RADICAL UTOPIAS

Training For A Complicated Future

Reihe für Buchvorstellungen und utopische politische Diskussionen mit Tobi Lindemann und eve massacre

Die Idee:

Die Zukunft sah schon mal rosiger aus: Klimakatastrophe, immer neue Extremformen des Kapitalismus, das Erstarken der Rechten, inhumane Flüchtlingspolitik, neue Pandemien – wir sind nur noch mit Aufklärung und Dagegenhalten beschäftigt, während Dystopien sich großer Beliebtheit erfreuen. Frust ist allgegenwärtig, aber nicht nur das, wir verlernen auch, große positive Zukunftsentwürfe zu wagen. Dabei gilt doch nach wie vor: Wir können nur erkämpfen, was wir uns vorstellen können.

In unserer neuen Veranstaltungsreihe wollen wir faszinierende Denker*innen, Theoretiker*innen und Aktivist*innen vorstellen, die sich trauen, radikal utopisch zu denken. Die Debatte, von der sie ein Teil sind, findet in Deutschland viel zu wenig statt und die Bücher, die wir superspannend finden, erscheinen bei uns meist erst mit langer Verspätung in deutscher Übersetzung. Es sind Bücher des unkonventionellen, kritischen, und radikalen zukunftszugewandten Denkens. Ihnen ist diese Reihe gewidmet, in der wir für eine bessere Zukunft “trainieren” wollen.

Jeder Radical Utopia Abend widmet sich einem Buch, das ihr nicht gelesen haben müsst: Wir stellen es zusammenfassend vor. Und danach wollen wir mit euch darüber sprechen, diskutieren, anknüpfen.

Die Hosts:

Wir – Tobias Lindemann und eve massacre – sind beide leidenschaftlich an progressiver linker Politik und Kultur, an Lesen und Rumtheoretisieren interessiert, aber kommen nicht aus dem akademischen Bereich, sondern stehen für lustvollen, anarchischen Wissenserwerb, der auch mal respektlos und hemmungslos sein kann, und sich nicht im Abstrakten verliert.

Das Artwork:

Die graphische Arbeit zur Reihe steuert Philipp Dittmar von Complex Pleasures bei.

Das Format:

Die Reihe war eigentlich als lokale Veranstaltung in der Kantine in Nürnberg beim Musikverein-Kollektiv gedacht, aber dank Pandemie wurde es zur Onlineveranstaltung. Jede Ausgabe besteht aus einer Buchvorstellung auf Youtube und anschließender Diskussion auf Zoom.

Die Buchvorstellungen lassen wir danach als Archiv online: Radical Utopias Youtube-Playlist.

Außerdem gibt es einen Radical Utopias Telegram-Channel: https://t.me/radicalutopias [icon name=”telegram” class=”” unprefixed_class=””], in dem wir Infos zu den Veranstaltungen, aber auch ab und zu interessante Links teilen.

Nächste Veranstaltung:

Achtung! Um eine Woche verschoben, neuer Termin ist der 29.06.22!

Mittwoch, 29.06.22

Radical Utopia #15

Our Shared Storm: A novel of five climate futures

Von Andrew Dana Hudson

[icon name=”book”]

Our Shared Storm von Andrew Dana Hudson verbindet Fiktion und Sachbuch, er benutzt spekulative Methoden für wissenschaftliche Zwecke. In diesem Buch erkundet er fünf mögliche Zukunftsstränge, die sich je nach heutigem Handeln entwickeln. Diese fünf parallelen Universen zeigen politische, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte von Zukünften, in denen die heute versprochenen Investitionen in die Abschwächung des Klimawandels erfolgreich abgeschlossen, verschoben geschoben oder gänzlich aufgegeben sein würden. Diese Geschichten, die von erschütternd bis hoffnungsvoll reichen, zeigen Entscheidungen, die wir treffen müssen, um den Planeten zu stabilisieren.


Andrew Dana Hudson ist Speculative Fiction Autor und Nachhaltigkeitsforscher. Seine Geschichten sind u.a. schon in Slate Future Tense, VICE Terraform, Grist und MIT Technology Review erschienen.

Ablauf:
Am Veranstaltungstag gibt’s um 20:15 Uhr eine Buchvorstellung auf YouTube .
Anschließend laden wir dann zum Gedankenaustausch auf Zoom ein. Den Zoom-Link gibt’s gegen Ende der Buchvorstellung im Chat und Infotext des YouTube-Clips.


Archiv:

Mittwoch, 27.04.22

Radical Utopia #14

Platform Socialism:  How to Reclaim our Digital Future from Big Tech

Von James Muldoon

[icon name=”book”]

Wer die Plattformen kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Mächtige Technologieunternehmen besitzen heute die digitale Infrastruktur des gesellschaftlichen Lebens des 21. Jahrhunderts. Unter dem Deckmantel des Aufbaus globaler Communities haben diese Unternehmen ausgeklügelte Technologien entwickelt, um mit ihren User*innen Geld zu verdienen. James Muldoon zeigt, wie Graswurzelinitiativen und transnationale soziale Bewegungen die Kontrolle von den Big Tech zurückerobern könnten. Er schlägt eine Vielzahl von Ideen vor, wie wir die emanzipatorischen Möglichkeiten digitaler Plattformen zurückgewinnen können – von der lokalen bis zur internationalen Ebene.

James Muldoon ist Dozent der Politikwissenschaften an der University Exeter, Leiter des Forschungsbereich Digitales bei autonomy.work und philosophiert auf YouTube bei Political Philosophy.


