Journalismus und die Sehnsucht nach authentischer Wahrheit – Deutsches Medienmisstrauen

“Ihnen kommt letzlich schon jeder redaktionelle Eingriff wie ein Verbiegen der Wahrheit vor.”

In Deutschland kämpft der Journalismus seit einigen Jahren gegen eine überraschend große Menge von Leuten, die der Mainstreampresse nicht trauen. Aus der ‘linken’ Ecke kommend, habe ich das zunächst nicht so ernst genommen, denn mit Medien gehen wir schon auch kritisch um. Da nimmst du die Nachrichten mit Vorsicht auf, glaubst sowieso nicht, dass es nur eine einzige Wahrheit gibt, dann interessierst du dich auch für ein wenig Medien- und Identitätstheorie, und versuchst, wenn du weißt, von welcher Zeitung ein Artikel kommt, deren Einstellung oder Voreingenommenheiten mitzubedenken und dich so diesem “wibbily wobbly timey wimey” sexy kleinem Ding namens Wahrheit anzunähern. Ich spreche hier aber von etwas anderem. Diese neue Welle von Medienkritik geht mit einem Mangel an Interesse daran einher, wie Journalismus funktioniert. Wenn diese Leute denken, dass die Presse lügt, verwechseln sie ‘konstruiert’ mit ‘lügen’. Daraus resultiert, dass ihnen letztlich schon jeder redaktionelle Eingriff wie ein Verbiegen der Wahrheit vorkommt, ein Schritt weg von dem, was ‘tatsächlich’ passiert ist.

Was die Sache noch schlimmer macht: Es kommt auch noch eine ärgerliche Dosis Anti-Intellektualismus dazu. Die Klassen- und Bildungslücke zwischen vielen Journalist*innen und und einem großen Teil ihres Publikums könnte zu dieser Dissonanz beitragen. Und es ist schwer, auch nur Basis-DeSaussure anzubringen, wenn jemand auf gesunden Menschenverstand und Bauchgefühl als argumentative Waffen seiner oder ihrer Wahl besteht, um sich dem, was wahr ist, zu nähern.

“Aus den Träumen der Wearable-Tech-Leute und aus dem antiintellektuellen Medienmisstrauen spricht die gleiche Sehnsucht nach Objektivismus und authentischer Wahrheit, die den beängstigend fließenden Zustand der Welt zähmen sollen.”

“Worte werden eher als eine Verschleierung von Ehrlichkeit wahrgenommen, denn als Mittel, sie zu überbringen”, erklärt William Davies in einem Artikel über den Aufstieg der Wearables, Facebook und Amazon. Ich denke, dass es diesselbe Sehnsucht nach Authentizität und Wahrheit, sowie das selbe (Miss)Verständnis und die Ferne von Theorie sind, die zu beidem führen, zu diesem besonderen Typ von Medienskepsis und zu dem, wovon Zuckerberg spricht, wenn er von ungefilterter telepathischer Kommunikation als Zukunft redet:

“Wir werden Augmented Reality und andere Geräte haben, die wir fast ununterbrochen tragen können, um unsere Erfahrung und Kommunikation zu verbessern. Eines Tages werden wir, glaube ich, fähig sein, einander durch die direkte Nutzung von Technologie vollständige, reiche Gedanken zu schicken. Du wirst an etwas denken können, und deine Freunde werden es sofort auch erleben können, wenn du willst. Das wäre die ultimative Kommunikationstechnologie.” (William Davies zitiert Zuckerberg, The Atlantic)

Es ist vielsagend, dass der Mann, der verantwortlich für das soziale Netzwerk ist, das am meisten vermittelnd in Kommunikation eingreift, also für die am wenigsten direkte Kommunikation steht, von einer ungefilterten Kommunikation träumt. (Wenn du schnell mal eine unterhaltsame Gegenperspektive möchtest, versuch’s mit ‘Greeks bearing gifts‘, einer Episode von Torchwood über ein telepathisches Wearable. Ich frage mich übrigens, ob es die Sache mehr oder weniger besorgniserregend macht, sich vorzustellen, dass diese Tech Guys anscheinend nie Gedanken daran verschwenden, wie tiefgreifend alle ihre Gedanken kontrollieren müssten, damit das zu einer akzeptierten alltäglichen Form von Kommunikation werden könnte.) Die Träume dieser Technikleute und die anti-intellektuelle Medienskeptik klingen beiden ein wenig wie “reduzier uns bitte auf Biologie, Theorie und Sprache ist zu schlüpfrig”. Biologie bedeutet für die einen das Zähmen des Körpers mit Technologie, für die anderen ist es das Zähmen des Wissens über die Welt mit gesundem Menschenverstand und Urteilen aus dem Bauch heraus. Aus beiden spricht eine Sehnsucht nach Objektivismus und authentischer Wahrheit, die den beängstigend fließenden Zustand der Welt zähmen sollen.

