzen fürchten müssen, wenn sie gewalttätig werden, und die martialisch-militärisch abschreckend bis zu den Zähnen bewaffnet sind. Und die sich zugleich gern als die Opfers von nebenan geben. Sie würden so gern von allen als heldenhafte Opfer einer feindseligen Gesellschaft gesehen. Dieses Rumgejammere, z.B. von Polizei-“Gewerkschaften” (ohne Ironiezeichen fällt es mir schwer das Wort hier zu verwenden), funktioniert erstaunlich gut, um in der Mehrheitsgesellschaft Sympathien abzugreifen.

Dann noch ein paar Bilder auf den Polizei Social Media Accounts, wie Polizist*innen niedliche Tiere gerettet haben, und schon ist diskriminierender und gewalttätiger Polizeialltag vergessen und “unsere Jungs” werden vor der Outsider-Autor_in verteidigt als wären sie eine Fußballmannschaft, während jemand wie Hengameh von vielen so schnell aus dem “Team” Gesellschaft ausgeschlossen wird, so schnell schauste gar nicht. Hätte halt anders formulieren sollen, nicht so laut, nicht so hart, nicht so schräg.

Ich hoffe, Hengameh bleibt so unbequem wie die sind. Wir brauchen eindeutig mehr von deren Sorte, gerade, wenn so eine kleine Provokation schon so einen Aufschrei auslöst, der sie stumm machen will. Für dieses Sichtbarmachen, und das trotz der Konsequenzen in Form von andauernden Hasslawinen, die über die hereinrollen, verdienen die Dankbarkeit, nicht Distanzierung. Die unangebrachteste Reaktion, wenn jemand den Finger in die Wunde legt, ist es, sich gegen den Finger zu wenden statt gegen die Wunde.

Männerwelten – Kritik an der Kritik der Kritik

Ich wurde gestern gefragt, was ich von einem Artikel auf jetzt.de halte, der Kritik an der mangelnden Inklusivität/Diversität des Männerweltenvideos als elitäres privilegiertes Wissen einer woke Social Media Bubble verdammt.

Dazu zunächst mal mein Kommentar zum dieser Joko&Klaas Aktion, copy paste von Twitter/Facebook:

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Sonja Dolinsek: “Es ist sicher gut, dass die beiden das gemacht haben, aber das so krass zu feiern, heißt auch, dass gerade mal wieder nur Männer ernst genommen werden, wenn sie über sexualisierte Gewalt berichten, aber nicht Frauen. Darüber sollte man sich im Klaren sein.”

Genau das. Arm, wie viel Applaus Männer dafür bekommen, wenn sie sich 1x dazu herablassen, Frauen Raum zu geben, so eine Sendung zu produzieren. Erinnert an die Tränen der Rührung, wenn ‘echte Männer’ im Stadion eine Choreo gegen Homophobie machen.

Das ist der kleine Bruder davon, Männer für Care-Arbeit überdurchschnittlich zu loben. Wenn der Grundtenor ist, dass Männer aushelfen, obwohl sie’s eigentlich nichts angeht, bestätigt das Ganze den Status Quo.

Wie das anders hätte aussehen können? Keine Ahnung, vielleicht als Beispiel: Belästigung filmen, und dann Kamera auf den Belästiger, der erklärt, warum das für ihn so selbstverständlich ist, und was für Bestätigung er dafür von Kumpels, Kollegen etc. bekommt.

Wenn man den Effekt – Bestätigung des Status Quo – nicht mitbedenkt, dann bleiben wir halt für ewig in diesem Betroffenheitskino, in dem Frauen immer wieder Männer schocken mit dem, was ihnen von Männern angetan wird, und Männer mal wieder fünf Minuten krass schockiert sind was ‘andere’ Männer Frauen antun. Wie lange ist #aufschrei her?

Edit: Hab nachgeguckt: 2013!

Und was geht eigentlich in Männern vor, die solche Aktionen feiern, aber im Alltag dauernd weggucken / verhalten mitlachen / usw., wenn andere Männer solche Sachen bringen? Das wär für mich mal der nächste Step für euch: Da was tun, wo ihr nicht dafür gelobt werdet.

Noch ein PS.: Mich ärgert hier auch mal wieder, dass wir immer noch keine Sprache dafür gefunden haben, inklusiver und komplexer über dieses Thema zu reden, was Geschlechtlichkeit anbelangt. Pardon the binary.

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Diese Anmerkungen hab ich noch mal reinkopiert, weil ich schon auch Kritik daran habe, wenn Feminismen in der Idee steckenbleiben, dass es mit Sichtbarmachung getan wäre. Nicht jede Sichtbarmachung ist konstruktiv für die Betroffenen, es kommt auf Kontexte an, wie eben bei dieser Aktion: Ein kleiner Sondersendeplatz, den zwei Männer gewonnen haben und den sie großzügig spenden. Klar, einerseits: Besser als nichts, aber andererseits kriegen wir solchen Almosen- und Image-Feminismus seit langem und da trickelt nichts davon down, wenn sich nicht auf politischer und gesetzlicher Eben mehr Inklusion und Gleichstellung erkämpft wird. Aber das eigentlich nur am Rande.

Der Vorwurf in dem Artikel ist die abgehobene Privilegiertheit einer “woke Bubble” auf Instagram. Argumentiert wird aber ähnlich wie wenn konservatives Feuilleton gegen Gender Studies wettert. Das Ding ist, ja, ich kann da schon auch das Problem einer Bubble sehen, aber eher der Bubble, für die Inklusivität und Diversität auch 2020 noch Neuland sind. Informationen dazu sind seit langem in breitesten, und verdammt einfach aufbereiteten Mainstreamformaten genauso verfügbar wie in akademischen komplexen Formaten.

Hier geht es nicht um Mangel an Zugänglichkeit, sondern um Ignoranz und Desinteresse Betroffener, sich damit auseinanderzusetzen.

Hier geht es nicht um Mangel an Zugänglichkeit, sondern um Ignoranz und Desinteresse Betroffener, sich damit auseinanderzusetzen. Statt darauf einzugehen wird in diesem Artikel mal wieder den Betroffenen eine Bringschuld angehängt. “Ihr müsst das nur im richtigen Tonfall, auf dem richtigen Niveau, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, auf dem Silbertablett, dann…”, geht die Legende. I call Bullshit! Wieviel ihrer Zeit sollen Frauen denn noch opfern, um z.B. in Facebookkommentaren Dinge zu erklären, die sie schon x Mal erklärt haben, nur weil Leute zu faul zum Googlen und Online-Essays oder Bücher lesen oder Youtube-Erklärvideos angucken. Egal wieviel Arbeit und Zeit Menschen da rein stecken, es wird anscheinend immer wieder heißen: Wenn sie Männers nicht an der Hand nehmen, ihnen das Wissen nicht sanft zuhauchen, und sie sie nicht beim Erklären betütteln, dann sind die Fraung schon selber schuld, wenn sie weiter betatscht, vergewaltigt oder geschlagen werden. Oder wie hier: Dann sind die behinderten, die schwarzen, die migrantischen, die asiatischen, die transidenten Frauen selber schuld, wenn sie nicht mit eingebunden werden.

Auch Komplexität ist nicht das Problem, wie der Artikel den Anschein erwecken will. Da steckt letztlich dasselbe neoliberale Mindset drin, mit dem manche Nazis verkindlichen oder für “zu dumm” erklären, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es Menschen mit einem Wunsch nach Faschismus gibt. Hier ist es eben ein Nicht-Begreifen-Wollen, dass es Menschen gibt, die tatsächlich eine patriarchale Welt wollen, in der Körper von Frauen für Männer stets sexuell bereit zu stehen haben. Mit denen müsse man nur reden, dann würden die schon checken, dass das böse ist, was sie da machen, wenn sie fremden Frauen gegen ihren Willen an die Brüste oder zwischen die Beine fassen? Von wegen. Nope, viele halten das einfach für okay, finden’s nicht so schlimm, und sind davon überzeugt, es stehe ihnen zu, und ihre Kumpels – egal ob weiblich oder männlich – bestätigen sie oft noch darin, in dem sie es runterspielen oder als Ausnahme kleinreden oder sogar feiern.

Die meisten übergriffigen “Stefans” da draußen, sind aber sehr wohl fähig, in anderen Bereichen komplexes Wissen aufzunehmen und zu diskutieren

Die meisten übergriffigen “Stefans” da draußen, sind aber sehr wohl fähig, in anderen Bereichen komplexes Wissen aufzunehmen und zu diskutieren – über Strategien in Video-Games, über Spielzüge und Mannschaftszusammensetzungen im Fußball, über die Zusammensetzung von Fair Trade Bio Produkten, oder derzeit zu Corona-Statistiken, und was weiß ich. Viele sind schlicht so drauf, weil sie es okay finden, rücksichtslos zu sein. Rücksichtslosigkeit wird in unserer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft ja auch in vielen Bereichen als Tugend angesehen, gilt als Durchsetzungsvermögen – warum also nicht auch hier?!

Das Thema anderer Perspektiven, Diversität, Genderthemen interessiert viele nicht, weil sie sich nicht davon betroffen fühlen. Klassisches PAL-Feld. Wenn sie dann doch darauf gestoßen werden, ist die Reaktion oft Abwehr statt Interesse. Klar, das kann unangenehm sein, wenn du plötzlich nicht mehr einfach “normal” bist, sondern plötzlich als “weiß”, “heterosexuell” oder “cis” sichtbar gemacht wirst. Aber bitteschön: Dieses “unangenehm” und dieses Ausgrenzungsgefühl ist das “normal” aller, die von diesen und anderen gesellschaftlichen Normen abweichen. Also ist es wohl verständlich, wenn sich derer/unser Mitleid in Grenzen hält. Und es ist längst nicht für alle Männer unangenehm, sondern es gibt auch sehr viele, die dem Feminismus dafür dankbar sind, dass er dazu beitrug, starre geschlechtliche Normen ein Stück weit aufzubrechen, und die sich selber dafür engagieren.

Wir sollten sie nicht verkindlichen. Im Gegenteil, wir sollten sie für voll nehmen und dafür verantwortlich halten, was sie tun und sagen.

Zurück zu den “Stefans” aus dem Artikel – ’tschuldigung hier mal an die Stefans in meinem Freundeskreis – das habt ihr echt nicht verdient! <3  – , also den Männern, die sich nicht dafür interessieren, wie es anderen mit den Folgen ihrer Worte und Handlungen geht. Wir sollten sie nicht verkindlichen. Im Gegenteil, wir sollten sie für voll nehmen und dafür verantwortlich halten, was sie tun und sagen. Wenn ich es okay finde, jemanden unvereinnehmlich anzutatschen, dann gehöre ich dafür stigmatisiert, nicht mit Samthandschuhen angefasst. Wenn ich Feministinnen als Faschistinnen bezeichne, ist es völlig okay, wenn mir das als Spiegel vorgehalten wird und ich mich dafür rechtfertigen muss. (Ein zweiter Anlass für diesen Artikel ist, dass ich jemanden aus der lokalen Kulturszene “outgecalled” habe, der sich seit Jahren antifeministisch äußert, und daraufhin mal wieder von ihm als Feminazi usw. beschimpft wurde.)

Wie eine Freundin schrieb: “Ich will, dass die Angst verloren geht, es sich zu verscheissen. Jetzt sollen mal die anderen Angst haben, den Mund aufzumachen.”

So viele von uns – Frauen wie Männer – haben immer wieder miterlebt, wie übergriffige Menschen in Schutz genommen wurden und über sexistische Äußerungen hingeweggesehen wurde. Ich hab die Nase so voll von dem ganzen Weghören und Wegducken um des lieben Friedens willen, weil: Wessen Frieden denn? Mittäterschaft muss mal echt zum Thema werden. So lange war es “normal”, dass Frauen bzw. alle, die irgendwie von der Norm abweichen, aus Angst den Mund hielten. Angst davor, ausgeschlossen zu werden. Aber auch Angst davor, Gewalt zu erfahren. Angst davor, belächelt und nicht ernst genommen zu werden. Angst vor negativen Folgen im Beruf. Angst davor, zu erfahren, wie dich plötzlich Männer in deinem Umfeld anders behandeln, du nicht mehr dazugehörst, sondern ein Gespräch verstummt, wenn du dazu kommst oder du zu manchen Sachen nicht mehr mit eingeladen wirst. Und all diese Ängste waren und sind berechtigt, aber trotzdem, wie eine Freundin schrieb: “Ich will, dass die Angst verloren geht, es sich zu verscheissen. Jetzt sollen mal die anderen Angst haben, den Mund aufzumachen.”

Aber eigentlich sollte es hier ja um diesen jetzt.de Artikel gehen. Eigentlich hätte ich mich da auch kürzer fassen können: Er ist von der Sorte, für die Begriffe wie Victim-Blaming und Tone Policing erfunden wurden, ganz à la “die armen Männers, woher sollen sie’s denn wissen, etz geht doch mal auf sie zu!” Anbetrachts der ganzen Arbeit, die so viele leisten, damit es heute eine große Vielfalt an Informationen zu Inklusivität, Intersektionalität, Feminismen, schädlichen Rollenbildern, Genderthemen, usw. gibt – danke dafür! – , ist das schlicht eine Unverschämtheit, das zu kritisieren statt dem Unwillen von – ein letztes Mal: – “Stefans”, diese Informationen anzunehmen, zu diskutieren, daraus zu lernen.

Ein bisschen ärgere mich jetzt schon, diesen sonnigen Nachmittag diesem Thema gewidmet zu haben statt mit dem Fahrrad rauszufahren, aber sie funktionieren halt auch bei mir immer wieder, diese Medienformate, denen es mehr um Polarisierung und Aufmerksamkeit geht als um Informieren und Erklären und konstruktives Diskutieren. Bei allem Mitleid für die finanziellen Probleme der Branche: Nicht cool! Mein schöner sonniger Tag… 🙁

Die Rolle, die Körperlichkeit und Soziales in meinem Erleben von Musik spielen: Der Kontext, der mir abhanden gekommen ist.

Der @horse_ebook Tweet, den ich zum Jahresanfang zitiert habe, ist immer noch treffend: “Everything happens so much.” Seit 12. März 2020 bin ich nun schon in halbfreiwilliger Corona-Isolation. Ich gehöre zur Risikogruppe, und das lässt mich vorsichtiger sein, als ich es von mir gedacht hätte. Bis auf gelegentliche kleine Fahrradausflüge, Spaziergänge und ein Mal die Woche Einkaufen bin ich zu Hause. Diese Zeit hat mir die ganzen Relationen rund um physische und psychische Anwesenheit und Nähe durcheinandergewirbelt.

Mein Bedarf an sozialen Momenten, ist mir so viel bewusster geworden. Es ist unglaublich, zu spüren, wie ein simpler Videochat mit Freund*innen sich positiv auf meine Stimmung auswirken kann, auch wenn ich es mit Home Office und alleine Wohnen eigentlich gewohnt bin, mich nicht dauernd mit jemandem zu treffen, sondern schon immer im Alltag auch meine isolierten Tage genossen habe. Aber das lag auch daran, dass ich sonst auch oft sehr viel unter sehr vielen Menschen bin durch das Veranstalterinnen-Dasein, und einen großen Bekanntenkreis habe. Nach Abenden mit vielen Begegnungen tat mir immer danach eine Dosis Alleinsein gut, so wie nach Nächten mit lauter Musik die Stille. Und der Kontakt über Messages oder Social Media begleitet mich ja eh 24/7.

Ich weiß nicht, wie mich diese Zeit verändern wird. Jetzt gerade merke ich, dass so langsam FOMO aufkommt

Derzeit fehlt dieser Gegenpol – also: unter vielen Menschen, die ich mag, zu sein, – und ich merke sehr: Fuck, auch ich kann mich ganz schön alleine fühlen, haltlos. Dazu trägt auch die Unbefristetheit dieses Zustands bei. Ich glaube nicht daran, dass wir in diesem Jahr noch Konzerte und Parties veranstalten werden können. Ich weiß nicht, wie mich diese Zeit verändern wird. Jetzt gerade merke ich, dass so langsam FOMO aufkommt, die Angst etwas zu verpassen, das Gefühl ausgeschlossen zu sein, da die Lockerungen in vielen Bereichen da sind, aber ich immer noch Öffentlichkeit meide, denn ich weiß, dass so bald ich wieder unter Menschen bin, die ich mag, werde ich unvorsichtig und die ganzen Sicherheitsregeln einzuhalten, wird mir verdammt schwer fallen, und ich will mich dem Risiko nicht aussetzen. Mein einziger richtige Krankenhausaufenthalt bis jetzt ist mir immer noch in zu übler Erinnerung.