Mittwoch, 23.02.22

Radical Utopia #13

Gemeinschaft der Ungewählten: Umrisse eines politischen Ethos der Kohabitation

Von Sabine Hark

[icon name=”book”]

Frei ist, wer an der sozialen Praxis einer Gemeinschaft teilhat und sich als Teil eines »Wir« in der Welt beheimaten kann. Leider ist dies ein in unserer Gegenwart vielfach bestrittenes Menschenrecht. Doch ein gutes Leben ist nur das mit anderen geteilte Leben. In ihrem Essay erzählt Sabine Hark die Geschichte von Zugehörigkeit und Gleichheit, ausgehend von den Leben jener, deren Gemeinschaften mit Gewalt zertrennt werden, deren Hoffnungen auf ein gutes Leben an den Grenzzäunen der Macht zerschellen, deren Stimmen unerhört bleiben und deren Gleichheit mit Füßen getreten wird. Hark entwirft in einer zwischen Theorie und Dichtung oszillierenden Sprache ein machtsensibles politisches Ethos für ein plurales, demokratisches Zusammenleben, das Räume zum Atmen für die Vielen entstehen lässt.

Sabine Hark ist leitet das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin. Im Fokus ihrer Forschung stehen die Auswirkungen gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und technologischer Transformationsprozesse auf das Geschlecht und Geschlechterforschung als Kritische Ontologie der Gegenwart.


Mittwoch, 05.01.22

Radical Utopia #12

Ending Fossil Fuels – Why Net Zero Is Not Enough

von Holly Jean Buck

[icon name=”book”]

Weltweit setzen sich Länder und Konzerne Netto-Null-Emissionsziele. Aber was, wenn diese Ziele erreicht werden? Es ist zu fürchten, dass Fossile Brennstoff-Konzerne weiterhin Milliarden Tonnen CO2 produzieren während sie sich auf eine symbiotische Industrie verlassen, um die Atmosphäre sauber zu schrubben.

Sich auf die Emissionen zu konzentrieren lenkt Aufmerksamkeit vom tatsächlichen Problem ab: Dass Fossile Brennstoffe komplett beendet werden müssen.

Diese Industrie wird nicht freiwillig aufhören; Regierungen müssen einschreiten. Holly Jean Buck schlägt einen 3-Stufen-Plan vor, mit dem der Ausstieg geschafft werden kann. Mit einer Politik rural-urbaner Koalitionen und Plattformregulierung kann die politische Kraft aufgebaut werden, die es braucht, die Fossile Brennstoff-Industrie zu verstaatlichen und ihre Ressourcen dafür zu verwenden, Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu ziehen.

Holly Jean Bucks After Geoengineering ist eins der wichtigsten Bücher zu Klimakampf und sie ist richtig gut darin, die politischen, sozialen, ökonomischen und technologischen Komplexitäten verständlich zu erklären und dabei nie den Blick aufs Eigentlich zu verlieren: Wie müssen wir uns sozial organisieren, um die Klimakatastrophe aufzuhalten. Deswegen sind wir sehr auf dieses Nachfolgewerk von ihr gespannt. Sie arbeitet derzeit als Assistant Professor of Environment and Sustainability at the University at Buffalo in Buffalo, New York und untersucht, wie sich Technologien zur Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf die Landschaften in den USA auswirken könnten und wie eine Politik zur Ausweitung der Kohlendioxid-Entfernung zum Nutzen der Gemeinschaft gestaltet werden kann.


Mittwoch, 1.9.21

Radical Utopia #11

Die Macht der Plattformen

Politik in Zeiten der Internetgiganten
von Michael Seemann

[icon name=”book”]

In die Die Macht der Plattformen – Politik in Zeiten der Internetgiganten arbeitet Michael Seemann heraus, wie die ganzen digitalen Plattformen von Facebook bis Spotify funktionieren, agieren und Zugänge regulieren oder verknappen. Aus der Erkenntnis, wie deren Macht entsteht, blickt er auf dann auf die Frage, wie sie vielleicht gebrochen und die Plattformen, die wir jetzt haben, durch etwas Besseres ersetzt werden könnten.

Weit jenseits der stumpfen Technologiekritik, die sonst hierzulande so verbreitet ist, ist dieses Buch ein großartiger systemischer Überblick und inspirierender Aufschlag zum Weiterdenken.

Michael Seemann alias mspro ist Kultur- und Medienwissenschaftler, der sich schon seit langem mit den Strukturen und Effekten digitaler Medien auseinandersetzt. Auch seinen Podcast “Planet B – Ideen für den Neuanfang” können wir Freund*innen von Radical Utopias auch ans Herz legen.

Seemann lädt seine Leserschaft zur Analse ein und stellt dazu einen Werkzeugkasten mit vielen nützlichen Elementen bereit.
Günter Hack, FAZ

Seemann legt hier die notwendigen Grundlagen für eine wichtige Debatte, die uns noch lange beschäftigen wird.
Felix Stalder, ZEIT Online

»Die Macht der Plattformen« verbindet weitsichtige gesellschaftliche Überlegungen mit einem fundierten Wissen über die Plattformgeschichte.
Katja Scherer, Deutschlandfunk


Mittwoch, 30.06.21

Radical Utopia #10

Medium Design

Knowing how to work on the world
von Keller Easterling

[icon name=”book”]

Medium Design (Verso, 2020/auf deutsch bei Merve, 2021) von der Architektin, Designerin und Autorin Keller Easterling ist das nächste Buch, das wir uns bei Radical Utopias vorknöpfen wollen, nicht zuletzt, weil Design ein Thema ist, über das hierzulande nur selten im politischen Kontext nachgedacht wird. Wir sind sehr gut darin, uns individuelle Objekte anzusehen – Gebäude, Waren, Ideen, aber wir sind sehr schlecht darin, zu sehen, wie sie verbinden und interagieren, sehen das Politische nicht räumlich. Wir suchen die eine richtige Antwort und versäumen, ein ganzes Spektrum potenzieller Ergebnisse zu sehen. Easterling wirft nicht mit radikalen Erneuerungen und eindeutigen Lösungen um sich, sondern ermutigt zu einer Art zu arbeiten und zu denken, die von kreativen Rekonfigurationen und Zusammenarbeiten geleitet ist. Wie lassen sich in einer Welt, die von Komplexität überwältigt ist, bessere Systeme entwerfen?

