Medium Sweet – 1 Jahr Kantine

Ich habe mir derzeit zwei Wochen Urlaub genommen und es hat tatsächlich fünf Tage gedauert, bis ich soweit runtergekommen bin, dass ich das Schreiben wieder anfangen konnte. Vorher: eine Wespennest von Gedanken, ein einziges Getriebensein und Gefühle nur noch in Extremen, zwischen Abgrund und Euphorie. Jetzt sitze ich gerade über einem Text zu politischem Handeln in Zeiten der Weltuntergangsstimmung, entlang an The Good Fight S3 und von Triers Melancholia, und ein paar theoretischen Texten. Bin selber gespannt, was und ob was Rundes draus wird.

Wenigstens habe ich wirklich viel gelesen in letzter Zeit, das hat gut getan. Viele Romane. Sachbücher: die meisten nur angefangen, aber noch nicht fertig gelesen. Gut fand ich fast alles, was ich mir ausgesucht hatte, z.B. Lukas Rietzschel – Mit der Faust in die Luft schlagen, Cory Doctorow – Radicalized, Amitav Gosh – The Great Derangement, Jasper Nicolaisen – Erwachsen, Anna Burns – Milkman, Eckhart Nickel – Hysteria, Tim Maughan – Infinite Detail, Jessica Townsend – Nevermoor 1 und 2, Maggie Nelson – The Argonauts, Berit Glanz – Pixeltänzer. Über einige der Bücher will ich auch noch unbedingt Besprechungen schreiben.

Sonst noch halbwegs aktueller Output von mir: Ich habe für Analyse & Kritik (ak 651) eine Stranger Things 3 Besprechung geschrieben (hot take: Die Netflix AI ist das eigentliche Monster) und für Zement einen Remix gemacht (noch nicht veröffentlicht), für den ich Fruity Loops wiederbelebt habe – nach wie vor eine ganz wunderbare Software zum Beats machen. Partyplanung für Herbst steht auch halbwegs, auch noch mal ein Voguing Ball. Jetzt muss ich bloß aufpassen, dass ich nicht wieder tausend kleine zusätzliche Ideen bekomme, dann könnte es tatsächlich ein Herbst werden, in dem ich wieder den Kopf frei genug zum Schreiben habe.

Und ganz aktuell: Ich bin ja Teil des alternativen Veranstaltungskollektivs Musikverein. Wegen einer großangelegten Restaurierung mussten wir letztes Jahr aus unserer alten Location (Zentralcafé, K4) ausziehen. Dafür bekamen wir von der Stadt aber fantastisch zentral und nah am alten Ort gelegene Zwischennutzungsräumlichkeiten gestellt. Da wir letzthin feststellten, dass unser Umzug nun schon wieder fast ein Jahr her ist, haben wir noch kurzfristig beschlossen, das zu feiern. Für die Party habe ich Text, Namen und Plakat entworfen und freu mich schon drauf.

 

MEDIUM SWEET

Musikverein feiert 1 Jahr Kantine

Unser Umzug vom Zentralcafé in den Ausweichort Kantine war für den musikverein ein Jahr des Neuerfindens. Große Kompromisse, viel Improvisieren, viel weniger Platz, Neuorientierung hinten und vorn. Manche MV-Family-Mitglieder schieden dann leider auch aus, aber es kamen auch wieder neue dazu. Zu den ganzen Booking- und Veranstaltungstätigkeiten kam ganz schön viel Arbeit, die wir noch in den Club stecken mussten. Nicht immer ganz einfach, gerade für Ehrenamtliche. Aber langsam wird’s. Und hey, dieses erste Jahr in diesem Exil war auch schon voller positiver Momente, und bei vielen Dingen bekamen wir auch Hilfe. Es hat uns auch ganz schön zusammengeschweißt. Klar vermissen wir das Zentralcafé – es bleibt unvergleichbar und unvergessen. Aber es ist auch schön, eine neue Location mitzuformen, auch wenn es nur eine vorübergehende ist, und daran zu arbeiten, sie nicht nur einfach als Veranstaltungsort zu nutzen, sondern auch Arbeit reinzustecken, auch die Kantine als einen hedonistisch-kritischen, bescheuerten und widerborstigen, geliebten und gehassten, linken und inklusiven Ort prägen.

Musikalisch sind wir natürlich immer noch breit aufgestellt: In diesem ersten Jahr gab’s in der Kantine Livemusik von Punk, Synthiepop, Indie, Rap, Screamo bis zu Ambient, Doom, Wave, Drone, Krautpop, Beats, experimenteller elektronische Musik, u.v.m., dazu Club Nights in die verschiedensten Richtungen und auch einige Vorträge und Lesungen, und neue Formate, wie z.B. Feministisch Biertrinken, und einige Kooperationen, bei denen wir den Veranstaltungsideen Anderer Raum gaben. Wir sind jetzt schon gespannt, was das nächste Jahr bringt, zum Beispiel an neuen Mitgliedern (wie wär’s?!) und hey, das spannendste: Ob wir im zweiten Jahr vielleicht vom Heißluftballon unter den Digitalisierungshauptstädten endlich Internet in der Kantine kriegen. Stadt Nürnberg, you listening?! :slightly_smiling_face:

Insgesamt lässt sich sagen: Wir – und zu diesem “wir” gehören auch unsere Gäste – sind langsam in der Kantine angekommen. So, wie der Ort langsam physisch Patina gewinnt, haben wir ihn auch schon mit einigen Erinnerungen besetzt, die Funken sprühen und diese Party-Nacht wird hoffentlich dazu gehören!

Natürlich mit fast allen euren Lieblings-DJs vom Musikverein: Ramshackle, Philip Manthey, atomic_betty, Dj Fail, Comandante Manolo und eve massacre!

 

Deep Malle – Hölle? Hölle, Hölle, Hölle!

Zur Blauen Nacht, einem Beispiel städtischer Eventkultur in Nürnberg, habe ich für den musikverein zum Motto des Jahres 2019 ‘Himmel und Hölle’ einen Abend unter dem Titel “Hölle? Hölle, Hölle, Hölle!” entworfen:

“Hölle? Hölle, Hölle, Hölle!” lautet das Zitat eines großen deutschen Künstlers, das der musikverein für seinen Beitrag zur Blauen Nacht als Konzept aufgreift. Malle goes Noise und Techno und Pop und Deconstructed Dancefloor. “Sangria” kommt von “Aderlass” und “Limbo” ist ein Kreis der Hölle. Kritische Soundexperimente treffen auf ein Stahlbad voll Fun mit lokalen Künstler*innen: Live Acts, Installationen, DJs. So ein Wahnsinn.

Mit: Franz-Josef Kaputt (Otomatik Muziek), double u cc (Trouble in Paradise), Tobi Lindemann (Salon der unerfüllten Wünsche, Noris ohne Mauer, Libroscope) und vom musikverein: Philip Manthey, Amelie und eve massacre.

DEEP MALLE Mix

 

Mein musikalischer Beitrag war ein Mix, den ich nun auf Mixcloud hochgeladen habe. Ich habe noch aus meiner Mash-up-Phase eine große Liebe dafür, wie Kontextverschiebungen Musik verändern können, wie sich aus Textzeilen und Tracktiteln neuer Sinn ergeben kann, und für das Karnevalisieren von Musik, das Zerstückeln und Neukombinieren von Profanem mit Sakralem, von Seriösem mit Pop Trash. Eine Lieblingsstelle von mir ist in diesem Mix wie die Zeile “Vorglüh’n, Nachglüh’n, alle müssen springen!” über einen Sunn o))) oder Jóhann Jóhannsón Track gelegt, eher nach einem verzweifelten letzten Hilfeschrei klingt als nach Partygehüpfe, eine Erinnerung daran, wie eng verwandt extreme Verzweiflung und extremes Vergnügen sind.

Tracklist:

Disasterpiece – Title (It Follows OST)
Shalt – Nid de guepes
Chaos Team – Tschüss Niveau
Taso & Siete Catorce – 2 for 20$
Carina Crone – Ich hab auch Augen (Du Arsch)
Disasterpiece – Old Maid (It Follows OST)
Sunn o))) – Orthodox Caveman
Axel Fischer – Du bist mein Untergang
Isis Scott – Beautiful $ea
Jóhann Jóhannsson – Flight from the city
Marry – Vorglüh’n Nachglüh’n
Amnesia Scanner – Symmetribal
Andy Grey – Hasenzeit
Mia Julia – Wir sind die Geilsten
Air Max ’97 – Veneer
Jörg & Dragan (Die Autohändler) – Schade, dass man Bier nicht küssen kann
Throwing Snow – Simmer
Wolfgang Petry – Wahnsinn (Hölle, Hölle, Hölle)
Randomer – Far Purple Figs
Frenzy Blitz – Jung, blöd, besoffen
Dis Fig Bootie (Air Max ’97 x Oklou) – Like Rainbow Horse Running Through Misty Brain
Ikke Hüftgold – Huuh
Neana – Tell Her
Honk! feat. Andy Luxx – Wochenende, saufen, geil
Tobee – Helikopter 117 (mach den Hub Hub Hub)
Hans Zimmer & Benjamin Wallfisch – Mesa (Blade Runner 2049 OST)

DEEP MALLE Visuals

Als Visuals für den Abend habe ich ich Saufurlaubsbilder vom Ballermann mit Deep Dream und Glitch bearbeitet, als eine billige (passend zur “billigen”, verpixelten Optik, die auf das Trashige der Kultur anspielt) Metapher für den verzerrten Blick des Bildungsbürgertums und der Stadtoffiziellen, dem DIY-Kultur von kritischen Bürger*innen ähnlich wie die Arbeiter*innenkultur des Ballermanns animalisch erscheint. Gleichzeitig verweisen die Glitches und die langsame wabernde Verzerrung aber auch auf den durch Trunkenheit verschwommenen Blick der Ballermannkultur selbst, die Kritik an deren misogynen und nationalistischen Züge einarbeitend. Ein changierendes Bild, kein klares gut/schlecht Schema, Raum für trunken-mäandernde Reflexion. Hier ein Eindruck in Form kleiner gifs.

DEEP MALLE Sangria-Eimer

Neben Stoffblumengirlanden und großen aufblasbaren Plastikpalmen gab es in einer Ecke auch noch einen Sangria-Eimer, für den ich folgenden Hinweistext schrieb:

Der Sangria-Eimer, ein zweckentfremdeter Putzeimer, war das rituelle gemeinschaftsstiftende Gefäß der “Putzfraueninsel”, wie Mallorca verschrien wurde: Ein Ort, an dem der Urlaub, einst das Privileg der Bildungsschicht, eine Demokratisierung erfuhr und für den Urlaub der Arbeiterklasse, den rauschhaften Ausbruch der Arbeiterklasse aus dem Alltag stand. Für die bildungsbürgerliche Schicht ein beängstigend wilder Ausbruch voller Exzesse, ähnlich der ursprünglichen Karnevalisierung im Bachtinschen Sinne, wie Sascha Szabo feststellte. Das Ballermann-Feiern ist ein besonders heftiges, temporäres Aufbegehren gegen das protestantische und neoliberale Nützlichkeits- und Produktivitätscredo, dem sich sonst tagein tagaus unterworfen werden muss. Das schlägt sich auch in der Musik nieder: In Hits mit Titeln wie “Saufen, morgens, mittags, abends” oder “Hartz 4 und der Tag gehört dir”, mit Textzeilen wie “wenn keine Kohle, dann ab ins Dispo, doch das ist uns scheißegal”.

In den Visuals, die auf der Wand zu sehen sind, wurden Bilder von Ballermannfeiernden von Deep Dream interpretiert, einem künstlichen neuronalen Netz zur Erkennung von Bildinhalten, das vereinfacht gesagt, darauf trainiert ist, dass es Hunde erkennt. Dies spiegelt den Blick der bildungsbürgerlichen Schicht auf die Ballermannkultur: Sie wird als animalisch, verzerrt und primitiv interpretiert. Wie der Blick vieler auf viele, die aus dem Stadtbild verdrängt werden, weil sie unbequem am Bild des geregelten, ordentlichen und sicheren Nürnberg kratzen. Von Punk- und Sprayerszene bis zu berauschten Party People am Hauptbahnhof. Dementsprechend sind die Visuals keine attraktive topausjustierte Designkunst, sondern mit wenig Mitteln und Wissen von jedem und jeder machbare DIY Kunst.

Längst ist auch der Ballermann nicht mehr der wilde, entgrenzte Ort, als der er begann, sondern ist zum sicheren Erlebnistourismus herunterreguliert und -kommodifiziert. “Konfektionierte Erlebniskultur” ist allgegenwärtig, von Blauer Nacht, die von vielen als “Kultur-Ballermann” bezeichnet wird, bis Unsound oder Fusion.

Der Sangria-Eimer wurde verboten. Die Plastikstrohhalme werden es bald sein. Wir wollen ja alle vernünftig sein. Und auch morgen noch fit sein und funktionieren. Wir gedenken hier mit einem Schluck aus diesem musealisierten Sangria-Eimer den Zeiten der unvernünftigen Ekstase und des rauschhaften Ausbruchs.