Die Rolle, die Körperlichkeit und Soziales in meinem Erleben von Musik spielen: Sie bilden den Kontext, der mir abhanden gekommen ist.

Diese zwei Monate sind unglaublich schnell und langsam zugleich verstrichen. Ich ärgere mich, dass ich nicht gleich zu schreiben begann, weil ich die Hälfte von dem, was mir durch den Kopf ging, was ich gelernt habe, oder was ich empfunden habe, schon wieder entglitten ist, und ich jetzt schon merke, dass ich das gerne, so tagebuchmäßig, noch mal lesen würde. Wie und was sich von Woche zu Woche veränderte. Ich habe so viel gelernt in dieser Zeit. Durch Gelesenes, durch Vorträge und Diskussionen, die ich mir gestreamt habe, durch Menschen, denen ich auf Social Media folge. Viel aber auch darüber, was mir an der Musikkultur, in der ich mich engagiere, die ich veranstalte, wichtig ist. Die Rolle, die Körperlichkeit und Soziales in meinem Erleben von Musik spielen: Sie bilden den Kontext, der mir abhanden gekommen ist. Dass es Menschen dazu bringt, sich zu begegnen, sich nahezukommen, und was das in Einklang mit der Musik mit uns macht. Das war mir vorher nur vage bewusst, vor allem das mit der Körperlichkeit, weil es einfach da war, wie die Luft im Raum. so selbstverständlich, dass es keinen Gedanken wert war. Ich bin kein superkörperlicher Mensch, einerseits zumindest. Aber jetzt merke ich in meinen Erinnerungen und meinem Vermissen eine Sensibilisierung darauf. Die Berührungen beim sich Durchschieben durch einen vollen Raum, voller Musik, voller Menschen, zur Theke, zur Bühne, zur Tanzfläche, zu Zigarette und Gespräch vor der Tür.

Laute Musik zu spüren.

Es feht mir, laute Musik zu spüren. Die Bassfrequenzen beim Dubstep – was hab ich in letzter Zeit an die frühen SUB:CITY Parties oder Shackleton im Zentralcafé gedacht! Das Vibrieren der Luft, das Mitbeben meines Körpers bei extremen Konzerten wie denen von Lightning Bolt oder Sunn o))). Wie mir die Musik die Lungenflügel zuzudrücken schien bei einer frühen Ministry Show. Und – um hier nicht zu pathetisch zu werden: das verdammte alberne supernervige Kitzeln in der Nase bei bestimmten Bassfrequenzen. Krasse brutale akustische Attacken wie Konzerten von The Locust oder An Albatross, die zu kathartischen Momenten führten, bei denen mir plötzlich mittendrin ganz leicht ums Herz wurde. Als könnte ich das erste Mal seit Langem wieder frei durchatmen.

Körper zu Musik zu spüren.

Es fehlt mir, Körper zu Musik zu spüren. Nicht sexuell, oder vielleicht manchmal schon auch, aber überhaupt nicht auf einen sexuellen Akt gerichtet, sondern höchstens in der Flüchtigkeit eines vorbeischwirrenden Gefühls genossen. Das Umherschubsen und Drängen im Pit bei Punkkonzerten, die verschwitzte freundschaftlich-aggressive Körperlichkeit, wo auch Schmerz okay war. Frühe Against Me! oder World Inferno Friendship Society Konzerte. Das exzessive Moment davon, und von so vielen Partynächten ist ohne physische Nähe nicht zu haben. Vom Tanzen bis zum leichten Berühren, wenn du jemanden im lauten Raum ins Ohr sprichst, und nicht zu vergessen die ganzen Umarmungen und Küsschen. Der Virus macht mir jede Berührung bewusst.

Bestuhlte Kultur, bei der sich Menschen besser voneinander trennen lassen, und Kultur, bei der freie Bewegung und unvorhersehbare Begegnungen und Berührungen zwischen Menschen ein Teil des Kulturerlebnisses sind – das wird wohl die nächste Kluft bei Öffnungen in dieser Ecke der Gesellschaft werden.

Das ist es, was mir gerade auch das Herz schwer macht, wenn es darum geht, wie wir uns Veranstaltungen vorstellen könnten, wenn es denn dann irgendwann um Öffnungen der Clubs gehen wird. Ich merke, dass ich da keine Freundin von Kompromissen bin. Vorsicht und Sicherheit und andauernd reflektierte Distanz soll nicht zum Wesen der Kultur werden, die ich machen will. Bestuhlte, ruhige Konzerte waren noch nie so mein Ding, auch wenn ich auch da schon schöne erlebt habe. DJ Livestreams scheinen mir gerade auch in erster Linie zu zeigen, was fehlt, wie gesagt: ihr Kontext. Wir DJs und Musiker*innen sind bei live Veranstaltungen nichts ohne das körperlich anwesende Publikum, das tanzt, Raum hat sich gehen zu lassen, enthemmt ist, socialized, sich nahe kommt, uns liebt, uns hasst, und nur zusammen sind wir die crazy vielköpfige, vielkörprige Kultur, die wir jetzt so vermissen. Musik in Clubs, ob Konzert oder Parties, lebt davon, dass sie Menschen zusammenbringt, ein Petridish voller Möglichkeiten ist, aber deswegen eben auch ein Hotbed für virale Ansteckung. Bestuhlte Kultur, bei der sich Menschen besser voneinander trennen lassen, und Kultur, bei der freie Bewegung und unvorhersehbare Begegnungen und Berührungen zwischen Menschen ein Teil des Kulturerlebnisses sind – das wird wohl die nächste Kluft bei Öffnungen in dieser Ecke der Gesellschaft werden.

Auseinandersetzung um Antje Schrupps ‘Gibt es Frauen und Männer überhaupt?’

Als ich Freitagabend in der Tram in meiner Twittertimeline ein kurzes Hin und Her darüber las, ob die Kritik an einem Text in der ZEIT gerechtfertigt oder überzogen sei, entfuhr mir ein gedankliches “Oje”, weil ich vermutete, dass es um Antje Schrupps ‘Gibt es Frauen und Männer überhaupt?’ gehen würde. Ich lag richtig, und zwei Tage später hatte ich jetzt auch endlich Zeit, den Text zu lesen und der Kritik ein wenig nachzuspüren.

Wenn ich es richtig verstehe, liegt der Hund im Ende begraben, wo Folgendes zu lesen ist:

“Das feministische Projekt, das heute ansteht, bestünde hingegen darin, genau diese Personen – Menschen mit Uterus, die Kinder gebären (möchten) – als politische Subjekte zu positionieren, deren Interessen, Anliegen und Bedürfnisse nicht länger missachtet werden dürfen.”

Das ist unscharf formuliert und kann bedeuten: 1.) NUR solche Personen sollen das politische Subjekt des Feminismus sein. Oder: 2.) Diese Personen sollen AUCH einen Platz als politische Subjekte des Feminismus bekommen. Die Lösung im Sinne Antje Schrupps ist 2.), was eigentlich allen auch im darauf folgenden Satz hätte klar werden können:

“Es wäre der Kampf für eine Gesellschaft, in der Menschen AUCH DANN nichts an Einfluss, Macht, Wohlstand und Lebensoptionen verlieren, wenn sie schwanger sind oder kleine Kinder versorgen.” (Hervorhebung von mir.)

Einige lasen aber glasklar die Bedeutung, die ich unter 1.) beschrieben habe und Leute (teilweise auch welche mit richtig vielen Followern wie Margarete Stokowski und Mario Sixtus, die ich beide auf ihre Art schätze, aber denen ich beiden auf Twitter nicht mehr folge, weil sie so zugespitzt schreiben. Das ist so ein Dauerreizeffekt, als würdest du dauernd provoziert. Mir sind die leiseren Accounts lieber.) tweeteten lautstark, dass Antje Schrupp im TERF-Sinne fordere, dass Feminismus nur für Gebährfähige da sei.

Es schwelt. Halb Feminismusdeutschland scheint schon darauf zu warten, dass der polarisierende Kampf zwischen transinklusivem und -exklusivem (TERF) Feminismus, der z.B. in Großbritannien schon lange ausgebrochen ist, auch hier ‘endlich’ den Mainstream erreicht. (Wobei zu diskutieren wäre, inwieweit ihn die UK-Mainstreampresse überhaupt erst angeschürt hat.) Ich bin froh, dass es hier noch nicht das nächste große Thema des toxischen Kolumnenjournalismus ist, aber hatte, wie einführend schon erwähnt, als ich las, dass Antje Schrupp einen neuen Text in der ZEIT veröffentlicht hat, schon geahnt, dass es Kritik in diese Richtung geben würde, da Antje in der Vergangenheit schon Kritik aus der Enby- und Transgender-Ecke bekommen hat. Warum, weiß ich nicht und ich möchte das auch nicht recherchieren.

Dass sich der Tonfall von Trans- und Enby-Queerfeminismus-Twitter in großen Teilen über die letzten Jahre sehr verschärft hat, ist so schmerzhaft wie schmerzvoll. Schmerzhaft für die, die – oft zurecht – einen geballten Ansturm der Kritik erleben. Schmerzvoll, weil in der Verhärtung des Tonfalls, der Zementierung der Position und der Annahme, das Gegenüber könne nur das Schlechtmöglichste meinen, in Vorverurteilungen, in Forderungen nach eindeutiger Positionierung und nach Anerkennung, schlicht der Schmerz von wiederholten Diskriminierungserfahrungen steckt.

Auf der anderen Seite des Rings: der professionelle weiße Cis-Feminismus, der teils mit komplettem Unverständnis auf die Schärfe der Kritik und auch auf die Unprofessionalität des jungen Queerfeminismus mit DIY- und Meme-Bildungshintergrund reagiert, statt ihn zu verstehen zu versuchen.

Feministische Theorie und erlebte Diskriminierung, Politik vs Akademie, und andere prallen hier immer wieder aufeinander, als wären sie oppositionelle Lager, was man auch meinen könnte, bis der Blick auf die Männers fällt, weiß männlich hetero Mittelschicht aufwärts, wieder mal zum Großteil bloß außenrum sitzen und milde lächelnd den Kopf schütteln über diese crazy Queers und Feminist*innen und die ganzen anderen Freaks im Ring. Hoho, man könnte fast denken, für diese stünde irgendwas auf dem Spiel in diesen Kämpfen. Unterhaltsam allemal, während sie sich dann wieder mit den wichtigen Dingen des Lebens beschäftigen können. Oder sogar mit selbstausgesuchten Themen.

Die Kämpfe werden nicht aufhören.

Die diskursive Macht, die es allein schon durch Reichweite hat, in einem großen Printmedium zu veröffentlichen, oder mehrere Tausend Follower zu haben, ist erschlagend für die, die sich von so einem Artikel falsch dargestellt oder diskriminiert, nicht gehört, abgedrängt, zur Marginalie gemacht fühlen. Aber wenn sich viele, die alle nur eine kleine Reichweite haben, zusammentun, können sie auch gehört werden. So wird ein Machtausgleich versucht: durch Lautstärke und Zuspitzungen und Zusammenschließen zum Hive. Die Affordance von Twitter und Facebook ist ja nun mal, dass man dadurch am besten gehört wird.

Ja, mitunter wird dabei über das Ziel hinausgeschossen und die sogenannte Cancel Culture ist nicht automatisch fair und angemessen, nur weil sie von Marginalisierten kommt. Aber es ist eben ein Mittel der Ohnmächtigen, derer ohne Macht. Um eine Auseinandersetzung auf gleicher Sprechhöhe führen zu können, muss vielleicht erst die Ohnmacht abgeschafft werden. Oder zumindest: Mitgedacht werden. Den Grund für die Schärfe des Tonfalls mitzudenken, wäre doch mal ein Ansatz, oder? Sich der Verzweiflung, die hinter der Aggressivität oder Vehemenz stecken könnten, bewusst werden?

Das heißt nicht, Gesagtes gar nicht kritisieren zu dürfen, aber vielleicht mal etwas mehr Zeit in den Versuch investieren, zuzuhören und verstehen zu wollen. Nachvollziehen zu können, woher die Wut und die Kampfbereitschaft kommt, und sie anzuerkennen. Die eigene scheinbare Nüchternheit bei einem Thema nicht mit Objektivität/Neutralität/Professionalität usw. zu verwechseln, wenn sie eigentlich schlicht einer Privilegiertheit entspringt.

Aber das hat jetzt ganz weit weg von Antje Schrupp geführt, pardon.

Ich nehme Antje Schrupp hier nichts übel, da ich sie als pragmatische Feministin schätze, die sich gerade nicht im Akademischen genügt, sondern die sich traut, laut zu denken und öffentlich zu diskutieren, wie in ihrem immer wieder bereichernden Blog. Der Artikel, um den es hier geht, wirkt auf mich etwas so, als hätte die ZEIT gern mal wieder angetestet, ob das Transgender/TERF-Ding jetzt hier auch schon zieht – deswegen der J.K. Rowling-Aufhänger -, aber als hätte Antje Schrupp dann lieber doch zum Thema ihres aktuellen Buchs geschrieben. ^^

Ihr aktuelles Buch Schwangerwerdenkönnen habe ich noch nicht gelesen, aber wäre jetzt doch neugierig drauf. 17€ sind aber leider ein stolzer Preis für einen 192-Seiten-Essay und Bücher über Schwangerschaft sind jetzt nicht die Top-Prio auf meiner Interessensliste, wo ich erst vor ein paar Monaten The Argonauts und Full Surrogacy Now gelesen habe. Und letzteres sei auch allen in diesem Kontext ans Herz gelegt: Sophie Lewis Ansatz, von Schwangerschaftsarbeit – “gestators of all genders unite!” – zu sprechen und Leihmutterschaft und Wahlfamilien ins Zentrum einer Utopie des Ausgleichs dessen zu stellen, was Antje Schrupp “reproduktive Differenz” nennt, halte ich für einen großartigen Ansatz. Auf deutsch ist es noch nicht übersetzt, aber Lukas Hermsmeier hat schon mal was dazu geschrieben.

Als Vorgeschmack, empfehle ich hier für die Englischlesenden auch noch diese zwei Essays von Sophie Lewis: Who Liberates the Slave?, ich sag mal grob: über Handmaid’s Tale und weißen Feminismus. Und auch ganz großartig, zum Thema Familie und Midsommar / Hereditary: The Satanic Death Cult Is Real.

P.S.: Bisschen Beef mit Antje Schrupps ZEIT-Text hab ich aber trotzdem: Wenn schon bis hin zu millimetergenauen Angaben auf Biologie eingehen, dann nicht alte Mythen reproduzieren. Das tut sie, wenn sie von der Durchschnittsgröße einer Klitoris schreibt, “die bei der Geburt zwischen 0,2 und 0,85 Zentimeter groß ist.” Dabei geht es mir nicht um pingelige Zahlenklauberei, sondern um die bittere Geschichte instutionalisierter Unsichtbarmachung bis hin zu Feindlichkeit Frauen und deren Lust gegenüber, die bei diesen falschen Angaben zwischen den Zeilen mitschwingt. (Mehr zur Klitoris und wie verborgen und schambehaftet das Wissen dazu auch heute noch ist, gibt’s zum Beispiel in diesem Artikel.)

 

Years And Years

Years And Years

Eine meiner Lieblingsserien des vergangenen Jahres war Years And Years. Russel T. Davies, den ich schon für seine Science Fiction Arbeit an Doctor Who und Torchwood und seine queeren Serien Queer As Folks und Tofu / Cucumber / Banana schätze, hat eine ganz wunderbare 6 Episoden lange Miniserie gemacht, in der er einen spekulativen Entwurf der kommenden fünfzehn Jahre wagt. Davies erzählt die Geschichte einer Familie in Tradition des poppigeren British Social Realism wie Billy Elliot, Trainspotting oder Pride, der sich mit Schicksalen der Working Class in der Thatcher Ära auseinandersetzte.