’This book spans the globe with a learned, wise, and ethical eye. It is an inventory of resources for finding hope amid the wreckage and potential among the problems. With pragmatist creativity it shows how dumb our smart solutions can be. Medium design is a vaccine against the superbugs of environmental degradation, economic inequity, and political fascism.’
John Durham Peters, author of Promiscuous Knowledge

‘In a time, when one cannot wait for definite answers, Easterling brilliantly proposes a protocol to work on resilience in the interim. This might include unbuilding, reworking, ungrowing and rearticulating. Medium Design not only describes these protocols. It actually puts them into practice.’
Hito Steyerl, author of Duty Free Art

’Easterling is one of our most provocative theorists of infrastructures and the critical actions that might make them better. Here she gives us ways to remix, radically, their ingredients. Who else could parse the “canine mind” of the canny designer and city-dweller to show that we already know how to break the deadlock formed by binaries and manipulative media loops? Read this immensely engaging book to find a new toolkit for infiltrating, occupying, and recasting the mediated and material world.’
Caroline A Jones, Professor in the Department of Architecture, MIT

“Medium Design actively works against popular culture’s hunger for simple solutions. While embracing a diversity of tactics for a diversity of crises, Easterling puts forward an expansive definition of ‘design’ that includes examples of systemic hacks like community land trusts and tactical refusals of market norms like social capital credits.”
Ingrid Burrington, OneZero


Mittwoch, 19.05.21

Radical Utopia #9

The Ministry For The Future

von Kim Stanley Robinson

[icon name=”book”]

Zum ersten Mal in unserer Reihe Radical Utopias nehmen wir uns einen Roman vor: Kim Stanley Robinsons The Ministry For The Future. Es ist ein höchstpolitischer Science Fiction, der eine Zukunft der Welt in der Klimakatastrophe beschreibt. Er spielt darin verschiedene Ansätze durch, wie Regierungen und einzelne Menschen darauf reagieren, schreibt von rutschenden Gletschern und angreifenden Ökoterroristen, der mächtigen Erdölindustrie und gelähmten Politiker*innen, Versuchen internationaler Kooperation, Bioterrorismus gegen Schlachthöfe und vielem mehr, und was für Lösungsversuche was für Folgen nach sich ziehen. Einer der Ansätze ist eben das Einführen eines den Vereinten Nationen unterstellten Ministeriums für die Belange zukünftiger Generationen, nach dem das Buch betitelt ist. Der Roman ist so nah dran an dem, wie es kommen könnte, und bietet eine tolle Vorlage, um über verschiedenste Szenarien der Zukunft in der Klimakatastrophe nachzudenken, dass es uns reizt, darüber mit euch zu sprechen.


Mittwoch, 31.03.21

Radical Utopia #8

Der Pilz am Ende der Welt

Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus

von Anna Lowenhaupt-Tsing

[icon name=”book”]

Ein Pilz namens Matsutake war das erste Leben, das sich nach der nuklearen Katastrophe in Hiroshima wieder regte. Einer der wertvollsten Speisepilze Asiens, der nicht nur in Japan, wo er Spitzenpreise aufruft, vorkommt, sondern auf der gesamten Nordhalbkugel verbreitet ist. Dieser stark riechende Pilz wächst bevorzugt auf von der Industrialisierung verwüsteten und ruinierten Böden und ist nicht kultivierbar. In ihrem kaleidoskopischen Essay geht die Anthropologin Anna Lowenhaupt-Tsing den Spuren dieses Pilzes sowie seiner biologischen und kulturellen Verbreitung nach und begibt sich damit auch auf die Suche nach den Möglichkeiten von Leben in einer vom Menschen zerstörten Umwelt. Sie erzählt Geschichten von Pilzsammler*innen, Wissenschaftler*innen und Matsutake-Händler*innen und öffnet einen neuen und ungewohnten Blick auf unsere kapitalistische Gegenwart. Das Beziehungsgeflecht um den Pilz herum wird zur Metapher für das Leben auf den Ruinen des Kapitalismus, das ein Leben in Beziehungen sein oder aber nicht sein wird.


Mittwoch, 10.02.21

Radical Utopia #7

Revolution für das Leben

von Eva von Redecker

[icon name=”book”]

“Revolution für das Leben” von Eva von Redecker. In diesem Buch entwirft die Autorin eine Philosophie der neuen Protestformen in Zeiten der Krise. Black Lives Matter, Fridays for Future und NiUnaMenos kämpfen derzeit weltweit gegen Rassismus, Klimakatastrophe und Gewalt gegen Frauen. So unterschiedlich sie scheinen mögen, verfolgen diese Widerstandsbewegungen doch ein gemeinsames Ziel: die Rettung von Leben. Im Kern richtet sich ihr Kampf gegen den Kapitalismus, der unsere Lebensgrundlagen zerstört, indem er im Namen von Profit und Eigentum lebendige Natur in toten Stoff verwandelt, verwertet der Kapitalismus uns und unseren Planeten rücksichtslos. In autoritären Tendenzen und rassistischen Ausschreitungen, in massiven Klimaveränderungen und einer globalen Pandemie zeigt er seine verheerendsten Seiten.

In den neuen Protestformen erkennt Eva von Redecker, die als Philosophin zu Fragen der Kritischen Theorie forscht, die Anfänge einer Revolution für das Leben, die die zerstörerische kapitalistische Ordnung stürzen könnte und unseren grundlegenden Tätigkeiten eine neue solidarische Form verspricht: Wir könnten pflegen statt beherrschen, regenerieren statt ausbeuten, teilhaben statt verwerten.