Last but not least habe ich eine hervorragende Idee von Tobias Lindemann visuell umgesetzt:

Ach, dieses Wählen!

Über Politik jenseits von Feminismus, Queer Rights oder Antirassismus zu sprechen und schreiben war für mich lange Zeit ein No-Go, weil selbst meine sonst wirklich heißgeliebten linken Kreise recht gut darin sind, so gut wie jede Form von öffentlicher politischer Äußerung, die nicht genug Theoriebildung vorzuweisen hat, als naiv abzutun oder wegen einzelner Punkte komplett niederzukritisieren, am besten gleich zu mehrt. Ich denke aber gerne laut nach, dafür lieb’ ich ja auch neben offline-Gesprächen Social Media und dazu hab ich ja auch diesen Blog, und ich höre gerne Gedanken anderer zu Themen, die mir im Kopf rumgehen. Es hat seine Gründe warum es Greta Thunberg und Rezo schaffen, viel mehr Menschen zu politisieren, ihnen den Funken Hoffnung zu geben, den es braucht, um sich zu engagieren. Anyway. Eigentlich denk ich mir, dass es immer gut ist, wenn sich Menschen Blößen geben, und aus “dummen” Fragen, die ich gestellt habe, hab ich immer am meisten gelernt. Im Netz hab ich das in den letzten Jahren etwas verlernt, aber gerade habe ich wieder Lust darauf. Deswegen schreib ich hier jetzt einfach mal auf, was mir so zu meiner Wahlentscheidung zur Europawahl 2019 durch den Kopf ging.

Sonst liegt bei mir über Wahlen immer so ein frustrierter Schleier der unbefriedigenden Kompromisse, aber diesmal hob er sich bei mir und zwar aus einem simplen Grund: Bei der Europawahl gibt es keine 5%-Hürde. Plötzlich die Hoffnung unter den Kleinparteien eine zu finden, die für genau meine Interessen steht.

Die letzten Wahlen hatte ich immer brav die Linke gewählt, nachdem ich meine jugendliche Trotzphase des Nichtwählens (weil Wählen das ungerechte System bloß stützt) hinter mir gelassen hatte. Aber selbst bei der Linken hatte ich ein Bauchgrummeln – von Wagenknechts Ausspielen von Flüchtlingen gegen Arme und Schlechtverdienende bis zu Leuten mit antisemitischen Tendenzen. Dass viele wirklich tolle Leute in der Linken dagegenhielten, machte es zwar besser, aber irgendwie wünsche ich mir wie so viele andere doch immer die perfekte Partei statt den besten Kompromiss. Aber selber in einer Partei engagieren um das mitzuformen – das wär mir dann doch zu viel. Eine Freundin, die das gerade begonnen hat, bewundere ich sehr für diesen Schritt.

Aber weiter zu meiner Auswahl: SPD und Die Grünen sind für mich unwählbar, weil sie über die Jahre so viel aktiv zu sozialer Ungerechtigkeit und zu einem beängstigendem ‘Sicherheits’apparat beigetragen haben, und ihnen letztlich wenn’s um was ging, Wirtschaft stets wichtiger als soziale oder Klimapolitik war. Eine rotgrüne Regierung führte Hartz 4 ein, selbst bei ihrem Hauptthema Umwelt knickten die Grünen regelmäßig bei Themen wie z.B. Atom/Kohle-Ausstieg ein. Davon, dass sie Leute wie den verkappten Rechten Boris Palmer nach wie vor in ihrer Partei dulden, ganz zu schweigen.

Wenn Julia Reda noch kandidieren würde, wäre mein Wahl klar, da sie immer wieder im Alleingang die Piraten wählbar machte. Beste Person im ganzen EU-Parlament. Ihr Engagement und das ihres Teams war fundiert, kämpferisch, integer, und nicht nur Richtung Parlament, sondern auch immer Richtung Bürger*innen argumentierend. Durch sie fühlte ich mich ernstgenommen, informiert und gut vertreten. Aber steht leider nicht mehr zur Wahl.

Ich war wie gesagt neugierig auf die ganzen Kleinstparteien, die den politischen Trott ein bisserl durchwirbeln könnten. Die meisten konnte ich schnell aussortieren, nicht links genug oder thematisch zu eng, oder nicht entschieden genug gegen Rechts.

Volt wurde mir von einigen in die Social Media Timeline gespült, aber das ist die parteigewordene Startupkultur. Gutes Marketing, die richtigen Buzzwords setzen, aber bloß nicht zu anstrengend ‘politisch’ rüberkommen. Vom Spektrum her würde ich sie so zwischen FDP und Grüne positionieren – Wirtschaftsliberale meet Neoliberale. So fresh, dass sie sich als “weder links noch rechts” positionieren. Dazu kommt noch ein Fokus auf Sicherheitspolitik, den ich auch eher gruslig finde – lest mal die Begründungen z.B. auf Voteswiper, da wird ihr Fokus auf Stärkung von Wirtschaft und Polizei/Armee noch deutlicher.

Um das hier mal abzukürzen: In die engste Auswahl kamen bei mir dann Ökolinx um Jutta Ditfurth und Diem25, in Deutschland als ‘Demokratie in Europa’ auf dem Wahlzettel. Ökolinx sind politisch in vielem mein Ding, aber so furchbar altbacken links, dass ich sie einerseits für ihre Kompromisslosigkeit bewundere, ihnen aber einfach bei Themen wie neue Technologien und Klima nicht zutraue, meine Interessen zu vertreten.

Entschieden habe ich mich dann für Demokratie in Europa / Diem25, ganz schlicht, weil sie die einzige kapitalismuskritische Partei sind, die für soziale Gerechtigkeit steht UND eine transnationale paneuropäische Partei ist. Letzteres ist mir superwichtig, weil ich der Überzeugung bin, dass, wenn wir bei Themen wie der Klimakatastrophe und dem Umgang mit neuen Technologien ernsthaft etwas reißen wollen, wir über das Denken und Organisieren in Nationalgrenzen hinaus müssen.

Diese Punkte haben sich für mich tatsächlich erst bei meiner Auseinandersetzung mit verschiedenen Parteien und durch Gespräche mit Freund*innen und auf Social Media als die für mich wichtigsten herauskristallisiert: Ich will eine Partei, die sich scharf gegen Rechts stellt und in ihren Ansätzen zu Klima, sozialer Gerechtigkeit und Technologie transnational denkt. Alleine dafür, dass ich mir dessen bewusster bin und das für mich abgewogen habe, hat sich die Beschäftigung damit schon gelohnt. Und ja, ernsthaft: Bei dieser konkreten Mischung von Anliegen traue ich DiEM25 / Demokratie für Europa am meisten zu. Und ich glaube mehr an eine Reform der EU als an eine Revolution/ierung, vor allem in dem engen Zeitraum, der uns gerade beim Klimathema noch bleibt. Auf letzteres zu setzen, halte ich für naiv.

Bevor ihr mich für meine Entscheidung disst: Selbstverständlich ist das gleichzeitig aber auch wieder keine perfekte Partei, ich sag nur Assange und Zizek. Aus der antideutschen Ecke wurde angeprangert, dass sie sich nicht genug vom BDS distanzieren. Auch dass Varoufakis sich nicht im EU-Parlament festsetzen lassen will – eine Strategie, aus der er eigentlich schon länger kein Geheimnis macht – wird plötzlich als Enthüllung einer Täuschung hochgejizzt, kurz: Das Dreckwerfen ist in vollem Gange und an jeder Partei gibt es genug zu kritisieren. Ich werde Demokratie in Europa / Diem25 auch für Punkte, die mir nicht passen, weiterhin kritisieren, genauso wie ich das seit Jahren bei der Linken mache und sie trotzdem für den kleinsten Kompromiss hielt und sie voraussichtlich auch weiter wählen werde, wo immer es die 5%-Hürde gibt.

Ich fand übrigens auch Die Partei wieder mal sehr nützlich mit ihrem Briefwahl-Tool und dem Ersatz für den Wahlomaten, und bei aller Kritik schätze ich sie schon immer wieder als widerborstiges Element im EU-Parlament, das oft den Blick auf Themen lenkt, die sonst untergehen oder das scharfes Konter gibt. Wählen würde ich sie nicht, aber ich bin mir eh sicher, dass sie es wieder reinschaffen.

Und apropos Wahltools: Neben dem Wahlomaten, der inzwischen wieder online ist, fand ich den Voteswiper, der kein 8-Parteien-Limit hat, ganz gut. Ich schätze diese Tools dafür, dass sich recht übersichtlich Begründungen der Parteienpositionen zu einzelnen Punkten nachlesen lassen. Die 200-Seiten-Parteiprogramme sind mir denn doch too much. Und es lohnt sich wirklich, nicht einfach nur die zahlenmäßige Übereinstimmung anzugucken, sondern die Begründungen zu lesen! Ein Beispiel: Bei der Frage “Soll die EU die Laufzeiten für Atomkraftwerke auf 40 Jahre begrenzen?” war für mich der Fokus auf “begrenzen” und als jemand, die einen möglichst frühen Atomausstieg will, habe ich “Ja” angeklickt. Aber unter den Parteien, die einen schnelleren Ausstieg wollen, gibt es sowohl welche, die hier “Ja” angeben als auch welche die “Nein” angeben – gemeinsam haben sie, dass sie in ihrer Begründung schreiben, dass ihnen 40 Jahre zu lang sind. Die einen werden dann halt als mit deiner Position übereinstimmend gewertet, die anderen nicht.

Jo. Das war’s mit meinen halbgaren Gedanken zur Wahl. Ihr könnt gerne auch eure mit mir teilen. Ich höre da ja immer auch gerne andere Ansichten, auch wenn es nicht immer gut für meinen Puls ist. ^^

Ach ja, das Bild oben ist von Wolfgang Tilmans Insta: “I don’t want to wake up in a Europe like this.”

Und jetzt stürze ich mich in ein sehr spätes Frühstück und mach mich an’s Musik raussuchen. Falls ihr in Nürnberg seid, heute Abend lege ich mit Ramshackle bei HERE auf!

Kill All Normies – ein Faszinationsproblem

Eine englische Version dieses Posts ist hier veröffentlicht worden und eine tl;dr Version wird es in Druckform geben, in Analyse & Kritik.

“this is not a book about the alt-right. It is an anti-Left polemic.”
Jordy Cummings

‘the centre’ – as a proclaimed area of shared, sensible assumptions about the values, needs and possibilities of a political community, defined against threatening ‘extremes’ – is a frequently remade fiction, masking specific ideological commitments and positioning
Tom Crewe

Jetzt halt doch noch, ewig spät, ein paar Worte zu Angela Nagles Kill All Normies. Anlass ist, dass immer noch und immer wieder ärgerlicherweise neue Texte veröffentlicht werden, die sich kritiklos darauf beziehen. Aktuell gab mir den Anstoß ein Artikel von Klaus Walter, der einfach Nagles (wiederum von der Alt-Right-Selbstdarstellung kritiklos übernommene), These übernimmt, Alt-Right sei der neue Punk.
Manchmal wird in diesen Texten das Wörtchen “umstritten” eingebaut, eine Art magische Formel, die zwar signalisiert, dass geahnt wird, dass Kritik angebracht wäre, aber die gleichzeitig davon befreit, diese zu leisten. Ich würde mir bei dem Bekanntheitsgrad, den Kill All Normies inzwischen erreicht hat, aber eher wünschen, dass dieses Buch so kritisch diskutiert und zerpflückt würde wie der Sokal (Squared) Hoax und einen kleinen Beitrag dazu möchte ich hier leisten.

Keine Quellenangaben, gehässiger und schludriger Stil

Ein Grund dafür wäre schon allein Nagles “sloppy sourcing”: Es gibt keine Quellenangaben in diesem Buch. Das macht nicht nur eine Verifizierung schwierig, sondern es ist auch kaum möglich, Aussagen zu kontextualisieren. Libcom haben sich die Mühe gemacht, Quellen nachzuspüren, und ihnen ist aufgefallen, dass es Stellen gibt, die im Wortlaut Wikipedia-Einträgen gleichen. Wenn man so vorgeht, kann es denn schon mal passieren, dass man einfach die Selbstbeschreibung eines Faschisten übernimmt. In Nagles Fall Aleksandr Dugins Beschreibung seines eigenen Buches. Ähnlich Problematisches hat Charles Davis zusammengetragen, zum Beispiel dass Nagle Ereignisse basierend auf News-Artikeln beschreibt, die sie nicht zitiert, aber dabei die Stellen der Artikel weglässt, die nicht ihr Argument stützen (z.B. ihre Behauptung, dass Campus-Linke zunehmend unvernünftig und unzumutbar agieren würden).

Auch die boulevardjournalistische bissige Ausdrucksweise, die Kill All Normies prägt, einige Rechtschreibfehler und insgesamt ein Schreibstil, dem man die Schnelligkeit anmerkt, mit der dieser Text heruntergeschrieben wurde, finde ich kritisierenswert. Es wurde anscheinend kaum Arbeit ins Editieren gesteckt und, wie gesagt, auf überprüfbare Quellenangaben verzichtet. Das ist vielleicht für eine Bloggerin wie mich okay, die nicht viel Zeit und keinen redaktionellen Background und Ressourcen hat, aber für ein veröffentlichtes Buch, das inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt erschienen ist, und nun in großem Ausmaß die Runde macht und selbst von Menschen mit akademischem Background als angeblich seriöser Beleg verwendet wird, ist es eigentlich ein No Go. Ich kann nur annehmen, dass der Verlag Zero wohl darauf gesetzt hat, dass ein so reißerisches Werk ihm auch in dieser schludrigen Version aus den Händen gerissen wird. Und das hat ja auch geklappt. Clickbait in Buchform.