“Die kulturelle Verschiebung von einer offen kontrollierten Gesellschaft wie der DDR zu einer Gesellschaft, in der du einen Mix aus mehr Freiheit, aber auch einer Menge verschleierter Kontrolle hast, könnte einen weitaus größeren Unterschied machen als wir gedacht hatten.”

Aber zurück zur deutschen Journalismus-Skepsis. Gestern hatte ich ein kleines Geburtstagskaffekränzchen mit Familienangehörigen, auf dem jemand zu kritisieren begann, dass Medienbilder von Flüchtlingen derzeit immer nur Frauen und Kinder zeigen, obwohl er doch von einem Bekannten wisse, der in der Verwaltung arbeite, dass es in Wahrheit 90% männliche Flüchtlinge seien. Ich sagte, (bereuend, dass ich keine Zahlen parat hatte), dass die Logik dahinter sein könne: Es gab hier einen Anstieg von Anti-Flüchtlingsprotesten und -Verbrechen, und rassistische Menschen nehmen männliche Geflüchtete oft als eine größere Bedrohung wahr als Frauen oder Kinder. Es könnte doch sein, dass die Presse einfach hofft, so Empathie statt Angst zu erzeugen.  Das brachte das Gespräch darauf, dass Nachrichten “gemacht” würden. Er sagte, dass er nicht einsehe, warum die Presse nicht einfach zeigt, was wirklich da ist, und die Leute selber interpretieren lässt. Daraufhin erwiderte ich, dass Nachrichten sowieso niemals objektiv seien, weil allein schon die Auswahl, was du zu einer Story machst und was nicht, ein Urteil beinhaltet. Ein Bild zeigt auch immer nur einen Ausschnitt einer Szene, aus dem Kontext gerissen: es zeigt nicht, was außerhalb des Ausschnitts passiert, es zeigt nicht, was vorher und nachher passiert, es zeigt nicht, warum ein Redakteur dieses Foto gewählt hat, usw. Er erwiderte mit dem Erlebnis einer Freundin, die bei der Stadt arbeitet und zu einem der Notfall-Teams gehörte, die geschickt wurden, um letzte Woche, als die deutsche Regierung zwei Tage lang alle Flüchtlinge reinließ, den am Bahnhof ankommenden zu helfen. Dort wurde ihr, als Teil ihres Jobs, angeordnet, dass sie “Refugees Welcome”-Banner hochhalten oder aufhängen sollte. Für die Medien. Angeblich. Bei mir blinken bei solchen Geschichten, und der Vermutung, warum sie erzählt werden, alle PEGIDA Warnlämpchen auf, aber eigentlich gehört dieser Mensch nicht in diese Ecke. Soviel ich weiß. Ihn erinnere das – völlig abgesehen davon, ob sie hinter dem Inhalt des Transparents steht oder nicht – zu sehr an seine Jugend im früheren Ostdeutschland. Daran, wie sie gezwungen waren, bei extra für die staatlich kontrollierten Medien veranstalteten Events Fahnen zu schwingen. Ihm in die Augen zu sehen, während er davon erzählte, ließ mich das erste Mal verstehen, dass es da eine verdammt große Empfindlichkeit gibt, die Westdeutsche nicht wirklich nachvollziehen können. Mir war zwar bewusst, dass das Misstrauen gegenüber Journalismus im aus dem früheren Ostdeutschland stammenden Teil der Bevölkerung stärker ist, aber irgendwie hat es hier zum ersten Mal bei mir Klick gemacht. Die kulturelle Verschiebung von einer offen kontrollierten Gesellschaft wie der DDR zu einer Gesellschaft, in der du einen Mix aus mehr Freiheit, aber auch einer Menge verschleierter Kontrolle hast, könnte einen weitaus größeren Unterschied machen als wir gedacht hatten. Die verschleierte Kontrolle ist natürlich auch etwas, was viele Westdeutsche kritisieren, aber aus einer ganz anderen kulturellen, gesellschafts-politischen Erfahrung heraus.