 

Mittwoch, 25.11.20

Radical Utopia #6

The Terraforming

von Benjamin Bratton

Gratis-Ebook: [icon name=”book”]

Das Buch The Terraforming ist gleichzeitig Manifest und das Programm des Postgraduierten-Programms, das Benjamin Bratton am Strelka Institut führt. Es erklärt, dass wir eine kopernikanische Wende brauchen: diesmal weg von einem Blick, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, hin zu einem technologisch unterstützten planetaren Blick. “Terraforming,” das Verändern des Ökosystems eines Planeten, bezieht sich dabei sowohl auf das Terraforming, das auf der Erde über das letzte Jahrhundert, das Anthropozän, im Laufe der Urbanisation stattgefunden hat, als auch auf eine planetare Designinitiative für das nächste Jahrhundert, die nötig ist, um der Klimakatastrophe entgegenzuwirken.

Benjamin Bratton ist ein multi-disziplinärer Forscher, vor allem in Philosophie, Design und Technologie, aber auch in Soziologie, Städteentwicklung, und Umweltthemen. Grundlegend geht’s ihm darum, Denkkonzepte zu entwickeln, mit der die hochtechnologisierte Welt besser verstanden werden kann. Seit ein paar Jahren betreut er am Strelka Institut in Moskau ein Postgraduate Programm, das interdisziplinär und international über die planetare urbane Zukunft nachdenkt.

Brattons Kritik gilt u.a. der derzeitigen computergestützen Praxis, weil sie viel zu personalisiert, auf Individualisierung ausgerichtet ist. Das zeichnet sogar die Kritik daran aus, die im Namen von Privacy geführt wird. Stattdessen brauchen wir systemischere Datensammlungen, einen systemischeren Blick auf den Planeten.

Das Buch ist in Deutschland nicht in Printform erhältlich, aber als Gratis-Ebook. Mehr Infos zum The Terraforming Programm gibt es hier auf der Strelka-Website. Ein 6-teiliges Webinar von Bratton zum Buch gibt es hier auf YouTube.


Mittwoch, 21.10.20

Radical Utopia #5

The End of Policing

von Alex Vitale

[icon name=”book”]

In den letzten Jahren kam es zu einer explosionartigen Zunahme von Protesten gegen Polizeibrutalität und Repression, am dramatischsten in den USA. Unter Aktivist:innen, Journalist:innen, und Politiker:innen konzentrierte sich die Diskussion darüber, wie zu reagieren und die Polizeiarbeit zu verbessern sei, auf die Themen Rechenschaftspflicht, Diversity, Ausbildung und Beziehungen zur Gemeinschaft. Leider werden diese Reformen weder allein noch in Kombination zu Resultaten führen. Der Kern des Problems muss angegangen werden: das Wesen der modernen Polizeiarbeit selbst. “Broken Windows” Praktiken, die Militarisierung der Strafverfolgung, und die dramatische Ausweitung der Rolle der Polizei in den letzten 40 Jahren haben ein Mandat für Polizeibeamte geschaffen, das zurückgenommen werden muss.

Dieses Buch versucht, eine öffentliche Diskussion anzuregen, indem es die verdorbenen Ursprünge der modernen Polizei als Instrument der sozialen Kontrolle aufdeckt. Es zeigt, wie die Ausweitung der Polizeiautorität im Widerspruch zur Stärkung der Gemeinschaft, zur sozialen Gerechtigkeit, und sogar zur öffentlichen Sicherheit steht. Alex Vitale, der sich dabei auf bahnbrechende Forschungsarbeiten aus der ganzen Welt stützt und praktisch jeden Bereich des immer breiteren Spektrums der Polizeiarbeit abdeckt, zeigt, wie die Strafverfolgung genau die Probleme verschärft hat, die sie eigentlich lösen sollte.

Im Gegensatz dazu gibt es Orte, an denen die konsequente Umsetzung von Alternativen zu Polizeiarbeit – wie Legalisierung, opferorientierte Justiz und Schadensminderung – zu einer Verringerung von Kriminalität, Ausgaben und Ungerechtigkeit geführt hat. Die beste Lösung für schlechte Polizeiarbeit könnte ein Ende der Polizeiarbeit sein.

Alex S. Vitale ist Soziologieprofessor am Brooklyn College der City University of New York. Dort leitet er das Policing and Social Justice Project. Er forscht seit über 25 Jahren zum Thema Polizei. Sein Buch The End of Policing ist 2017 bei Verso erschienen.


Mittwoch, 02.09.20

Radical Utopia #4

Staying With The Trouble. Making Kin in the Chthulucene.

Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän

von Donna Haraway

[icon name=”book” class=”” unprefixed_class=””]

“Unruhig bleiben” heißt Donna Haraways (Cyborg Manifesto) vieldiskutiertes letztes Werk, in dem sie als Rettung vor der Klimakatastrophe für eine Entgrenzung der Arten plädiert. Was die materialistische Theoretikerin damit meint? Nun, in ihren Büchern verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine und zwischen Mensch und Tier. Sie ruft als Nachfolger des Anthropozäns das Cthulhuzän aus, das nicht mehr den Menschen in Zentrum des Weltbilds trägt, sondern andere Spezies. Es geht um nichts weniger, als mit der Welt in radikal andere Beziehung zu treten.


Mittwoch, 29.07.20

Radical Utopia #3

After Geoengineering – Climate Tragedy, Repair and Restoration

von Holly Jean Buck

[icon name=”book” class=”” unprefixed_class=””]

Längst ist klar: der Klimawandel ist eine Tatsache. Das Zeitfenster, in dem wir noch das Allerschlimmste abwenden können, schließt sich unabänderlich. Als eine Lösung für drängende Probleme wird Geoengineering propagiert – keine Zukunftsmusik, sondern bereits jetzt eine Realität, an der fieberhaft geforscht und gearbeitet wird, z.B. Wälderaufforstung, Seegraswiesen zur CO2-Speicherung oder Solar Radiation Management. Holly Jean Buck ist eine der wenigen linken Denker*innen, die sich diesem schwierigen Thema annimmt. Sie betont die Prozesshaftigkeit und Vielschichtigkeit von Geoengineering, und plädiert dafür, die Kontrolle über Geoengineering nicht Konzernen und Autoritäten zu überlassen, sondern darin Chancen für eine gerechtere, lebenswerte Zukunft zu ergreifen. Das Buch ist in einer großartigen Mischung aus sachlich-informativer Auseinandersetzung und kurzen spekulativen Erzähleinschüben verfasst, die eine gesellschaftlich-soziale Ebene einfließen lassen.