Jules Joanne Gleeson ordnet das Buch genremäßig ganz treffend als “Reiseerzählung für Internetkultur” ein, den exotisierenden Aspekt beschreibend: “Kill All Normies wirft einem Publikum, von dem sie erwartet, dass es das Erzählte als fremd und pikant empfindet, mit einer Reihe von Kuriositäten und Seltsamkeiten (von Neonazikults bis zu Teenagern mit undurchschaubaren Gendern) vor. Nagle versucht, sich selbst als distanzierte und ironische Forscherin darzustellen, aber an verschiedensten Punkten wird all zu klar, wo ihre Interessen liegen.”

[Hinweis: Die groben Übersetzungen aus dem Englischen sind alle von mir, die englischen Originaltexte zum Nachlesen verlinkt.]

Ablehnung des Femininem, internalisierte Misogynie

Nagles Buch durchzieht eine Ablehnung des Femininen und von Verletzlichkeit. Sie ist spürbar genervt von Feminist*innen und liest sich, als wäre sie gern “one of the guys”, a “cool girl”, es riecht hier geradezu nach internalisierter Frauenfeindlichkeit. Sie schafft schon allein in kleinen sprachlichen Details eine subtile Stimmung gegen Personen, die sie dem Tumblr-Liberalism zuordnet. So beobachtet z.B. Jordy Cummings dass Nagle bei Denkern, die sie schätzt, deren Titel (z.B. “Doktor” oder “Professor”) verwendet, aber bei Leuten wie Judith Butler den Titel weglässt.

Um Gamergate, eines der Initialereignisse im Entstehen der Alt-Right zu beschreiben, hält sie es doch tatsächlich für hilfreich, Folgendes zu schreiben:

“Gamergate itself kicked off when Zoe Quinn created a video game called Depression Quest, which even to a nongamer like me looked like a terrible game featuring many of the fragility and mental illness-fetishizing characteristics of the kind of feminism that has emerged online in recent years. It was the kind of game, about depression, that would have worked as a perfect parody of everything the gamergaters hated about SJWs (social justice warriors).
Nevertheless, her dreadful game got positive reviews from politically sympathetic indie games journalists, which turned into a kind of catalyst for the whole gamergate saga.”

Das sei auch mal deswegen in dieser Länge zitiert, damit ihr einen Geschmack von ihrem Stil bekommt. Wie Noah Berlatsky dazu anmerkt: Kein Wort darüber, dass Zoe Quinn selbst unter Depression litt, und dass die Tatsache, dass ihr Spiel sich um Traurigkeit und Zerbrechlichkeit dreht – und damit weiblich kodiert ist – einer der Hauptgründe war, warum sie dem Gamergate-Mob so ein willkommenes Opfer war (Quinn war eine der Frauen, die im Rahmen von Gamergate unter den massivsten misogynen Attacken zu leiden hatte).

An manchen Stellen, an denen Nagle so verächtlich über das offene Zeigen von Verletzlichkeit schreibt, wartete ich fast drauf, dass sie selbst gleich die Beschimpfung “snowflakes” verwendet. Wenn sie über die vermeintliche Schwäche einer Frau wie Zoe Quinn schreibt, die sich über Jahre hinweg mit Mord- und Vergewaltigungsdrohungen und dem Ausbreiten privater Details in der Öffentlichkeit herumschlagen musste, erschreibt sich Nagle dabei gleichzeitig implizit selbst als tough-minded Kritikerin von Feminismus und jedes Zeigens von Verletzbarkeit, und: als sehr konservativ, was Gender Politics angeht.

Sie beschreibt die Hässlichkeit rechter Propaganda im Netz schon deutlich, aber es klingt immer wieder durch, dass sie einen Tick zu viel Verständnis für die Alt-Right und Sexisten der Manosphere hat. So zum Beispiel wenn sie über die Wurzeln der Incels schreibt. In ihrem Kapitel über die Manosphere übernimmt sie unkritisch die Theorie der Incels, dass die sexuelle Revolution zu einer “steilen sexuellen Hierarchie” geführt habe und beschreibt den Rückgang von Monogamie ebenso unkritisch als Ursache für eine “Hackordnung” unter Männern, wie Donald Parkinson aufgefallen ist: “Die Idee, dass diese Männer einfach keinen Sex abkriegen und deswegen dazu verdammt sind, so reaktionär zu sein, nährt perfekt die Ideologie von Reddit Incels.” Es wundert kaum, dass Nagle auch Jordan Peterson nicht besonders kritisch sieht, der ja vergangenes Jahr mal Monogamiezwang als Lösung für misogyne Gewalt vorgeschlagen hat. Auch Jonathan Haidt feiert sie natürlich ab.

Was ich dem Büchlein zu gute halten ist, ist, dass es viele Subszenen dessen, wie sich die rechte US-Szene online darstellt, und ein paar feine Unterscheidungen vorstellt, aber das haben andere auch schon geleistet, und sachlicher. Nagles nerdige Faszination hat Schlagseite. Sie geht ellenlang auf Pat Buchanan und Milo Yiannopolous ein, zitiert diese auch wörtlich und übernimmt deren Thesen über einen angeblichen Autoritarismus der Linken, aber ihre Darstellung der Linken? Wow. Da erschreibt sie durch grobe Vereinfachungen und durch stimmungsmachende Beschreibung, wie zum Beispiel die (Vokabeln wie ”hysterisch”, “empfindlich”, “absurd” fallen immer wieder; sie nutzt die durch Feminisierung abwertende Sprache, die auch die Alt-Right nutzt) und durch Auslassungen überhaupt erst das undifferenzierte und unzutreffende Bild einer geschlossenen, allgegenwärtigen hypersensiblen PC-Zensur-“Linken”, das sie für ihre These braucht.

Konstruktion und Dämonisierung einer imaginären Linken: “Tumblr Liberalism”

Eine solche Auslassung ist es zum Beispiel, wenn sie, um die “Linke” als anti-free speech Bewegung darzustellen, die Proteste anlässlich des Besuchs von Milo “Feminism is cancer” Yiannopolous in Berkeley nur als Angriffe auf Redefreiheit beschreibt, aber mit keinem Wort erwähnt, dass der wichtigste Grund dafür, dass die Proteste so drastisch ausfielen, der war, dass Yiannopolous angekündigt hatte, dass er in seiner Rede Immigrant*innen ohne Papiere namentlich outen und so der Abschiebung preisgeben wollte, und er seine Fans aufrief, es ihm gleichzutun. Ein Angriff auf die Verletztlichsten unserer Gesellschaft, wie Andrew Stewart schreibt, und sich dem radikal entgegenzustellen, sich für diese konkret bedrohten Menschen einzusetzen, war das Anliegen der Protestierenden. Das in ihrer Beschreibung der Ereignisse einfach wegzulassen, ist schlicht verfälschend. Angela Nagle stellt sich hier auf die Seite eines Free Speech Absolutismus, und schlimmer noch: obwohl es auch ein Kernthema der rechten Propaganda ist, setzt sie ihre Haltung als Status Quo, und Gründe dagegen interessieren sie nicht. Es gibt noch weitere Beispiele, wie Nagle Campus-Konflikte einseitig und mit Auslassungen arbeitend darstellt, um sie als “anti-free spech” Zensur statt als politischen Protest darzustellen. Diese könnt ihr z.B. in Richard Seymours “The negative dialectics of moralism” finden.

So wie sie hier die komplexeren Hintergründe weglässt, geht Nagle auch vor, wenn sie progressive linke Ansätze, auf Diskriminierungspolitik im Alltag fokussierte Identitätspolitics und neoliberale Diversity-Ansätze und viele mehr einfach in einen Topf wirft und einen “Tumblr Liberalism” daraus konstruiert: Sie beschreibt ihn nur aus – meist verkürzt dargestellten – Extrembeispielen heraus: hyperempfindliche Call-Out Culture ist ihr Lieblingspunkt, ohne dass sie belegen kann, dass das tatsächlich den Großteil der Online-Linken prägt, und dass es sich nicht nur um einen kleinen, nicht repräsentativen, aber halt sehr lauten Teil handelt. Alltägliche Diskriminierungserfahrungen, die oft selbst in progressiven linken Kreisen ignoriert wurden, und aus denen heraus ”Identitätspolitics” entstanden, werden nicht erwähnt. Der nebulöse Tumblr-Liberalism erscheint aus einer emotionalisierten irrationalen Empfindsamkeit heraus geboren, die sie bestenfalls schlampig irgendwie auf Ideale der Hippiebewegung, die Mainstream geworden seien, zurückführt, dabei Rassismus, Antisemitismus, Ableismus u.ä. außen vor lassend.

Ich finde es faszinierend, wie Nagle sich selbst, wie gesagt, in Kill All Normies als empathiefreie Vernunft, eine Art Common Sense des Bothsideism, erschreibt, dabei implizit eine Leserschaft anvisierend, die sich selbst so sieht, als neutrale Position, eine Leserschaft, die sich höchstens wenig mit Diskriminierungserfahrungen auseinandersetzen muss und will. Sich als neutrale Position zu setzen, eine solche Anmaßung der Objektivät, ist leider ein häufiger Move, mit dem sich die bürgerliche Mitte als neutrale Stelle zu setzen, und weiße westliche Philosophie ihrer eigenen Verflechtung in Machtverhältnisse und Diskriminierungsgeschichte zu entziehen versucht. Anyway.

Noch ein Beispiel dafür, wie Nagle ihr linkes Feindbild konstruiert, ist ihr Lächerlichmachen von Ideen der Gender Theories, dem sie viel Raum gibt. Dass sie gleich zwei Seiten ihres auf mehreren Ebenen dünnen Büchleins einer Liste von Genderbegriffen von “gender-bending Tumblr users” widmet, spricht allein schon Bände: Es signalisiert ein “schaut euch diese Spinner an!” an die Leserschaft. Diese Liste als angeblich repräsentatives Beispiel zu setzen, ist hanebüchen. Da es keine Quellenangaben gibt und Nagle auf eine Anfrage nicht reagierte, haben Libcom auch hier selbst recherchiert und Nagle dürfte die Liste entweder von einer im Kontext von Gender-Tumblr klar als “list of poorly-attested nonbinary identities” bezeichneten Liste haben, oder von einem Alt-Right Forumthread, in dem sich User über die Liste lustig machten. Andere Quellen sind im Netz dazu nicht zu finden.

Ein weiteres Beispiel wäre ihr empathieloser Spott über Spoonies, eine Bezeichnung für Menschen, die mit einer chronischen Krankheit leben, meist mit Fokus auf jene, deren Krankheiten ihnen nicht anzusehen sind, und Menschen mit chronischen Schmerzen. Wer mehr dazu wissen möchte, z.B. Amanda Hess hat darüber geschrieben, wie sich unter dem Spoonie-Begriff auf Social Media Menschen gegenseitig austauschen und unterstützen, die oft niemanden sonst kennen, der ihre Erfahrungen als Crohn- oder Lupus-Kranke nachvollziehen kann. Wo früher nur offline Selbsthilfegruppen solche Austauschmöglichkeiten boten, ist das heute online leichter geworden und es wird offensiver damit umgegangen statt die Krankheit voll Scham zu verstecken. Aus der Not wird eine eigene Subkultur gemacht und der Löffel wurde zum Symbol auf Tassen, Schmuck oder Shirts, an dem man sich leicht gegenseitig wiedererkennt – wie oft in der Geschichte von gesellschaftlich Marginalisierten.

Nagle schreibt nichts über die positiven Aspekte, sondern stellt es lediglich als einen “cult of suffering, weakness and vulnerability” dar, deutet sogar an, dass die Krankheiten erfunden seien, wieder alles in negativer Extremform: “Young women, very often also identifying as intersectional feminists and radicals, displayed their spoonie identity and lashed out at anyone for not reacting appropriately to their under-recognized, undiagnosed or undiagnosable invisible illnesses or for lacking sensitivity to their other identities.” Irgendwie klingt sie echt oft wie so ein alter verbitterter Mann, der die Jugend von heute nicht packt. Oder wie Josh Davies etwas sachlicher feststellt: ”Nagles Fokus darauf wie Sachen gesagt werden, und ihr Widerwille, über die Politik und die Prozesse hinter dem, was gesagt wird, nachzudenken, führen dazu, dass sie anscheinend eine ähnliche Haltung zu Gender annimmt wie jene vieler Konservativer, die sie eigentlich kritisch sieht: Gender-Nichtkonformität ist etwas Fremdes, Esoterisches und Frivoles. So wie ihr Argument hier präsentiert wird, unterscheidet es sich kaum vom transphoben “I sexually identify as an attack helicopter” Meme, das quer durch’s Internet von edgy Verteidigern der Heteronormativität immer wieder hochgewürgt wird.”