“Es ist eins der großen Themen unserer Zeit, dass mit dem Social Web der Mythos der neutralen Objektivität zerschmettert worden ist, und das Echo davon hallt nun durch so viele Bereiche unserer Leben.”

Füge da nun noch die kulturelle Veränderung hinzu, die im Laufe der letzten Jahre dadurch entstand, dass die Mainstreambevölkerung das soziale Web zu nutzen begann und entdeckte, dass es da draußen eine Vielzahl von Perspektiven auf die gleichen Events gab. Es ist eins der großen Themen unserer Zeit dass mit dem Social Web der Mythos der neutralen Objektivität zerschmettert worden ist, und das Echo davon hallt nun durch so viele Bereiche unserer Leben. Der gefährliche Anstieg des Misstrauens gegenüber dem Journalismus ist eine dieser Wellen. Ich bin kein Fan des Gatekeeper-Mechanismus der alten Medien, weil er nur die Perspektive eines sehr engen Spektrums von Menschen als Status Quo verallgemeinerte. Trotzdem denke ich, ihn zu verlieren, ohne dass an seine Stelle ein neuer, um mehr Diversität bemühter Mechanismus tritt, der zwischen all den kontroversen Stimmen, die eine Gesellschaft ausmachen, vermitteln kann, ist gefährlich. Wir brauchen vermittelnde Werkzeuge, Mechanismen, Foren, usw., um zu einem gesellschaftlichen Konsens zu gelangen, aber sie müssen demokratischer, interaktiver und diverser ausfallen als es der alte Gatekeeper-Journalismus war. Sonst wird sich dieses Gefühl, betrogen zu werden, an dem so viele zu leiden scheinen, weiter ausbreiten. Und daraus wird weiter Misstrauen wuchern, das zu der Erosion von Solidarität führt, die wir in Form von so vielen Hassbotschaften im Netz und auf der Straße erleben.

“Dieses Misstrauen ist es auch, was eine Woge von neuen kleinen viralen Medien ausbeutet: Jung&Naiv, Ken.FM, Ruptly – alle auf verschiedenen Ebenen”

Dieses Misstrauen ist es auch, was eine Woge von neuen kleinen viralen Medien ausbeutet: der Journalismus des gesunden Menschenverstands, den Jung&Naiv betreibt, ist nicht wirklich weit weg von Ken.FMs Verschwörungsshow, oder vom verflixten Ruptly, dass so tut, als sei es frei von jeglicher Agenda. Sie alle haben diese Truther Poste inne: Wir zeigen euch die echte Sache, nicht mit Meinung verschmutzt, wir sind die authentischen News, wir enthüllen die geheime Agenda der Mächtigen. Zu ihnen fliehen viele derjenigen, die den Mainstreammedien misstrauen. Selbstverständlich werden die Enthüllungen, die diese Sorte viraler Medien betreibt, niemals den Hunger ihrer Publikums befriedigen, denn es gibt nun mal nicht eine große geheime Agenda, genausowenig wie es eine objektive Wahrheit gibt. Aber Menschen hängen an ihren Lippen, bei jeder enthüllten Schicht hoffend, dass es die letzte sei, die endlich freilegt, was wirklich hinter allem steckt. Die eine einfache feststehende Wahrheit, die sie von der schrecklichen, sich dauernd verändernden Komplexität der Welt heilt. Was dies kleinen viralen Medien tun, ist eigentlich sowas wie eine endlose Stripshow, die darüber funktioniert, ein konstantes Erregungslevel zu halten, und die von der Erregung profitiert, statt an Aufklärung und Lösungen interessiert zu sein. Sie nutzen die Sehnsucht nach Authentizität und Wahrheit aus, die ein Zeichen unserer Zeit ist, und sich von Digital Detox bis zu Bio-Essen durchzieht.