Mittwoch, 17.06.20

Radical Utopia #2

Capital Is Dead – Is This Something Worse?

von McKenzie Wark

[icon name=”book” class=”” unprefixed_class=””]

McKenzie Wark setzt sich seit Jahren u. a. mit einem neuen Marxismusverständnis, dem Situationismus, Medienkultur und mit dem Anthropozän auseinander. Dieses Buch stellt die Frage, ob wir noch im Kapitalismus oder Neoliberalismus leben, oder schon in etwas viel Schlimmeren? Besitz und Kontrolle von Infomation (Copyright, Datenhandel, Patente, logistische Systeme usw.) haben zu einem neuem, komplexeren Klassengefüge geführt. McKenzie Wark versorgt uns nicht nur mit neuem theoretischen Werkzeug, mit denen sich die heutigen Verhältnisse fassen lassen, sondern bietet auch Auswege an.


Mittwoch, 27.05.20

Radical Utopia #1

Feminism For The 99% – A Manifesto

von Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya, Nancy Fraser

[icon name=”book” class=”” unprefixed_class=””]

Das erste Buch, das wir ausgesucht haben, ist gleich ein Manifest, und es ist bereits auf deutsch erschienen: Feminism for the 99% entstand aus dem Umfeld des feministischen Streiks 2019 heraus und versucht Programmpunkte für einen zukunftsfähigen Feminismus herauszuarbeiten, der sich nicht auf die privilegierte “erste Welt” beschränkt. Arruzza, Bhattacharya und Fraser sehen die Chance für einen Feminismus, der internationalistisch, antikapitalistisch, kooperativ und solidarisch ist, und sich nicht mit dem Platz weniger Frauen auf Chefsesseln oder Bühnen zufrieden gibt. Die deutsche Ausgabe erschien bei Matthes & Seitz Berlin.


RADICAL UTOPIAS Kick Off

06.05.20 ab 20:15 Uhr

An diesem Abend haben  wir in einem lockeren Gespräch im Twitch Livestream einführend über die Idee zur Reihe gesprochen, Bücher vorgestellt, und über die politischen Ideen, Konzepte und utopischen Entwürfe, die in ihnen gewagt werden geredet.

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Radical Utopias Leseliste

Wird immer mal wieder geupdatet!

Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya, Nancy Fraser
Feminism for the 99%: A Manifesto
(2019, Verso)
dt.: Feminismus für die 99% (2019, Matthes & Seitz Berlin)

McKenzie Wark
Capital Is Dead: Is This Something Worse?
(2019, Verso)

Holly Jean Buck
After Geoengineering: Climate Tragedy, Repair and Restoration
(2019, Verso)

Donna Haraway
Staying With The Trouble: Making Kin in the Chthulucene
(2016, Duke University)
dt.: Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän (2018, Campus)

Alex S. Vitale
The End Of Policing
(2019, Verso)

Benjamin H. Bratton
The Terraforming
(2019, Strelka)

Nick Srnicek and Alex Williams
Inventing The Future: Postcapitalism and a World Without Work
(2015, Verso)

Nancy Fraser
The Old is Dying and the New Cannot Be Born
(2019, Verso)

McKenzie Wark
Molecular Red
(2015, Verso)
dt.: Molekulares Rot (2017, Matthes & Seitz Berlin)

Déborah Danowski, Eduardo Viveiros de Castro
The Ends of the World
(2016, John Wiley & Sons)
dt.: In welcher Welt leben? (2019, Matthes & Seitz Berlin)

Felwine Sarr
Afrotopia
(2017, University of Minnesota Press)
dt.: Afrotopia (2019, Matthes & Seitz Berlin)

Anna Lowenhaupt Tsing
The Mushroom at the End of the World: On the Possibility of Life in Capitalist Ruins
(2015, Princeton University)
dt.: Der Pilz am Ende der Welt: Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus (2018, Matthes & Seitz Berlin)

Sophie Lewis
Full Surrogacy Now: Feminism Against Family
(2019, Verso)

Silvia Federici
Re-enchanting the World. Feminism and the Politics of the Commons
(2018, Kairos/PM Press)
dt: Die Welt wieder verzaubern: Feminismus, Marxismus und Common (2019, Mandelbaum)

Helen Hester
Xenofeminism
(2018, Polity)

Hans-Christian Dany
Schneller als die Sonne: Aus dem rasenden Stillstand in eine unbekannte Zukunft
(2015, Nautilus)

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BIO - BREAKING THE WAVES September 30, 2020

