Fühlst du dich sicher? Facebooks Beunruhigungs-Check

Als ich das erste Mal von Facebooks Safety Check Feature hörte, fand ich es eine großartige Sache. Das war zu einer Zeit, als es nur bei Naturkatastrophen eingesetzt und von einem Team betreut wurde. Es schien eine praktische Möglichkeit zu sein, mehrere Menschen zugleich übersichtlich über dein Wohlbefinden zu informieren, auch wenn Handynetze zusammenbrachen.

Ranking von menschlichem Unglück

Als Facebook dazu überging, den Safety Check auch für Terroranschläge einzusetzen, kam es in die Kritik, dass hier eine US- und EU-zentrische Wertung von Menschenleben stattfände, denn das Feature war zwar beim Anschlag in Paris aktiviert worden, aber nicht am Tag zuvor bei dem Anschlag in Beirut. Damals begründete Zuckerberg das damit, dass sie bis Paris das Tool nur für Naturkatastrophen eingesetzt hätten, und Beirut eben einen Tag vor dieser Ausweitung geschah.

Bereits damals, November 2015, wurde von vielen in den Comments jedoch trotzdem beklagt, dass diese Begründung nicht erkläre, warum der Safety Check in einem Gebiet wie Aleppo auch nach Paris nicht geschaltet wurde. Es wurde von manchen vermutet, dass dort ein anderer Schwellenwert für menschliches Unglück angelegt wurde. Auch die Journalistin Domenika Ahlrichs erwähnt in einem Interview für Wired/DetektorFM nach dem Anschlag in Berlin, dass sie den Safety Check für sich selbst in Berlin als seltsam unangemessen empfand, gerade auch weil die Tage vorher die Zerstörung von Aleppo die humanitäre Katastrophe war, die alle beschäftigte und das Feature für die Menschen dort nicht freigeschaltet worden war. In diesselbe Richtung ging die Kritik der Journalistin Molly McHugh in einem Text darüber, wann Facebook eins seiner Beileids-Flaggen-Avatar-Features freischaltete und was das auch für Kontroversen unter Usern nach sie zog: “Facebook has put itself in the business of ranking human suffering, and that’s a fraught business to be in. Facebook is built on ranking things that matter and how much, like which BuzzFeed quizzes you see in your News Feed or which friends’ photos show up the most. But it’s deeply uncomfortable—disturbing, really—when that same idea is applied (even with what I have to imagine are different metrics) to disaster and death.”

Nun, etwas als flächendeckende Gefährdung von Menschenleben einzustufen, das ist keine Entscheidung, um die man irgendjemanden beneiden würde, da sie komplex ist und eine große Verantwortung daran hängt. Menschen verhalten sich anders, oft gefährlich irrational, wenn sie in Panik geraten, Angst haben, deswegen wird bei Falscheinschätzungen die Presse oder Regierungsbehörden auch auf Schärfste kritisiert. Und bei ihnen lag lange das Monopol über weitreichende Meldung und Einordnung von Katastrophen. Die Entscheidungen fallen da auch durchaus verschieden aus, so waren die behördlichen Katastrophen-Warn-Apps KatWarn und Nina meines Wissens z.B. für Berlin nicht aktiviert, in München schon. Daneben informieren sich inzwischen auch viele nicht mehr direkt auf Medienwebsites oder TV Nachrichten, sondern über Social Media.

Katastrophen verstehen via Social Media

Ich nutze am liebsten Twitter. Anders als wenn ich eine Nachrichten- oder behördlichen Meldung 1:1 als Information akzeptiere, funktioniert das Verstehen einer Katastrophe oder eines Anschlags auf Social Media anders. Auf Twitter kann ich via meiner Listen-Timelines oder auch eines Hashtags recht schnell ein Bild der Lage herausfiltern. Aus einer wilden Mischung von Tweets von Journalist*innen, Polizei, Augenzeug*innen, Politiker*innen und einem Haufen Menschen, die das Ereignis einzuschätzen versuchen, und mit Retweets und Kommentaren in einer Art Hive Mind Sachverhalte verifizieren, aber sich auch Zuspruch spenden, sich beruhigen, sich mitteilen welche Accounts oder Hashtags gerade Wichtiges beitragen, oder auch sich zu warnen, vor Gefahr ebenso wie vor dem Weitertragen von möglichen Falschmeldungen – daraus kristallisiert sich ein Bild der Ereignisse.