Donald Parkinson weist darauf hin, dass Fans des Buches auf negative Reaktionen auf Kill All Normies aus der Ecke, die sie als “Social Justice Tumblr und Twitter” bezeichnen, reagieren, als wäre deren Kritik ein Beweis dafür, wie “empfindlich” und “hysterisch” diese Leute seien. “Was es aber tatsächlich beweist, ist, dass Linke keine Fans von konservativer Genderpolitik und dem Verspotten von Menschen mit Behinderung sind, was stimmt und womit sie auch recht haben. Der Grund dafür, warum Tumblr ID Politics existieren, ist, dass Leute tatsächliche Unterdrückung in ihren alltäglichen Leben erfahren, und ein Mangel an kollektiven Lösungen führt Menschen zu individualistischen Methoden, das zu bewältigen.”

Dass Teile dieser Kultur auch toxische Züge aufweisen, mit Gängelungen bestimmter Ansichten und Shaming und Call Out Culture, mag nicht von der Hand zu weisen sein, aber erstens gibt es negative Extreme auch bei jeder anderen politischen Kultur, wo sie nicht mit einer solchen Gehässigkeit kritisiert werden, die mich automatisch fragen lässt, worum es dieser Kritik eigentlich geht. Und zweitens: Den rechten Mythos zu übernehmen, dass es sich dabei um ‘die herrschende Elite’ handle und die Rechten quasi nur aus Notwehr so radikal würden, verkennt komplett, dass – so auch Donald Parkinson – es schon immer eine Taktik der Rechten war, sich auf Extremfälle zu berufen um progressive linke Anliegen zu dämonisieren.

Der Rechten in die Hände spielend, die damit einen Haken in die Mitte der Gesellschaft auswirft, übernimmt Nagle deren Jargon und Argumentation viel zu oft blindlings, noch mal ein Auszug aus Kill All Normies:

“This anti-free speech, anti-free thought, anti-intellectual online movement, which has substituted politics with neuroses, can’t be separated from the real-life scenes millions saw online of college campuses, in which to be on the right was made something exciting, fun and courageous for the first time since… well, possibly ever. When Milo challenged his protesters to argue with him countless times on his tour, he knew that they not only wouldn’t, but also that they couldn’t. They come from an utterly intellectually shut-down world of Tumblr and trigger warnings, and the purging of dissent in which they have only learned to recite jargon.”

Ist das noch ‘rationale’ Kritik an links, oder schon Werbung für die Alt-Right?

Was bei Nagle keine Erwähnung findet, ist die Diversität der linken und linksliberalen Gruppierungen, sind die zahlreichen, ausführlichen und kontroversen Diskussionen, die typisch für die meisten linken Online-Subkulturpraxis sind, und aus denen sich Ansätze immer wieder weiterentwickeln. Außerdem “on the Internet, nobody knows you’re a dog”: Es wird auch nicht erwähnt, dass hier, wenn auch wahrscheinlich keine Hunde, so doch teilweise Kids unterwegs sind, die Fanfic und Memes mit politischem Herumtheoretisieren vermengen, teilweise Selbsthilfegruppen sich gegenseitig mit ihren Problemen helfen wollen, teilweise Lai*innen ohne akademische Bildung versuchen, sich mit komplexen Theorien auseinanderzusetzen und aus ihnen Hilfe für eine politische Praxis im konkreten Alltag zu ziehen, und so weiter und das alles steht neben akademischen politischen Diskussionen und all das wird bei ihr gleichgemacht und erscheint bei ihr als eine Art völlig homogener dogmatisch-festgefahrener irrationaler Tribalismus, ein linkes Feindbild. Bei Nagle fällt sogar auch Hilary Clinton drunter, weil sie im Wahlkampf Begriffe wie “check your privilege” verwendet hat.

Dass Neoliberale viele progressive, konstruktive und nuancierte Ansätze kommodifiziert haben, und sie dabei auf Schlagworte verkürzt haben, wie im Marketing von Parteienpolitik bis zu Produkten, heißt nicht, dass diese Ansätze in ihrer radikaleren Form nicht berechtigt und sinnvoll sein könnten – es lohnt sich, zu differenzieren. Linke zeichnet es ja aus, dass ein Hive Mind immer wieder reflektiert, diskutiert, kritisiert, verwirft und weiterentwickelt, wie eine bessere Zukunft für alle erreicht werden könnte. Und ein klassenbasierter intersektionaler Feminismus zum Beispiel, der wie Andrew Stewart auch ganz richtig bemerkt, eine effektive Opposition zur Alt-Right sein kann, wird bei Nagle auch mit keinem Wort erwähnt.

Noch mal Josh Davies dazu: “Nagles pauschale Verallgemeinerungen verschleiern nicht nur ihre Unterschiede, sondern machen jegliche Auseinandersetzung mit der Geschichte und den politischen Ansätzen all der Bestandteile des amorphen ‘Tumblr Liberalism” unmöglich. Für ein Buch, dass sich so sehr auf die angebliche Unfähigkeit der Linken fokussiert, Ideen zu generieren und zu hinterfragen, liest es sich oft wie eine Einladung, nicht zu denken.

Ich musste bei diesem Buch oft an die (fast hätte ich “umstrittene” geschrieben! ^^) Essay-Sammlung Beißreflexe denken, und mir kam jetzt beim Schreiben in den Kopf: Eigentlich ließe sich Kill All Normies ganz wunderbar entlang der sieben Punkte durchanalysieren, die Floris Biskamp in der ultimativen Beißreflexe-Besprechung ausführt: Die Verallgemeinerung von Besonderem, alarmistische Übertreibung, die Effekte der Vereinheitlichung, unsichtbare Macht und ignorierte Handlungsfähigkeit, unverstandene Privilegienkritik, verdrängte Rassismuskritik, die Pathologisierung der Anderen. Zeit dafür, das im Detail auszuführen, habe ich leider nicht, aber es ist erstaunlich, wie diese Kritikpunkte auch auf Kill All Normies passen.

Begrenzter und Selbstinszenierung übernehmender statt kritisch und historisch einordnender Blick auf die Alt-Right

Nagle hat nach Kill All Normies inzwischen auch einen Text namens ‘The Left case against Open Borders’ veröffentlicht, in dem sie die Working Class gegen Immigrant*innen ausspielt und die linke Idee von Globalisierung mit deren neoliberalem Zerrspiegel gleichsetzt. (Den Gegensatz haben immer noch die Goldenen Zitronen am besten poetisiert auf den Punkt gebracht: “Über euer scheiß Mittelmeer käm’ ich, wenn ich ein Turnschuh wär’.”) Mit diesem Text hat sich Nagle dann auch von dem Weißnationalisten Tucker Carlson in einem Interview in dessen Show instrumentalisieren und feiern lassen. Ich weiß nicht, ob sie so naiv oder so ignorant ist, die rassistische, antisemitische, sexistische und nativistische Ideologie der Rechten nicht ernst zu nehmen, oder ob sie schlicht nichts dagegen hat, ihnen in die Hände zu spielen, Querfront quasi.

Auch Kill All Normies bekleckert sich hier nicht mit Ruhm. Es fehlt das Thema Rassismus, es fehlt auch die Verbindung zu älteren Trends der englischsprachigen Rechten, wie z.B. English Defence League oder National Action, kritisiert Jules Joanne Gleeson. Ebenso fehlt ein Aufzeigen der Vernetzung der Alt-Right über geographische Grenzen hinweg, zu Gruppen wie Griechenlands Golden Dawn oder Frankreichs Génération Identitaire, was ist mit internationalen Verknüpfungen zu Putins sogenannter Trollarmee oder dem Erfolg von Hindutva? Was ist mit Überschneidungen zum Counter-Jihad Movement, das sich auch stark online aktiv war? Und Gleeson bemängelt explizit: “Unglücklicherweise ist eines der anderen größten Versäumnisse des Buches das Fehlen einer dezidierten Behandlung von Antisemitismus.” Sie kommt darüberhinaus zum Schluss: “Nagle verlässt sich auf ein Schema, das von der Alt-Right selbst produziert wurde: der Trennung der richtigen Alt-Right (Hardcore Nationalsozialisten und White Supremacists) und Alt-Light (die größtenteils offensichtlichen Rassismus vermeiden, und stattdessen einen ‘zivilisierteren’ westlichen Chauvinismus einsetzen). Nagle entgeht es, zu bemerken wie diese Unterscheidung von der Alt-Right selbst instrumentalisiert eingesetzt geworden ist.

Sie analysiert die Taktiken der Alt-Right nicht als solche, und zeigt nicht auf, dass neben einem Dämonisieren von Gender Theories und Feminismus, von linker Kritik als Zensur, auch ein großes Propagandathema z.B. der Versuch der Alt-Right ist, ein Revival der amerikanischen Kommunismuspanik zu schüren, sowohl über das Aufkochen der antisemitistisch konnotierten Hetze gegen einen “Kulturmarxismus” oder direkt als Angst vor einer kommunistischen Revolution, als Red Scare Revival, worüber z.B. Jack Smith IV schrieb. Das ist auch weder neu noch internetspezifisch, sondern sollte historisch eingeordnet werden. Wie Smith IV feststellt: “Die Rhetorik ist antiquiert, aber der Zweck bleibt derselbe: Protest als Subversion darzustellen, den Kampf für Bürgerrechte zu unterhöhlen und die Linke davon abzuhalten, die Grenzen dessen zu erweitern, was in Amerika möglich ist, indem sie die Grenzen dessen überwacht, was es bedeutet ein Ameriker zu sein.”

Es ist bemerkenswert, dass, so Donald Parkinson, Nagle letztlich in ihrer Version davon, wie es zur Alt-Right kam, eine Herangehensweise nutzt, die viel mehr mit “liberal” Kulturtheorien gemein hat, als mit dem materialistischen Ansatz, den sie sich gerne selbst unterstellt. Es bleibt in Kill All Normies bei einer Analyse entlang ihrer Transgressionstheorie, es geht nicht um Klasse und Ökonomie. (Das verleiht auch der Vorliebe der linken Materialismus-Ecke für Nagles Buch eine gewisse Ironie.) Nagles Auseinandersetzung bleibt auf Online-Diskurse beschränkt und – so auch Donald Parkinson – Nagles Hauptproblem mit den Identitätspolitics des Tumblr-Liberalismus ist durch’s ganze Buch hindurch deren “Überempfindlichkeit” und “Extremismus” und nicht, dass sich damit Ausbeutung und Unterdrückung nicht adäquat ansprechen lassen würden.

Digital Dualism und fehlende Analyse der digitalen Mechanismen

Die Beschränkung ihrer Betrachtungen auf Onlinepräsenz (und Marketingstunts) führt Nagle zu Kapitelüberschriften wie “The joke isn’t funny any more – the culture war goes offline”. Sie scheint ganz im Denken des Digitalen Dualismus zu stecken, zwischen “realer” Offlinewelt und “virtueller” Onlinewelt zu trennen, wenn sie Formulierungen verwendet wie “spills into real life”. Erst war die “leaderless internet revolution”, dann die “identity politics” und als Antwort darauf der “irreverent trolling style associated with 4chan” und dann war das Netz so voll, dass es überlief und aus Tumblr auf den Campus floss usw. Vielleicht sollte einfach wer einen Stöpsel in die rechten Teile des Internets machen, und der ganze rechte Hass bliebe drin.

Da Nagle das Offlinewirken der Rechten ignoriert, übersieht sie wichtige Zusammenhänge und unterschätzt deren Gefährlichkeit und Wirkzusammenhänge. Donald Parkinson weist auf diese Schwäche von Kill All Normies hin: “Ideologen wie Richard Spencer und Kevin MacDonadl haben ihre Think Tanks und Affinity Groups schon seit einiger Zeit, und wie die Ereignisse von Charlottesville zeigen, sind sie gewillt, ihre Ideen ‘auf die Straße’ zu tragen. Es gibt einen Mangel an Informationen über die Alt-Right wie sie [offline] existiert. … Es wird nichts über die Anstrengungen von White Supremacist-Organisatoren wie Identity Europa oder Traditionalist Workers Party geschrieben, Studentenverbindungen und Arbeiter im ländlichen Raum zu organisieren, oder darüber, was für Visionen diese Gruppen haben (eine Balkanisierung der Vereinigten Staaten und die Erschaffung eines komplett weißen ‘Ethno-Staats’ ist eine gängige davon). Stattdessen präsentiert Nagle die Alt-Right nur als ein Onlinephänomen, obwohl diese Leute diese Politik schon seit Jahren promotet haben.”

Vielleicht ist es das Fehlen dieses breiteren Kontexts, der Nagle auch vernachlässigen lässt, wie taktisch die Anwerbung und Radikalisierung der Rechten online angelegt ist. Sie ist eben nicht einfach nur ein reflexhaftes Reagieren auf “politically correctness gone mad”. Selbst wenn ich darüber hinwegsehen würde, dass sie keinen Bezug zu Offline-Organisation und Offline-Wirken rechter Gruppierungen herstellt, würde ich von einem Buch, das sich in seiner Analyse auf Onlinediskurse beschränkt, doch auch wenigstens ein Kapitelchen zu dem Thema erwarten, was Aufmerksamkeitsökonomie, Social Metrics, Viralität usw., also was die spezifischen Strukturen und Mechanismen der gängigen Plattformen für Onlinekommunikation und -vernetzung zu Extremisierung beitragen. Dieses Thema findet auch keinen Raum in Kill All Normies.