Schon nach der ersten Minute kommt der erste WTF-Moment, als eine Frau in einer TV Show auf eine Publikumsfrage antwortet: “If it comes to Israel and Palestine I don’t give a fuck,” und erklärt: “All I want is for my bins to be collected.” So wird Emma Thompson eingeführt, die Viv Rook spielt: eine brilliante Populistin, die später ihre Partei nach dem in Zeitungen durch vier Sterne ersetzten “fuck” dieser Aussage tauft: Four Star Party. Wir sehen den Ausschnitt aus dieser Talkshow mit einer Familie, den Lyons: Dan, schwuler Housing Officer, der sich um die Unterbringung von Flüchtlingen kümmert, darunter auch der Ukrainer Viktor, in den er sich tragisch verknallt. Dans Freund Ralph, der sich zunehmend offen für Verschwörungstheorien bis hin zur Flat Earth wird. Rosie, die working class single Mom, die im Rollstuhl sitzt und die Kantine einer Gesamtschule führt. Muriel, die Großmutter der ganzen Lyons-Geschwister, mit der sich Celeste immer wieder kabbelt, wenn sie diskriminierende Sprache verwendet, Hausbesitzerin ohne Geld, dieses instandzuhalten. Edith, weltreisende politische Aktivistin, die sich in eine Nachbarin Dans verliebt, die Storytellerin ist: Das entwickelt sich in dieser Zukunft zum Beruf, da sich herausgestellt hat, dass nicht nur Wissenschaft, sondern auch Geschichten dazu beitragen, Menschen die Welt zu erklären. Stephen, reicher weißer Finanzberater, mit seiner Frau, der schwarzen Chefbuchhalterin Celeste, und ihren Kinder Bethany und Ruby – sie sind die einzigen, die in London leben, der Rest wohnt in Manchester.

Diese Familie tauscht sich in der Eingangsszene 2019 während des Fernsehens über Textmessages aus, als der politische Aufreger von einem anderen Ereignis abgelöst wird: Rosie ruft auf dem Weg ins Krankenhaus an – ihr Baby kommt. Sie ist alleinerziehend, es ist ihr zweites Kind, und ihr Bruder Dan macht sich, von seinem Freund gedrängt, auf ins Krankenhaus, damit sie nicht alleine ist. Der Rest der Familie plant schnell per Telefon, wer wann wen abholt, um das Neugeborene am nächsten Tag zu besuchen. Im Kreis der Familie im Krankenhaus stellt sich Dan unter Empörung der anderen die Frage, ob er überhaupt noch ein Kind in eine Welt wie diese setzen würde.

Er erinnert: “Remember back in 2008 we thought politics were boring. But now, I worry about everything.” Und er beginnt aufzuzählen und erklärt damit eigentlich gleichzeitig das Konzept von Years And Years: Wenn jetzt schon alles so viel krasser und schneller geworden ist, wie wird es erst in 30 Jahren sein, in 10, in 5? Und damit setzt ein Fast Forward Modus ein: In einer schnell geschnitten Folge sehen wir familiäre Momente und Nachrichtenmeldungen. Den ersten Kindergeburstag des Babies Lincolns. Die Wiederwahl Trumps. Das Silvesterfeuerwerk 2021 mit Heiratsantrag von Dan an seinen Freund Ralph, der Ja sagt. Nachrichtensendung über eine neue künstliche Insel in China, Hong Sha Dao, einem nuklearen Waffenstandort. Viv Rock kandidiert als Parteilose, verliert (das wird sich später ändern – nicht umsonst waren Boris Johnson und Donald Trump die Inspiration für ihre Figur). Die Bilder flitzen weiter: 2022. Die ukrainische Armee hat die Regierung übernommen, die russische Armee wird nach Kiev geladen um für Stabilität zu sorgen. Die EU erkennt den Status von Hong Sha Dao, der chinesischen Insel, nicht an. Der 90. Geburstag der Großmutter der Familie, sie stehen frierend um ein Lagerfeuer im Garten und sie führt die Tradition ein, ihn jedes Jahr als Winter Feast im Garten feiern zu wollen. Mehr News: Deutschland trauert nach Merkels Tod. Der Tod der Queen – “long live the king!” Wieder sitzt Viv Rook in einer TV Talkshow, und es wird klar, dass sie wegen ihrer provokanten Aussagen da sitzt, obwohl sie keinerlei Status als öffentliche Person hat – sie weiß es, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und die Medien schaffen es nicht, dem zu widerstehen. Silvesterfeuerwerk 2024. Immer mehr ukrainische Flüchtlinge kommen in Dover an. Und der Schnelldurchlauf fährt herunter, wir kommen wir wieder im Familienalltag an. Mit diesen Tempowechseln schafft es Years And Years, sowohl Geschichte, also eher große Ereignisse, zu erzählen, dabei aber auch nie die Geschichten der Figuren im Zentrum der Handlung, ihre Entwicklung, aus den Augen zu verlieren.

Nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch Technologie widmet sich Years And Years. Vor allem aus der Alltagsperspektive der “kleinen Leute”. Insta/Snapchat-Masken gibt es 2024 in Form kleiner Headsetprojektoren nicht mehr nur auf Social Media, sondern sie können direkt vor das Gesicht projeziert werden. Bethany, die technophile Tochter von Stephen und Celeste können und die Tochter versteckt sich die ganze Zeit dahinter, auch vor ihrer Familie, und macht digitale Appointments mit ihren Eltern, obwohl sie neben ihr in der Küche stehen. Bisschen Black Mirror schwingt mit, wird aber gebrochen. Sprachassistenzgeräte wie Alexa haben sich durchgesetzt und werden zu einem Tool, dass die Familie in regelmäßigen Gruppengesprächen sozial vernetzt, zusammenhält. Heute noch von vielen als Überwachungsgerät angesehen, ist das doch eine zu erwartende Entwicklung, das sich solche Home Assistants breit durchsetzen, sind sie doch zum Beispiel für alte Menschen leichter und intuitiver zu bedienen als ein WhatsApp-Familienchat.

Dan lernt eine Nachbarin kennen, Fran, sie erzählt vom Leben in London, von abgeriegelten Stadtteilen, die nur noch nach Vermögensprüfung betreten werden dürfen. Sie ist Story Teller, was ein Beruf geworden ist, weil erkannt wurde, das auch Geschichten helfen können, die Welt besser zu verstehen. Dan arbeitet in einem sich dauernd vergrößerndem Flüchtlingslager, das eigentlich nur als vorübergehende Unterkunft gedacht war. In einem Streitgespräch mit einer flüchtlingsfeindlichen – “I voted Leave!” – Kollegin, erfahren wir dass es eine Wahl gab, bei der 97% der ukrainischen Bevölkerung angeblich dafür stimmten, russische Staatsbürgerschaft anzunehmen und dass Russland nun die Namen der restlichen 3% hat, die für “Umsiedlung” vorgesehen sind, wobei nicht klar ist, wohin – die Möglichkeit ihrer geplanten Massenermordung schwingt mit. Dan lernt Viktor, einen Flüchtling kennen und es knistert zwischen ihnen. Wobei “knistert” ein eher schlechtes Wort ist, weil Viktor davon erzählt, wie er in der Ukraine nach Übernahme Russlands für seine Homosexualität gefoltert wurde: Mit Stromschlägen auf die Fußsohlen, was kaum physische Spuren hinterlässt und es ihm so erschwert, um seinen Flüchtlingsstatus zu kämpfen.

Die Mutter von Bethany macht sich Sorgen und entdeckt beim heimlichen Stöbern in deren Browserverlauf lauter Suchen rund um den Begriff “trans” – “help for trans”, “trans hope”, “your questions about trans issues” – und die Eltern sind, ganz progressiv und akzeptierend, fast froh, dass sie nun wissen, was mit Bethany los ist. Nur stellt sich dann im persönlichen Gespräch heraus, dass Bethany (“I was thinking about that ever since I was born I don’t belong in this body” – ihre Eltern: “oh, it’s alright, we understand and will always love you”) nicht transsexuell, sondern transhuman ist: “I don’t want to be flesh. I’m really sorry, but I’m going to escape this thing and become digital.” Sie möchte ihren kompletten Körper loswerden ihr Gehirn in die Cloud laden. Mutter: “So you want to kill yourself?” – Tochter: “No life or death, just data” – die Reduktion auf pure Information in einer Gesellschaft, in der Frauen körperlich nie schön, dünn, ausreichen genug sein können, als Befreiung gedacht.

Harter Tobak, und es scheint im ersten Moment an Transfeindlichkeit entlangzuschrammeln wie Dolezal am Rassismus, oder: eine andere Perspektive um über die in den letzten Jahren in Großbritannien erstarkte transfeindliche TERF-Bewegung nachzudenken. Der Transhumanismus wird hier als Generationsproblem eingeführt, in einer Gesellschaft, in der sich liberale Kreise, wie es die Eltern von Bethany sind, in Akzeptanz und Offenheit überschlagen, aber auch oft von einer Technologiefeindlichkeit geprägt sind, die sich heute schon in absurden Detoxing-Apps und ähnlichem niederschlägt. Transhumanismus, von technologischen Implantaten bis zum Traum vom Hochladen des Bewusstseins in eine Cloud, stellt so ein neues Identitätsproblem dar, einen Bruch zwischen Generationen und den konservativeren und progressiveren Ecken der Gesellschaft, der in neuer Form die Bereitschaft Widersprüche und Uneindeutigkeiten auszuhalten und auszudiskutieren, auf die Probe stellt.

Trotzdem blieb mir ein fader Nachgeschmack von dieser Stelle: Ist es ein Lächerlichmachen von Transmenschen, wenn hier der Vergleich mit Transhumanismus gezogen wird? Ich denke, über einen als absurder Lacher, der im Hals stecken bleibt, in der weiteren Konsequenz der Serie nicht, da sie um den Preis einer hier wirklich überzogenen Zukunftsvision, gerade an diesem Thema im weiteren Verlauf der Handlung auch durchspielt wird, was die Konsequenzen sind, wenn Jugendliche nicht ernstgenommen werden, und sich heimlich auf schlechte illegale Lösungen einlassen, bei denen keine medizinischen Grundstandards eingehalten werden (was nebenbei auch als Anspielung auf Abtreibungskliniken gelesen werden kann). Ich muss keine Freundin des Transhumanismus sein, um dieses spekulative Spiel zu schätzen.

Wer denkt, jetzt eh schon alles gespoilert bekommen zu haben: Das waren gerade mal die ersten zwanzig Minuten von Years And Years, aus denen ich hier erzählt habe. Selbst vom an das Musikvideo zu Dancing With Tears erinnernde Finale der ersten Folge zu erzählen, verkneife ich mir, auch wenn es schwer fällt. Die Fülle an Themen, die sich als Anspielungen oder als Weiterdenken von heute schon existierenden Problemen lesen lassen oder die zu Diskussionen anregen können, ist riesig. Nur noch ein weiteres Beispiel: In einem Alternativentwurf zum Verbot, das 2019 in Großbritannien fast zum Porn Ban im Rahmen des Digital Economy Act geführt hätte, inzwischen aber aufgegeben wurde, wird Pornographie in der Zukunft von Years And Years zum Schulstoff: Es wird ab 11 Jahren “Sexual Awareness Image And Control” gelehrt.

Es gibt natürlich auch kritisierenswertes an der Serie: Eine Familie ins Zentrum zu stellen, ist mir eigentlich zu konservativ, denn eines der Dinge, von denen ich mir bzw. den nächsten Generationen mehr wünsche, ist, dass sie ganz frei andere Zusammengehörigkeitsgefüge für sich erforschen und erfahren können, und das mindestens auf gleichberechtigter Ebene mit dem verstaubten christlichen, verstaatlichte Ehekonzept und der Kleinfamilie. Aber Years And Years macht einen guten Job, so eine Großfamilie als Bild für die britische Gesellschaft der Zukunft einzusetzen, und nichts anderes als ein Bild dafür ist sie, worauf schon der Familienname Lyons, die Löwen, wohl der britischste Telling Name schlechthin, anspielt. Diesen zusammengewürfelten Haufen Menschen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten, mit verschiedensten Identitäten, Vorstellungen, Abstammungen, mit den verschiedensten Problemen, als Familie zu entwerfen, ist ein in typischer Russel T. Davies-Manier solidarisches Zentrum in der dystopischen Zukunft, die Years and Years entwirft.

Das war’s von mir zu Years And Years – wenn ihr’s noch nicht gesehen habt, schreibt’s euch auf die To Watch-Liste, einen besseren Einstieg in ein Jahr wie 2020, an dem gleich am 2. Januar #WWIII auf Twitter trendet, gibt es derzeit kaum.

Prost Neujahr! oder: Everything happens so much.

Ein neues Jahr also. Die Zeit um Weihnachten und Neujahr habe ich wieder mal sehr viel zu Hause verbracht und viel gelesen und Filme nachgeguckt, die ich verpasst habe und war eher im Kino als in Clubs. Und ich habe mir Gedanken darum gemacht, wie ich mit meinem Medienkonsum von Kultur bis Social Media umgehe und was ich von ihnen will. Dass ich zu wenig reflektiere, zu wenig setzen lasse. Deswegen mal wieder der Vorsatz, mehr zu schreiben und mehr Mut zu Fragmentarischem und offenen Enden zu haben. Jahresendliste als Liste nicht, aber zu Büchern, Filmen und Serien, die mir letztes Jahr etwas gaben, will ich schon noch was schreiben. Musik ist schwieriger geworden. Das liegt an verschiedenen Dingen, nicht zuletzt den neuen Entwicklungen, die mit Social Media, dem Sterben der Musikpresse, allesdurchdringendem Marketing und der Schwierigkeit, das richtige Medium für mich zu finden, zu tun haben. Das “richtige” Format prägt mein Hören, prägt die Bedeutung von Musik für mich. Spotify ist es nicht, aber es ist für viele Veränderungen mit verantwortlich. (Tapes und Vinyl sind es übrigens auch nicht.) Dazu will ich aber auch noch was schreiben. Auf Medienkritik, die mich lange beschäftigte, hab ich keine Lust mehr. Zu frustrierend und sich wiederholend, siehe Omagate und Silvester in Connewitz.

2019 habe ich unglaublich viel gelernt, aber zu wenig davon festgehalten und Konsequenzen gezogen. Tim Colishaw kramte auf Twitter letzthin den treffenden @Horse_ebooks-Tweet von 2012 raus: “Everything happens so much.” Bevor ich dazu komme, etwas umzusetzten, die langwierige praktische Arbeit anzugehen, zerrt mich schon der nächste Aufmerksamkeitsheischer durch die nächste Tür. Oder die Tür brennt gleich ganz ab und bringt erst mal einen ganzen Batzen Zusatzarbeit mit sich, wie beim Brand der Kantine, des Clubs, in dem unser Veranstaltungskkollektiv derzeit haust. Oder eben nicht haust. Brenners “jetzt ist schon wieder was passiert” als Dauerzustand. Zu oft treiben Themen, Probleme und Ideen mich vor sich her statt dass ich sie mir aussuchen und vertiefen kann. Zu oft hatte ich das Gefühl, etwas zu retten, mich übernommen zu haben, statt es lustvoll mit anderen gemeinsam zu organisieren. Aber weniger machen? So vernünftig bin ich glaube ich immer noch nicht. ><

Ein paar Themen haben sich aber auch im positiven Sinne mich ausgesucht und zu längeren Texten und Vorträgen inspiriert: Die rechte Radikalisierung im Internet, insbesondere über Antifeminismus und die Methoden der Rechten – dazu habe ich wirklich unglaublich viel gelesen und gelernt – aber auch das Aufräumen mit Klischees zu weiblicher Fankultur gehörte zu meiner Vortragsarbeit. Das Vortragsreisen hat mir auch wirklich Spaß gemacht im vergangenen Jahr. Und Interviews und Podiumsdiskussion durfte ich zu Frauen in der Musikszene beitragen – da war 2019 endlich so ein bisschen der Comedown des neoliberalen Feminismus. Gut so. Feminismus darf nicht (nur) heißen “mehr Frauen auf der Bühne,” “Fuck you pay me” und Self-Care als Waffe, um sich für den harten kapitalistischen Konkurrenzkampf fitzumachen. Feminismus ist ein Thema, das ich als Pflicht betrachte, keines das ich mir aussuchen würde. Pflicht in dem Sinne, dass ich dazu inzwischen einfach einiges aus Praxis und Theorie zusammenbringen und einen Beitrag leisten kann, der anderen helfen kann. Care Work. Ein anderer Vortrag, den ich heuer dann auch endlich mal in überarbeiteter Form in Nürnberg halten werde, denkt verschiedenste Facetten von Speculative Fiction und Design mit Stadtpolitik und dem Recht auf Stadt, zusammen. Das ist ein superspannendes Feld, zu dem ich mehr machen will. Zu Weltuntergangsgefühlen angesichts der Klimakatastrophe und ihrer Folgen habe ich auch schon was zu schreiben begonnen, das es hier auch demnächst geben wird.