Auf Facebook funktioniert das nicht so gut, schon allein weil die Timeline nicht chronologisch und auch zu stark gefiltert ist, um für Echtzeitereignisse zu taugen. Ich bekomme zum Beispiel regelmäßig Postings über eine Veranstaltung erst einen Tag zu spät in meinen Newsfeed gespült. Aber so im Groben ist Facebook darin besser geworden, inzwischen auch zeitnah eine Mischung aus privaten Postings und News zu einem Ereignis in meinen Newsfeed durchzulassen, durch die sich ein grobes Bild des Geschehens machen lässt. Mit dem Schritt zum Aktivieren des Safety Checks allerdings, wenn es mit Push-Nachrichten aktiv Menschen über eine Katastrophe informiert, macht Facebook den Schritt zu einer Autorität, die sich über den Newsfeed erhebt und wird zu einer Mischung aus Social Tool, Nachrichtenmedium und Katastrophenwarndienst.

Mischung aus Social Tool, Nachrichtenmedium und Katastrophenwarndienst

Was für einen Effekt hat das? Als ich zwischen zwei Tassen Feuerzangenbowle und gemütlichen Gesprächen am Abend des Anschlags von Berlin einen Blick auf Twitter warf, fand ich die oben beschriebene Mischung von Tweets vor und hatte schnell die Information: was passiert war, grobe Opferzahlen, dass es noch keine Einordnung als Terroranschlag gab. Zu diesem Zeitpunkt hätte es auch ein Unfall sein können. Als ich Facebook aufrief, begrüßte mich dagegen die Meldung dass 138 meiner Freund*innen bei einem Anschlag draufgegangen sein könnten. Das versetzte mir – trotz des Wissens von Twitter her – schon mal eben einen ganz schönen Adrenalinstoß. WTF?! Und ich fand auch keine Option, um es ausschalten zu können. Von den 138 meiner Freund*innen, die Facebook (zum Teil fälschlicherweise) in Berlin verortet hat, sind bis heute gerade mal 67 als “safe” markiert. Was bringt mir so ein Tool? Soll ich panisch alle 67 anschreiben, ob sie unter den 12 Toten waren? Und ging es dem Rest auch wirklich gut, denn: Personen können auch von anderen als “safe” markiert werden. Jemand berichtete auch, dass sie, als sie sich als “Not in the area” markierte, als “Location unknown” gelistet wurde – auch nicht gerade beruhigend, da es als “gilt als vermisst” verstanden werden kann.

Es war nicht nur die zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht von offiziellen Quellen bestätigte Einordnung als “Anschlag”. Es war auch das Charakteristikum des Social Tools, das mich störte, denn das hat eben einen anderen Fokus als Nachrichten: Es macht dich zum Zentrum des Ereignisses, es ist personalisiert. Wo ich auf Twitter Solidarität mit Fremden empfinde, ich mich dort gerade in solchen tragischen Momenten von einem Gemeinschaftsgefühl aufgehoben fühle, schafft es Facebook immer wieder mit seiner Art der Personalisierung das unmöglich zu machen, Brüche zu den Menschen und in einem gemeinsamen Erleben zu schaffen. Sei es durch die Filterung, die zeitlich versetzte Postings bringt, oder sei es, indem es bei special Features von Memories bis zu Safety Check mein Erleben so sehr ins Zentrum stellt, und bei letzterem in der Form, mir eine große Auswahl meiner Freund*innen als mögliche Terroropfer vor den Latz zu knallen.

Und genau das tut es: es wirkt wie ein Nachrichtenmedium, das vom Schlimmstmöglichen ausgeht. Es erinnerte mich daran, wie ein viel verbreiteter Tweet am nächsten Tag zwei Zeitungstitelseiten nebeneinander stellte:

Facebooks Safety Check war sowas wie die BILDZeitung unter den Social News.

Wie kam es zu der Einordnung als Anschlag (Erst hieß es “Anschlag”, dann “Gewalttat”, dann “Vorfall” – inzwischen wieder “Anschlag”.), obwohl die offiziellen Behörden das noch nicht bestätigt hatten? Nun, bis vor kurzem hatte Facebook ein Team von Menschen, die einen Safety Check erst freischalten mussten. Inzwischen aber haben wir es mit einer automatisierten Auslösung zu tun, zu der Patrick Beuth in der ZEIT die Facebook-Sprecherin zitiert: “Stojanow sagt, sobald bestimmte Begriffe wie Feuer, Erdbeben oder auch Anschlag in einer Region so häufig von Facebook-Nutzern gepostet werden, dass sie einen Schwellenwert überschreiten und die entsprechende Nachricht auch von externen Dritten verbreitet wird, denen Facebook vertraut, löst der Safety Check automatisch aus. Diese Dritten können zum Beispiel lokale Medien sein.” Von menschlicher Hand wird bei Facebook dann erst nachgebessert, wenn Nachrichtenmedien Genaueres berichten, schreibt Chris Köver im Wired, und ergänzt: “Die Mühe, Angaben selbst bei den Primärquellen nachzuprüfen, in diesem Fall der Berliner Polizei, macht sich Facebook jedoch nicht.” Offensichtlich wurde nicht mal auf der Facebookseite der Berliner Polizei nachgelesen. So kam es denn zu chaotischen Informationen: Im Falle Berlins musste sogar der Ort nachgebessert werden, anfangs stand “Berlin-Heinersdorf” im Safety Check.