Wen das interessiert, hier zwei Lesetipps (das copy+paste ich hier mal aus meinem Matrix und die Manosphere-Vortragsskript rein), aber Content Warning: Ist beides nicht so reißerisch geschrieben wie Kill All Normies:

1.) Julia Ebner zählt in ihrem Essay “Counter-Creativity” in Sociotechnical Change from Alt-Right to Alt-Tech drei taktische Ziele auf:

  • Radikalisierungskampagnen die an mögliche Sympathisanten gerichtet sind,
  • Manipulationskampagnen, die auf den gesellschaftlichen Mainstream gerichtet sind, und
  • Einschüchterungskampagnen, die politische Opponent*innen absehen.

In den rechten sozialen Netzwerken werden Anleitungen geteilt, strategische Dokumente, in denen erklärt wird, wie man Gespräche anfangen kann, Vertrauen aufbaut, weitverbreitete Missstände ausnutzen kann und wie man die Sprache auf die Person zuschneidert, der man seine Ideologie nahezubringen versucht.

2.) Alice Marwick und Rebecca Lewis erklären in ihrem hervorragenden Reader Media Manipulation and Disinformation Online, wie ein Amalgam aus Verschwörungstheoretikern, Tech-Libertären, weißen Nationalisten, Männerrechtlern, Trollen, Anti-Feministen, Anti-Immigrations-Aktivisten, und gelangweilten jungen Leuten die Techniken der partizapatorischen Kultur und den Angriffspunkten von Social Media einsetzen um ihre Überzeugungen zu verbreiten. Sie nutzen die Möglichkeiten, die ein wegen Werbungsfinanziertheit auf Aufmerksamkeitsökonomie hin strukturiertes Internet bietet, um gezielt Schwächen im Newsmedienökosystem auszunutzen. Da wird sich dann auch alles mögliche von Marketing- und Medientheorie Texten bis zu CIA-Trainingsmaterial geteilt.

(Wer mehr dazu hören statt lesen will, kann gerne zu meinem nächsten Vortragstermin von “Matrix und die Manosphere – verletzte und vernetzte Männlichkeit als Einstieg zur Radikalisierung nach Rechts” kommen: 28.3. in der Kantine Nürnberg, Eintritt ist frei.)

Aber zurück zum Thema: Kurz, wie Richard Seymour schreibt: “Was bestimmt nicht gebraucht wird, sind die zunehmend abgedroschenen Angriffe auf den Strohmann ‘Identitätspolitik’, sondern … was gebraucht wird, ist ein Bericht darüber, wie Aufmerksamkeit gewonnen, erhalten, gekauft und verkauft wird; wie Onlinepolattformen strukturiert sind und in ihren Effekten auf Nutzer*innen strukturierend wirken; wie existierende soziale und kulturelle Tendenzen von diesen Technologien ausgewählt und akzentuiert werden… Was dieses Buch liefert, ist, traurigerweise, ein Kreis um die gewohnte, schon gut ausgetretene Terrain, nicht nur was seine Theorie anbelangt, sondern auch was sein unreflektiertes ‘Backlash’ anti-moralisierendes Moralisieren betrifft. Es erhält die Dynamiken aufrecht, die es zu sezieren behauptet, Gezeter und Beschämen.”

Transgression in der bürgerlichen Mitte und deren Faszinationsproblem mit der neuen Rechten

Der zentrale Punkt, den Nagle machen will, ist, dass die Kultur der Grenzüberschreitung, der Transgression, die lange Zeit ein typisch linkes Mittel war, heute von rechts gekapert worden ist. Sie begründet das wie gesagt damit, dass die Mainstreamkultur so eine Art Political-Correctness-Gone-Mad eines von ihr konstruierten Tumblr-Liberalismus sei und dass darauf eben viele, die sich das nicht gefallen lassen wollen, mit einem Anti-Politische-Korrektheit-Move reagierten und sich zu Rechten radikalisierten.

Gegenkultur, Nonkonformistisches, die ganze Idee kleiner Subkulturen mit ihren Codes ist Nagle spürbar zuwider. Das trieft aus jeder Pore dieses Buchs. Bei Neocons gerät sie dagegen fast ins Schwärmen “intellectually equipped and rhetorically gifted”, “smart”, das sind Vokabeln für diese, und Milo Yiannopolous ist eine Figur, die sie sichtlich sehr fasziniert (satte 71 mal wird er auf den 247 Seiten erwähnt, und letztlich ist ihr Bild der Alt-Right auch schlicht von seinem vor ein paar Jahren erschienenen Definitionstext dazu auf Breitbart übernommen).

Nagles Ablehnung fußt unter anderem darauf, dass transgressive Kultur nicht populär, nicht für die Massen, sondern inhärent elitär sei und gegen die Working Class arbeite. Jordy Cummings empfiehlt als Entkräftung die Lektüre von Brian Palmers Cultures of Darkness: “Palmer erklärt, mit enormem und namhaftem Backing, dass es genau in den transgressiven Räumen war, – von prä-20.-Jahrhundert Freimaurerei bis zu langen Nächten am DJ Pult, von Kink Culture bis zu Tarotkarten, von spätnächtlichen Gewerkschaftsbeisammensein und betrunkener, zugekiffter Ausgelassenheit – wo die revolutionären und emanzipatorischen Ideale geformt wurden, durch aufrichtige Freundschaftlichkeit, die über den Versammlungsraum und den Streikposten hinausging. … durch die Geschichte des Kapitalismus und seine begleitende Geschichte des Arbeitskampfes würde man sich hart tun, auch nur eine soziale Bewegung gegen kapitalistische Sozialverhältnisse zu finden, ohne dass diese in irgendeiner Form in transgressiver Gegenkultur wurzelte.“ Die Verbundenheit stärkende und ermutigende Kraft, die darin steckt, wird oft in der Kritik als bloße “Identitätspolitik” gebrandmarkt und verkannt.

Und, das hier mal am Rande festgehalten: Bei aller zum Teil verständlicher Kritik an überzogenen Aspekten der sog. Identity Politics: Nötig sind sie geworden, weil die Probleme von Marginalisierten immer nur der “Nebenwiderspruch” blieben und diskriminierende Strukturen auch innerhalb der Linken aufrechterhalten wurden und werden. Linker Tumblr-Queerfeminism-&-Crip-&-Spoonie-Politics usw hat vielen heutzutage überhaupt erst Politik wieder als etwas eröffnet, das ihren Alltag betrifft und das sie aktiv mitformen können. Er hat vielen, die auch in linken Szenen marginalisiert waren, Räume zum Mitreden und zur Beteiligung eröffnet. Das ist etwas, was die ganzen weiß/cis-männlich/heterosexuell/able-bodied-dominierten Politzirkel nicht geschafft haben, in ihren um sich selbst kreisenden endlosen komplexen und abgeschotteten Theoriediskussionen oder in ihren Folk Politics rund um die Arbeiterrevolution. Diese Lust auf politische Beteiligung gilt es doch bitteschön dankbar aufzunehmen, freundschaftlich zu diskutieren, weiterzuentwickeln, sich einander anzunähern und zu ermutigen, und nicht sarkastisch zu bashen!

Aber zurück zur Transgression: Ich würde hier mal gerne wild herummeinen, dass das Problem nicht die Transgression als Kulturtechnik einer wie auch immer gearteten Linken war, genau so wenig, wie die Rechten der neue Punk sind, sondern dass die neoliberale bürgerliche Mitte Transgressionskultur aufgegriffen und zum Mainstream gemacht hat, einhergehend mit einer Radikalisierung des Kapitalismus.

Grenzen überschreiten, Ironie, Tabubruch – dass das zum Mainstream geworden ist, von Politik, Brands, Medien und Marketing verwendet wird, bis die zynischen Grenzen des Sagbaren und Zeigbaren so weit offen waren, dass rechte Ideologie dran anknüpfen konnte, weil niemand mehr nichts als “krass” oder “überraschend” empfindet, scheint mir viel eher das Problem zu sein. “Disrupt Everything” als gesellschaftlicher, als sozialer Konsens. Enttabuisierung und Entsolidarisierung sind Mainstream. Diese Radikalisierung machte alles sagbar, jede Kritik wird mit Free-Speech-Absolutismus gekontert. Über “Deutschland den Deutschen” diskutieren (z.B. “hart aber fair” TV am 25.2.), das wird man ja wohl senden dürfen! Die passende Kultur zur Mainstreamtransgression ist nicht, dass in einem kleinen Jugendzentrum eine Gruppe Queers keine Weißen mit Dreadlocks in ihrer Bastelrunde aufnehmen will, es sind auch nicht “I’m drinking male tears”-Memes von weißen Feminist*innen der Medien- oder Kreativen Klasse, nein, die Kultur dazu ist das hemmungslose Shaming und Stigmatisieren von Menschengruppen in Talkshows und Boulevardmagazinen, die endlosen Shows und Artikel, die Frauen oder Arme “verbessern” oder lächerlich machen, Stigmatisierung von Hartzer*innen als “faul”, Darstellung junger Mütter als Freaks, Erniedrigung von Migrantinnen als “Asylbetrüger”, das Umstylen zu “richtigen Männern” in Makeover Shows, usw. Die Liste der Verlierer*innen des merokratischen Hyperkapitalismus ist endlos und hemmungslos darf über sie hergezogen werden, alles andere wäre Zensur. Die Erniedrigung von Menschen dort normalisiert die damit einhergehende Austeritätspolitik, die via Überbürokratisierung eine Erniedrigungsmaschine der ärmsten Gesellschaftsmitglieder aufgebaut hat, anstelle eines Sozialstaats. Wenn das alles nichts mit der Transgression zu tun hat, die Nagle für so zentral hält, weiß ich auch nicht.

Ich stimme soweit mit Nagle überein, dass das Problem im sog. Mainstream, der Mitte, zu finden ist, aber ich übernehme nicht das rechte Narrativ, dass “Tumblr Liberalism” das ist, was diese bürgerliche Mitte ausmacht – die Rechte ist dort ebenso präsent, und noch andere mehr. Es gibt nicht eine Elite, deren Ansichten alles beherrscht – weder eine linksgrünversiffte alles genderisierende, noch eine nativistisch-rassistisch-sexistische, sondern verschiedenste. Donald Parkinson formuliert es etwas schärfer: “Die ganze Idee einer herrschenden Elite gehört weggeworfen, denn wir leben unter der Macht einer herrschenden Klasse. Darüberhinaus, ist die herrschende Klasse nicht homogen und konkurriert mit sich selbst. Niemand kann behaupten, dass eine monolithische Ideologie der herrschenden Klasse gibt, sondern es gibt vielmehr verschiedene miteinander konkurrierende Ideologien, die oft gegensätzlich sind. So ist liberaler Multikulturalismus genau so ein Teil der herrschenden Ideologie wie White Supremacy. Die bürgerliche Gesellschaft ist kein einheitlicher Block.”

Die BILD oder Fox News existieren eben parallel zum Bento-Quiz “Heidi Klum oder Donald Trump – kannst du ihre Zitate über Frauen unterscheiden?!” (danke, Lily! >< )

Kritik an Klum verkauft sich so gut wie Klum. Sexismus verkauft sich so gut wie Anti-Sexismus. Bento und Dove sind Extremismus der Mitte. Die Vermarktung von sozialen Kämpfen, von Sozialkritik braucht immer mehr davon: Wenn ich vom Thematisieren des Elends lebe, kann ich nicht ernsthaft an kollektiven Lösungen interessiert sein, denn die Zuspitzung, das Empören, die Emotionen funktionieren viel besser. Umgekehrt aber auch: Wenn ich keine andere Hilfe erfahre, mir diese immer weiter gekürzt wird und ich mich politisch machtlos fühle, dann mache ich eben wenigstens Geld aus dem Elend und vermarkte die Diskriminierung, die ich erfahre. Patreon statt Politik, individualistischer Lebenserhalt statt soziale Revolution.

Auf die Erfahrung, dass Gegenkultur meist keine großen Veränderungen anstößt, folgte die Erfahrung der Unmöglichkeit der Gegenkultur per se durch ein alles durchdringendes Produktscouting, das jede erblühende Subszene gleich im Entstehen kappt. Wir haben eher eine Kommodifizierungs-Police als eine PC-Police amirite… Wo war ich? Ach ja, bei Nagles Kill All Normies, dem Buch, dessen Thesen von so vielen kritiklos übernommen werden, obwohl das Buch letztlich einfach das Narrativ der Rechten verstärkt, die “Culture Wars” noch mal richtig anschürt. Kein Wunder, dass es auch bei den Rechten gut ankommt: “Prominent US fascist Richard Spencer has endorsed Nagle’s book on his Instagram, noting that it “gets” his movement and that its criticisms of “the Tumblr left” are “useful”. It should go without saying that such an endorsement — for an ostensibly left wing book on left and right-wing online cultures — ought to give pause. Apparently not.” So Josh Davies.