Als ich so Mitte Zwanzig war, war meine größte Angst, dass ich irgendwann nicht mehr gespannt auf Neues bin, keine Veränderungen mehr antreiben will, und nicht mehr wissensdurstig bin. Dass diese Angst gar so unbegründet sein würde und wie anstrengend das wird, hätte ich mir nicht träumen lassen! 🙂

Antifeminismus, Manosphere und verletzte Männlichkeit als Einstieg nach Rechts

Dieser Essay ist ursprünglich als kurze Einleitungsrede in einen Abend anlässlich eines sogenannten Genderkongresses von antifeministischen Männerrechtler*innen in Nürnberg entstanden. Als Protest gegen deren Genderkongress habe ich mit dem Musikverein 2016 einfach parallel dazu selbst noch einen Genderkongress veranstaltet: Einen Abend, zu dem ich Freund*innen – extra überwiegend Männer – eingeladen hatte, feministische Beiträge beizusteuern. Ich selbst gab einen kleinen Einblick in das lose antifeministisches Netzwerk der Männerrechtsszene, der Manosphere und darauf, was sich hinter der Veranstaltung Genderkongress tatsächlich verbirgt. Danach hab ich den Text noch mal für einen Artikel in der Analyse und Kritik überarbeit, noch mehr auf das Thema der Onlinerekrutierung und -radikalisierung nach Rechts in der Manosphere hin, aber auch darüber, warum sich für Rechte Frauenfeindlichkeit so gut eignet, um in der Mitte der Gesellschaft anzudocken. Und nachdem ich dann Anfragen zum Thema erhielt, habe ich ihn noch um einige Aspekte auf Vortragslänge erweitert und immer wieder aktualisiert und ergänzt. Es ist ein endloses Thema und inzwischen fühle ich mich, als könnte ich ein Buch darüber schreiben.

Dieses Wochenende findet der frauenfeindliche Genderkongress ein weiteres Mal in Nürnberg statt, und für morgen ist auch ein Protest vor Ort geplant: 12-15 Uhr Königstraße! Weil ich derzeit nicht fit genug bin, um dort wie angefragt eine Protestrede zu halten, habe ich mich entschlossen, als kleinen Beitrag zum Protest die aktuellste Version meines Vortragstextes jetzt hier in ganzer Länge zur Verfügung zu stellen. Und wie es dann immer so kommt, habe ich noch mal ein paar Stellen aktualisiert und ihn mit Links zum Weiterlesen gespickt. Voilà.

Antifeminismus und verletzte Männlichkeit, die Manosphere als Einstieg nach Rechts

Genderkongress und Männerrechtsbewegung: Es geht nicht um Gleichberechtigung

Zum Einstieg ein paar Worte zur Männerrechtsbewegung, wie sie sich hinter einer Veranstaltung wie dem Genderkongress verbirgt. Es gibt seit vielen Jahren eine internationale Männerrechtsbewegung, die ein stark vereinfachendes negatives Bild von Feminismus schürt, das ihn nicht als eine Gleichberechtigunsbewegung akzeptiert, sondern einfach mit Männerhass und Männerunterdrückung gleichsetzt. Was sie von klassischen Antifeministen unterscheidet, ist laut einer Expertise, die Hinrich Rosenbrock für die Heinrich-Böll-Stiftung erstellt hat (PDF), dass sie nicht mehr argumentieren, dass das männliche Geschlecht dem weiblichen überlegen sei, nein, sie argumentieren eher aus einer Opferhaltung heraus: Männer als Opfer einer vermeintlichen Femokratie, einer Herrschaft von Feministinnen, die angeblich unsere Gesellschaft dominiere. Tatsächliche gesellschaftliche Benachteiligungen von Frauen werden ausgeblendet oder abgeschwächt, damit eine männliche Opferideologie entwickelt werden kann. Das ist auch eine Parallele zur Strategie der Neuen Rechten, die sich als Opfer einer linken politischen Korrektheit und eines sogenannten Gutmenschentums inszeniert. Eine im Vergleich zu früher größere Teilhabe von Frauen und Queers am öffentlichen Leben wird als Herrschaft von Feminist*innen und “Genderwahnsinnigen” misinterpretiert. Pseudowissenschaftliche Strategien und guteinstudierte, standardisierte rhetorische Ablenkungsmanöver runden das Ganze ab.

Wenn man sich die Liste der Verbände ansieht, die auf der Website des Genderkongresses als Grundlage aufgezählt werden, wird schnell klar, dass es hier nicht um Gleichberechtigung geht, wie sie in ihrer Selbstbeschreibung behaupten, und auch dass sich Gender lediglich im Titel des Kongresses findet, um das Vokabular der Gegner*innen zu übernehmen und inhaltlich zu entleeren. Ebenfalls eine Strategie der Neuen Rechten. In den Namen auf dieser Liste, taucht das Wort “Frau” oder “woman” nur exakt ein einziges Mal auf, und zwar bei der Gruppe “Women against Feminism”. Dagegen stehen 32 Vereine mit “Mann” oder “Männer” im Namen, darunter auch einige, die auch gerne mal auf rechte Websites wie die der Jungen Freiheit verlinken.

Ein großes Thema bei den Männerrechtlern, wie sie zum Beispiel beim Genderkongress zu finden sind, ist das Väterrecht. Sie behaupten gerne, dass hier eine systematische Ungerechtigkeit vorherrsche, und dass Kinder bei Scheidungen viel häufiger Müttern zugesprochen würden, statt das gemeinsames Sorgerecht herrsche. Was schlicht nicht stimmt. Ein Datenreport des Statistischen Bundesamt Deutschlands von 2018 kam zum Ergebnis, dass bei fast allen (genauer gesagt: 97%) der Scheidungen, bei denen gemeinschaftliche minderjährige Kinder betroffen waren, das Sorgerecht bei beiden Elternteilen blieb. Bei den Alleinerziehenden liegt ebenfalls nach einer Untersuchung des Statistischen Bundesamts der Väteranteil nach einem Report von 2017 bei gerade mal 12%. Die Reform des Sorgerechts 2013 hat an dieser niedrigen Zahl nichts geändert und es wird vermutet, dass “unterschiedliche Rollenvorstellungen nach wie vor eine wesentliche Rolle spielen.”

Dass sich die Väternetzwerke trotzdem einem so faktenfernen, unverhältnismäßigen Hineinsteigern in Behauptungen widmen, nur um Stimmung zu bestimmten Themen zu machen – auch das kennen wir von der “Neuen Rechten”. Das Traurige ist, dass frustrierte Väter, denen Unrecht widerfahren ist, und die Hilfe oder Austausch suchen, in vielen Väterrechtsgruppen und Männerplattformen im Netz nicht auf Leute stoßen, die ihnen helfen, sondern auf Leute, die ein Feindbild schüren. Es geht in der ganzen Manosphere, der online vernetzten Männerrechtsszene, um die es hier geht, nicht darum Männern, die tatsächlich Opfer von einem schädlichen Männerbild sind, zu helfen, und es geht nicht um einen Austausch, sondern nur um das Abwerten der vermeintlichen Gegner*innen. Und Gegner*innen sind letztlich alle emanzipatorisch eingestellten Menschen, denen es tatsächlich um Gleichberechtigung geht.

Was sich bei den Gruppen, die der Genderkongress als inhaltliche Basis seiner Arbeit aufzählt, auch findet, sind so homo- und transphobe Gruppen wie “Demo für alle”, ein Ableger der französischen Bewegung La Manif Pour Tous, die auch mit der AfD verbunden sind. Auch ähnliche Gruppierungen wie “Gender-Wahn stoppen!” und “Gender-Unsinn” sind hier mit aufgezählt. Es mag auf den ersten Blick widersinnig scheinen, dass da auch das Logo des Schwulenmagazins ‘Männer’ zu sehen ist. Ist es aber nicht, da dessen Chefredakteur für ein paar Jahre der schwule Rechtspopulist David Berger war, der dann auch für Compact schrieb und heute den Philosophia Perennis Blog mit neurechter Propaganda füllt, zum Beispiel schreibt er über die Umvolkung, die Theorie des großen Austauschs. An den Logos des Genderkongresses lässt sich so ein Netz von deutschen anti-feministischen und anti-queeren Gruppen ablesen.

Das Bonding über Antifeminismus als Einstiegsdroge nach Rechts

Gefährlich an dieser ganzen Männerrechtsgeschichte ist ihre starke Rechtsoffenheit. Da kann das mit anderen Männern geteilte Gefühl, das sie von Feministinnen unterdrückt würden, eine ganz schöne Sogwirkung entwickeln und die Frauenfeindlichkeit ist in der extremen Rechten ein sehr zentraler Punkt. Und das geht oft auch über Worte hinaus. Der rechte Rassist Richard Spencer wurde 2018 von seiner Frau wegen häuslicher Gewalt angezeigt, ebenso Matthew Heimbach von der Nationalist Front. Eine Aussteigerin erzählt von der Normalität der misogynen Gewalt in der rechten Szene: “Gerade als junges Mädchen ist man in der Szene Freiwild. Mal ist es nur eine Hand auf deinem Bein, mal sogar Vergewaltigung. Ich kenne Mädchen, die als Jugendliche von Männern missbraucht worden sind, und niemand hat sich eingemischt. Da steht die Kameradschaft über den Frauen. ”

Die Rolle des Frauenhasses in den Beweggründen vieler rechter Attentäter ist erst langsam im Verlauf der letzten Jahre im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen, bzw. hat erst in den letzten Jahren mediale Aufmerksamkeit bekommen, und selbst aktuell nach dem Attentat in Halle wurde dieses Element medial meist ausgeblendet. Für viele ist ein Attentat immer noch entweder frauenfeindlich oder politisch motiviert. Beispiele für misogynen Terror gibt es aber leider inzwischen viele.

Der norwegische Anders Behring Breivik, der von einer “Feminisierung der europäischen Kultur” und einer angeblichen “Kriegsführung gegen den europäischen Mann” schrieb. George Sodini, der 2009 in Pennsylvania austickte und mehrere Menschen tötete, weil er sich von Frauen zurückgewiesen fühlte. Eliot Rodger hinterließ nach seinem Massaker an sechs Menschen ein ganzes Manifest seines Frauenhasses, das online schnell und weit verteilt wurde. Alek Minassian, der im April 2018 in Toronto 10 Menschen umbrachte, berief sich auf ihn. Das sind natürlich Extremfälle, und es gilt keineswegs der Umkehrschluss, dass aus jedem Mann, der sich ungerecht behandelt fühlt durch Männerrechtsnetzwerke ein potenzieller Attentäter wird. Aber: ich will dieses verbindende und oft heruntergespielte Element als eine Art Warnblinker des Ernstes der Lage sichtbarer machen.

Es löst jedes Mal heftige Reaktionen aus, wenn bislang männlich besetzte Filmfiguren heute auch mal mit Schauspielerinnen statt Männern besetzt werden, von Ghostbuster über Doctor Who bis zu James Bond. Oder wenn eine Gilettewerbung das Thema der toxischen Maskulinität, des Aufzwingens eines männlichen Rollenbildes, das viele Männer unglücklich macht, aufgreift, dann toben die Kommentarspalten, dann tobt die Manosphere. Sie machen sich laut und breit, weil sie wissen, dass dort ein Ansatzpunkt ist, an dem sie Leute auf ihre Seite bringen können.

Den Genderkongress, wegen dem ich mich mit diesem Thema hier befasst habe, kritisiere ich deswegen nicht nur für seine Frauen- und Queerfeindlichkeit, sondern auch dafür, dass solches Bonding durch oder über Antifeminismus als Einstiegserlebnis in rechte Gefilde dienen kann – und es oft auch tut. Dafür kritisiere ich allerdings auch das Verhalten vieler Männer und Frauen im Alltag. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass von dem scheinbar harmlosen Punkt, dass sich viele Männer gerne darüber scherzend, wie sie von Frauen unterdrückt würden, gegenseitig auf die Schulter klopfen, eine meist verharmloste Linie bis hin zu aktiven Männerrechtlern und von dort bis hin zu Übergriffen und Gewalt und hin zu rechten Bewegungen führt. Das ist kein Entweder/Oder, sondern das sind fließende, graduelle Übergänge auf einer Skala der Frauenfeindlichkeit und der Feindlichkeit gegenüber Männern, die nicht einem toxischem Klischee von Männlichkeit entsprechen. Uneigentliches Reden am einen Ende – und das reicht von gemeinsamen frauenfeindlichen Scherzen oder Songtexten oder Comedy und misogyner Gewalt in Spielen und Filmen – und aktives Umsetzen in Handlung irgendwo am anderen. Und, wie es Franziska Schutzbach formuliert: “So verschieden die inhaltlichen Positionen sein mögen, beim Feindbild Feminismus oder Gender kann man sich offenbar verständigen. Antifeminismus ist also nicht nur ein fester Bestandteil völkischer Ideologie, sondern auch ein Scharnier, das Querverbindungen und Gemeinsamkeiten mit anderen Akteur*innen, vor allem mit der gesellschaftlichen Mitte herstellt.”

Die Hasserfüllten stehen gewiss nicht für die Mehrzahl der Männer und Frauen da draußen. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums teilen nur 5% aller Männer die antifeministischen Ansichten der Maskulisten, allerdings: Ein Drittel aller Männer – und 15,2% aller Frauen – seien für einzelne derer Einstellungen empfänglich. Darüber wieviele wiederum schweigende Mittäter sind, die Frauenhass gesellschaftlich akzeptabel machen, indem sie ihn nicht kritisieren oder gar höflich belächeln, nun ja, dazu gibt es keine Zahlen. Wenn es um eine größere Offenheit für verschiedenste Formen von geschlechtlichen und sexuellen Lebensweisen geht, hat die Rechte hier oft leichtes Spiel in der Mitte der Gesellschaft anzudocken.

Verschwörungstheoretische Züge: Redpilling

Ich hatte für diesen Essay als Vortrag ursprünglich nicht nur weil ich Alliterationen mag, den Titel ‘Matrix und die Manosphere’ gewählt, sondern weil sich darüber auch ein Blick in die Welt des frauenfeindlichen und rechten Denkens werfen lässt, und wie dieses unter anderem mit Hilfe von Popkultur aufgebaut wird. Verschwörungstheorien sind nach Philippe Wampfler im neutralsten Sinne eine Denkbewegung, die kollektive Erfahrungen als Resultat einer geheimen Absprache interpretiert. So können Menschen Erlebtes mit einem Sinn versehen. James Bridle setzt da zum Beispiel auch einen Bezug zu Folklore und Aberglaube, die Menschen helfen Unverständliches zu erklären. Verschwörungstheorien reduzierten politische Komplexität, indem sie Geschehnisse auf wenige mächtige VerursacherInnen zurückführten. Gleichzeitig steigern sie die Komplexität der Zeichen: Alles mögliche kann als bestätigendes Zeichen für die Theorie gedeutet werden, oder kann als Symbol für die gefühlte Wahrheit stehen.