Einen anderen Fall gab es vor ein paar Tagen und auch er zeigte, dass eine Verifizierung aus guten Gründen zur journalistischen Verantwortung gehört: Facebook gab einen falschen Safety Check wegen einer großen Explosion im Stadtzentrum von Bangkok heraus. Basis dafür waren wohl ein Demonstrant, der kleinere Böller auf ein Regierungsgebäude warf und eine Fake-Newsmeldung, die ein BBC-Video von einer Explosion aus dem Vorjahr verwendete. Als Facebook den Safety Check – automatisiert – ausgelöst hatte, markierten sich unter anderem auch Journalist*innen, da sie Facebook als Quelle ernst nahmen. Da sie wiederum zu den Personengruppen gehören, die anderen als Verifizierungsinstanz dienen, bestätigten sie damit versehentlich die Falschmeldung noch zusätzlich. Ein anderes Mal wurde für ganz Chicago wegen eines “violent crime” der Safety Check ausgelöst. Dann wieder war es ein längst gelöschtes Feuer in Dallas, dass das Feature auslöste.

Einerseits werden hier also klassische öffentliche Informations-Infrastrukturen von Facebook mit einem eigenen Feature durchbrochen, andererseits übernimmt Zuckerberg keine Verantwortung für Fehler. Für so ein soziales Herumexperimentieren im learning by trial and error-Stil am lebenden Objekt wäre weder für Nachrichtenmedien noch für staatliche Behörden akzeptabel, aber bei Facebook nehmen es viele kritiklos hin. Heuer war überhaupt das erste Mal, dass Zuckerberg von seinem Standpunkt abwich, dass sie ja nur neutrale Technologie schaffen würden, durch die Information fließe: Er hat einen Bruchteil von Verantwortung an der Verbreitung von Fake-News eingeräumt.

Die Korrektur von Falschmeldungen, egal ob sogenannte Fake-News oder Fehler beim Safety Check übernimmt jedes Mal die Presse, und Facebook gibt nur widerwillig Kommentare dazu ab. Von guter Absicht, von Neutralität dank Automatisierung und von ständiger Verbesserung wird dann geschwatzt – und die User seien quasi selber schuld, denn der Safety Check wird “initiated by people … and not by Facebook itself”. Den wenigsten Usern ist allerdings überhaupt bewusst, dass sie durch ein Posting, in dem sie den Verdacht äußern, dass in ihrer Nähe ein Anschlag stattgefunden haben könne, auf die Auslösung eines Safety Check einwirken. Und, ganz soziales Datenexperiment, das Facebook auch ist, zählt die uninformierte spontane Meinung mehr als die informierte, sich einer Verantwortung bewussten, und auf einen Kontext hin formulierte Äußerung. (vgl. dazu auch Zuckerbergs Utopie von Telepathie als “ultimate communication technology”, die William Davies in einem Artikel für den Atlantic in Zusammenhang mit einer Philosophie des Neuromarketing bringt: “People lie, brains don’t. Observe what people really feel, the thinking goes, rather than what they say they feel.”)

Die User als uninformierte Versuchskaninchen und als eigentlich Verantwortliche

Die User sind also für Facebook gleichzeitig verantwortlich andererseits aber uninformierte Versuchskaninchen für das Große und Ganze, für die Optimierung von Facebook als sozialer Infrastruktur unserer Gesellschaft. Facebook als Plattform für soziale Experimente machte 2014 Schlagzeilen, als sie Usern über einen begrenzten Zeitraum nur positive oder nur negative Meldungen in ihrer Timeline zeigten, um zu testen, ob Emotionen ansteckend seien. Ethisch wäre das sonst ziemlich fragwürdig, aber im Falle von dem sich gern als humanitär darstellenden Facebook kam es denn schon auch zu solchen Verteidigungen: “it’s worth keeping in mind that there’s nothing intrinsically evil about the idea that large corporations might be trying to manipulate your experience and behavior. Everybody you interact with–including every one of your friends, family, and colleagues–is constantly trying to manipulate your behavior in various ways. … So the meaningful question is not whether people are trying to manipulate your experience and behavior, but whether they’re trying to manipulate you in a way that aligns with or contradicts your own best interests.“