Dass Transgression sich über eine individualisierende Disrupt-Everything und Commodify-Everything Startup Culture, die in letzter Konsequenz eine demokratische staatliche Kontrolle am liebsten komplett abschaffen würde, viel gefährlicher in den Alltag eingegraben hat, bleibt als Thema in Kill All Normies unerwähnt – passt halt nicht in’s Narrativ der Culture Wars. Ist aber halt für eine materialistische Marxistin ganz schön dünn. Donald Parkinson erwähnt zu diesem Aspekt auch die Ron Paul Anhänger: “Nagle ignoriert auch komplett die Rolle des Ron Paul Libertarismus. Jeder, der die Alt-Right versteht, weiß, dass es eine Verbindung zwischen libertärer Politik und der Alt-Right gibt, und dass viele Leute, die vom Scheitern Ron Pauls enttäuscht waren, sich der Alt-Right zuwanden. … Libertarismus, eine Ideologie, in der alle Moral auf Besitzrechten basiert, in einem Land, das auf einem Fundament aus Sklaverei und Segregation gebaut ist, zieht Rassisten an. Der Schwerpunkt, den Libertäre auf Wettbewerb legen, kann seine Anhänger dazu bringen eine Position des Sozialdarwinismus einzunehmen und Ideen zu erforschen, die mit Race Realism verbunden sind. Das schafft eine Verbindung zwischen weißen Identitären und Libertären. … Es gibt eine Sorte vulgären Positivismus’ in libertärer Ideologie, die gut zu Race Realism passt. … Märkte als demokratischer anzusehen als irgendeine staatliche Institution, der Freie-Marktliberalismus steht selbst allem kritisch gegenüber, was sich für Gleichheit und Demokratie einsetzt, und passt daher in seiner extremsten Variante gut zur Ideologie der Alt-Right.”

Für Nagle sind beides, der Tumblr Liberalismus und die 4Chan-Alt-Right letztlich der überzogene Versuch, eine Gegenkultur zu schaffen, Stichwort “transgression”, ein Aufbäumen gegen einen Common Sense Status Quo. Deswegen trennt sie auch nicht zwischen einem linken Anliegen der Solidarität und Offenheit, und einem rechten des Rassismus, Sexismus, der nativistisch-nationalistischen Abgrenzung. Nagle formuliert letztlich die klassische bürgerliche Ablehnung von Extremismen. Es ist ein zutiefst antisolidarisches Buch. Ihr Bashing ist Empathielosigkeit als Vernunft getarnt, erschreckend konservativ. Deswegen auch ihre Fokussierung auf die Effektlosigkeit von Transgression: Nichts soll von der Norm ausscheren, dann wird alles gut. Alternativen hat sie nicht parat, wie auch Josh Davies kritisiert: “Die Verweigerung zu Reflektieren wird noch dadurch verschlimmert, dass das Buch keinerlei Idee dafür aufweist, dass es überhaupt irgendetwas gibt, was getan werden könnte. Es gibt viel Kritik an den politischen Praktiken derer, die sich gegen Rechtsextreme stellen, aber keine Ansätze dafür, was Nagle stattdessen vorschlagen würde.”

Dass trotz all dieser Mängel trotzdem so viele unreflektiert Nagles Thesen übernehmen zeigt in erster Linie das, was Niklas Weber feststellte: “Wir haben ein Faszinationsproblem mit den Neurechten.”

Zwei Absagen

Ich habe gerade schweren Herzens meinen Vortrag nächste Woche im Kunsthaus und den DJ-Gig in der Roten Sonne beim vorletzten Candy Club abgesagt. Es tut mir leid für alle, die sich auf meinen Beitrag zu diesen beiden Veranstaltungen gefreut haben, aber Mademoiselle Massacre needs a break before she breaks.

Ich kämpfe seit einer Weile mit Burn Out Symptomen und wenn sowas die Form von körperlichen Symptomen annimmt, dann ist es wohl höchste Zeit, mal die Reißleine zu ziehen. Bzw. bleibt mir nicht viel anderes übrig. Ich bin ja auch alles andere als die einzige, die so etwas durchmacht, und es ist immer gleichzeitig ein zutiefst privates UND ein gesellschaftliches Problem. Self Care will not save us alone. Und ich poste das hier nicht zuletzt auch deswegen so öffentlich, um meinen klitzekleinen Beitrag zur allgemeinen Sichtbarkeit des Problems zu zollen. Wer ist schon gern schwach und unzuverlässig.

Ich hatte gehofft, wenn ich mich zu der Entscheidung, ein paar Veranstaltungen abzusagen, durchringe, würde sich das befreiend und nach Erholung anfühlen, aber gerade fühlt es sich eher nach Scheitern und Versagen an. Bescheuert, aber wahrscheinlich *normal* für jemanden, die gewohnt ist, seit Jahren eigentlich permanent mit Begeisterung mehrere Projekte parallel zu stemmen. Meine innere Fünfjährige stampft da gerade ganz schön wütend auf. Ich kann es nicht ausstehen, klein beigeben zu müssen! >< Deswegen will ich auch nicht alles absagen, sondern erst mal nur etwas Druck rausnehmen. Ich freue mich aller Kaputtheit und Traurigkeit zum Trotz auf Dancing With Tears In My Eyes heute und auf Orchid in zwei Wochen. “It’s complicated.”

“Yes, we are equal. I’m sure this is difficult for you.” – Vikings, die Serie

Vikings von Michael Hirst ist die erste Wikingerserie, die ich mir seit Wickie angesehen habe, und das ist ja nun doch schon eine ganze Weile her. Und ja, auch ich gehöre zu denen die lange davon überzeugt waren, dass Wickie ein Mädchen war, was ich aber nicht mal so lustig finde. Es zeugt schließlich davon, wie tief der Wunsch nach von Gendernormen befreiten Held*innen schon (oder gerade) als Kind war.

Und das mit den Geschlechternormen reicht halt tief, selbst in das was als wissenschaftlich objektiv angesehen wird. Nehmt nur den Grabfund der Wikingerkriegerin von Birka, bei der eine von solchen Normen dominierte Wissenschaft sich einfach nicht vorstellen konnte, dass es sich um eine Frau handeln könne, weil Waffen und Würfel als Zeichen eines taktisch versierten Kriegs*herren* im Grab lagen. So wurde lange Zeit davon ausgegangen, dass es sich um einen Mann handelte, bis sie sich durch eine DNA Studie als Kriegerin erwies. Der Archäologe Davide Zori stellte fest: „[Die neue Studie] trifft direkt ins Herz der archäologischen Interpretation: Wir haben immer alles auf unserer Vorstellung der Geschlechterrollen abgebildet.“

Als diesen Artikel vor kurzem jemand in meine Timeline gepostet hat, musst ich gleich an Lagertha denken. Die an eine historische Figur angelehnte Kriegerin und mehrfache Mutter, die in der Serie Vikings erst an Seite ihres Mannes von Farmerin zu Earl-Gemahlin aufsteigt, ihn dann verlässt, weil er sich noch eine zweite Gemahlin nehmen will, die schwanger von ihm ist, und die nicht nur Männer, die sie vergewaltigen wollen und Feinde, sondern auch nicht nur einen, sondern gleich zwei Ehemänner tötet, sich ihren eigenen Earl-Titel erkämpft, und schließlich gar Königin wird – sehr schön ist der Moment, in dem sie da König Ragnar gegenüber fallen lässt: “Yes, we are equal. I’m sure this is difficult for you.” – und die dann mit ihrer Liebhaberin lebt, ist eine großartige Figur.

Es ist interessant, dass die Serie mit Ragnar Lothbrok eine zentrale Figur hat, die bei ihren Eroberungen eher von der Neugierde auf andere Kulturen getrieben wird. Dass man als Wikinger dann halt trotzdem nicht einfach so Paris angucken fährt, sondern gleich eine Armada um sich sammelt, um es zu erobern – ja, so waren sie halt, die Wikinger. So waren sie halt *auch*, ist der Kern der Serie. Dass Akte der Grausamkeit in neueren Historienerzählungen oft expliziter als früher ihren Platz bekommen, liegt zum einen gewiss daran, dass es ein Publikum hat, aber die Kunst, die Vikings dabei schafft, ist es, dabei nicht in die Falle zu tappen, sie als einfach nur “barbarisch” darzustellen. Hirsts Erzählung von Vikings kriegt wirklich gut die Kurve, die Neugier auf andere Kulturen und auf Wissen mit einer überaus brutalen Historie in Einklang zu bringen, und sie nicht nur als einen Kampf um mehr Macht und Länder zu schildern.

Auch sehr schön ausgearbeitet ist die Vielfalt der Sprachen, deren Wirkung Raum gegegeben wird: als Barriere, als verbindendes Element, als etwas zu Lernendes. Es geht immer wieder um das Verstehen und Nicht-Verstehen, das mal an Sprache, mal an der Haltung einzelner liegt. In der Serie gibt es Altnordisch als Hauptsprache, das meist als Englisch/Deutsch (Standardsprache, in der du die Serie ansiehst) dargestellt ist, aber in Situationen, in denen Wikinger auf Figuren anderer Kulturen treffen, wird es zu Altnordisch mit Untertiteln. Die anderen Sprachen werden auch meist mit Untertiteln dargestellt, außer es ist die Hauptsprache der jeweiligen Handlungsperspektive, dann werden sie auch in die Standardsprache übersetzt. Weitere Sprachen, die mal länger, mal als Fetzen auftauchen, sind noch mindestens Altenglisch/Angelsächsisch, Altfranzösisch, aber auch Latein und Griechisch, Lettisch, Hindi, Urdu und schließlich sogar Arabisch.

Religionen spielen ebenfalls eine tragende Rolle, die nordische ebenso wie die christliche, auch beider Schicksalergebenheit und ein aufkeimendes Aufbegehren Einzelner dagegen. Religionen werden hier nicht nur als abstrakte Mythen eingesetzt, an die ‘einfachereren’ Menschen von damals halt  glaubten, sondern durch Stilmittel wie das immer mal wiederkehrende Einblenden von Visionen wird vermittelt, wie sehr sie ein Welterklärungssystem darstellten, das durchaus komplex bis tief in den Alltag reichte, und so selbstverständlich war wie für uns heute wissenschaftliche Erklärungsmodelle der Welt. Magischer Realismus auch. Quasi. Sehr schön sind auch die Überblendungen zu Handlungen andernorts, oder der Einsatz von Bildern von Naturgewalten, wenn Figuren Mythen ihrer Gottheiten erzählen.

Wikinger hatten keine Schriftkultur, deswegen sind Geschichten über sie so gut wie ausschließlich von christlichen Mönchen festgehalten worden. Deren Perspektive prägte demgemäß die Darstellung: brutale, primitive verwahrloste, zottelbärtige Männer, die nur an’s Kämpfen, Saufen und Vergewaltigen dachten. Das machte Wikinger für mich jetzt zu einem eher langweiligen Thema, weswegen ich der Serie auch jetzt erst, recht spät, einen Blick gegönnt habe, dann aber doch recht schnell von ihrem emanzipatorischeren Ansatz gefangen genommen wurde. Lagerthas Satz “Yes, we are equal. I’m sure this is difficult for you” könnte auch für die Serie als Kommentar an den christlich-männlich geprägten Blick auf die Wikingerkultur gerichtet sein.

Auch der Einsatz von Humor – ich kann mit humorfreien Serien genauso wenig anfangen wie mit zu zynisch-abgeklärten – und das 1A Styling der Wikinger sprechen mich natürlich auch an. Ganz schöne Fashionistas, von Kleidung und Schmuck bis zu aufwändigen geflochtenen Frisuren und Schminke, aber auch das Schmücken von Schiffen und Hütten ist liebevoll bis ins Detail dargestellt. Es ist eine lose an Historie angelehnte Geschichte, Figuren wie Lagertha, Ragnar oder auch King Ecbert sind überliefert. Nicht verwunderlich, ist es doch eine Serie des History Channels und Hirst ist stolz auf seine Bemühungen um seine semifiktionale Annäherung an historische Authentizität. Er legt dabei mehr Wert, eine vergangene Zeit und ihre Kultur zum Leben zu erwecken, und ihn interessiert das soziale Gewebe mehr, als jede Jahreszahl und jeden geographischen Punkt auf Teufel (oder Loki) komm raus faktisch korrekt hinzubekommen. Das lässt das ganze atmen. Es wird sich Zeit für die Charakterentwicklungen einer ganz schön großen Zahl von Figuren bemüht, von männlichen ebenso wie von weiblichen. Auch die Entwicklung von Freundschaften bekommt viel Raum, nicht nur die von Feindschaften oder sich anbahnenden Beziehungen. Ach, und apropos Beziehungen: Selbst polyamore / offene Beziehungen werden angedeutet. Und Crip Empowerment bekommt im späteren Verlauf der Serie eine ganz eigene Definition. Andererseits würde ich jetzt mal gefühlt sagen, dass die Serie den Bechdeltest nur knapp bestehen würde. Von dem her: Emanzipatorisch mit Anführungszeichen.