* Ich bin Künstlerin, Autorin, DJ, Veranstalterin, Aktivistin, Expertin
* Ich blogge auf evemassacre.de auf englisch und auf breakingthewaves.de auf deutsch
* Meine Kernthemen sind Kultur der Digitalität, Zukunftsdenken, Politik und Popkultur, und weil es noch nötig ist: queerer Feminismus. Zu ihnen schreibe ich nicht nur, sondern halte auch regelmäßig Vorträge.
Ich komme aus einem Kollektivbackground. Zentral ist dabei der musikverein (KOMM / K4 / heute: Künstlerhaus), eine Veranstalterkollektiv, das schon in Nürnberg veranstaltete, als die Stadt in den 70ern noch bekannt für ihre bewegte, eigenverantwortliche Soziokultur war. Der musikverein schätze ich, weil er genauso für Spex wie für DIY Punk steht, für Clubkultur und Politics, für eine ebenso kritische wie solidarische Kulturarbeit. Es ist ein sehr erfüllender Bereich meines Lebens, über den ich hier aber relativ wenig zu sagen habe, da die Veranstaltungen und der soziale Raum, den wir dafür schafen, für sich sprechen (sollen). Zuvor und ein paar Jahre parallel prägte mich auch die freie Radiokultur rund um Radio Z, wo ich einige Jahre in der Musik- und Wortredaktion tätig war. Das und vieles, was mir eine schwierige Jugend, ein paar gute Lehrer*innen (vor allem ein unvergesslicher Deutsch-LK), diverse Jobs, dann sechs Jahre Studium (Neue deutsche Literatur, Englische Philologie, Soziologie) und einige großartige Menschen in Sachen Erfahrung und selbständiges kritisches Denken mitgaben, half mir, mich für einen Lebensweg zu entscheiden, der zwar recht prekär ist, mir aber ein großartiges Netzwerk von Communities beschert hat. Es gibt mir Möglichkeiten, Kultur und die Strukturen, in denen sie stattfinden mitzugestalten, und die Freiheit, mich kritisch mit ihnen auseinandersetzen zu können, sowie Zeit dafür, zu schreiben und zu veröffentlichen, mich auch in den Bereichen, die mich außerdem noch interessieren, stetig weiterzubilden, neues Wissen anzuwenden, in Vorträgen oder im Netz zu teilen und zu diskutieren und mich politisch und künstlerisch zu engagieren.
… was mich neben dem Konzerteveranstalten die letzten zehn Jahre beschäftigt hat, vielleicht ein bisschen chronologisch?
Zusätzlich zur Popkultur zunehmende Auseinandersetzung mit der Kultur der Digitalität und Kapitalismuskritik
2012 bis 2015: Mitaufbau, Kuratieren und Texte für Social Media Watchblog
2013: Mitherausgeberin von Tine Plesch: Rebel Girl – Popkultur und Feminismus (Ventil Verlag)
2014: Network of blood. Von »Augmented Reality« bis zum »Liquid Self«: Nathan Jurgensons Webtheorien
Essay für die testcard #24 Bug Report (Ventil Verlag)
2014: Mitorganisation “Rage Against Abschiebung” im musikverein
2015: Vortrag “Soft Resistance. Social Media, Smartphones, digitaler Dualismus und das Konzept digitaler Enthaltsamkeit.“
(gehalten u.a. in Nürnberg und bei “city data explosion” in Bremen und Hamburg, Interview in Der Spiegel)
2015: Essay “Kommunistische Waschbären und feministische Avocados – Twitter-Fake-Accounts als Praxis satirischer Kritik” für Jokebook, eine Buchveröffentlichung zur Ausstellung Redemption Jokes der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (Berlin)
Auseinandersetzung mit Möglichkeiten, Limits und Effekten von Virtual Reality und Augmented Reality
2016: Vortrag “VR und Kunst – Anything goes? Warum es sollte.” auf der re:publica
Interviews und Texte zu VR und AR (u.a. Mediaschool Bayern, Malmoe, an:schläge)
2016: Lokale kulturpolitische Initiative im musikverein: Reclaim The Night – gemeinsam gegen Übergriffe im Nachtleben.
3-geteilte Aktion mit Präsenzslogans, Diskussions- und Vernetzungsangeboten:
– Visuals mit Slogans bei Club Nights an der Hauswand, die auch Vorbeilaufende erreichen und eine Auseinandersetzung mit dem Thema anregen sollen sowie die Nulltoleranzpolitik des musikverein, was Übergriffe angeht, verdeutlichen
– Runder Tisch mit anderen Veranstalter*innen zum internen Austausch
– Abend für Gäste/Betroffene: “Reclaim the Night Lounge – Let’s make our spaces safe together.” Kurzer Impulsvortrag + offene Gesprächsrunde.
2016: Vortrag “Reclaim The Night – gemeinsam das Nachtleben sicherer machen“
(u.a. Klangtherapie Festival, Frauenzentrum Erlangen)
Auseinandersetzung mit unbezahlter Arbeit zwischen DIY Kultur / Community Engagement und Selbstausbeutung, den Grenzen zwischen Subkultur und Kreativwirtschaft, sowie mit öffentlichem Raum und Plakatkultur
2016: Essay und Kurzvortrag “Plakate zwischen Kommen und Gehen” für Wilde Plakate Zine und Ausstellung im Edel Extra von Philipp Dittmar (Nürnberg)
2016: Eröffnungsrede zur Vernissage von “Holy Queers & Tricky Myths” (Galerie Bernsteinzimmer, Nürnberg)
Auseinandersetzung mit weiblicher Fankultur, Frauen in Musikszenen und Digitalisierung von Fankultur
2017: Vortrag “That’s why the lady is a fan.” Genderkluft in der Fankultur, Fankultur als Selbstermächtigung, Configurable Culture durch/mit der Digitalisierung der Fankultur.
(u.a. in Nürnberg im Rahmen der Ausstellung “Passion”, Berlin, Würzburg, Esslingen)
2017: Eigene Radiosendung “Future Content” auf Radio Z + als Podcast, 1x im Monat zweistündig, in der ich meine Liebe zur Musik und anderer Popkultur, sowie meinem Interesse an neuen Technologien und Gesellschaft zusammenbrachte
2017: Lokale kulturpolitische Aktion im musikverein: Genderkongress gegen den Genderkongress
Ziel: Lesende / Vortragende und Publikum aus verschiedenen Szenen zusammenzubringen und einen wissenserweiternden und vernetztenden Abend zu schaffen, statt “nur” gegen Maskulisten zu protestieren
“GENDERKONGRESS – Gender Revolutions” Ein unterhaltsam-kritischer Abend gegen den Genderkongress mit Vorträgen und Literarischem
Ich selbst trug einen knappen Einführungsvortrag bei, der später ausgearbeitet als “Die Pille für den Mann” in Analyse & Kritik veröffentlicht wurde.
Daraus entstand eine längere Auseinandersetzung mit dem Thema Radikalisierung im Netz, Manosphere / Incels, Methoden rechter Rekrutierung, und: Methoden dagegen
2018: Vortrag “Matrix und die Manosphere – Verletzte und vernetzte Männlichkeit als Einstieg in die Radikalisierung nach Rechts“
(u.a. Nürnberg, Gender Salon in Basel, AG Queer Studies in Hamburg, diverse Interviews dazu)
2018: Initiieren der Reihe “Popgesellschaft” – Vorträge, Diskussion, Musik rund um Popkultur und Gesellschaft im musikverein
2018: “The Drag-on-Ball x Orchid” – erster Voguing Ball in Süddeutschland mit J.J. Laconya, im musikverein
2018: Initieren der Reihe “Feministisch Biertrinken” im Rahmen des musikverein.
Bar DJing und (queer-)feministische Textbeiträge und Rumhängen mit eve massacre, not_betty, Amelie, Pola Ruin, Lisa Neher u.a.
2018: Vortrag “Augmented Reality und der Virtualitätsmythos“
(u.a. TechnoGenderBodies LMU München)
Zunehmende Auseinandersetzung mit Speculative Fiction / Speculative Design / Future Imaginaries und Stadtplanung / Öffentlichkeitsverständnis / DIY Clubkultur und Sicherheitspolitik
2019: Vortrag “Stadtspekulationen – Speculative Fiction und das Recht auf Stadt“
(u.a. bei city/data/explosion in Bremen und Hamburg)
2019: “Deep Malle – Hölle? Hölle, Hölle, Hölle” Kritisches Kunstprojekt für den musikverein, über und im Rahmen der Blauen Nacht Nürnberg
2020: Initiieren des “Feministisch Biertrinken Pubquiz” als Livestreamformat des musikverein während Corona, dann auch offline Open Air (Desi, Kulturoase)
2020: Initiieren des “Drop Out Club” Musik+Talk als Livestreamformat des musikverein
Zunehmende Auseinandersetzung mit spekulativen Denkansätzen und Suche nach konkreteren Utopien, die sich gegen eine Weltuntergangsstimmung wenden
2020: Radical Utopias – Training for a complicated futureBuchvorstellung und utopische politische Diskussionsreihe mit Tobi Lindemann und eve massacre (mehr info)
Wegen Corona als Onlineformat: Buchvorstellung auf YouTube mit anschließender Diskussionsmöglichkeit auf Zoom.
August 2020: Artikel über Zombies für das Horror-Dossier des Missy Magazins, der mir Lust auf mehr Beschäftigung mit dem Thema gemacht hat …