Trotz aller Faszination und Liebe zu sozialen Netzwerken, oder eher gerade deswegen, stehe ich da aber schon ganz hinter Zeynep Tufekci, die in “Engineering the Public” schreibt: “resignation to online corporate power is a troubling attitude.“ Gerade weil ich diese Infrastrukturen viel nutze, will ich auch wissen, was für Gedanken hinter einem Design stecken könnten, warum sie wie funktionieren usw. Ich wünschte mir auch hierzulande deswegen mehr gute Texte von Webtheoretiker*innen, die Soziologie, Datenwissenschaft und Design kritisch zusammendenken und damit diese neuen Infrastrukturen für die Öffentlichkeit sezieren. Gerade der Safety Check ist ja auch ein gutes Beispiel dafür, dass es längst nicht (mehr) ‘nur’ um Kaufanreize geht, und da lohnt sich wieder mal die Frage: Warum greift Facebook immer wieder zu Automatisierung, wenn diese immer noch so fehleranfällig ist und nicht komplex genug arbeitet?

Typischer Facebook Move: Auf Kritik an Neutralität mit Automatisierung reagieren

Ich erinnerte mich an die Geschichte mit den Trending News, einem Feature, das bei mir nur manchmal eingeblendet wird, in den USA aber wohl für alle geschaltet wird, und das die wichtigsten Themen, die User derzeit bewegen, anzeigt – im Idealfall also sowas wie ein Nachrichtenticker. Als Michael Nunez enthüllte, dass regelmäßig “conservative” Meldungen unterdrückt wurden und die Auswahl der Trending News nicht neutral sei, reagierte Facebook mit der Entlassung der letzten 18 redaktionellen Trending-Mitarbeiter*innen und automatisierte den Auswahlprozess, d.h. es gibt nur noch ein Team, das den Auswahlalgorithmus verfeinert, aber keines mehr, das die ausgewählten Meldungen auf Wahrheitsgehalt oder Qualität prüft. Auch bei diesem Facebook Feature funktionierte das ganz und gar nicht gut, sondern führte dazu, dass innerhalb kürzester Zeit übelste Falschmeldungen von Clickbait-Websites in den Trending Topics auftauchten, sowie Artikel Themen zugeordnet wurden, mit denen sie nichts zu tun hatten.

Dieser Rückzug auf Automatisierung statt menschlichem Urteil ist typisch für Facebook, wann immer es dafür kritisiert wird, dass es keine neutrale Plattform sei. Auch als es dafür kritisiert wurde, dass die Inhalte, die ein User im Newsfeed sehen würde, durch das personalisierte Aussortieren eine Filterbubble schaffen würden, wurde sich hinter dem angeblich neutralen Algorithmus versteckt, den die User doch selbst mit dem füttern, was sie sehen wollen: “It’s not that we control NewsFeed, you control NewsFeed by what you tell us that you’re interested in,” so ein Facebook-Mitarbeiter. Aber wie Jay Rosen, Journalismus Professor und Medienkritiker, schreibt: “It simply isn’t true that an algorithmic filter can be designed to remove the designers from the equation.”

Behauptete Neutralität soll Verantwortung auf User schieben

Nathan Jurgenson, Internettheoretiker und Soziologe, hat das noch genauer ausgeführt: “conceptually separating the influence of the algorithm versus individual choices willfully misunderstands what algorithms are and what they do. Algorithms are made to capture, analyze, and re-adjust individual behavior in ways that serve particular ends. Individual choice is partly a result of how the algorithm teaches us, and the algorithm itself is dynamic code that reacts to and changes with individual choice. Neither the algorithm or individual choice can be understood without the other.”

Nichtsdestotrotz soll die Verantwortung mit einer behaupteten Neutralität hin zu den Usern verschoben werden: “To ignore these ways the site is structured and to instead be seen as a neutral platform means to not have responsibility, to offload the blame for what users see or don’t see onto on the users. The politics and motives that go into structuring the site and therefore its users don’t have to be questioned if they are not acknowledged.”