Ein wichtiges solches Bild ist die rote Pille aus dem Film Matrix. Auch der Männerrechtler-Genderkongress, von dem ich eingangs erzählte, trug als Untertitel “Gender Reloaded” im Namen, eine Anspielung auf “Matrix Reloaded”, den zweiten Teil des Films, und es wurde dort unter anderem auch ein Film namens “The Red Pill” gezeigt. Volker König, der ein Screening des Films in Berlin besucht hatte, schreibt darüber: “Der Titel des Films ist eine Anspielung auf den Film ‘Die Matrix’. Nur wer die rote Pille schluckt, erkennt die Wahrheit. Alle anderen leben weiterhin in einem Gefängnis, in einer Scheinwelt, die aufgebaut wurde, um die Wahrheit zu verschleiern. Es geht dem Film also nicht darum, die Perspektive zu erweitern, die ‘andere Seite’ zu hören, Männer zu Wort kommen zu lassen, sondern es geht um einen höheren Wahrheitsanspruch. Entsprechend dem aktuellen Zeitgeist wird die Frage des Films ideologisiert und pathetisch überhöht zum Kampf von Feminismus und ‘Lügenpresse’ gegen Meinungsfreiheit.”

Das Erleuchtungserlebnis, wenn man endlich die (vermeintliche) Wahrheit erkennt, wurde längst zu einem eigenen Begriff, dem “Redpilling”, das sowohl in der Manosphere als auch in der rechten Szene zum geläufigen Slang gehört. Wie solche Begriffe da etabliert werden, dafür hab ich zum Einstieg als Beispiel einen Auszug aus einem Podcast der neu-rechten Identitären Bewegung zu Matrix und Redpilling für euch zum Reinhören.

[Auszug IB Podcast, ist inzwischen offline, weil Youtube die IB blockt.]

Der Auszug zeigt schön, wie die Vorstellung von einer “lügenden Systempresse” aufgebaut wird, die das “Merkelsche System” als “falsche” Realität vorgaukele. Er ist auch ein gutes Beispiel dafür wie die Identitäre Bewegung bis zum Lächerlichen bemüht ist, in ihrer Rhetorik immer mit allen möglichen Kulturzitaten aufzutrumpfen, und auch wie ein eigenes Vokabular geschaffen wird, das für mehr Identifizierung mit der Gruppe sorgt. Dass Matrix, der Film der Wachowsky-Schwestern, heute viel eher als Transgender-Allegorie gelesen wird, davon fällt hier natürlich kein Wort.

Andere Popkulturmomente in diesem Podcast sind zum Beispiel 1984, da vergleichen die Identitären gendergerechte Sprache mit Orwells Neusprech, Platos Höhlengleichnis taucht auch noch auf, und der Disneyklassiker Susi und Strolch, und zwar eine Szene, in der Siamkatzen die Wohnung verwüsten und die Schuld danach auf den Hund Susi schieben – von ihnen als bescheuertes Bild dafür gedeutet, wie Flüchtlinge angeblich Deutschland kaputt machen und die Wahrheit von der “Lügenpresse” so verdeht werde, dass niemand der ganzen verblendeten Bevölkerung sie als die Schuldigen wahrnehme, sondern immer die armen Rechten die Bösen sein sollen.

Aber auch noch andere Punkte sind da drin: Der Begriff “Kulturmarxismus” zum Beispiel, übernommen von der US-amerikanischen neuen Rechten. Rechtsextremismusforscher Thomas Grumke erklärt ihn so, dass mit den Emigranten der Frankfurter Schule in den 1930er Jahren – wie Theodor Adorno und Max Horkheimer – angeblich ein politischer Mainstream in den USA entstanden sei, der als “Kulturmarxismus” charakterisiert wird, und mit dem angeblich ein Kulturkrieg gegen den weißen christlichen Mann geführt würde. Die Journalistin Aja Romano erklärt, dass es auch einer der Lieblingsbegriffe des Breitbartgründers Andrew Breitbart ist, und er in der US-farright Szene abwertend für alle verwendet wird, die aktiv versuchen, Kunst und Kultur inklusiver zu machen und soziokulturelle Veränderungen hin zu mehr Diversity voranzutreiben, da sie damit nach der Meinung der Farright das weiße Patriarchat auslöschen wollen. Was ja nicht der einzige Verschwörungsplot ist, der dort gepflegt wird: auch Juden und Muslime sind angeblich auf einen weißen Genozid aus, auf den sogenannten “großen Austausch” oder der “Umvolkung.”

Bildung und Funktion eines eigenen Dialekts

Auf verschiedensten Plattformen im Netz haben sich schon immer eigene “Dialekte” gebildet, wie es Nikhil Sonnad nennt, der für das Quartz Magazine mit einem Team “billions of reddit comments” auf sechs der gängisten Alt-Right Foren untersucht hat. Viele Dialektbegriffe im Internet sind aus Abkürzungen entstanden, wie z.B. bei “LOL” oder “WTF”, oder bei Leetspeak aus dem Ersetzen von Buchstaben mit Zahlen, z.B. “g33k” statt “geek”. Bei Leetspeak spricht auch ein gewisser Exklusivitätsanspruch aus der Namensgebung: “Leet” kommt hier von “Elite”, also: die Sprache der Elite. Auch viele Messageboardcommunities haben eigene Begriffe oder Redensarten etabliert, zum Beispiel das “Göga” für “Göttergatte” auf Chefkoch.de. Meist ist das zwar sprachlich interessant, wie sich da Nischenkulturen mit ihrer eigenen Folklore bilden, aber eher nicht gefährlich.

Im Falle der Männerrechtler und Rechten ist das bewusste Einsetzen von Begriffen allerdings weniger harmlos. Oft dient es zur Stützung der rechten Ideologie, zum Tabubruch, zur Provokation und zur Bindung an die rechte Community. Bevor sie weitverbreitet sind, dienen solche Begriffe einem gewissen Exklusivitätsgefühl, so Sonnad, denn nur Eingeweihte verstehen, was sie bedeuten und wissen sie einzusetzen. Darüber hinaus enthüllt solcher Jargon auch Konzepte, die eine Gruppe als ihnen allen gemein empfindet, und die wichtig genug dafür sind, dass es ein Wort dafür braucht.

Ich will nur ein paar Begriffe der Manosphere als Beispiele herausgreifen. Wie Nikhil Sonnad schreibt, gibt es im Englischen – überraschenderweise – keinen Begriff für “Frauen sind roboterhafte Untermenschen”, aber viele in der farright-Männerszene teilen die Ansicht, dass Frauen keine richtigen Menschen seien. Deswegen haben sie einen Begriff dafür erfunden: “Femoids”. Damit so ein Begriff mehr Zugkraft gewinnt, muss ihn die Community anerkennen. So einen Begriff zu verwenden, obwohl er kontrovers und politisiert ist, signalisiert anderen deinen Mut. Es wird erst mal behauptet, es sei ja nur ironisch, und je akzeptierter er dann durch häufigeren Gebrauch wird, desto mehr dient er dazu, zu zeigen, dass du dazu gehörst, zu denen, die diesselbe unkonventionelle Perspektive haben. Es ist eine Win-Win-Situation, denn wenn sich der Begriff nur innerhalb der Community etabliert, trägt er zu einer Verschärfung der Kluft zur Außenwelt bei, also zu Leuten mit anderen Ansichten. Das “wir gegen die anderen”-Gefühl wird verstärkt. Wenn er aber bis in den Mainstream dringt, ist das auch nicht schlecht, denn dann wird das Konzept, für das er steht, ein Stück weit gesellschaftlich enttabuisiert und normalisiert.

Ein paar typische Begriffe der Szene wären zum Beispiel noch: “Chad” für attraktive Männer, die Erfolg bei Frauen haben. Er ist 2013 aus der 4chan-Ecke heraus entstanden, ein Messageboard, und er hat sich erst in den letzten Jahren in der Manosphere richtig weit verbreitet. Es ist ein Neidbegriff. “Meek” ist noch eine Steigerung davon: Meeks steht für Männer, die erfolgreich bei Frauen sind obwohl sie negative Charaktereigenschaften haben. “Hypergamy” ist ein Begriff für das in der Manosphere verbreitete Konzept, dass die “Top” 20% der Männer im Wettbewerb um die “Top” 80% der Frauen stehen und Frauen nur Männer heiraten, die sozial “über” ihnen stehen. Die Idee hat nach Nikhil Sonnad seine Wurzeln im ökonomischen Pareto-Prinzip, laut dem immer 80% deiner Verkäufe von 20% deiner Kunden kommen.

Das Interessante an Sonnads Recherche ist, dass sich ein Begriff wie “Hypergamy”, obwohl er am verbreitesten in Manosphere-Foren ist, auch von einer signifikanten Zahl von Trump-Anhängern und auf alt-right Foren und von “Gamergatern” verwendet wird, was statistisch die Überschneidungen dieser Szenen zeigt. Den Begriff des “Redpilling” haben wir in dem Podcast der Identitären gehört, wo auch auf die Herkunft des Begriffs aus dem “Gamergate” verwiesen wird, als männerrechtlerische angebliche “Wahrheit”, die sich gegen die Vorherrschaft des Feminismus wehren muss.

Gamergate: it’s not about ethics in game journalism

Gamergate war ein zentrales Ereignis in der Entwicklung der Männerrechtsbewegung. Der Höhepunkt von Gamergate war 2014 bis 2015. Anita Sarkeesian erwirtschaftete damals über Kickstarter 160.000 statt der von ihr angestrebten 6000 Dollar von Unterstützer*innen für eine feministische Gaming-Youtube-Serie namens “Tropes vs. Women in Video Games”. Von diesem Zuspruch für feministische Kritik fühlten sich viele männliche Gamer bedroht und starteten ein wirklich unfassbar krasses Gegenfeuer. Endlose Hasskommentare auf Social Media, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, Sarkeesians Website und Social Media Accounts wurden gehackt, ihr Wikipedia-Eintrag wurde rassistisch und sexistisch verunstaltet. Ein Angreifer entwarf ein Spiel namens Beat Up Anita Sarkeesian, in dem eine sie darstellende Figur vom Spieler zusammengeschlagen werden konnte. Ein Vortrag von ihr musste wegen einer Bombendrohung abgesagt werden, und sie konnte ähnlich wie Zoe Quinn und Brianna Wu, die beiden anderen Frauen im Zentrum des Gamergate-Angriffes, nicht mal mehr zu Hause wohnen wegen all der Gewaltdrohungen.

Bei der Gameentwicklerin Zoe Quinn war der Auslöser, der sie ins Visier der antifeministischen Gamer rückte, ein Ex-Freund, der in einem 10.000 Zeichen Blogeintrag das Gerücht in die Welt setzte, dass sie von einem Journalisten für Sex bessere Kritiken für ihre Games bekommen habe. Später stellte sich zwar heraus, dass der Journalist sie nur kurz in einem Artikel erwähnt hatte, und das nicht mal zu der Zeit, als sie mit ihm zusammen war, aber Fakten waren hier egal, denn es ging um etwas Größeres: Gamer versuchten ihr patriarchales Kulturterritorium gegen emanzipatorische Prozesse zu verteidigen. Frauen, Queers, People of Colour und auch viele Männer hatten die Nase aber voll davon, übten Kritik und verlangten, dass Games vielfältigere Perspektiven wiederspiegeln sollten. Das englischsprachige Twitter war 2014 ein einziges Höllenfeuer wegen diesem Kampf.

Zu den Memes auf dem Slide hier: Die typische Entgegnung der Gamer auf jegliche Sexismuskritik war damals, dass es überhaupt nicht um Sexismus in der Gamingszene ginge, sondern um die Ethik des Game-Journalismus. Weil sich mit Humor vieles besser ertragen lässt, entstanden als Reaktion, die sich darüber lustig machte, diese ganzen Memes, die eine zeitlang zur ironischen Standardantwort auf so gut wie alles gepostet wurden. Weniger lustig war es, dass wirklich massive Trollarmeen über alle Spieleblogs und anderen öffentlichen Äußerungen herfielen, die sich der Sexismuskritik anschlossen. Viele der Techniken um große Gruppen dafür zu bilden um Leute zu belästigen und fertigzumachen, und viele der rhetorischen Kniffe, die da im Gamergate auf diversen Männerrechtsforen entwickelt wurden, gehören inzwischen auch zum Standard-Online-Kampfwerkzeug der neuen Rechten, vor allem das Verabreden zum konzertierten Angreifen im Netz. Da die Mainstreammedien, gerade hierzulande, die Gameskultur immer noch als Undergroundnischenkultur abtut, statt sie ihrer wirklichen Größe, ihrem kulturellen Reichtum und ihrer weiten Verbreitung gemäß zu behandeln, bekam das Gamergate-Thema hier wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Dort liegen aber die Wurzeln der internetaffinen Antifeministen und Rechten. Deswegen eben hier auch noch mal dieser kurze Überblick.

Plattformen und Deplatforming

Das Zentrum der Gamergate-Bewegung war ein Forum auf Reddit namens The Red Pill, und erst 2017 gelang es The Daily Beast zu enthüllen, dass der Gründer ein gewisser Robert Fisher war, ein republikanischer Abgeordneter. Da auf dem Forum einige wirklich üble frauenfeindliche Kommentare und Vergewaltigungsrechtfertigungen von ihm stammten, lief eine Untersuchung, ob er weiter als Abgeordneter fungieren dürfe, woraufhin er ziemlich schnell von sich aus zurücktrat. Auf Messageboards, vor allem eben auf The Red Pill spitzte sich Gamergate so zu, dass, wie David Futrelle, der sich seit langem auf dem Blog We Hunted The Mammoth mit der Manosphere auseinandersetzt, in einem Interview mit Aja Romano sagt, es bald nicht mehr nur darum ging, um das Recht zu kämpfen, in Videospielen Titten anstarren zu dürfen, sondern es wurde zu einem Kampf gegen den “white genocide”, den angeblichen “weißen Genozid”, die Ausrottung des weißen Mannes, um die es den sogenannten Kulturmarxist*innen angeblich eigentlich gehe.

Die Gamergate schaukelten ihre hasserfüllte Stimmung gegen Frauen gegenseitig hoch. Als auf Reddits Red Pill Forum dann doch irgendwann gegen radikale Hasspostings vorgegangen wurde, zogen viele weiter zum extremeren 4chan, als es 2014 selbst 4chan zu brutal sexistisch wurde, was da alles so gepostet wurde und sie zu moderieren und Gamergater zu bannen begannen, zogen diese zum noch extremeren 8chan Forum weiter. Im Dezember 2018 trennte sich der 8chan-Gründer Fredrick Brennan von 8chan und bereut, es gegründet zu haben. Er engagiert sich inzwischen vehement gegen diese meinungsfreiheitabsolutistische Sorte Boards, vor allem weil sie die Homebase von Anhängern der rechtsextremen Pro-Trump-Verschwörungstheorie QAnon sind. Im August 2019, nach dem vom El-Paso-Attentäter Patrick Crucius der dritte Attentäter innerhalb eines Jahres durch Radikalisierung auf dem Board bzw. sogar dem Posten eines Manifests kurz vor dem Attentat auffiel, zog sich ein Hosting Service nach dem anderen zurück und 8chan ist bis heute offline, und auch 8kun, der geplante Nachfolger hat es – nicht zuletzt dank Brennan – bis heute nicht online geschafft. (mehr Info dazu z.B. hier)

Aber noch mal zurück in die Hochphase des Gamergate: Eines der Kernmedien, von dem diese gamenden Männerrechtler angeheizt wurden, war das rechte Magazin Breitbart, mit Milo Yiannoppoulos als einer zentralen Stimme, ein eigentlich eher feminin auftretender junger Schwuler, der für so nette Botschaften stand wie “Feminismus ist Krebs”, heute aber dank dem Verbannen von Plattformen wie Twitter und Facebook so gut wie komplett vergessen ist. (Das letzte, was von ihm zu hören war, war das Klagen darüber, dass er seit er auf Twitter, Facebook und Youtube verbannt wurde, kaum mehr genug Geld zum Leben hätte. Deplatforming hilft erwiesenermaßen.) Breitbart wurde damals noch von Steve Bannon geleitet, der dann auch als Berater des US Präsidenten Trump bekannt wurde, der selbst ja auch nicht gerade für seine feministischen Züge bekannt ist.