“Es ist ein Unterschied, ob Medien verschiedene Perspektiven auf ein Ereignis vermitteln, oder ob sie sich dafür hergeben, unkritisch als Meinungsmacher für das zu fungieren, was die Regierung für die angemessene gesellschaftliche Perspektive auf ein Ereignis hält.”

Es gibt natürlich auch Fälle, in denen die großen Medien tatsächlich dazu verwendet werden, Meinungen zu formen. Es ist ein Unterschied, ob Medien verschiedene Perspektiven auf ein Ereignis vermitteln, oder ob sie unkritisch als Meinungsmacher für das zu fungieren, was die Regierung für die angemessene gesellschaftliche Perspektive auf ein Ereignis hält. (Im Zweifel würde ich immer die simpelste Regel der Satire übernehmen: Von oben nach unten treten ist ein No-Go.) Noch einmal ein Beispiels aus der Behandlung von Geflüchteten: Eine zeit lang wurden die großen Nachrichten in Deutschland von Stories über aggressive Anti-Flüchtlings-Proteste und Brandanschläge auf Flüchtlingsheime dominiert, und waren sehr abgekoppelt von der Perspektive von Geflüchteten. Angst und Hass wurde damit als die in Deutschland weit verbreitete Reaktion auf Flüchtlinge wahrgenommen. Rassist*innen feierten das als Zeichen ihrer Macht, Zahl und ihres Erfolgs. Dann gab es eine große Verschiebung in der Presse, um dem mit Nachrichten über Solidarität zu kontern,  die Stories von Flüchtlingen zu zeigen, davon zu erzählen, wie viele Leute in Deutschland Geflüchteten helfen und sie willkommen heißen. So wurde Solidarität mit Flüchtlingen als der gesellschaftliche Konsens präsentiert. Als der Journalismus noch für die gesellschaftliche Mehrheit als Gatekeeper fungierte, war er fast das einzige Fenster, durch das Leute auf solche Ereignisse blicken konnten. Damals hätte so ein Move funktioniert als “oh, die Deutschen haben sich geändert, nun sind sie alle für die Flüchtlinge”. Heute aber wird so eine Veränderung in der Berichterstattung auch wahrgenommen als “ähm, warum denn dieser plötzliche neue Fokus in all den Zeitungen, wo doch immer noch Brandanschläge auf Flüchtlingsheime erfolgen?” Das “Guck mal da drüben, ein Solidaritätseichhörnchen!” funktioniert nicht mehr so gut wie früher. Durch soziale Medien ist die Öffentlichkeit sich mehr dessen bewusst, dass diese Story nur so erzählt werden konnte, weil Merkel nachgeholfen hat, es in eine nachrichtenwürdige Notsituation zu verwandeln. Die erschöpfende Langzeithilfe für Geflüchtete ist zu langweilig, um darüber zu berichten: das würde niemand lesen. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, brauchen wir Krisenmomente, Bilder wie die überfüllten Bahnhöfe.

“Ich bin immer noch wütend über diese paar Tage, in denen Merkel Menschen als taktische Spielfiguren benutzte.”

Ich bin immer noch wütend über diese paar Tage, in denen Merkel Menschen als taktische Spielfiguren benutzte; Menschen, die sowieso schon in der schlimmsten Lage sind, von ihrem Zuhause vertrieben, in unmenschlichen Camp-Situationen endend, oft über Jahre hinweg, und das wird dann auch noch als großherzige Hilfe des Retters gefeiert. Wenn dieses Benutzen von Menschen, ihrer Situation und ihrer Emotionen das ist, was Regieren in den Zeiten von Social Data und Media ausmacht, sieht’s so aus als ob wir ein paar höchst unterhaltsame Jahre vor uns haben könnten. Brot und Spiele 3.0.

Ich beende diesen Blogpost an dieser Stelle, weil ich noch was arbeiten muss und sowieso gerade auf kein schickes Ende komme, denkt euch einfach irgendwas Richtung: Der Journalismus muss sich seiner veränderten Rolle noch mehr bewusst werden, oder: wir brauchen mehr Soziologie, die sich mit Digitalisierung auseinandersetzt, und das nicht in abgeschlossenen akademischen Bereichen, sondern öffentlich für alle verständlich. Aber ich höre nicht auf, ohne einen der Tweets zu erwähnen, die mich darauf brachten, das alles hier aufzuschreiben:

“So the newspapers are going to run with “top button undone” as news, but not “pig-fucker in chief”, and still claim not to be biased?”
Huw Lemmy (dessen Buch Chubz ich hier immer noch nicht besprochen habe, fällt mir ein, aber holt es euch – es ist großartig.)