Auch im Hinblick auf Safety Checks ist das zu beobachten, wie Journalistin Bettina Chang schreibt: “Facebook emphasizes that the community-generated alert is an automatic feature that doesn’t imply any sort of judgment on the event, but rather relies on the reporting of Facebook users themselves and their friend networks.” Klar, und wenn alle User immer Facebook über ihren richtigen Aufenthaltsort informieren würden und nichts Sarkastisches, Vermutetes, oder gar poetische Sprache posten würden, nie etwas ironisch liken würden, also wenn alle User sich so verhalten würden, wie Facebook “Ehrlichkeit” oder “Authentizität” definiert, dann würde alles auf Facebook bestimmt auch viel besser funktionieren. Der Versuch der Verantwortungsverschiebung auf die User ist letztlich nur, wie Jurgenson sagt, ein “ideological push by Facebook to downplay their own role in shaping their own site”.

Beim Safety Check Feature ist wie gesagt gerade ein ähnlicher Ablauf wie beim Trending Feature zu sehen: Ursprünglich wurde es von einem Team von Menschen auf der Basis von “Medienquellen und Polizeiberichten” aktiviert. Nachdem Kritik an den Auswahlkriterien dafür, was als Katastrophe galt, laut wurde, zog Facebook das Team ab, automatisierte den Prozess, und behauptete, damit hätten sie sich selbst als beeinflussender Faktor aus der Gleichung genommen. Damit läge die Verantwortung bei Usern, die auf Facebook ängstliche Vermutungen posten, das etwas passiert sein könne, oder Usern, die Nachrichtenmeldungen dazu posten, und bei “Drittquellen”, die, wie beim falschen Alarm in Bangkok, schon auch mal sogenannte “Fake News”-Websites sein können.

In Sachen Verantwortlichkeit bin ich da aber ganz bei Chris Kövers Resümée im Wired: “egal, wie viele Nutzer auf Facebook zu einem frühen Zeitpunkt schon über einen ‘Anschlag’ diskutierten, diese Bezeichnung kann von Facebook nicht einfach übernommen werden. Wenn ein Feature, dessen erklärte Absicht es sein soll, Menschen in einem KrisenmomentZeiten der Krise zu beruhigen, stattdessen Millionen von Pushmitteilungen auf der ganzen Welt versendet, in denen von einem Anschlag die Rede ist, lange bevor dies bestätigt ist, dann dient das nicht der Beruhigung, sondern der Panikmache.” Und das kann in solchen Momenten überhaupt erst Gefahr hervorrufen. Dazu noch ein Beispiel für eine Falschauslösung: Facebook löste den Safety Check bei einer friedlichen Black Lives Matter Demonstration ein und kennzeichnete damit die Protestveranstaltung als viel gefährlicher, als sie war. In einer bereits geladenen Atmosphäre ist so etwas alles andere als deeskalierend, und es kann auch Menschen so verängstigen, dass sie darauf verzichten, ihr Demonstrationsrecht wahrzunehmen.

Mehr Verantwortung fordern

Es ist dabei völlig egal, ob ein Feature wie der Safety Check durch einen Algorithmus oder aus menschliche Einschätzung heraus ausgelöst wird – wir sollten von Herstellern von Tools, die solch eine zentrale gesellschaftliche Rolle einnehmen wollen, mehr Verantwortlichkeit fordern. Wir sollten mehr Bewusstsein dafür schaffen, dass solche Dinge auch anders funktionieren könnten und nicht immer einfach nur die treudoofen Crash Test Dummies spielen, die einem vermeintlich geschenktem Gaul nicht ins Maul schauen wollen. Gut gemeint ist nicht gut genug, vor allem, wenn sich die Zuckerbergsche Definition von “gut” eventuell gar nicht mit deinem Verständnis davon deckt. Und die Kritik kommt langsam voran. Charlie Warzel hat heute einen Jahresrückblicksartikel veröffentlicht, der 2016 als das erste Jahr sieht, in dem Menschen so richtig bewusst wurde, dass es sich bei all den digitalen Plattformen um Infrastrukturen handelt, die unser Leben beeinflussen und nicht nur um irgendwas Nicht-Reales im Netz, das sich jederzeit ausschalten ließe, und dass es auch das erste Jahr sei, indem große Plattformen wie Facebook, Uber, Twitter oder AirBnB mal soweit zur Verantwortung gezogen wurden, dass sie es nicht mehr einfach so an sich abprallen ließen: “Until recently, Facebook’s unofficial engineering motto was “Move fast and break things” — a reference to tech’s once-guiding ethos of being more nimble than the establishment. “Move fast and break things” works great with code and software, but 2016’s enduring lesson for tech has proven that when it comes to the internet’s most powerful, ubiquitous platforms, this kind of thinking isn’t just logically fraught, it’s dangerous — particularly when real human beings and the public interest are along for the ride.”