Auswahl der Partyreihen, die ich beim musikverein (mit-)gemacht habe:
2003 bis 2011: “Sophisticated Boom Boom” Club Night mit Tobias Lindemann, René Margraff, Peter Hilpert u.a.
2005 bis 2006: “D!sco !nf!ltrators” Indiedance/Electroclash/House/Techno Club Night mit Stefan Wagner
2004 bis 2007: “Nurotic Soundsystem” Breakcore/Grime/Dubstep Club Night mit Tobias Lindemann
2005 bis 2010: “Melting Pop” Jährliches Festival lokaler underground Club Nights
2008 bis 2010: “Kill The Poor” Club Night mit Quirin Serger, Tobias Lindemann, Peter Hilpert u.a.
2008 bis heute: “Orchid” Queer Club Night (Gäste u.a. Men, Scream Club, JD Samson, Le1f, Hildegard von Binge Drinking, Agyena, Grgr)
2011 bis 2017: “Sissy Bass” Bass Music Club Night mit jazz:pa, MAUNZ, dana. (Gäste u.a. Moor Mother, Kuedo, Elysia Crampton)
2014 bis heute: “Dancing With Tears In My Eyes” 80s Club Night mit Philip Manthey, Synthie&Bert, Quirin Serger u.a.
2016 bis heute: Orchid Queer Karaoke Night
2017 bis 2019: “Drama” hybrid electronic music Club Night mit MAUNZ, dana., Philip Manthey u.a. (Gäste u.a. Mechatok, WaqWaq Kingdom)
2018 bis heute: “Here” House/Disco Club Night mit Ramshackle