(Falls es wirklich noch Leute gibt, die nichts von #Hameron / #piggate mitbekommen haben sollten: Lemmy kritisiert hier, dass Corbyn für Nichtigkeiten von der britischen Presse durch den Dreck gezogen wird, während Cameron sogar ein Schwein in einem Studentenclub ficken kann, der ihm letzlich sogar hilft, überhaupt erst in die Position zu kommen, die er heute innehat, und trotzdem fasst ihn die Presse mit Samthandschuhen an.)

Dieser und ein paar andere die Presse kritisierenden UK Tweets brachten mich darauf, dass ich noch gar nichts über eine ähnliche Medienskepsis-Bewegung aus anderen Ländern gehört habe. Ich frage mich, ob es sowas gibt, und falls ja, was an denen spezifisch ist? (Die gleiche Sehnsucht nach authentischer Wahrheit? Ein ähnlicher Anti-Intellektualismus? Vielleicht ein Nord/Süd-Ding, das der Ost/West-Unterschieden hier entsprechen könnte? Oder etwas ganz anderes? Oder ist das “Lügenpresse”-Ding etwas Deutschlandspezifisches?) Joshuah Hersh z.B. vergleicht PEGIDA / “Lügenpresse” mit Tea Party / mainstream media”.

P.S.: Einer noch: “Gettin piggy with it“, Cassetteboy. ^^

Rassismus-Kehrwoche: RegierungTM vs Facebook the Hutt

Als ich zu denen gehörte, die es nicht verkehrt fanden, dass Heiko Maas Facebook um ein härteres Durchgreifen in Sachen rechter Hetzpostings bat, war ich einen Moment lang besorgt, ob ich damit auch gleich automatisch zu denen gehöre, die sich eine Regierung wünscht, die mal richtig durchgreift. Schon mehr Bruce Willis als Chuck Norris, also mehr Xena als Hitler, aber irgendwie trotzdem besorgniserregend. Dann kam mir aber, dass Voraussetzung dafür ja wäre, dass ich dran glauben täte, dass die RegierungTM FacebookTM mehr als ein wohlkalkuliertes höflich-verständnisvolles Lächeln abringen könnte. Deswegen ist das Vorpreschen von Maas, dem sich Merkel inzwischen ja angeschlossen hat, schon eine amüsante Sache, denn es wird zeigen, dass Facebook letztlich die Merkel der sozialen Plattformen ist: Kritik, das Aufzeigen von Grenzen und Verbesserungsvorschläge versacken stets in einer lächelnden mausgrauen? Mausblauen! Jabba-The-Hutt-PR-Wabbelhaut, die alles soweit eindringen lässt, dass es den Anschein einer Reaktion hat, dann aber lässig zurückfedert in was-auch-immer eh vorher schon ihre Position war. Macht wabert hinter Faux-Durchschnittlichkeit, hinter dem Hoodie des Jedermann, der nur dein Bestes will, sein Bestes versucht, wie du und ich, aber es ist halt kompliziert, das musst du schon verstehen, aber: mit gesundem Menschenverstand und wenn wir uns alle gemeinsam bemühen, dann! An Facebook zu verzweifeln ist wie die Verzweiflung eines Kindes in seiner ohnmächtigen sozialen Abhängigkeitssituation. Ein Kind, das den Eltern nicht klarmachen kann, wo ein Problem liegt, weil diese, sich besserwissend wähnend, gar nicht richtig zuhören, weil: Vorsprung durch Daten, mehr Überblick, mehr Erfahrung, mehr Wissen. Mehr halt. Das kann sich ein Kind doch gar nicht vorstellen. Diese Position gönne ich Maas.

