“Yes, we are equal. I’m sure this is difficult for you.” – Vikings, die Serie

Vikings von Michael Hirst ist die erste Wikingerserie, die ich mir seit Wickie angesehen habe, und das ist ja nun doch schon eine ganze Weile her. Und ja, auch ich gehöre zu denen die lange davon überzeugt waren, dass Wickie ein Mädchen war, was ich aber nicht mal so lustig finde. Es zeugt schließlich davon, wie tief der Wunsch nach von Gendernormen befreiten Held*innen schon (oder gerade) als Kind war.

Und das mit den Geschlechternormen reicht halt tief, selbst in das was als wissenschaftlich objektiv angesehen wird. Nehmt nur den Grabfund der Wikingerkriegerin von Birka, bei der eine von solchen Normen dominierte Wissenschaft sich einfach nicht vorstellen konnte, dass es sich um eine Frau handeln könne, weil Waffen und Würfel als Zeichen eines taktisch versierten Kriegs*herren* im Grab lagen. So wurde lange Zeit davon ausgegangen, dass es sich um einen Mann handelte, bis sie sich durch eine DNA Studie als Kriegerin erwies. Der Archäologe Davide Zori stellte fest: „[Die neue Studie] trifft direkt ins Herz der archäologischen Interpretation: Wir haben immer alles auf unserer Vorstellung der Geschlechterrollen abgebildet.“

Als diesen Artikel vor kurzem jemand in meine Timeline gepostet hat, musst ich gleich an Lagertha denken. Die an eine historische Figur angelehnte Kriegerin und mehrfache Mutter, die in der Serie Vikings erst an Seite ihres Mannes von Farmerin zu Earl-Gemahlin aufsteigt, ihn dann verlässt, weil er sich noch eine zweite Gemahlin nehmen will, die schwanger von ihm ist, und die nicht nur Männer, die sie vergewaltigen wollen und Feinde, sondern auch nicht nur einen, sondern gleich zwei Ehemänner tötet, sich ihren eigenen Earl-Titel erkämpft, und schließlich gar Königin wird – sehr schön ist der Moment, in dem sie da König Ragnar gegenüber fallen lässt: “Yes, we are equal. I’m sure this is difficult for you.” – und die dann mit ihrer Liebhaberin lebt, ist eine großartige Figur.

Es ist interessant, dass die Serie mit Ragnar Lothbrok eine zentrale Figur hat, die bei ihren Eroberungen eher von der Neugierde auf andere Kulturen getrieben wird. Dass man als Wikinger dann halt trotzdem nicht einfach so Paris angucken fährt, sondern gleich eine Armada um sich sammelt, um es zu erobern – ja, so waren sie halt, die Wikinger. So waren sie halt *auch*, ist der Kern der Serie. Dass Akte der Grausamkeit in neueren Historienerzählungen oft expliziter als früher ihren Platz bekommen, liegt zum einen gewiss daran, dass es ein Publikum hat, aber die Kunst, die Vikings dabei schafft, ist es, dabei nicht in die Falle zu tappen, sie als einfach nur “barbarisch” darzustellen. Hirsts Erzählung von Vikings kriegt wirklich gut die Kurve, die Neugier auf andere Kulturen und auf Wissen mit einer überaus brutalen Historie in Einklang zu bringen, und sie nicht nur als einen Kampf um mehr Macht und Länder zu schildern.

Auch sehr schön ausgearbeitet ist die Vielfalt der Sprachen, deren Wirkung Raum gegegeben wird: als Barriere, als verbindendes Element, als etwas zu Lernendes. Es geht immer wieder um das Verstehen und Nicht-Verstehen, das mal an Sprache, mal an der Haltung einzelner liegt. In der Serie gibt es Altnordisch als Hauptsprache, das meist als Englisch/Deutsch (Standardsprache, in der du die Serie ansiehst) dargestellt ist, aber in Situationen, in denen Wikinger auf Figuren anderer Kulturen treffen, wird es zu Altnordisch mit Untertiteln. Die anderen Sprachen werden auch meist mit Untertiteln dargestellt, außer es ist die Hauptsprache der jeweiligen Handlungsperspektive, dann werden sie auch in die Standardsprache übersetzt. Weitere Sprachen, die mal länger, mal als Fetzen auftauchen, sind noch mindestens Altenglisch/Angelsächsisch, Altfranzösisch, aber auch Latein und Griechisch, Lettisch, Hindi, Urdu und schließlich sogar Arabisch.

Religionen spielen ebenfalls eine tragende Rolle, die nordische ebenso wie die christliche, auch beider Schicksalergebenheit und ein aufkeimendes Aufbegehren Einzelner dagegen. Religionen werden hier nicht nur als abstrakte Mythen eingesetzt, an die ‘einfachereren’ Menschen von damals halt  glaubten, sondern durch Stilmittel wie das immer mal wiederkehrende Einblenden von Visionen wird vermittelt, wie sehr sie ein Welterklärungssystem darstellten, das durchaus komplex bis tief in den Alltag reichte, und so selbstverständlich war wie für uns heute wissenschaftliche Erklärungsmodelle der Welt. Magischer Realismus auch. Quasi. Sehr schön sind auch die Überblendungen zu Handlungen andernorts, oder der Einsatz von Bildern von Naturgewalten, wenn Figuren Mythen ihrer Gottheiten erzählen.