Aber hey, wenn sich das Wikingerpärchen Lagherta und Ragnar gleich zu Anfang beim gemeinsamen Wäschewaschen drüber streitet, wer von ihnen in den bislang unerkundeten Westen segeln darf, um zu gucken, ob England wirklich existiert – (naja, okay, und um ein Kloster auszuplündern und Mönche niederzumetzeln) – und wer zu Hause bleiben und auf die Kinder aufpassen muss, nun, dann ist das ja ein durchaus zeitloses Problem, das nicht die Wikinger recht modern wirken lassen sollte, sondern unsere Gesellschaft heute ganz schön antiquiert. So haben Eltern in Vikings zum Beispiel ihre Kinder bei Regierungsgeschäften einfach dabei, was bei uns undenkbar ist und als unprofessionell gilt, siehe z.B. den Verweis einer Abgeordneten mit Baby aus dem Thüringer Landtag vor ein paar Tagen, In Vikings wurde das Problem dann im Verlauf der Handlung übrigens ganz praktisch gelöst: beim ersten Überfall auf Northumbria entführt Ragnar einen Mönch als Sklaven, der dann bei der nächsten Reise auf die Kinder aufpasst, so dass Lagertha mit auf Plünder- und Metzeltour gehen kann. Muss man jetzt nicht heute genauso machen, aber: Chapeau! ^^

Ich hatte leider irgendwann das Gefühl, dass die Serie mit dem Fortschreiten etwas konservativer wurde, und mehr auf Intrigen, Machtspiele und teils überzogene Grausamkeit gesetzt wird, um den Spannungsbogen zu halten – wie es bei ähnlichen Serien, von Westworld bis Game Of Thrones, auch so gehandhabt wird, und was ich auf Dauer ermüdend finde, weil es erzählerisch so banal und unkreativ ist. Wo Ragnar und Lagertha noch eher in Situationen schlitterten, in denen sie sich eine höhere Machtposition erkämpften, weil sich wehren mussten, geht es später dann doch oft mehr um Macht und einen nicht-endenen Rachekreislauf. Wobei das auch an den später dazukommenden Hauptcharakteren liegt. Ausnahmen bilden vielleicht noch Bjorn, der Sohn Lagerthas und Ragnars, der quasi die Neugier seines Vaters geerbt hat, und weiter die Welt erkundet, bis nach Sizilien und Nordafrika. Und Floki – auch eine ganz wunderbare Figur, sehr gespalten und gequält, aber auch voller Witz und Liebe, und: bester Schminkstyle! Aber die Handlungsstränge und auch manche Twists werden in den späteren Staffeln nicht mehr so gut eingewoben in den Rest der Geschichte – z.B. wird aus King Ecberts letztem großen Trick nicht wirklich was gemacht – und die Charakterentwicklung bekommt nicht mehr so viel Zeit, Judiths Söhne z.B. bleiben doch recht grob typisiert, und auch Ivar hätte mehr Tiefenschärfe verdient. Aber dennoch eine immer noch überdurchschnittlich gute Serie und ich bin gespannt auf den 28.11.18, wenn die nächste Staffel rauskommt.

Buchbesprechung: Leonie Swann – Dunkelsprung

Ganz wunderbare leichte Lektüre. Ich mochte von Leonie Swann auch schon das Hörbuch von Gray, während ich Glennkill schnell wieder auf die Seite legte – zu langatmig, zu bieder.

In Dunkelsprung flicht Swann ähnlich wie in Gray eine Vorliebe für ein leicht angestaubtes Klischee-Großbritannien – you know, Tee, die pittoreskes Farmland und Küste, und ein London, das für immer die Spuren Sherlock Holmes und Jack The Rippers trägt. Ich bin für diese romantisierten Geschichts- und Traditionsfetzen wenn es um Großbritannien geht, auch recht empfänglich, verstehe aber alle Engländer*innen, denen dabei die Galle hochkommt, denn ich implodiere auch jedes Mal verzweifelt, wenn Nürnberg sich wieder und wieder nur über miefige Bratwürste und Bier, die Burg samt Altstadt und Dürerhasen inszeniert.

Mir kommt da immer wieder ein Essay von Sam Wetherell und Laura Gutiérrez in den Kopf, “It Just Won’t Die“, in dem sie anlässlich des Royal Wedding-Zirkusses über diese Art von “history factory” und die Folgen davon schreiben, wenn das Branding über eine verklärte, als abgeschlossen behandelte Historie läuft, die für Tourismus am Leben erhalten wird, und sich das an der Gegenwart bricht – oder eben nicht brechen kann:

“Amid the frantic attempts to represent Britain’s past as cobbled and quaint it gets harder each day to meaningfully connect the past and the present. This task requires the acknowledgement that the past is a process, whose structures, institutions and power relations still weigh heavily on the politics of the present. Instead, Britain’s history factory delivers the past as a finished object, something to be charmed by and nostalgic for.”

Dunkelsprung verfährt hier schon ebenso, darin auch Harry Potter oder den Peter Grant Romanen von Ben Aaronovitch ähnelnd: Es gibt keine Interaktion der Vergangenheit oder der mythischen Sphären mit der Gegenwart, keinen Dialog, sondern sie werden als einfach als skurilles Element in die Gegenwart geholt, wirken da aber nicht mal so sehr skurril, da Swanns Version eines Gegenwartsgroßbritannien die Züge des “history factory” UK trägt. Gerade darum funktioniert der Roman aber vielleicht auch so schön in seinem Verschwimmenlassen von Erleben, Erinnern und Vergessen.

Im Gegensatz zu vieler anderer Fantasy, in der Figuren zielstrebig wie in einem RPG-Computerspiel von einer Mission zur nächsten eilen, verschwimmen hier die Missionen, tun sich Seitenwege auf, Zusammenhänge werden hergestellt, Nebengeschichten von Nebenfiguren erzählt, Zusammenhänge werden wieder in Frage gestellt, so dass das Buch, wenn auch nicht sehr tiefschürfend, durchaus nicht ganz unkomplex ist. Die Geschichte ist sprunghaft wie die Flöhe, die eine durchaus zentrale Rolle in ihr spielen. Es wird sich Zeit genommen, Nebenfiguren detailreich zu entwerfen, von einem nach Erdbeeren duftenden Drachenbaby bis zu einer feuch glänzenden Schneckenfrau mit Alabasterarmen. Die menschlichen Figuren sind nicht minder skurril wie die Fabelwesen: Flohzirkusdompteur und Detektiv-oder-doch-Gangster – sie sind meist leicht verwirrt und sich nicht immer darüber ganz im Klaren, wer und wann sie sind, was real ist und was nicht.

So ganz im Klaren darüber ist sich Leonie Swann wohl auch nicht: Es ist kein ganz rundes, stimmiges Buch, nicht wie Grey, aber meine Dankbarkeit für einen so charmant-skurrilen Roman, der Fantasy ein wenig weg von immer wieder ähnlichen Plots führt, überwiegt.

30 Jahre Radio Z – eine Radioplattform, die Utopie wagt

Zum Jubiläum von RADIO Z hatte ich die Ehre, gestern eine Rede zu halten, mit ein paar Gedanken zu seiner Rolle in der heutigen Medienlandschaft. Und mein Fangirling für diesen wunderbaren widerspenstigen Sender möchte ich euch auch hier nicht vorenthalten:

Mich freut es, dass die erste klassische Rede, die ich in meinem Leben halten darf, eine für Radio Z ist, denn: keine Institution hat mich neben dem musikverein so sehr geprägt. Meine frühen Erinnerungen an Radio Z stehen dabei auch für eine Zeit, in der gegen traditionelle Gatekeeper aufgestanden wurde – gegen eine konservative Medienlandschaft, gegen professionelle Werturteile, gegen die alteingesessenen Autoritäten in Politik und Kultur und Medien. Es ging um eine subversive Alternative, in der Nischenkultur und dann zunehmend auch gesellschaftlich marginalisierten Menschen eine Stimme gegeben werden konnte. So gab es bei Radio Z schon ab 1989 eine Schwulensendung, wohlgemerkt noch während der Zeit des Paragraphen 175. Viva Radio Z – egal ob verschiedenste internationale Communities, Flüchtlinge, Behinderte, Psychiatrieerfahrene, Feminist*innen jeglicher Couleur, immer wieder kommen neue Jüngere dazu, Queers, Gamer, Filmliebhaber, Internet-Nerds, aber auch ganz viele Menschen mit exklusivem Musikgeschmack, den sie in inkludierende Musiksendungen verwandeln, mit Musik aus verschiedensten Genres, Ländern, Äras oder aus verschiedensten Gesichtspunkten betrachtet …. Themen mal aus anderen Perspektiven zu sehen, einen machtkritischen Blick, einen mainstreamfernen Blick, und ein Blick von Marginalisierten, die hier ihre Perspektive auf die Welt sichtbar machen – das sind Inhalte, die im Mainstream, der sich an Quoten und Werbefinanzierung orientiert, keine Stimme bekommen oder bekommen können.

Dass Abhängigkeit von Werbung Medien nicht gut tut, lässt sich derzeit an den Problemen der Zeitungsbranche mitverfolgen, die verzweifelt ihren Platz in einem Social Media-dominierten Internet sucht. Social Media zeigt uns langsam seine problematische Seite: Ja, dort können alle sprechen, aber nur zu den Bedingungen der strukturellen Logik der Plattform. Das heißt: eine Plattform, die von Werbung finanziert wird, muss zu lernen versuchen, worauf Menschen am meisten reagieren, und diese Aufmerksamkeitsökonomie wirkt zurück auf ihre User: Wer am provokativsten, am lautesten, am gefühlserregendsten postet, wird am meisten gehört. Dass die Attention Economy von Social Media Plattformen schädlich für das Vermitteln von Nachrichten ist, weil es – gemäß einer zur Werbewirksamkeit nötigen viralen Logik hinter dem Filtern der Timelines – besonders populistische Inhalte bevorzugt anzeigt, gehört wahrscheinlich zu den bittersten gesellschaftlichen Lernerfahrungen des vergangenen Jahres. Es ist ein Paradebeispiel dafür, warum alternative Medienstrukturen, die unabhängig von Sponsoring und Quoten sind, so wichtig sind.

Das Format Radio mag sich für manche heute ein bisserl altbacken anhören, aber das tat es auch schon, als Radio Z anfing. In den 80ern wurde mit MTV das Radioformat totgesagt, “video killed the radio star”. Heute wissen Jüngere nicht mehr, was MTV ist, während nicht zuletzt der wahnsinnige Erfolg von Podcasts und Mediatheken, wie auch Radio Z längst eine hat, eine erneuerte Beliebtheit des Audioformats zeigt – wahrscheinlich werden Menschen es einfach nie müde werden, sich Geschichten zu erzählen und erzählen zu lassen und eine der vielen Künste, die es beim Radiomachen zu erlernen gilt, wird es bleiben, sich immer wieder einen Platz in neuen technologischen Infrastrukturen zu suchen.

Vom Tonbänderschneiden und Flyerkopieren der frühen Jahre bis zu Digitalschnitt und Internetpräsenz – Radio Z stand vor vielen Veränderungen, und Radio Z stand oft kurz vorm Abgrund, aber hat es immer wieder geschafft, sich neu zu erfinden in den vergangenen 30 Jahren. Und das in einer Art und Weise, zu der ich abgewandelt eine großartige Veteranin dieses Senders zitieren will, nämlich Tine Plesch: “Ein kritischer Sender muss, wenn er diesen Anspruch wirklich hat, sein eigenes Scheitern und seine unabänderliche Eingebundenheit in die kapitalistische Gesellschaft stets mitdenken und tatsächlich auch thematisieren.” Bei Radio Z geht es nicht nur um das, was aus den Lautsprechern kommt; nicht Radio als Produkt, sondern Radiomachen als gemeinschaftlicher Prozess. Deswegen an dieser Stelle ein großes Shout Out an all die ganzen großartigen verrückten Menschen, die im Hintergrund Radio Z zusammenhalten – dieses große zappelnde widerspenstige Ungetüm von Community.

Einer der Punkte, die Radio Z so unersetzlich machen, ist auch seine geographische Verortetheit – es ist kein geographisch beliebiges Medium, es ist ein Lokalradio. Und damit meine ich nicht den inhaltlichen Fokus auf lokale Ereignisse, auch wenn der auch dazu gehört, nein, hier meine ich: Leute aus den unterschiedlichsten Schichten und Szenen ein und derselben Stadt finden sich seit sage und schreibe 30 Jahren bei diesem Knotenpunkt Z zu einer Polyphonie zusammen. Es gibt nichts auch nur annähernd Vergleichbares in dieser Stadt, was ein solch diverses Netzwerk von Stimmen darstellt, was so gut die kritische und die kulturelle Vielfältigkeit von Nürnberg repräsentiert. Wenn ich was Symbolisches für das urbane Herz von Nürnberg wählen müsste, wäre das bestimmt kein Hochglanzbild einer blau angestrahlten Burg, sondern viel eher ein vielleicht etwas unansehnlicherer, aber von einer Vielfalt von Signalen nur so pulsierender Kabelhaufen in der Ecke von Radio Z. Es ist Community Radio im besten Sinne: Es gewährt einen granularen Einblick in diese Stadt, einen Zugang durch hunderte kleiner Türen statt nur durch ein großes Tor. Hinter jeder Tür eine andere Stimme, die etwas vorzubringen hat, die Musik vorzustellen hat oder einen kritischen Kommentar oder eine satirische Pointe, und das – um noch mal zum Finanziellen zu kommen – ohne Entgelt.