“Facebook ist letztlich die Merkel der sozialen Plattformen”

Man könnte sich ja jetzt Popcorn greifen, sich zurücklehnen und zuschauen, quasi Godzilla gegen Mothra (oder vielleicht: Mechagodzilla, aber Mothra ist cooler, weil Robert Smith gegen Streisand, egal: jedenfalls Supervergleich, weil beide auch nicht 100% gut oder 100% böse), aber dann dämmert dir: Blöd, dann sind die Flüchtlinge ja die Einwohnerinnen von Tokyo, will heißen: im besten Fall Statistinnen ohne Stimmen, im blödesten: Kollateralschaden. Und überhaupt, warum kümmert Maas und Merkel das plötzlich? Ein menschlich-herziges Ablenkungspflasterl, damit die Verschärfung der Flüchtlingspolitik nicht so schmerzt? Beziehungsweise nur die Flüchtlinge schmerzt, aber die wohlmeinende deutsche Zivilgesellschaft nicht. Oder Imagesorgen um die Marke? Wir schaffen das. Wohlkalkulierte Dosierung von Wir-Gefühl, ging wohl ein bissler nach hinten los, denn soviel “Wir gegen die” war ja auch wieder nicht gewollt. Das grünwiesige und crazybiedermannberlinige (denn letztlich wird Berlin ja nur als andauernder quasi-nostalgischer Ausbruchsmoment gefeiert, nicht als Vision einer anderen Möglichkeit, an der gebaut wird, aber das ist ein anderer Rant) SchlandTM, das mit Fußball und Staatspop und etzsimmawiederwer-Gefühl, na, da wuchern nun schon ein paar Rostflecken auf der weißen – entschuldigung: “wir sind bunt”-Weste, naja: vielleicht doch eher “wir sind pastellfarben”, zu bunt soll es hier ja auch niemand treiben, jedenfalls: der braune Rost muss mal wieder weg. So ist das aber halt, wenn nix gegen das feuchte Dauerklima getan wird, weil die Parolen ja doch auch immer mal wieder praktisch für die eigene Politik sind, so ist das halt, wenn immer nur drüberlackiert wird und nie ordentlich abgeschliffen und grundiert, das sagt dir jede Autoschrauberin: da kommt der Nazidreck halt immer wieder durch.

“Warum kümmert Maas und Merkel das plötzlich? Ein menschlich-herziges Ablenkungspflasterl, damit die Verschärfung der Flüchtlingspolitik nicht so schmerzt?”

Nun mögen manche Mitglieder der weißen Herrenmasse den Finger heben, weise mahnend, dass es doch vielleicht auch gut so sei, dass das alles auf Facebook so sichtbar sei, ein wahrer Spiegel der Gesellschaft, da wisse man wenigstens woran man sei, und das Geschmeiß kreuche nicht nur im Dunklen herum, wo es dann wieder nur Agent Antifa Moulder sieht, dem eh keiner glaubt, weil in der deutschen Fußballlogik halt immer noch wie Pluspol/Minuspol gedacht: linksextrem ist die andere Seite von rechtsextrem. Dass sich die Definition von linksextrem aber seit Jahren von “Bombenattacken gegen den Staat” zu “noch einen Funken sozial-politisches Verantwortungsgefühl und Empathie im Leib” verschoben hat, und sich somit zu einem Gütesiegel entwickelt hat – wen juckt’s. Aber früher wurde ja auch mal geglaubt, dass Homosexualität widernatürlich sei, weil Magnet: Pluspol und Pluspol stoßen sich ab. Von daher bleibt tröstende Hoffnung, dass auch die Extremismustheorie Jahre nach ihrer theoretischen Überwindung auch noch IRL eingemottet werden wird. Zu der Logik, dass es doch super wäre, dass der rechte Dreck nun dank Facebook sichtbar sei und nicht an dunklen Stammtischen verborgen bliebe: Nun, das mag für manche Nichtbetroffene schon so sein, dass sie sich das als kleinen Gruselschauer beim Morgenkaffee geben wollen, aber ob das nun Flüchtende als bereichernd empfinden, dass sie das so alltäglich  in die Fresse kriegen? Wohl weniger. Denen geht es wohl eher wie mir, wenn ich den “endlich mal für alle sichtbaren, yeah!” sexistischen und homophoben Dreck um die Ohren kriegte, dass mir schon vorm Frühstück der Magen klamm wurde. Nicht umsonst habe ich eine liebevoll handgemachte, immer wieder überarbeitete Filterbubble, die mir niemand Nichtbetroffenes ever ranzig machen wird. Diesen Hassdreck im sozialen Kontext von Facebook immer wieder zu lesen, bringt Gewöhnung mit sich und resultiert in der Verschiebung von Grenzen des Tolerierten. Nicht umsonst arbeiten Menschen inzwischen mit allen Mitteln – Facebookmeldung, Anzeige bei der Polizei, Shaming bei Arbeitgeber und sozialem Umfeld – um einen sozialen Konsens wiederherzustellen, in dem es nicht alltäglich ist, rassistischen Dreck von sich zu geben.