Opferinszenierung

Trotz der dominanten, zentralen Positionen in der Gesellschaft, wie sie Vertreter maskulistischer Ansichten wie Bannon, Trump oder Peter Thiel innehaben, und trotz dem wieviele patriarchale Privilegien weiße Männer auch heute noch in der Gesellschaft haben, und trotzdem viele von ihnen immer wieder die größten mainstreamjournalistischen Plattformen für ihre antifeministischen Botschaften bekommen, ist das Werfen in die Opferpose ein Kernelement der Manosphere: Sie sehen sich als die angeblichen Opfer eines Establishments, das heterosexuelle weiße Männer unterdrücke, und auch die neue boomende Rechte in Europa hat genau diese Strategie übernommen. Beziehungsweise würde ich sagen: Foren wie Reddit, 4chan und 8chan werden ja international genutzt und es ist viel zu spät erkannt worden, wie auch aus der antifeministischen Szene heraus neue Anhänger für rechte Gesinnungen rekrutiert werden. Die Manosphere besteht eben aus solchen internationalen Foren und Blogs und Websites und Facebookgruppen, über die sich ausgetauscht und organisiert wird. Und hinter englischsprachigen Accounts stecken natürlich auch oft Leute aus allen möglichen nicht-englischsprachigen Ländern, es sind internationale Communities.

Zwischenmenschliche Beziehungen als Game: Männerrechtsforen und Pick Up Artists

Unsichere junge Männer, die Probleme haben, einem konservativen gesellschaftlichen Männerbild zu entsprechen, und die trotz des gesellschaftlichen Drucks keine Freundin abbekommen, wenden sich hilfesuchend an Männerrechtsforen oder an Pick Up Artists wie Return Of The King, auf denen sie dann zum Beispiel Beiträge finden wie “11 Tipps wie du deine Tochter auf die Rote Pille Art erziehen kannst”, wo unter anderem empfohlen wird, dass Töchtern von klein auf beigebracht werden soll, dass das Wichtigste, was sie tun können, Kinderkriegen und diese aufzuziehen ist, und Töchter zu bestrafen, wenn sie sich nicht feminin genug geben, ihnen Selbstachtung zu nehmen, indem ihnen von klein auf beigebracht werden soll, dass sie jetzt zwar attraktiv seien, aber das schnell abnehmen werde und sie sich früh einen Mann suchen müssten. Im Detail sieht das dann schon auch mal so aus, dass erklärt wird, wie Männer in Anwesenheit ihrer Tochter weibliche Bedienungen in Restaurants anbaggern sollen, sie mit Tiernamen ansprechen, ein bisschen herumkommandieren, um ihrer Tochter möglichst früh zu zeigen, was das “Game” ist.

Als zentraler Punkt der Manosphere findet sich ein Weltbild, dass Beziehungen zwischen Männern und Frauen als Game, als Spiel erklärt. Auch hier zeigen die Wurzeln und Querverbindung zu einer toxischen Ecker der Gamerkultur. Mit Game is hier auch wirklich das Spielen gemeint: mit Vorstellungen von Gewinnern und Verlierern, von Hierarchien und dass du Punkte für bestimmtes Verhalten verdienst. Das Schlimme am Feminismus ist für diese Männer letztlich, dass er Frauen soweit befreit hat, dass sie die Möglichkeit haben, Männern Sex zu verwehren, selbst wenn sie alle Regeln des Games befolgen. Es ist eine entsetzliche Pseudowissenschaft, um sowas wie ein darwinsches Überleben des Stärkeren auf dem Sexmarkt als das ‘wahre’ Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu zementieren. Auch hier wieder dieser verschwörungstheoretische Faktor der Exklusivität: Nur die Eingeweihten erfahren diese Wahrheit des Game, die ihnen der Mainstream da draußen verheimlicht hat. Wer die rote Pille nimmt, erkennt die Wahrheit.

Alpha- und Betamänner werden nach Wert eingestuft, und das Game hat Regeln wie dass, wenn eine Frau Nein sagt, das nicht immer nein heiße, und dass Frauen es in Wahrheit nicht mögen, wenn du nett zu ihnen bist, sondern dass sie lieber Kerle haben, die sie abwertend behandeln. Weil das eben – egal was sie sagen – in ihrer Natur läge. Der Begriff “SMV” steht für den sexuellen Marktwert, “sexual market value”, und der lässt sich laut der Manosphere durch Fitness und Mode, soziale Attribute wie Körpersprache, und durch Status und Game steigern. Und Game heißt hier eben wirklich ganz konkrete Tipps und Regeln, ganz im Pick Up Artist-Stil, die letztlich nichts anderes sind, als emotionaler Missbrauch. Ein Beispiel dafür wäre die Technik des “Negging”, bei dem ein Mann die Frau immer wieder subtil kleinmacht, sie erniedrigt, nur um sie dann über kleine Komplimente wieder aufzubauen, so dass die Frau immer mehr nach seiner Bestätigung sucht.

Pick Up Artists wurden lange als Verführungskünstler oder -ratgeber verharmlost. Aber wie Veronika Kracher schreibt: “Der Grenzübertritt, die Übergriffigkeit, “ist der Kern der Ideologie von Pick-Up Artists, es handelt sich um eine maskulinistische Omnipotenzfantasie, in der die Frau nur bloßes Objekt ist, dass man sich zu eigen machen muss.” Pick Up Artists, von denen das Konzept des Game stammt erfuhren, als das Internet von immer mehr Menschen genutzt wurde, einen großen Aufschwung in der Verbreitung ihrer Blogs und Seminare, aber auch sie sind auf Onlineforen unterwegs, zum Beispiel im Seduction Reddit. Ihr auf strikten unsozialen Regeln basierendes Verständnis komplexer Beziehungsdynamiken suggeriert, dass jeder Erlernen könne, Frauen zu erobern. Während es auch hilfreiche Dating- und Beziehungsratgeber geben mag, verzerren Pick Up Artists und ihre Online Communities dieses Feld, indem sie Frauen entmenschlichen und jegliche Handlungsfähigkeit Männern zuschreiben. Sie tauschen sich detailliert aus, verabreden sich in Gruppen, um auf Frauensuche zu gehen und ihre Taktiken zu testen, und haben ein geschlossenes Weltbild, in dem weiße Männer von einer feministischen Mehrheitsgesellschaft unterdrückt werden.

Extreme der Manosphere ziehen sich bis zur MGTOW Bewegung, das steht für “Men going their own way”. Das sind Männer die Frauen so hassen, dass sie jegliche romantische oder sexuelle Beziehung zu ihnen ablehnen. Dafür gibt’s auch noch den Ausdruck “black pill”, sie wollen sich dem ganz entziehen. “Volcel” fällt da auch darunter – voluntary celibacy, das freiwillige Zölibat. Im Gegensatz zum unfreiwilligem, involuntary celibacy, den Incels. Der Begriff “Incel” hat inzwischen den Mainstream erreicht, spätestens seitdem der 25jährige Alek Minassian letztes Jahr seinen Kleinbus in eine Menschenmenge steuerte, damit 6 Menschen tötete und 10 weitere verletzte, denn es wurde bekannt, dass er sich auf Incel Boards radikalisiert hatte. Dass die Mainstreampresse Begriffe wie diesen verbreitet und erklärt, ist immer eine doppelschneidige Geschichte, da es einen aus einem höchst menschenfeindlichen Kontext heraus entstandenen Begriff auch ein Stück weit enttabuisiert oder gar normalisiert. Konsequenzen auf den Hass, der auf ihnen verbreitet wurde, folgten erst spät: Erst 2017 wurde das reddit-Board incel gesperrt, aber es gibt natürlich immer wieder neue Boards, selbst auf Reddit, zum Beispiel Braincels.

White supremacy

Aby Wilkinson, die sich lange auf dem Red Pill Forum umgeguckt hat, schreibt, dass sich auf den Foren Männer aus den verschiedensten Ecken der Gesellschaft finden, von videospielenden Teenagern, denen es an sozialer Kompetenz mangelt über ältere verbitterte geschiedene Väter bis hin zu jungen Männern auf Elite-Unis, die finden, dass Frauen ihnen nicht so viel Respekt und Zuneigung entgegenbringen, wie sie es verdienen. Und die Überlappung mit Rechten wird auch darin deutlich, dass es dort viel Rassismus gibt, es ist eine sehr weiße Angelegenheit. Es gibt zwar auch eine Black Manosphere, aber die ist, wie Aaron G. Fountain Jr. schreibt, wenn auch genauso problematisch, nur die Subkultur einer Subkultur.

Viele in der Manosphere sind der Ansicht, dass es sowas wie eine Rape Culture nur in islamischen Gefilden gäbe. Dazu kommt: Wer nicht weiß und/oder eine Frau ist und es trotzdem zu etwas gebracht hat, muss dabei irgendwie getricktst haben – so die Denke der unzufriedenen Meritokraten. Was ein echter Redpiller ist, der hat eben auch bei Rassedenken den Durchblick, ist sogenannter “racial realist”.

Frauenhass als treibender Faktor von Attentaten

Wenn über Gründe für das Erstarken der neuen Rechten nachgedacht wird, wird gerne über die Zusammenhänge von ökonomischem und Bildungs-Status in der Gesellschaft und rassistischen und antisemitischen Ideologien geredet, aber die Verbindung zwischen Online-Hass und Antifeminismus und dem Erstarken des Neofaschismus wird seltener ernstgenommen. It hits too close home, wie es so schön heißt. Ein bisschen Sexismus schadet doch nicht, ist immer noch ein gesellschaftlicher Common Sense. Aber Online-Radikalisierung betrifft nun mal nicht nur Muslime, wie so gern getan wird. Aus der Manosphere heraus sind Attentäter wie der schon erwähnte Elliot Rodger hervorgegangen, der UC Santa Barbara Attentäter, der ein 140seitiges Manifest hinterließ, zu dem ein “Krieg gegen Frauen” gehörte, als Rache dafür, dass Frauen nicht mit ihm schlafen wollten. Der 22jährige hatte noch nie mit einer Frau geschlafen. Er schrieb darin auch, dass in seiner perfekten Welt alle Frauen in Konzentrationslager gesteckt würden und er nach seinem Attentat schon alle sehen würden, dass er der wahre Alpha-Mann ist. Nicht nur das Manifest auch ein Abschiedsvideo von Rodger kursierten danach heftig im Netz und auch die reißerischeren unter den Zeitungen stürzten sich sensationslüstern darauf, was immer die Gefahr von Märtyrertum und Nachahmungstätern mit sich bringt.

Aufmerksamkeitskapitalismus: Soziale Plattformen, Medien und wir alle sind gefragt

Es wurde auch nach dem Christchurch- und dem Halle-Attentat davon gesprochen, dass die Tat auf die Verbreitung auf Social Media hin zugeschnitten war, durch das Livestreaming und durch dutzende von Anspielungen im 4Chan-Slang und Memekultur, die sich im Manifest fanden. Ein Beispiel für diese Instrumentalisierung: Die Erwähnung von PewDiePie im Christchurch-Manifest führte dazu, dass PewDiePie sich öffentlich distanzierte. Das wiederum machte viele seiner über 17 Millionen Follower überhaupt erst darauf aufmerksam. Die Gamification weist auf die Wurzeln in der Gamerszene weist auf die Wurzeln in der Manosphere, die jegliche zwischenmenschliche Beziehung als Game begreift. Nicht Gewaltexzesse in Videospielen sind das Problem, sondern die Gamifizierung als Methode, die eine Verbreitung weit über eine Spieleszene hinaus gefunden hat.

Und es geht nicht nur um die Plattformen: Mindestens genauso stark läuft die Verbreitung und Präsenz von Attentatvideos über Mainstream-Nachrichtenmedien, von denen einige Details aus Manifest und Video auch noch lange online hatten, nachdem Facebook und Youtube die Mitschnitte und Links zum Manifest offline nahmen. Es sind nicht einfach nur das böse Internet oder nur die sensationslüsternen Medien schuld, sondern es ist leider wie so oft komplizierter. Facebook wird gerne vorgeworfen, dass es nur unter aufmerksamkeitslogischen Kriterien vorgehe, aber das stimmt nicht (mehr): Facebook versucht seit inzwischen schon ein paar Jahren die Plattform zu moderieren. Was bei 2.32 Milliarden aktiven Usern, die sie 2018 hatten, halt nur nicht ganz so einfach ist. oderation ist gerade bei so gut wie jeder sozialen Plattform das heiße Thema. Seit Jahren sind sich eigentlich alle dessen bewusst, dass die Social Networks sich mit einer wirklich guten und sinnvollen Moderation gar nicht rechnen würden und dass die Probleme bis tief in den Strukturen sitzen. Letztlich sind die Internetplattformen auch eine öffentliche Infrastruktur, die von Menschen für Kommunikation, Organisation und Unterhaltung genutzt werden und Pauschalkritik an Internetplattformen lenkt davon ab, dass jede*r einzelne genauso selbst sein Umfeld mitprägt und mitverantwortlich ist.

Das sei aber bitte nicht als Tone Policing zu verstehen. Es geht hier aber um Ethik und wir sollten nicht in die “Civility Trap” laufen, wie es Ryan M Milner und Whitney Phillips nennen, beide Professor*innen der Kommunikationswissenschaften, die sich viel mit Meme- und anderer Internetkultur beschäftigt haben. Sie sagen, es gehe nicht darum, dass die Gesellschaft wieder zu einem zivilisierteren Umgangston finden müsse, und dass man nicht vergessen solle, dass der Ruf nach einem zivilisierteren Umgangston oft nur ein sogenanntes “tone policing” ist, das traditionell oft auch dazu verwendet wird, Forderungen von Marginalisierten nach mehr Gleichberechtigung zum Schweigen zu bringen. Dabei wird verdrängt, dass diese mit höflichen ruhigen Formulierungen meist einfach ignoriert werden, und nur deshalb überhaupt erst zu lauteren, zugespitzteren und aggressiveren Ausdrucksformen gegriffen haben. Ein ruhigerer Umgangston mag hilfreich sein, aber funktioniert eben nur, wenn alle Seiten mitspielen, und Höflichkeit allein löst keinen strukturellen Sexismus und keine Umvolkungs-Theorien auf, und der Verzicht auf Facebook und Twitter genauso wenig. Im Gegenteil: Die Nutzung sozialer Netzwerke hat vielen überhaupt erst eine breitere und vielfältigere Perspektive auf die Welt eröffnet. Das ist etwas, was bei all dem negativen Fokus auf Filterbubbles und Echokammern nicht vergessen werden sollte. Offliner stecken meist in viel engeren Filterbubbles und Echokammern. Was ist aber dann das Problem, wo können wir ansetzen? Nun, Milner und Philips machen als Antwort das, was gute Wissenschaftler*innen meistens machen: Sie erklären, dass und warum die Sache komplizierter ist. Kurz und grob zusammengefasst: Viele einzelne kleine, oft als Bagatelle erscheinende, unethische oder unsoziale Kommunikationsverhalten auf den Plattformen summieren sich und sind tragen genauso viel zu großen unethischen Vorfällen bei, wie zum Beispiel Vergewaltigunsdrohungen, Hasskommentare oder Mobbingattacken, auf die sich fokussiert wird. Es entsteht insgesamt ein toxisches Ökosystem.