Es ist ein Medium, das trotz seiner wichtigen Rolle kaum Geld zur Verfügung hat. Umbequemen kritischen Stimmen wird halt auch nicht so gern Geld gegeben, egal wie wichtig ihre Rolle in unserer Gesellschaft ist. Ehrenamtliche Arbeit wird zwar immer schön hochgehalten, aber die Grenze zwischen Selbstaufopferung und Selbstausbeutung, und das nötige Privileg, die Freizeit für Ehrenamt statt eines Zweit- oder Drittlohnerwerbs zu haben, wird dabei meist unter den Tisch gekehrt. Diejenigen, die sich bei Radio Z engagieren, kommen zu einem großen Teil auch aus äußerst prekären Lebensverhältnissen – deswegen nicht nur ein großes Dankeschön von mir für die ganze unbezahlte Arbeit an einem so großartigen Spektrum an Radiosendungen und der Radio Z Infrastruktur, sondern auch die dringliche Forderung nach mehr Förderung!

Es macht mich immer wieder traurig und wütend, wenn ich sehe, wie wenig Förderungsgeld den zuständigen Behörden ein solch großartiges Community Projekt wie Radio Z es ist, wert ist. Ein solch nachhaltig kritisches Medium, eine solch diverse Plattform von Stimmen, ein solch utopischer Raum. Denn letztlich geht es bei Radio Z auch um das, was derzeit zum Beispiel unter dem Begriff “Safe Space” immer wieder heiß diskutiert wird. Nämlich alternative solidarische Räume zu schaffen, in denen ein Ausnahmezustand hergestellt wird, in dem alle Menschen gleich laut gehört werden können, an dem alle Mitglieder mitdiskutieren, mitentwerfen, mitbauen können. Und das ist es, was Radio Z letztlich für mich die letzten 30 Jahre immer gewesen und immer noch ist und bestimmt auch weiterhin sein wird: Eine Radioplattform, die Utopie wagt!

Stefanie Sargnagel oder warum ich wieder das Selberdrehen anfangen würde

Stefanie Sargnagel – Statusmeldungen, Rowohlt 2017
Extra für heute zum Posten aufgehoben weil heute die Lesung bei uns – geht da hin! – in Nürnberg ist *

Ausgerechnet ein Buch von Stefanie Sargnagel als Hardcover mit Stoffeinband in Händen zu halten, sogar mit stabil eingearbeitetem Lesezeichenbändchen – das gibt einer schon zu denken. Ich sähe ja als perfektes Medium jenseits ihres natürlichen Habitats der Social Media Plattform für ihre Statusmeldungen das Zigarettenpapierpäckchen. Obwohl ich einiges von Oscar Wilde auch in Büchern gelesen hatte, blieben mir doch am meisten seine Aphorismen in den Muskotepapers von früher im Kopf. Auch Büchner hab ich brav gelesen, aber zitieren kann ich daraus bis heute bloß “Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.” Was aber auch ein sehr schöner Satz ist. Oder zwei. Den hatte ich feinsäuberlich an der Perforation des Zigarettenpapierpäckchens abgetrennt und an meine Küchenpinnwand gepinnt und natürlich ein Bild von Totenschädeln daneben, dass ich aus einer Zeitschrift rausgerissen hatte, ganz wie es sich für die jugendlich-nihilistische Dramaqueen in mir gehörte. Jahrelang prostete ich diesem Zigarettenpapierchenpackungszitat mit meinem Morgen-Earl Grey zu, bis ich dann irgendwann keine Küchenpinnwand mehr hatte und früh lieber Kaffee trank. Aber das war ja quasi schon eine Musealisierung des Zigarettenpapierchenpackungszitats. Stefanies Statusmeldungen sollten da drauf gedruckt werden, weil sie doch zirkulieren, kommentiert werden, geliked werden müssen. So,

Person 1: Haste mal Papers?
Person 2: Klar, da!
Person 1: Danke. Ach cool, den Sargnagel kannt ich noch gar nicht: “Ich bin so stolz auf dicke Frauen, die sich anziehen wie Huren?” Haha, voll gut.
Person 2: Eh!
Person 3: Ich hab “Ich mochte Flüchtlingshilfe lieber, als sie noch mehr Underground war.”
Person 1 & 2 schütteln lachend und weise den Kopf, “voll wahr!”

Und dann unterhalten sie sich kontrovers über die Themen, die da angerissen werden – “sagt man überhaupt Huren?” oder so – und das Leben und überhaupt. Oder Alleinerauchende fühlen sich weniger allein, wenn sie in Gedanken mit dem Spruch auf dem Paper kommunizieren und verstehend versonnen vor sich hinnicken. Auch lustig: Dass Sargnagel ein ugs. für Zigaretten ist. Auch darüber lässt sich’s beim Zigarettenpapierchenpäckchenherumreichen hervorragend reden. Die Schönheit der Vergänglichkeit, die in so einem Sargnagel-Spruch und in so einer verglühenden Zigarette steckt. Der Ort, die kleine Kommunikationsnische der vor der Tür Rauchenden, so zwischen anwesend und nicht anwesend, zwischen Tür und Angel, wäre schon auch ein guter Ort für Stefanies Statusmeldungen. So Kunst im Alltag wär das ja auch. Und manche würden anfangen, die Zigarettenpapierchenpäckchen zu sammeln und zu tauschen. Kleine Kinder würden das Rauchen anfangen. So viel Anfang wäre nie gewesen.
Aber hier hab ich nun Stefanie Sargnagels Statusmeldungen zwischen diese zwei Buchdeckel gepresst wie Leute früher Kleeblätter oder Blumen gepresst haben und das Lesezeichenbändchen sorgt dafür, dass du dich nicht verläufst, raus mit den Texten aus dem natürlichen aber halt nicht verwertbaren Habitat und rein damit in den Zoo, aber bitte nicht brav werden, Stefanie, darum sorgen sich schon die Rezensent*innen in SZ und VICE. Ich wäre zwar wirklich dafür, dass Stefanie ihre eigene Zigarettenpapierchenmarke ‘Sargnagel’ entwirft – bitte, dann würde ich sofort/endlich den Umstieg auf’s Selberdrehen hinkriegen! -, aber je länger ich in dem Buch herumlese, in dem es sich hervorragend verlaufen lässt (ich empfehle, immer extra da zu lesen, wo das Lesezeichenbändchen gerade nicht ist), desto mehr muss ich sagen, die Buchform passt schon auch ganz hervorragend. Sich unter der Bettdecke zusammenzurollen und vor der Welt zu verstecken, wenn sie mal wieder zu arg ist, und dann Sätze zu lesen wie “Bis auf die täglichen Suizidgedanken bin ich ein sehr glücklicher Mensch” oder “Ich hab die Fernbedienung vom Hotel eingesteck, weil ich mein Smartphone so vermisse” oder “Marokko ist eh das ohne Daesh, oder?” oder “Froschfotzengelee. Lol.” und schon fühlst du dich ähnlich gut aufgehoben wie es diese Texte schon auch zwischen Buchdeckeln sind. Ihre Mischung aus Provokation, Kritik, melancholischem Zynismus, und Absurdität und Alltäglichem, und absurdem Alltäglichem ist einfach immer wieder trocken auf den (wunden) Punkt geschrieben. Unschlagbar. Kauft dieses Buch, es ist und tut gut. <3

 

*) Natürlich nicht. In Wahrheit wie immer viel zu spät dran und heute gerade noch fertiggetippt.

“Ignoranz als Überparteilichkeit”

“Mehrheitsgesellschaft, die ihre Ignoranz als Überparteilichkeit feiert” – dieses Zitat von Martin Krauss trifft, wogegen auch ich mit verschiedensten Leuten die letzten Tage versucht habe, anzudiskutieren. Ich habe mich dabei oft geärgert, dass ich das Gefühl hatte, mich oft nicht gut genug in der Sprache meines Gegenübers ausdrücken zu können. Ich habe mich oft ungebildet gefühlt. Nicht schön, weil ich es gewohnt bin, wenn ich etwas nicht weiß, entspannt dazu zu stehen und solange zu fragen, bis ich es verstehe. Und umgekehrt, zu erklären, bis ich das Gefühl habe, mein Gegenüber hat verstanden, um was es mir geht. In letzter Zeit habe ich mich auf ein paar Diskussionen eingelassen, die diesbezüglich wirklich zermürbend waren. Gerade auch, weil ich es gewohnt bin, mich halbwegs ausdrücken zu können, aber hier wurde mir manchmal die Sprache unter den Füßen weggezogen. Ob das nun ein Verschwörungstheoretiker im Bekanntenkreis ist oder jemand, der sich so lange eine rechte Filterbubble aus Horizontserweiterunggründen angetan hat, dass er gar nicht mehr merkt, wieviel Verständnis er inzwischen für die Rechten zeigt und wie wenig für deren potenzielle Opfer. Oder einer der Autoren von “Mit Rechten reden”.

Ich fühle mich ja oft unzureichend in solchen Auseinandersetzungen, vor allem wenn es eine bestimmte Sorte bisserl akademischerer weißer nicht-mehr-ganz-junger Männer ist, die gewohnt sind, ihre Position kein Stück weit in Frage zu  stellen, sondern meinen, aus einer Position purer Rationalität und Objektivität zu sprechen. Von da aus halt, wo Objektivität den Beigeschmack der Objektivierung des Gegenübers (im Sinne davon, ihm nicht auf Augenhöhe zu begegnen) trägt und Diskussion ein Schachspiel, ein Battle, ein Game, ein technische Fingerspiel ist. Von Evo-Psych bis Philosophie oder Politikwissenschaft – Bro Culture is everywhere.

Sehr anstrengend ist das jedenfalls alles zur Zeit. Und ich wollte mich doch weniger mit Politik befassen und wenn, dann mehr mit Kulturthemen. Filme und Bücher besprechen, Herumtheoretisieren zur Kultur der Digitalität, und überhaupt: wieder mehr Musik machen! Zur Zeit fühlt sich’s eher an, als suchen (um nicht zu sagen verfolgen) die Themen mich anstatt dass ich sie mir aussuche. Und meine Neugierde, dieses elende quengelnde “ich muss das jetzt aber wissen!” lässt mich da wohl nie los. ^^

Und jede Diskussion bereichert mich ja auch, und Austausch ist “in diesen Zeiten vielleicht wichtiger denn je”. Bloß nicht mit Rechten. :sadlol: Wie der Historiker Volker Weiß in dem Artikel, aus dem auch das Eingangszitat war, treffend zusammenfasst: Inhaltliche Auseinandersetzung mit den Neuen Rechten ist sinnlos, weil es ihr darum geht, offene Diskurse auszuschalten. Wenn sie sich darauf einlässt, zu Debattieren, ist das nie als Austausch gemeint, sondern als Promo-Möglichkeit: Es ist eine Möglichkeit, noch mehr Präsenz zu gewinnen und die Grenzen des Sagbaren noch mehr auszuweiten, den Diskurs nach Rechts zu verschieben. Und das gelingt ihnen auch ganz gut. Da muss nur mal ein Blick in die ZEIT der letzten Tage geworfen werden, z.B.

Ein Artikel, der von Bothsideism nur so strotzt, bzw letztlich kaum verhehlt, dass er die Neue Rechte als viel exotisch-faszinierender empfindet als die Langweiler*innen, die dagegen “tanten- und reflexhaft” protestieren.

Ein anderes Beispiel, nebenbei eines von vielen, das das beliebte “die Linken sind schuld am Aufstieg der Rechten” strapaziert (egal ob das dann gerade die SPD, Antifa oder Politisch Korrekte sein sollen):

Ähnlich wie in dem einen Artikel das “Mysteriöse” riechen mir hier Vokabeln wie “Ermächtigungsbewegung” schon fast nach einer Romantisierung von Proto-Faschismus. Das dampft so um das wörtlich Gesagte herum. Kann aber schon mal passieren, wenn es für sinnvoll gehalten wird, moralische Gesichtspunkte aus der Diskussion zu streichen, um so vermeintlich rationaler urteilen zu können. Aber mei, wie ein Freund auf Facebook meinte: “hierzulande wird einfach traditionell gern den Tätern zugehört.”

Und um noch mal deren Inhalte deutlich zu machen, ein letzter Satz aus Krauss’ Artikel: “‘In Publikationen von Antaios wird das Frauenwahlrecht infrage gestellt, ein einkommensabhängiges Klassenwahlrecht gefordert und die Demokratie zur Herrschaft der Minderwertigen erklärt.’ Kaum verhüllter Hass auf Juden, mit Häme garniertes Kleinreden der Schoa – es bahnt sich an, dass das zur normalen und legitimen Meinungsäußerung avanciert.”

Okay, das waren zwei Sätze. Und eigentlich wollte ich ja heute endlich was zu Blade Runner 2049 bloggen.