“Super, dass dank Facebook, dem Spiegel der Gesellschaft, der rechte Dreck nun sichtbar ist? Für Flüchtlinge und andere Betroffene wohl kaum.”

Facebook als Spiegel. Nuja. Wenn, dann schon eher so ein Labyrinth von Zerrspiegeln, wie am Oktoberfest, in dem manches doppelt so breit oder wellenförmig gezeigt wird, und anderes gar nicht. Und wenn du verstehen willst, wie das aufgebaut ist und funktioniert – ich sag dir: keine Chance. Da irrst du tagelang durch das Kabinett und rennst dir bloß das Hirn blutig. Was dir aber klar wird, während du im Bierzelt nebenan mal eben noch einen Stärkungsschluck nimmst, ist, dass schon gezielt manches mehr gezeigt wird als anderes. Zum Beispiel Emotionalisierendes. Vielleicht war es ein Schluck zu viel, denn das war tapsig und dir entgleitet die schöne Spiegelkabinettmetapher, oder – nee, war nicht das Bier: Funktioniert hat sie von Anfang an nicht, weil: Es wird ja überlegt, bevor gepostet wird, ausgewählt, formuliert, Inszenierung, Performanz überall wohin du schaust. Fast wie offline, aber bewusst für online. Auch Rassist*innen können schließlich Social Media managen und da funktioniert so eine soziale Plattform ja genauso toll wie für Sexist*innen. Prima zum gegenseitigen Hochschaukeln und Schulterklopfen, ob öffentlich oder in geschlossenen Gruppen mit Verschwörungsbonus, und was für ein tolles Tool zum Vernetzen und Organisieren. Facebook ist ein gottverdammter Verstärker. Merkst du was ich merke? Wie sich mystery und hystery und history verstärken.

“Auch Rassist*innen können schließlich Social Media managen und Facebook ist ein verdammter Verstärker.”

Lass uns nicht über Sexist*innen reden, aber Rassismus geht dann doch zu weit. Wobei sich auch die Misos seit Jahren wirklich viel Mühe geben – das muss auch mal anerkannt werden, auch wenn sie jetzt gegen die rechten Sprüche abstinken – aber hey, mit blutrünstigen Todesdrohungen und hochkreativer vernetzter Verächtlichkeit – das da draus noch kein Event gemacht worden ist, wo du einen Eintritt dafür zahlst, eigentlich ein Wunder. Ach, gab’s schon. Sieh eine an. That’s social media: Aus Scheiße Gold machen und damit noch zur Senkung der Toleranzgrenze beitragen. Das muss man ja auch mal sagen dürfen: Egal, aus was für einem Grund das gesagt wird, es wird gesagt, und irgendwie muss alles mal gesagt werden heutzutage. Dürfen. Ich muss dürfen! Einsdrölf. Immer mit diesem Gestus, als hätte dir’s jemand verboten, das zu sagen. Immer die Sorge um die Meinungsfreiheit. Wessen eigentlich? Dazu müsste es doch erst mal eine gleiche Meinungsfreiheit für alle geben, was wir offline nicht hinkriegen, aber Facebook könnte das: neutrale Voraussetzungen schaffen. Du brauchst keine Lupe zu zücken, um drauf zu kommen, dass die soziale Plattform ganz schön rutschig ist, und es wieder mal die Marginalisiert*innen sind – ja, sieh einer an: ein Scherz über die inkludierende Schreibweise gleich mal selbst vorweggenommen, bevor du ihn bringst -, wo war ich: ach ja, die rutschige Plattform ist dann doch wieder eher für den Grip der bärtigen Sohlen mancher gemacht, nicht für alle. Haste die falschen Brustwarzen, biste raus. Willste selber vorsorgen, dass keine genärrischen Maskulinen oder Rechten über deinen Namen deinen Wohnort rausfinden und ihre kreative Hate Poetry offline in kreative Hate Performance umsetzen, und meldest dich deswegen unter einem Fakenamen an, wirste von einem Moment auf den anderen gekickt, weil dich wer meldet, dem oder der deine Postings nicht passen. Weg, das soziale Umfeld, weg, die Kontakte, ja, hätteste nur Emailadressen getauscht usw jaja, hätteste pätteste. “Wo soll das hinführen, wenn Privatunternehmen über Äußerungen entscheiden?” ist eine rhetorische Frage, gell? Die Antwort sehen wir doch längst in der angewandten Praxis. Wenn wir genau hinsehen.