In diesem Sinne, werte Leser*innen, auf ein kritisches und überhaupt ganz großartiges neues Jahr!

*klopft sich auf die Schulter, weil sie doch noch ein Blogposting in 2016 geschafft hat und macht sich auf ins Raclette-/Fondu-/Sekt-Getümmel* ????

Zynismus, Politics und Trump

K4 / Künstlerhaus Nürnberg. Photo: eve massacre

Seit Tagen oder Wochen will ich als reflektierendes Nachbeben zur Trump-Wahl bloggen. Doch wo anfangen? Was gibt es noch Sinnvolles zu ergänzen? Ich versuche es jetzt einfach mal, weil Bloggen für mich immer eine gute Methode war, um Gedanken zu sortieren und einzuordnen. Und ich wollte mir sowieso wieder den Anspruch abgewöhnen, dass Blogposts immer ausgereifte fertige Artikel sein müssen.

Ich nehme mal ein Stöckchen auf, dass mir in den sozialen Medien hingeworfen wurde. Als ich am Morgen nach der Wahl aufwachte und mein Handy unter die Bettdecke zog, um einen Blick auf Twitter zu werfen, verriet mir schon die bloße Zahl der Tweets, die über Nacht angefallen waren, dass er gewonnen hatte. Diese Zahl ist tatsächlich zu sowas wie einem Indikator für mich geworden, dass schon wieder etwas Schreckliches passiert ist. In solchen Moment haben viele Menschen mehr Kommunikationsbedürfnis, wollen ihr Entsetzen äußern, werfen mehr Leinen aus, die andere kommentieren, oder auch einfach nur tröstend mit Favs und Retweets auffangen, kleine Signale der Verbundenheit, Twitter kann da sehr gut tun. Ich verfalle da immer eher in Schweigen, wenn mich etwas so hart trifft wie die Nachricht von Trumps Sieg. Es war wirklich ein taubes Gefühl der Unwirklichkeit, gefolgt vom langsamen Heranrollen der Ahnung, was das für viele Menschen in den USA – und anderswo – an Tragödien mit sich bringen wird. Nicht nur in Form von Trumpscher Politik, sondern auch im Alltag, wo sich die Diskriminierungen und gewalttätigen Übergriffe gegen Marginalisierte auch tatsächlich alsbald häuften, fühlten sich doch die Rechten in ihrem Hass und in ihrer verqueren Opferlogik bestätigt. Und es traf mich auch in dem Bewusstsein, was das für Rechte weltweit für ein verstärkendes Signal sein würde – auch für AfD, CSU, Identitäre und Konsorten. Neben den ganzen zutiefst betroffenen Meldungen, tat sich alsbald eine abgeklärte Variante auf, die schrieb, dass, wer darüber schockiert sei, dass Trump zum Präsidenten gewählt wurde, zu einer ignoranten oder weltfremden Elite gehöre. Ich halte das für zynisch. Ich bin schockiert, weil ich mich weigere, meine Hoffnung aufzugeben, noch weiter abzustumpfen oder zu verbittern.

Mir ist Zynismus durchaus nahe. Er liegt mir. Er passt zur Hoffnungslosigkeit. Er schafft Distanz, nicht nur zu seinem Thema, auch zu Menschen. Und ja, ich empfinde die Welt als zutiefst kaputt und destruktiv. Aber ich glaube an nichts außerhalb oder danach, deswegen scheint es mir, das einzig Sinvolle zu sein, das beste aus dem Hier und Jetzt herauszuholen, aber dabei nicht nur in blanken Hedonismus zu verfallen, sondern parallel auch noch dazu beizutragen, die Welt ein Stück lebenswerter zu machen. Das ist vielleicht auch der Grund ist, warum ich mich als Autorin und DJ und Veranstalterin so wohl fühle: Es sind Positionen, in denen ich dazu etwas beitragen kann, dass sich Menschen inspiriert fühlen, oder zum Widerspruch angeregt, oder ein Konzert, eine Clubnacht lang aufgehoben und glücklich. Gleichzeitig ist mir zufriedene Geselligkeit aber auch immer ein Stück weit suspekt, kann, nein, darf nur ein zeitlich befristeter Zustand sein. Eine Basis, die Kräfte für kritisches Weiterdenken und -arbeiten sammeln lässt.