Wikinger hatten keine Schriftkultur, deswegen sind Geschichten über sie so gut wie ausschließlich von christlichen Mönchen festgehalten worden. Deren Perspektive prägte demgemäß die Darstellung: brutale, primitive verwahrloste, zottelbärtige Männer, die nur an’s Kämpfen, Saufen und Vergewaltigen dachten. Das machte Wikinger für mich jetzt zu einem eher langweiligen Thema, weswegen ich der Serie auch jetzt erst, recht spät, einen Blick gegönnt habe, dann aber doch recht schnell von ihrem emanzipatorischeren Ansatz gefangen genommen wurde. Lagerthas Satz “Yes, we are equal. I’m sure this is difficult for you” könnte auch für die Serie als Kommentar an den christlich-männlich geprägten Blick auf die Wikingerkultur gerichtet sein.

Auch der Einsatz von Humor – ich kann mit humorfreien Serien genauso wenig anfangen wie mit zu zynisch-abgeklärten – und das 1A Styling der Wikinger sprechen mich natürlich auch an. Ganz schöne Fashionistas, von Kleidung und Schmuck bis zu aufwändigen geflochtenen Frisuren und Schminke, aber auch das Schmücken von Schiffen und Hütten ist liebevoll bis ins Detail dargestellt. Es ist eine lose an Historie angelehnte Geschichte, Figuren wie Lagertha, Ragnar oder auch King Ecbert sind überliefert. Nicht verwunderlich, ist es doch eine Serie des History Channels und Hirst ist stolz auf seine Bemühungen um seine semifiktionale Annäherung an historische Authentizität. Er legt dabei mehr Wert, eine vergangene Zeit und ihre Kultur zum Leben zu erwecken, und ihn interessiert das soziale Gewebe mehr, als jede Jahreszahl und jeden geographischen Punkt auf Teufel (oder Loki) komm raus faktisch korrekt hinzubekommen. Das lässt das ganze atmen. Es wird sich Zeit für die Charakterentwicklungen einer ganz schön großen Zahl von Figuren bemüht, von männlichen ebenso wie von weiblichen. Auch die Entwicklung von Freundschaften bekommt viel Raum, nicht nur die von Feindschaften oder sich anbahnenden Beziehungen. Ach, und apropos Beziehungen: Selbst polyamore / offene Beziehungen werden angedeutet. Und Crip Empowerment bekommt im späteren Verlauf der Serie eine ganz eigene Definition. Andererseits würde ich jetzt mal gefühlt sagen, dass die Serie den Bechdeltest nur knapp bestehen würde. Von dem her: Emanzipatorisch mit Anführungszeichen.

Aber hey, wenn sich das Wikingerpärchen Lagherta und Ragnar gleich zu Anfang beim gemeinsamen Wäschewaschen drüber streitet, wer von ihnen in den bislang unerkundeten Westen segeln darf, um zu gucken, ob England wirklich existiert – (naja, okay, und um ein Kloster auszuplündern und Mönche niederzumetzeln) – und wer zu Hause bleiben und auf die Kinder aufpassen muss, nun, dann ist das ja ein durchaus zeitloses Problem, das nicht die Wikinger recht modern wirken lassen sollte, sondern unsere Gesellschaft heute ganz schön antiquiert. So haben Eltern in Vikings zum Beispiel ihre Kinder bei Regierungsgeschäften einfach dabei, was bei uns undenkbar ist und als unprofessionell gilt, siehe z.B. den Verweis einer Abgeordneten mit Baby aus dem Thüringer Landtag vor ein paar Tagen, In Vikings wurde das Problem dann im Verlauf der Handlung übrigens ganz praktisch gelöst: beim ersten Überfall auf Northumbria entführt Ragnar einen Mönch als Sklaven, der dann bei der nächsten Reise auf die Kinder aufpasst, so dass Lagertha mit auf Plünder- und Metzeltour gehen kann. Muss man jetzt nicht heute genauso machen, aber: Chapeau! ^^

Ich hatte leider irgendwann das Gefühl, dass die Serie mit dem Fortschreiten etwas konservativer wurde, und mehr auf Intrigen, Machtspiele und teils überzogene Grausamkeit gesetzt wird, um den Spannungsbogen zu halten – wie es bei ähnlichen Serien, von Westworld bis Game Of Thrones, auch so gehandhabt wird, und was ich auf Dauer ermüdend finde, weil es erzählerisch so banal und unkreativ ist. Wo Ragnar und Lagertha noch eher in Situationen schlitterten, in denen sie sich eine höhere Machtposition erkämpften, weil sich wehren mussten, geht es später dann doch oft mehr um Macht und einen nicht-endenen Rachekreislauf. Wobei das auch an den später dazukommenden Hauptcharakteren liegt. Ausnahmen bilden vielleicht noch Bjorn, der Sohn Lagerthas und Ragnars, der quasi die Neugier seines Vaters geerbt hat, und weiter die Welt erkundet, bis nach Sizilien und Nordafrika. Und Floki – auch eine ganz wunderbare Figur, sehr gespalten und gequält, aber auch voller Witz und Liebe, und: bester Schminkstyle! Aber die Handlungsstränge und auch manche Twists werden in den späteren Staffeln nicht mehr so gut eingewoben in den Rest der Geschichte – z.B. wird aus King Ecberts letztem großen Trick nicht wirklich was gemacht – und die Charakterentwicklung bekommt nicht mehr so viel Zeit, Judiths Söhne z.B. bleiben doch recht grob typisiert, und auch Ivar hätte mehr Tiefenschärfe verdient. Aber dennoch eine immer noch überdurchschnittlich gute Serie und ich bin gespannt auf den 28.11.18, wenn die nächste Staffel rauskommt.

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