“Willste selber vorsorgen, dass keine genärrischen Maskulinen oder Rechten über deinen Namen deinen Wohnort rausfinden und ihre kreative Hate Poetry offline in kreative Hate Performance umsetzen, und meldest dich deswegen unter einem Fakenamen an, wirste von einem Moment auf den anderen gekickt, weil dich wer meldet, dem oder der deine Postings nicht passen.”

Beißt sich in den Schwanz: Dass die Plattform nicht auch für deine freie (und das heißt: sichere) Meinungsfreiheit strukturiert ist, zwingt dich überhaupt erst zum Fakenamen. Der Fakename sorgt dafür, dass du rausgeschmissen wirst. Ein Klassiker, ja, quasi sowas wie das Wiener Schnitzel unter den Gegenargumenten zu “wer nix falsches tut, braucht nix zu verbergen”. Mit Panade und Zitrone. Selber schuld, wenn deine bloße Existenzweise für die soziale Struktur der Plattform-Mehrheit ungeeignet ist. Facebook kann sich seine putzigen 88 Optionen dein Geschlecht anzugeben mit einer gehörigen Portion Emojis, damit’s auch ein bisserl schmerzt, in seine tighte ToS schieben. Guckense halt weg, gibt’s nix zu sehen, Profil ist weg und dank der lustigen ausschnittweisen Anzeigen von Postings in der Timeline merkt’s noch nicht mal wer. Wie vom Erdboden verschluckt. Nadia Drake, Laurie Penny, Michael Anti, Feminista Jones, Salman Rushdie – um ein paar bekannte Namen zu nennen, die von Facebook gebannt wurden. Nicht leicht, sie zu finden, diese Geschichten. Wie ein blinder Fleck, das wachsende Nichts in der unendlichen Geschichte. Grausam, nicht mal so ein Abgang wie Artax in den Sümpfen der Traurigkeit ist dir da gegönnt. Keine auf der Wange zitternd glitzernde Träne, keine winkenden Taschentücher, kein Glamour. Eher so Kafka. Noch eine Pointe an der Sache: Fake für wen? Dein Fakename ist im sozialen Sinne eh gar keiner, weil dein Bekanntenkreis genau weiß, wer du bist. Aber die leidige Anzeigenkundschaft. Für die ist es halt ein Fake, da kommt Facebook nicht drumrum und kann’s doch nicht mal laut aussprechen, denn das könnte ja User vergraulen. Mit so einem Fake kann man sich halt nichts kaufen. Da braucht es halt Profile wie deutsche Reihenhäuser. Mit Jägerzaun, Hund, zwei Kindern, Till Schweiger und Oktoberfest. Dann biste safe. Wie DeutschlandTM halt. Ja, liebe Flüchtlinge, willkommen, aber lernt erst mal Kehrwoche, Karneval und Knödel schätzen, ze germin KKK quasi, sonst wird das nix mit uns.

Aber worauf wollte ich eigentlich raus? Ach ja, auf so ein semi-resigniertes “Ob es eine Imagekampagne für ein deutsches Identitätsgefühl ist – das man schon will, aber halt nicht gleich so wie jetzt diese Neonazis abgehen – oder ob es um den Lack vom humanitären Facebookselbstbildnis geht, letztlich: Wenn plötzlich mehr Hetze gelöscht werden sollte, dann nur, weil doch niemand seine Werbung neben Faschosprüchen stehen haben will.”