Und wenn ich schon gerade ein bisserl persönlicher werde: Ich bin in einer Zeit, in einer Welt aufgewachsen, in der versucht wurde, möglichst alles nach außen hin in Zuckerwatte zu hüllen, in der es galt, Brüche in Gesellschaft und Familie schön zu übertünchen. Es galt, aufzupassen, dass nichts von der Gewalt und Hässlichkeit durchscheint, die sich hinter verschlossenen Vorhängen abspielte – egal ob auf großer politischer Bühne oder hinter frischgestärkten Reihenhausgardinen. Dank einiger großartiger Menschen, wurde ich aber zum kritischen Denken erzogen, und traute mich alsbald, gegen Missstände den Mund aufzumachen, auch wenn das hieß, sich unbeliebt zu machen, Menschen zu verlieren. Zynismus bis hin zum beißenden Sarkasmus erwies sich da als wohltuende Waffe, um scheinbare Harmonien zu zerreißen, unter denen Misstände verborgen wurden. Ich habe ihn als provokative Waffe von Marginalisierten oder von politischer Kritik kennen- und schätzengelernt, aber diese Zeiten sind vorbei, das Blatt hat sich längst gewendet. Zynismus ist schon lange im Mainstream angekommen, es ist die alltäglichste aller Waffen geworden, die längst von oben nach unten genutzt wird. Nun, zerrissene zynische Abgründe nach außen zu tragen ist nicht mehr konstruktiv disruptiv, es zieht andere runter, entsolidarisiert, es ist kein Fundament, verharrt in der rebellischen Pose der Verachtung der anderen. Das war es letztlich, was mich immer an den Zynismen störte, die von professionell-wortgewandten Social Media Journalist*innen, die mit der Moderation von Facebook- und anderen Kommentarbereichen betreut sind, gerne gegen die “dummen” rechten Kommentare eingesetzt wurden. Das schürt nur ein Feuer.

Nehmt Fernsehen: Von Harald Schmidt, der vielleicht als erster Zynismus massentauglich gemacht hat, bis hin zu der Kommentarstimme, die seit Jahren über all den Reality Soaps und -Shows liegt, in denen Menschen sich in so ziemlich allen Lebenssituationen aneinander messen und sich für wenig Geld und Ruhm demütigen lassen. Neben zahllosen Talkshows, die in den Nullern damit florierten, sich über Marginalisierte zu amüsieren. Talkshowmoderationen mit provozierenden Fragen und mit nach dem nächsten Faux-Pas gierendem Blick. Oder Polit-Talkshows, in denen blankes sensationalistisches Entertainment als Diskussion, als Suche nach Konsens oder Lösungen verkauft wird. Das ist zutiefst zynisch, gerade weil es meist Themen sind, die tatsächlich einer fundierten öffentlichen Diskussion bedürften. Über Jahrzehnte hinweg basierte so viel TV-Entertainment darauf, ein Stereotyp von gescheiterten Menschen zu errichten, von Hartzern als Schmarotzer, Menschen an der Armutsgrenze, die angeblich einfach ihr Leben nicht im Griff haben, von Hochverschuldeten, die darin versagen, den Überblick über ihre Finanzen zu halten. Die sarkasmustriefende Häme von TV Shows und Sensations-Newsmedien, die vor allem auf Menschen gerichtet ist, die am Scheitern sind, ist der popkulturelle Ausdruck der endkapitalistischen Ära.

Owen Jones hat in Chavs ausführlich beschrieben, wie das zur “Dämonisierung der Arbeiterklasse” beitrug, quasi den Zusammenhang zwischen all der Schackeline-von-Mahrzahn-Comedy und dem Verlust jeglichen Klassenbewusstseins aufgezeigt. Es ist heute letztlich keine Identifizierung mehr damit möglich, niemand versteht sich heute als arm oder sozial benachteiligt. Im öffentlichen Diskurs sind die Leidtragenden an den über die Jahre für Arbeiterklasse und Prekariat sich verschlechternden Arbeitsverhältnisse selber schuld. Immer wieder die Big Daddy-Stimme: “Wer will, der kann auch arbeiten. Wer keine Arbeit findet oder an den Arbeitsbedingungen zerbricht, ist selber schuld.” Ist die Gesellschaft zu hart, bist du zu schwach. Hyperindividualisierung ist an die Stelle von einem Gefühl getreten, dass man gemeinsam mit anderen in einer Situation steckt. Und das wäre die Basis für die Idee, etwas ändern zu können. Das Veröden von Solidaritätsbewegungen durch das mal mehr, mal weniger sachte Hinwirken auf vereinzelnde Arbeits- und Arbeitslosigkeitsstrukturen hat Folgen gezeigt: Es geht nicht mehr darum, deine Arbeitsbedingungen zu verbessern, sondern dich zu verbessern. Egal, ob Proletariat oder Prekariat: Was du bist, ist nur noch etwas, was es zu überwinden gilt. Ist ja eigentlich hinlänglich bekannt. Und darüber zu sprechen, hieße, dein Scheitern einzugestehen. Und da ist ja auch immer diese Stimme, die dir kumpelhaft in die Rippen stößt, und dir versichert, dass du ganz anders bist, als die armseligen Loser um dich herum. “They don’t see themselves as poor, they see themselves as temporarily embarassed millionaires”, schrieb John Paul Brammer in einem Twitter-Thread darüber, wie die Stigmatisierung von Armut für viele Arme zur Identifikation mit einem Milliardär wie Trump führen konnte.