Sie wählen zur Verdeutlichung das Bild einer Biomassenpyramide. Extremisten brauchen Verstärker, und als solche dienen nicht nur große Medien, sondern auch jede*r Einzelne von uns, die deren strategisch platzierte Inhalte weiterverbreitet, selbst wenn das geschieht, in dem wir uns drüber aufregen und davon distanzieren. Damit in einem Lebensraum ein Löwe überleben kann, braucht es ziemlich viele Insekten. Nach Milner und Philips füttern kleine unethische Verhaltensweisen – wie ein sarkastischer Kommentar, mit dem ein Newsartikel geteilt wird, oder das ironische Weiterverbreiten von einem Hoax, oder Spotten, oder Insiderjokes, usw. – sowas stärkt in der Masse überhaupt erst eine Atmosphäre, in der dann große Fälle von Desinformation wie ein Aufreger-Hasstweet von Trump überleben können. Das nur als ein kleiner Einblick, was alles zusammenspielt, Journalismus spielt da natürlich auch noch rein, auch die spezifischen Affordances der einzelnen Plattformen, usw. – aber das ist noch mal ein ganz eigenes großes Thema, vielleicht irgendwann für einen anderen Vortrag. Aber erst wenn ich das komplette Buch der beiden dazu gelesen habe, das “The Ambivalent Internet” heißt.

Steigbügelhalter Rape Culture

Zurück zum frauenfeindlichen Terror, der aus einem schädlichen gesellschaftlichen Männerbild erwachsen kann: Eliot Rodger ist kein Einzelfall und war lange nicht der erste, es wurde nur zu lange nicht so benannt: Neben den schon erwähnten, erstach zum Beispiel 2014 ein 18jähriger in Portsmouth drei Frauen und begründete seine Tat damit, dass er noch nie Sex gehabt hätte, obwohl er doch so erzogen worden sei, dass Frauen der schwächere Teil der menschlichen Rasse seien. 2009 ermordete ein Mann in Pittsburgh drei Frauen und sich selbst und hinterließ als Motiv, dass er 29 Jahre lang keinen Sex gehabt hätte. Die Vorstellung, als Mann ein natürliches Recht auf Sex mit Frauen zu haben, ist Teil dessen, was unter dem Begriff der Rape Culture gefasst wird: Ein gesellschaftliches Umfeld, in dem Übergriffe normalisiert sind, und indem z.B. große Medien das Wort “Sexattacke” statt “Vergewaltigung” benutzen, um nur eines von zahllosen Beispielen zu nennen. Jordan Peterson ist auch ein gutes Beispiel dafür wie normal, wie weit akzeptiert radikale Frauenfeindlichkeit ist. In der New York Times wurde er als “einflussreichster Intellektueller der westlichen Welt” bezeichnet, sein Buch hat sich inzwischen weit über 3 Millionen mal verkauft, und auch hierzulande schrieben einige große Zeitungen erschreckend kritiklos über ihn. Lukas Hermsmeier kritisiert ein 8seitiges Porträt, das im SPIEGEL erschienen war: „Petersons Anhänger werden als ‘einsame, sinnsuchende Großstadtjungs’ und ‘Männer, die Fragen haben statt Antworten’, verniedlicht. Dass eine britische Journalistin nach einem Interview mit Peterson Morddrohungen erhielt, wird nicht etwa auf den in Petersons Community weitverbreiteten Frauenhass zurückgeführt, sondern damit begründet, dass ‘Popularität im Netz auch Polarisierung, Wut, Hass bedeutet’. .. Peterson scheint eine Erlösung zu sein. Für all die Männer, die darauf gewartet haben, dass ein fleischfressender Professor die banale Verachtung für Feministinnen in bedeutungsschwere Sätze verpackt. Was vom ‘Spiegel’-Text hängen bleibt? ‘Nonkonformistisch’, ‘charismatisch’ und ‘neugierig’ sei Peterson. Ein Cowboy mit Positionen, die sich im ‘Spektrum konservativ-libertären Denkens’ befinden. Wie beschreibt man ihn am besten? Vielleicht so, wie es die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ im April tat, also als ‘die Stimme der schweigenden liberalen Mitte’. ”

Und um noch mal in aller Deutlichkeit das Level von Misogynie zu zeigen, für das er steht: Nach dem Anschlag in Toronto letztes Jahr, den der Täter mit einer Incel-Ideologie begründete, sagte Jordan Peterson in einem Vortrag: “Der Täter war wütend auf Gott, weil Frauen in zurückwiesen. Die Heilung dafür ist erzwungene (“enforced”) Monogamie.” Das ist für ihn eine rationale Lösung, weil Frauen sonst nur an Männern mit dem höchsten Status interessiert wären und die Hälfte aller Männer leer ausgehen würden. Das entspricht genau der Incel-Weltanschauung und wenn das tatsächlich, um das FAZ-Zitat aufzugreifen, die Stimme der schweigenden liberalen Mitte ist, wisst ihr, warum wir von einer in unserer Gesellschaft weit verbreiteten Rape Culture sprechen. In den Kreisen der Manosphere werden Vergewaltigungen schöngeredet und der Mythos aufrechterhalten, dass Männer eigentlich die größten Opfer von Vergewaltigungen seien, weil Männer überwiegend von Frauen ungerechtfertig einer Vergewaltigung bezichtigt würden. Tatsächlich sind es “je nach Untersuchung, Land und politischer Weltsicht der Autoren … zwischen zwei und acht Prozent”.

Der Verdacht der Falschbeschuldigung als Reflexreaktionist kein explizit rechtes Vorurteil, aber es ist eines. Und es ist eines, das sich im verängstigten Aufschrei vieler Männer nach MeToo wiederspiegelt, was man denn jetzt überhaupt noch dürfe. Eine Frage, die nichts anderes heißt als: werden wir jetzt wohl belangt, wenn wir eine Frau gegen ihren Willen antatschen? Es ist die Formulierung von Angst vor Konsequenzen. Und das drückt aus, wie normal Übergriffe und Missbrauch in unserer Gesellschaft sind. Deswegen sind die Angriffe der Rechten auf diesem Gebiet so gefährlich: bei diesem Thema können sie tief in der Mitte des gesellschaftlich Akzeptierten vorstoßen und Verbündete finden. Ich teile hier die These von Franziska Schutzbach, dass Antifeminismus und Anti-Gender “zu einer zentralen Chiffre [wurden], mit der die Einmittung rechter Weltanschauungen möglich wird, mit der also rechte Positionen in verschiedenen politischen Milieus gesellschaftsfähig werden.”

Szientismus, Skeptizismus, Meinungsfreiheitabsolutismus

Es sind keine klassischen Konservativen, sie sehen sich oft als Progressive. Konservative, so Jay Allen, stünden für sie für Zensur und Unwissenschaftlichkeit, während sie für Gedanken- und Meinungsfreiheit und Skeptizismus stehen. Und für Meritokratie, für eine pure Leistungsgesellschaft, ob das im Game ist, um Frauen zu gewinnen, oder auch sonst in jedem Gesellschaftsbereich: Wenn du erfolgreich bist, dann verdienst du es, weil du überlegen bist. Jede Frau oder jede* Schwarze, die erfolgreich sind, sind das nur, weil sie getrickst haben oder sie sind es wegen verweichlichender Mechanismen sozialer Gerechtigkeit, die es zu überwinden gilt. Redpiller rationalisieren noch die bösartigste Diskriminierung als Hass auf eine spezielle Person, die nur zufällig einer Minderheit angehört, statt als Hass auf die Minderheit selbst. Jay Allen erklärt auch, dass die Red Piller ihre Vorstellung, dass ihnen eine Verschwörung von Kulturmarxist*innen, die der ganzen Gesellschaft progressive Überzeugungen aufzwingen wolle, nicht nur ablehnen, weil sie sie als unfair ihnen gegenüber verstünden, sondern auch, weil sie die Warheit verschleiern würden.

Und es geht hier nicht um tatsächliche Wissenschaftlichkeit. Während die wissenschaftliche Methode sich nur mit dem beschäftigt, was beobachtet und gemessen werden kann, handelt es sich bei den Redpillern meist um Szientismus. Szientismus geht einen Schritt darüber hinaus, so Allen, und lehnt die Autorität oder den Wert von allem ab, was nicht empirisch beobachtet werden kann. Deswegen wird auch alles, was subjektiv erforscht wird, wie Philosophie, Religion und Theologie oder Kunst als minderwertig betrachtet, weil es nicht die vermeintlich objektiven Wahrheiten der hard science, der Naturwissenschaften, vorweisen kann. In der Praxis heißt das aber lediglich, dass sie ihre eigenen Ansichten, egal wie wenig beweisbar, einfach als objektiv betrachten und behaupten. Jay Allen nennt das denn auch konspirativen Szientismus und verfolgt das bis in Bitcoin-Kreise hinein. Evolutionäre Psychologie und Neuropsychologie sind auch Felder, die dort gerne missbraucht werden, um bereits vorhande Vorstellungen scheinbar wissenschaftlich zu ‘begründen’.

Dark Enlightenment, Neoreactionaries, Reactosphere

Noch stärker ist das alles bei dem sich durchaus überschneidendem Dark Enlightenment ausgeprägt, der Bewegung der dunklen Aufklärung, das neoreactionary movement, das ganz klar anti-demokratisch ist, und einem pseudowissenschaftlichen Rassismus frönt, Stichwort “racial realism” und “human biodiversity”. Die Anhänger des des Dark Enlightenment würden sowas wie eine Monarchie begrüßen, nur statt dem göttlichen Recht von Königen und der Aristokratie gäbe es ein “genetisches Recht” von Eliten, beschreibt das Klint Finley. Zu diesen Neoreactionaries, werden auch Leute wie Steve Bannon oder Peter Thiel gezählt, der Mitgründer von Paypal und Trump-Berater und Vorstandsmitglied von Facebook. Thiel (auch einer der neurechten Schwulen), hat klar geäußert, dass er bezweifelt, dass Freiheit und Demokratie miteinander kompatibel seien, nicht zuletzt weil in einer Demokratien auch Empfänger von Sozialleistungen sowie Frauen das Wahlrecht haben. Wählen sollten, ginge es nach ihm, nur die wirtschaftlich “nützlichen” Mitglieder einer Gesellschaft dürfen. Diese Neoreaktionäre Bewegung wird auch unter “reactosphere” genannt, “Reactosphäre”, ein Begriff, den auch die beiden Jungs von der Identitären Bewegung in dem Podcast, den ich eingangs erwähnte, für sich als Selbstbezeichnung in Anspruch nehmen. Ich glaub, im Deutschen ist “paläolibertär” ein ähnlicher Begriff. Aber bevor ich noch weiter in diese zahllosen rechten Verzweigungen und Subszenen abgleite, ziehe ich hier mal einen Schlussstrich und kehre zur klassischen Manosphere zurück.

Verunsicherte junge Männer geraten in toxische Männlichkeitsgruppen mit sektenähnlichen Rekrutierungsmethoden

Es wird wie gesagt auf diesen Foren ein Weltbild etabliert, dass Sex mit Frauen etwas sei, was Männer automatisch verdienen würden, wenn sie bestimmte Spielzüge korrekt absolvieren, und die Frauen, die ihnen trotzdem Sex verwehren, würden ein Unrecht begehen und seien undankbare “Feminazis”. Es wird ein Bild toxischer Männlichkeit aufgebaut, mit dem auch Männer nicht glücklich werden können, ein schädliches Männlichkeitsideal – jeder steht in Konkurrenz zu jedem, Empathie und Gefühl sind Schwächen, die es zu überwinden gilt. Diese Manosphere lockt mit der Verheißung, Jungen und Männern, die offline kein hilfreiches soziales Umfeld haben, dort online Hilfe zu finden. Wo sie nach Hilfe suchen, um mit mangelndem Selbstbewusstsein, Unsicherheiten und Beziehungsproblemen fertig zu werden, wird ihnen eine Welt eröffnet, in der es zwar schon auch um scheinbar harmlose Tipps rund um Styling, körperliche Fitness und das Aufbauen eines Selbstbewusstseins geht, aber das eben in einer Weise, die höchst hierarchische und konkurrenzgeprägte Züge trägt. Es geht immer wieder nur um Macht und deren Kehrseite: Ein Versager, ein Beta, zu sein. Jennifer Cool, eine Anthropologin, die an der USC Internetkultur und -geschichte erforscht, sieht das Problem in einer gesellschaftlichen Individualisierung des Prozesses jemanden für eine Beziehung zu finden. Nicht offline versus online, sondern wo vor vielen Jahren Leute eher durch Aktivitäten in Gruppen eingebettet waren, seien an diese Stelle heute für viele eher personalisierte Erfahrungen getreten. Und wo sie sonst keine sozialen Kontakte fänden, haben sie online die Möglichkeit eine soziales Forum zu finden, in dem sie zwar keine Partnerin fänden, aber wenigstens einen Kreis von Leidensgenossen. Was aber passiert, wenn junge verunsicherte Männer, die sonst wenig Kontakt mit anderen haben, im abgeschotteten Weltbild der Manosphere landen, kann gefährlich werden.

Es wird immer wieder mit Sekten verglichen, nicht zuletzt von ehemaligen Red Pillern selbst. Amelia Tait hat für den New Statesman mit einigen Ex-Red Pillern gesprochen. Joao aus Portugal, zum Zeitpunkt des Interviews 24 Jahre alt, stieß mit 17 Jahren auf solche Foren und er erzählt: “Ich glaubte alles, alles. Und wenn du nicht alles glaubtest… wenn du auf ein Red Pill Reddit gehst und nicht einer Meinung mit dem Rest bist, löschen sie entweder deine Kommentare oder sie versuchen sich über dich lustig zu machen und dich zu beschämen. Du kannst nichts kritisieren, weil Leute ganz schnell versuchen, dich herabzusetzen.” Jack, ein 24jähriger britischer Ex-Red Piller sagt: “Wie die Bewegung Evolutionäre Psychologie einsetzte, das überzeugte mein rationales Denken, dass alles, was ich las, ein wissenschaftlicher Fakt sei, der von Feministinnen unterdrückt werde. Ich begann male Victimhood, den männlichen Opferstatus, überall in der Gesellschaft zu sehen. Es hat meine Confirmation Bias – also die Schwäche, dass Menschen dazu neigen eher Dinge zu glauben, die ihrem Weltbild entsprechen – gefüttert, dass die Gesellschaft so aufgebaut sei, dass Männer, die auf Frauen eingehen, dafür Sex zu bekommen haben.” Einige erzählen, wie sie das Incel Forum auf Reddit immer tiefer in einen Selbsthass trieb, nachdem sie eh schon davon überzeugt gewesen waren, nichts wert zu sein, nie von jemandem begehrt zu werden, und dass all ihre Freunde und ihre Familie hinter ihrem Rücken über sie lachen würden, weil sie die simple Aufgabe, eine Freundin zu finden nicht hinbekamen.

Tim, ein 22jähriger aus Neuseeland, glaubt, er sei nur deswegen nicht dort hängengeblieben, weil er immer schon viele Frauen in seinem Freundeskreis gehabt hätte, und so auch außerhalb noch ein anderer Blick auf die Welt präsent war. Louis, ein 19jähriger aus New York erzählt, dass er es erst schaffte, sich aus dem Forum zu lösen, als es immer rassistischer wurde. Louis ist ein Schwarzer. Während sich der Männerrechtsaktivismus zwar so darstellt, als sei er für alle Männer da, geht es eigentlich um die weißen Männer, die sich nicht nur von Frauen, sondern auch durch People Of Colour, letztlich alle nicht-westlichen Menschen und queere Menschen bedroht fühlen. Der Rassismus klingt auch in einem Begriff wie “cuck” an, der zu ihrem Jargon gehört: Eine Bezeichnung für Männer, die freiwillig an ihrer eigenen Unterdrückung teilhaben, und von der Begriffsgeschichte her stammt sie aus der Pornographie und bezeichnet dort ein Genre, in dem ein Mann dabei zusehen muss, wie seine Frau mit einem anderen, typsischerweise einem schwarzen Mann Sex hat. Die rassistische Aufladung des Begriffs wurde zum Beispiel auch deutlich, als Richard Spencer dagegen protestierte “Cuckservative” als Bezeichnung für Beta Males oder Liberals zu verwenden. Er bestand darauf: “It doesn’t make sense without race.”