Noch ein paar Sachen, die mich prägten:
the flamingo massacres + eve massacre
Nach drei, vier anderen Bands fand ich in the flamingo massacres meine prägendste Banderfahrung. Songwriting, Aufnehmen, Veröffentlichungen (1 Album, 1 EP und diverse Singles), Europatouren in DIY-Strukturen mit zwei großartigen Frauen zusammen. Das und das Veranstalten beim Musikverein gab mir das Gefühl, Teil eines weltweiten losen Undergroundnetzwerks idealistischer Menschen aus den verschiedensten Backgrounds zu sein. Und John Peel hat uns mal gespielt. Alles erreicht quasi. Eine prägende Zeit, die mich auch lehrte: das Lokale macht für mich nur in Verbindung mit dem Internationalen Sinn. Lokalismus stumpft ab und ist auch nur Patriotismus/Nationalismus in geographisch kleinerem Raum. Später bin ich dann solo als eve massacre unterwegs gewesen, anfangs noch mit Bass und Minidiscrecorder, auf dem ich meine Beats hatte, später dann als Laptopartist. Ich brachte ein Album, und ein zweiteiliges Doppel-Mini-CD + MP3-Album raus, sowie diverse Remixes, und Single-Tracks, die es nur zeitweise online gab. Und eine EP als Killing Mister Moonlight. Einen großen Teil der Musik von the flamingo massacre und eve massacre findet ihr hier auf Bandcamp.
Mashups (Bootleg Mixes, Bastard Pop, Cut Ups)
Wer auch immer mir bei Radio Z das Schneiden mit Samplitude beigebracht hat, ist schuld an meiner elektronischen Musik. Kaum 2001 herum über Boomselection gestolpert, wurden Fruity Loops und Wavelab für mich was Schere und Kleister für Collagekünstler*innen sind, und ich wurde schnell Teil von, später auch Moderatorin des Onlineforums, das damals das internationale Zentrum der Mashups-Kultur war: GYBO (Get Your Bootleg On, von Grant Robson aka McSleazy, einem DJ aus Schottland, gegründet). Dank meiner Mashups spielte ich schließlich auch Auswärts-DJ-Gigs, die mich auch mal nach Budapest, Den Haag oder London verschlugen. Das Schöne an dieser Zeit war der freie Umgang mit Copyright, ohne den Bootleg Mixes nicht möglich gewesen wären. Damals stellten wir unsere Tracks einfach online, posteten sie auf GYBO, luden die Mashups anderer herunter, kommentierten uns gegenseitig, manche spielten sie auch im Club oder Radio, aber es war lange Zeit eine Szene, die hauptsächlich online stattfand und: non profit, “for laughs.” In dieser Zeit liegen die Wurzeln meines Interesses an Configurable Culture (Aram Sinnreich) und der Kritik an der Idee des geistigen Eigentums. Heute sind nur noch eine Handvoll meiner Mashups online zu finden, die irgendwelche Menschen auf Youtube luden: Sweet as neurotic indie boys, Fuck the kids, Slow means slow, Dance to the sound of unity, LCD Bear, The ABC of poison
YOT Zine
Von 1999 bis 2004 war ich mit Tobi Kühn und Tobi Lindemann das Kernteam für ein Fanzine / Magazin, das der Musikverein zusätzlich zum Konzerteveranstalten veröffentlichte. Das YOT Zine war ein kulturelles und politisches Szeneorgan, das in Nürnberg gratis auslag, aber auch überregional gelesen wurde (Vertrieb v.a. über Platten-Mailorder). Wir steckten wahnsinnig viel Herzblut und Arbeit rein, und es war sehr bereichernd. Es erschien zweimonatlich und im Schnitt war es ca. 50seitig, aber das ein oder andere Mal wurden es auch 68 Seiten.
Radio Z
Zum freien Radio brachte mich vor allem Tine Plesch, die feministische Musik- und Kultur Grand Dame. Das Radio empfinde ich als ein spannendes Medium, gerade auch in seiner freien Struktur und seiner kritischen Haltung. Bei Radio Z war in der Musikredaktion und in verschiedenen Sendungen aktiv (Castrop Rauxel, Stoffwechsel, Akte XX, u.a.), mit anderen zusammen habe ich die Late Night Musiksendung Audiopets gestartet. Prägend war vor allem auch die Arbeit hinter den Kulissen: Zahllose Plenas und Arbeiten an Umstrukturierungen, politische und kulturelle Diskussionen, der Austausch und das gemeinsame Arbeiten war sehr horizonterweiternd und intensiv. Fühle mich bis heute als Teil der freien Radio Community.
Bloggen und Social Media
Ich bin das, was wohl “extremely online” genannt wird. Twitter ist heute mein Haupt-Social Media und das Smartphone mein fast-Bioport in die geographisch unabhängige Welt. Ich weiß gar nicht genau, wann ich das bloggen begann, weil ich meinen ersten Blog nicht archiviert habe. 2000 rum muss es wohl gewesen sein, als auch noch Myspace und Messageboards meine zweite Heimat waren. Seit 2004 bin ich auf WordPress mit evemassacre.de und seit 2011 habe ich meinen deutschsprachigen Blog breakingthewaves.de. Wie bei so vielen hat Social Media-Aktivität mein Bloggen reduziert, aber ohne den Blog als stete digitale Begleiterin würde ich mich nach wie vor nackt fühlen: diese Möglichkeit des Veröffentlichens zu meinen Bedingungen ist unersetzbar. Bloggen ist mal mehr lautes Denken für mich, mal essayistischer, mal ein wütender Rant, mal eine glühende Liebeserklärung, mal öffentliches Tagebuch, mal Zusammentragen von allem, was ich zu einem Thema erlesen habe und denke. Seit einigen Jahren werden manchmal auch Vorträge draus, wenn ich mich länger mit einem Thema beschäftigt habe. Ich freue mich über Austausch, Anregungen, Verlinkungen und ja, auch über Kommentare, allerdings schalte ich nicht alle frei, da ich dank dem Bloggen auch meine Erfahrungen mit Hasskommentaren sammeln durfte. Ach ja: Facebook und Instagram weiß ich auch (noch) zu schätzen, bei aller Kritik.
Ladyfest Nürnberg 2005
Um Tine Plesch nach ihrem Tod zu ehren, tat sich eine große Gruppe von Frauen in Nürnberg zusammen und veranstaltete 2005 ein großes, dreitägiges Ladyfest im kompletten Künstlerhaus mit einem diversen und internationalen Programm von Konzerten, Filmen, Ausstellungen, DJs, Workshops, Vorträgen. Eine großartige Erfahrung, die meine Liebe zur kollektiven Veranstaltungsweise noch mal vertiefte, an der das Besondere ist, dass das Organisieren (samt allen Diskussionen, Entscheidungen, Vertrauen, entstehenden Freundschaften und Gräbenkämpfen, die überwunden werden müssen, usw.) genauso wichtig ist wie die Veranstaltung, die dabei rauskommt. Solche Strukturen sind so wichtig für ein Lernen von Demokratie, solidarischen Strukturen, Verantwortlichkeit, gegenseitigem Wissen und sie öffnen Möglichkeitshorizonte.

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