https://twitter.com/jpbrammer/status/799686559901454336

Auch im Journalismus findet sich der zynische Grundtenor, zum Beispiel in der Zunahme eines Meinungsjournalismus, von zahllosen Kolumnen, die mit zugespitzten, kaum noch als Welterklärungsversuche getarnten Provokationen Menschen aufeinander hetzen und dazu beitragen, gesellschaftliche Gräben zu vertiefen. Die schriftliche Variante der Polit-Talkshows. Aber mein Beispiel hier sollte TV sein, da es letztlich das Podium war, dass Trump als Ideologie am stärksten in die Köpfe gepflanzt hat (und ich spreche hier nicht von der Wahlkampfzeit, sondern von Jahrzehnten). Von Trumps eigenem Fox-Imperium, bis hin zu so traurigen Beispielen wie CNN, die im Nachhinein dann doch noch einsahen, dass es wohl keine so gute Idee war, mehrmals Wahlpropandaveranstaltungen von Trump komplett und unkommentiert auszustrahlen. Letztlich am prägendsten hat er sich aber mit The Apprentice in das öffentliche Bewusstsein eingeschrieben. Über Jahre hat Trump sich dort als Big Daddy, der weiß, was Sache ist, inszeniert.  Und er wurde von vielen gewählt, weil sie Politiker*innnen nicht mehr trauen, sondern stattdessen lieber einen erfolgreichen Geschäftsmann den Staat zum erfolgreichen Business führen lassen wollen. Wir haben dazu gottseidank keine parallele Figur hierzulande. Das anscheinend zunehmend nach rechts abdriftende Red Bull-Medium Servus TV kommt der unseligen Verquickung von Neu-Rechten und großem Konzern mit einem Sender vielleicht hier noch am Nähesten. h Als ich letzthin da mal bei einer TV-Show reinklickte, wurde gerade um Verständnis für die Position von Impfgegnern geheischt, dekoriert mit pseudo-wissenschaftlichem Einspieler. Aber das ist von der Personalunion Trump natürlich Welten entfernt.

Trumps Social Media Selbstinszenierung wird gerne als naiv missverstanden, aber ich hoffe sehr, dass wir stattdessen aus seinem Spiel mit dem Journalismus etwas für den Umgang mit AfD, Identitären, CSU usw. hierzulande lernen. Politik und Strategie analysieren und erklären statt Empörartikel über Provokationen rauszuhauen, das würde ich mir wünschen. Nicht den Inhalten der Rechten Platz einräumen, sondern nur den Mechanismen die dahinter stecken. Analyse statt Podium sein. Billigartikel, die nur die zynischen Provokationen abbilden und mit lustigen “so reagiert das Netz”-Einbettungen dekorieren, bringen zwar mehr Clicks, aber niemand mit einem Funken journalistischer Ethik sollte in dieser Weise als Verstärker von rechter Propaganda herhalten – egal wie knapp das Geld ist. Es muss klar sein: Für die Neu-Rechte ist diese Berichterstattung über ihre Provokationen dreifach zuträglich: Sie ist Propaganda für den Kreis, der ihnen eh schon folgt, sie ist zunehmende Normalisierung von rechtem Gedankengut in der breiten Gesellschaft, und sie ist eine Möglichkeit auszutesten, wie weit sie mit ihren Positionen zum jeweiligen Zeitpunkt gehen können, um noch wählbar zu bleiben.

Soweit mal ein paar Gedanken für heute, jetzt auf ins Kino, “I, Daniel Blake” gucken.