Der Übergang zur rechten Szene ist ein fließender

Nicht alle Frauenhasser sind Rassisten und umgekehrt, aber eine tiefsitzende Verachtung für Frauen bildet, wie es die ADL in einem Reader zur Intersection of Misogyny and White Supremacy formuliert, ein “verbindendes Gewebe” zwischen Rechten und Gruppen wie den Incels, den Mänerrechtsaktivisten und den Pick Up Artists, es sei eine robuste Symbiose, die sich gegenseitig befruchte. Beispiele: Bevor er einer der bekanntesten Rechten der USA wurde, war Christopher Cantwell auf Männerrechtswebsites unterwegs und schrieb frauenfeindliche Blogposts. Der Alt-Right Blogger Matt Forney hat seine derbsten Anti-Frauen-Posts auch auf der Männerrechtswebsite Return Of The King gepostet. Viele Rechte in den USA verwenden den Begriff “thots” für Frauen, der für “that ho over there”, “diese Hure dort drüben” steht. Ein Begriff, der soweit in den Mainstream gelang, dass er auch in Hiphoptexten gängiger Jargon ist. Auch Andrew Anglin vom Naziblog The Daily Stormer wird in dem ADL Reader zitiert: “Your worst enemy is not Jew, White Man, but your own females.” – “Dein größter Feind ist nicht der Jude, weißer Mann, sondern deine eigenen Frauen.” Oder “Weibchen”, wie females vielleicht besser übersetzt wäre. Er beschreibt sich selbst als die “Speerspitze gegen die feministische Bedrohung.” Roger Devlin, ein nationalistischer Akademiker, führt aus, dass die Women’s Liberation den weißen Männern geschadet habe, weil weiße Frauen, wenn sie die Wahl haben, nicht mehr unbedingt heiraten und Kinder kriegen, und so nicht mehr die weiße Rasse am Leben erhalten. Auch auf Incel Messageboards wird beklagt, dass die Frauen zu viel Freiheit haben, was Männer wie sie um ihr sexuelles Geburtsrecht brächte. Manche, so der ADL Reader, finden, dass, indem sie Männern Sex verwehren, Frauen eine “reverse rape” begehen, eine umgekehrte Vergewaltigung, die ihrer Ansicht nach auch Raum in der metoo Diskussion finden müsse.

So sind die Manosphere-Foren eine Szene, die, wie auch Abi Wilkinson beobachtet hat, ein Nährboden für Neofaschisten ist. Sie finden dort wütende, frustrierte junge weiße Männer und ziehen sie nach ihrem Vorbild heran. Wilkinson schreibt, dass sie bei einigen Forenmitgliedern, deren Postings sie von früher bis heute gelesen hatte, eine Entwicklung lesen konnte, die von einer vagen Unzufriedenheit und dem Verlangen nach sozialem Status und sexuellem Erfolg bis hin zum voll ausgebildeten Festhalten an einer geschlossenen Ideologie von weißer Vorherrschaft und Frauenhass reichen.

Radikalisierungsmethoden: taktische Ziele, Manipulation, Polarisierung

Es ist kein Zufall, dass Rechte solche Foren nutzen, um Männer zu radikalisieren, sondern es ist Teil einer breit angelegten Taktik. Julia Ebner zählt in ihrem Essay “Counter-Creativity” in ‘Sociotechnical Change from Alt-Right to Alt-Tech’ drei taktische Ziele auf:

  • Radikalisierungskampagnen die an mögliche Sympathisanten gerichtet sind (da würde die Arbeit auf solchen Foren darunter fallen)
  • Manipulationskampagnen, die auf den gesellschaftlichen Mainstream gerichtet sind
  • Einschüchterungskampagnen, die auf politische Opponent*innen abzielen

In rechten Netzwerken werden Anleitungen geteilt, strategische Dokumente, in denen erklärt wird, wie man Gespräche anfangen kann, Vertrauen aufbaut, weitverbreitete Missstände ausnutzen kann und wie man die Sprache auf die Person zuschneidert, der man seine Ideologie nahezubringen versucht. Alice Marwick und Rebecca Lewis erklären in ‘Media Manipulation and Disinformation Online’, wie ein Amalgam aus Verschwörungstheoretikern, Technologie-Libertären, weißen Nationalisten, Männerrechtlern, Trollen, Anti-Feministen, Anti-Immigrations-Aktivisten, und gelangweilten jungen Leuten die Techniken der partizipatorischen Kultur, z.B. Memes, und den Angriffspunkten von Social Media einsetzen um ihre Überzeugungen zu verbreiten. Sie nutzen ganz gezielt die Möglichkeiten, die ein wegen Werbungsfinanziertheit auf Aufmerksamkeitsökonomie hin strukturiertes Internet bietet, um Schwächen im Newsmedienökosystem auszunutzen.

Ein Beispiel bei Marwick und Lewis ist 8chan/pol. Auf diesem Forum werden selbst angefertigte Memes und andere Bilder untereinander getauscht, kommentiert und Verbesserungstipps gegeben. Es ist bis hin zu angemessenen Verhaltensweisen auf Effizienz hin durchstrukturiert, so werden zum Beispiel Neulinge dazu angehalten, erst mal eine Weile nur mitzulesen, um die Gruppennormen zu verstehen, und sollen erst dann selbst posten. Ein konkretes Beispiel, wie sich dort gegenseitig etwas beigebracht wird, wäre, dass jemand dort z.B. anonym eine Flowchart postet, die Schwächen im liberalen Denken aufzeigen soll, und in dem Posting um Feedback bittet. Die Antwort hier mal als längeres Beispiel, um zu sehen, wie diese Ratschläge sich detailliert mit Zielgruppen und Medienpsychologie auseinandersetzen:

“This may seem like a good argument to people who already agree with it, but it
won’t make it past any memetic defenses of the brainwashed. You need to make
the message short and simple, so that the reader has already intaken [sic] all
of it before their brain shuts it down. And you need to make it funny so that it
sticks in their brain and circumvents their shut-it-down circuits.”

So werden gemeinsam Techniken und Memes ausgearbeitet, wie sich ihre Ideologie verbreiten lässt und Normies geredpillt werden können. (”Normies” ist Internetsprache für nicht sehr internetaffine Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte.)

Die Rechten teilen auf ihren Plattformen, zu denen z.B. auch Discord zählt, auch ein breites Angebot von Literatur miteinander, um mehr über Medien und öffentliche Meinung zu lernen. Dazu gehören klassische Medienstudien und soziologische Texte wie “Understanding Media” von Marshall McLuhan und “The Crowd” von Gustave Le Bon, ebenso wie Material zu Propaganda und Überzeugungstechniken, aber auch Saul Alinskys “Rules For Radicals” oder weniger bekannte Literatur über subliminale Werbung und Gehirnwäschetaktiken der US-Regierung. Social Engineering ist auch ein beliebtes Thema, die Praxis psychologischer Manipulation um Leute zu bestimmten Aktionen zu bringen. Das reicht von akademischen Publikationen bis zu radikalen Manifesten, von Marketing Texten bis zu CIA Trainingsmaterial und vielem mehr. Es ist klar, dass es ihnen darum geht, ein breites Verständnis der Medienumgebungen zu entwickeln, um sie besser zur Verbreitung ihrer Ideologie ausnutzen zu können.

Es geht um strategische Verstärkung und Framing und bei letzterem ist auch immer wieder wichtig, dass es für die Manipulatoren egal ist, ob Medien über ein Ereignis als etwa tatsächlich Geschehenes berichten, oder ob sie darüber berichten, um es zu Debunken, also: um es Richtigzustellen. Es geht gezielt darum, überhaupt eine Berichterstattung darüber zu bekommen. Es geht um Agenda Setting, das Setzen von Themenschwerpunkten. Denn: Wenn über ein Thema viel berichtet wird, erscheint es als ein bedeutendes Thema, es erscheint dann so, als müsse ja quasi was dran sein, sonst würden die großen Medien ja nicht dauernd darüber berichten. So schaffen es rechte Gruppierungen auch immer wieder, sich größer erscheinen zu lassen, als sie sind und traurigerweise gleichzeitig auch, mehr Anhänger*innen zu finden, da mehr Menschen dann glauben, dass etwas dran sein müsse – siehe nur die Berichterstattung über Flüchtlinge.

Es geht aber nicht nur ums Agenda Setting, sondern das Framing, also wie ein Ereignis gedeutet wird, ist ihnen natürlich auch wichtig, da bekannt ist, dass eine Misinformation fast nie wieder komplett richtiggestellt werden kann, wenn sie mal richtig die Runden gemacht hat. Richtigstellungen sind oft langweiliger und komplizierter und werden deshalb lange nicht so weit verbreitet.

Ein halbwegs aktuelles Beispiel wäre die Berichterstattung über den Angriff auf Frank Magnitz, bei dem es die Rechte schaffte, dass die Medien ein einprägsames Bild des blutüberströmten AfD-Politikers mit der Meldung verbreiteten, er sei von Linksradikalen mit einem Kantholz niedergeschlagen und am Boden liegend noch getreten worden. Beides wurde im Nachhinein dank Videoaufnahmen entkräftet, aber das erste Framing bleibt immer ein gutes Stück weit haften. Wenn selbst der Bundespräsident vorschnell das falsche, rechte Framing übernimmt, das die Tat als Gewalt von politischen Gegnern darstellte, ist es schwer, das wieder rückgängig zu machen.

Noch dazu verbreitet sich durch solche Richtigstellungen im Nachhinein eine immer größere Unsicherheit, was denn überhaupt noch wahr sei, an dem, was die großen Newsmedien berichten. Auch das nutzen die Rechten bewusst, denn dieses Chaos arbeitet ihnen zu: Je mehr gesellschaftliche Verunsicherung, desto mehr mögliche Leute, die sich radikalisieren lassen. Es wird bewusst in der Grauzone, der Zone der Unentschlossenen, manipuliert; es ist eine taktische Polarisierung, die die Gesellschaft immer weiter spalten soll, damit sich binäre Welterklärungsmodelle durchsetzen. Die moderate Mitte soll dazu gebracht werden, eine Seite zu wählen, damit die politischen Ränder stärker werden, so Julia Ebner.

Rechte Hive Mind, die vom Chaos profitiert

Es sollte klar sein, dass es sich bei diesen Kreisen nicht um ein paar verwirrte Köpfe handelt, sondern dass hier eine Hive Mind am Werk ist, die sich stetig verändert, keine geschlossene Gruppierung, sondern eine die überall lose Enden zur Anknüpfung hinterlässt und die von einem immer chaotischer erscheinenden Weltbild profitiert. Und die von der Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Plattformen profitiert.

James Bridle beschreibt im Conspiracy-Kapitel von New Dark Age (Übersetzung von mir): “Wenn du dich auf Social Media einloggst und beginnst nach Information zu Impfungen zu suchen, wirst du schnell deinen Weg zu Anti-Impf Meinungen finden. Und wenn du solchen Informationsquellen erst mal ausgesetzt bist, werden andere Verschwörungen – Chemtrailers, Flatearthers, 9/11Truthers – in deinen Feed promoted. Schnell fühlen sich diese Meinungen wie die Mehrheit an: Eine endlose Echokammer unterstützender Meinungen. … Wenn du online nach Unterstützung deiner Ansichten suchst, wirst du sie finden. Und darüberhinaus, wirst du einen andauernden Stream der Bestätigung gefüttert bekomme: mehr und mehr Information von immer extremeren und polarisierenderen Natur. So graduieren Männerrechtsaktivisten zu weißem Nationalismus, und so fallen unzufriedene muslimische Jugendliche dem gewalttätigen Jihadismus anheim. Das ist algorithmische Radikalisierung, und sie arbeitet den Extremisten in die Hände, die wissen, dass Polarisierung der Gesellschaft ultimativ ihren Zielen nutzt.”

Danah Boyd, Gründerin von Data & Society, formuliert es in ihrem Essay ‘The Messy Fourth Estate’ über die Rolle des Journalismus beim Erstarken der Rechten so: “In zeitgenössischer Propaganda geht es nicht darum, jemanden davon zu überzeugen, etwas zu glauben, sondern sie davon zu überzeugen, das zu bezweifeln, was sie zu wissen glauben.” Womit wir wieder beim verschwörungstheoretischen Denken wären, auf das ich am Anfang des Vortrags eingegangen bin.

Den Einschlag absorbieren

Ich hab eine Weile überlegt, wie ich diesen Vortrag beenden will, klassisch mit einem zusammenfassenden Resümée, mit einer kämpferischen feministischen Ermutigung oder mit Werkzeugen zum Dagegenhalten, aber ich hab mich dann für einen etwas längeren Auszug aus dem eben erwähnten Essay von Danah Boyd entschieden, die seit vielen Jahren zu Jugendlichen und Internetnutzung forscht, als eine Art offenes Ende, das hoffentlich zum Weiterlesen, Weiterdenken und Aktivwerden anregt. Danah Boyd schreibt (Übersetzung von mir):

“Als Kind, wenn ich gegen alles und jeden aufbegehrte, was es meine Mutter, die mich nachts hielt, bis ich einschlief. Als ich ein Teenager war und meine Nächte im Usenet durchchattete, waren es zwei Leute, die mir im Gedächtnis blieben, wie sie mich auffingen und mir halfen wieder festen Boden unter den Füßen zu gewinnen, ein Soldat im Einsatz und eine Transgender Frau, die mir beide das Gefühl gaben, mich zu halten, während ich verrückte Fragen stellte. Sie haben den Einschlag absorbiert und mir eine andere Art zu denken gezeigt. Sie haben mir die Macht von Fremden gezeigt, die jemanden in einer Krise beraten. […]

1995, als ich versuchte, meine Sexualität zu verstehen, begab ich mich in diverse Onlineforen und stellte einen Haufen idiotische Fragen. Ich wurde quasi adoptiert von der schon erwähnten Transgenderfrau und vielen anderen, die mir zuhörten, mir Hinweise gaben, und mir halfen, mich durch das hindurchzudenken, was ich fühlte. 2001, als ich versuchte herauszufinden, was die nächste Generation tat, realisierte ich, dass Jugendliche, die ähnlich mit etwas zu kämpfen hatten, viel wahrscheinlicher bei einer christlichen Gay Conversion-Therapie landen würden, als bei einem sie unterstützenden Queer Peer. Queere Menschen hatten es satt, von anti-LGBT Gruppen attackiert zu werden und hatten sich Safe Spaces in privaten Mailinglisten geschaffen, die ein verlorener queerer Jugendlicher nur schwer finden konnte. Und so wurden diese Jugendlichen in ihren dunkelsten Stunden von denen mit einer schmerzhaften Agenda aufgefangen.

Spul noch mal 15 Jahre vor und Teens, die versuchen soziale Themen zu verstehen, finden keine progressive Aktivisten, die dazu bereit sind, sie aufzufangen. Sie finden die sogenannte Alt-Right. Ich kann euch gar nicht sagen, bei wie vielen Jugendlichen, die wir Fragen stellen sahen, wie ich sie stellte, wir beobachteten, wie sie von Leuten zurückgewiesen wurden, die sich mit progressiven sozialen Bewegungen identifizieren, nur um dann Kameradschaft in Hassgruppen zu finden. […]

Verbring mal etwas Zeit damit, die Kommentare unter den YouTube Videos von Jugendlichen zu lesen, die damit kämpfen, die Welt um sie herum zu verstehen. Du wirst schnell Kommentare von Leuten finden, die Zeit in der Manosphere verbringen oder sich dem white supremacy Denken verschrieben haben. Sie tauchen da rein und reden mit diesen Jugendlichen, bieten ihnen ein Gerüst an um die Welt zu erklären, eines, das in zutiefst hasserfüllten Vorstellungen wurzelt. Diese selbstberufenen Selbsthilfe-Akteure umwerben Menschen, damit sie sehen, dass ihr Schmerz und ihre Verwirrung nicht ihr Fehler ist, sondern der Fehler von Feminist*innen, Immigrant*innen, People Of Color. Sie helfen ihnen, zu verstehen, dass die Institutionen, denen sie eh schon misstrauen – den Nachrichtenmedien, Hollywood, Regierung, Schule, Kirche -, sogar daran arbeiten, sie zu unterdrücken. Die meisten, die diesen Ideen begegnen, werden sie nicht annehmen, aber manche werden es. Und die anderen werden vielleicht nie mehr den Zweifel los, der in ihnen gesät wurde. Es braucht nur einen kleinen Funken.”